08.10.1990

SkinheadsWas für eine Brühe

Rechtsradikale Skinheads werden beschuldigt, jüdische Friedhöfe in Südwestdeutschland verwüstet zu haben.
Sie waren, trotz der nächtlichen Stunde, ausnahmsweise nüchtern. Den Wagen stellten sie am Grillplatz ab, dann kletterten sie über eine anderthalb Meter hohe Friedhofsmauer. Im Schutze der Dunkelheit warfen die Eindringlinge fast 100 Grabsteine um. Noch bevor der Morgen graute, war der Spuk vorbei.
Die Reaktionen waren einhellig. Im Stuttgarter Landtag äußerten die Fraktionen "Abscheu" und "Empörung" über diesen "Akt der Barbarei". Der baden-württembergische Innenminister Dietmar Schlee (CDU) war betroffen über "diese üblen Eskalationen menschlichen Handelns". Im Schwäbischen Tagblatt bekannte eine jüdische Frau, aus Angst anonym: "Mir gibt das ein Gefühl, als würden meine vier vergasten Großeltern noch einmal getötet."
Die Hechinger Grabschändung Ende August war die letzte einer Serie, bei der insgesamt 14 jüdische Friedhöfe im Südwesten verwüstet worden sind. Für fünf der Taten macht eine Sonderkommission beim Stuttgarter Landeskriminalamt (LKA) jetzt Skinheads verantwortlich. Inzwischen sind vier Verdächtige festgenommen worden: Bernd Lippenberger, 20, aus Stuttgart, Heinz Sauter, 23, aus Tübingen, Manuela Mayer, 19, aus Nürnberg und Andre Steinigen, 20, aus einem Dorf bei Hechingen.
Schon vorher waren die "Glatzen" (Szene-Jargon) im Südwesten immer wieder mal durch Pöbeleien und Schlägereien aufgefallen. Im März lieferten sich Skins bei Villingen-Schwenningen eine Schlägerei mit jugendlichen DDR-Übersiedlern. Im Mai nahm die Polizei auf einem Grillplatz bei Markdorf Skinheads fest, die mit Messern, Gaspistolen, Würgekreuzen und Schlagstöcken bewaffnet waren und eine türkische Familie bedrohten. Im Frühjahr verurteilte das Freiburger Jugendschöffengericht einen Skin, der zusammen mit anderen ein Jugendzentrum gestürmt hatte.
Ihren bislang aufsehenerregendsten Auftritt hatten die Skinheads Anfang des Jahres im oberschwäbischen Ravensburg: Gewalttätige Randalierer wurden vom Landgericht zu Geld- und Haftstrafen verurteilt. _(* In Ihringen am Kaiserstuhl. )
Damals standen gleich 25 Kahlköpfe vor Gericht. Sie hatten allesamt an einem Gelage am Häcklerweiher in der Nähe von Ravensburg teilgenommen, zu dem eine Skin-Clique unter dem Titel "Koma-Saufen II" per Flugblatt eingeladen hatte. Für fünf Mark konnte jeder der 100 Skins, die aus ganz Süddeutschland angereist waren, unbegrenzt Dosenbier konsumieren.
"Im Zuge fortschreitender Alkoholisierung" (Kripo-Ermittlungsbericht) beschlossen etwa 40 der Festgäste, mit acht Autos zum Jugendhaus nach Ravensburg zu fahren - Zweck: "Punks und Linke klatschen". Etwa 30 Skinheads stürmten, "Rotfront verrecke" und "Sieg Heil" brüllend, den Jugend-Treff.
Das rechtsradikale Gebaren, Hakenkreuze und SS-Runen, meint der Gerichtspsychiater Ernst Baljer, 43, Gutachter im Ravensburger Prozeß, sei dabei eher ein Mittel, "Wirbel zu machen", als ein Zeichen für eine ideologisch gefestigte neofaschistische Gesinnung. Er befragte die Skins nach ihren Kenntnissen über nazideutsche Geschichte, SA, SS, Konzentrationslager und erschrak, "was da für eine Brühe kam".
In diesem Umfeld hebt sich einer wie Heinz Sauter, der die Beteiligung an den letzten Grabschändungen gestanden hat, schon hervor. In Tübinger Neonazi-Kreisen gilt der Schuhmacher-Lehrling, der seine Gesellenprüfung in diesem Jahr mit der Note 1,8 abgeschlossen hat und die Fachhochschulreife anstrebt, als der Intellektuelle. Besser als andere konnte er über Freimaurerei und die "Macht der Juden" schwadronieren.
Sein Vater war früh gestorben, Sauter lebte mal allein, mal bei Pflegeeltern und bei einer Tante, mal in einer Jugendwohngruppe. Jetzt wohnt der 23jährige wieder bei seiner 60jährigen Mutter in Tübingen in einer Zweizimmerwohnung.
In Tübinger Neonazi-Kreisen tauchte er häufig auf, besuchte beispielsweise Veranstaltungen der rechtsradikalen Heimattreuen Vereinigung Deutschlands, eines Ablegers der Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP). Beim Ravensburger Prozeß stand er mit vor Gericht.
In Ravensburg lernte er auch Manuela Mayer kennen, damals ebenfalls angeklagt, jetzt seine Freundin. Sie wurde festgenommen, weil sie ihm ein Alibi für den Zeitpunkt der Grabschändungen verschafft haben soll.
Vor allem unsichere, orientierungslose Heranwachsende wie Sauter suchten Halt in einer festgefügten Gruppe, meint Psychiater Baljer. Medienwirksame Gewaltaktionen dienten den Skins vor allem zur "Stärkung ihres Selbstwerts".
Auch Ralf-Dietrich Krüger, Chef des baden-württembergischen Landeskriminalamts, sieht das Provokationsbedürfnis als Hauptmotiv, die Mittel seien zweitrangig: "Randale kann man mit allem machen, was weh tut", insbesondere mit Nazi-Aktionen: "Hakenkreuze schmieren, ,Sieg Heil'' schreien, Arm hoch."
Wolf-Dietrich Bortz, 54, Leiter des Staatsschutzes beim LKA, sieht zwar den Neonazismus als "Triebfeder" für Skinhead-Untaten, hat aber ebenfalls keine gefestigte Ideologie entdecken können: "Man sollte meinen, daß die wenigstens wissen, was sie anhimmeln. Aber das wissen die nicht."
Die meisten Skins, sagt Krüger, seien eher "anpolitisiert" und nicht in politischen Parteien oder Vereinen organisiert. Der Ravensburger Rechtsanwalt Wolfgang Weber, der beim Skinhead-Prozeß als Verteidiger auftrat, führt die fehlende Anbindung ans rechte Lager darauf zurück, daß die Glatzköpfe Autoritäten nur auf Zeit akzeptieren: "Bei den Skins gibt''s keine dauerhaften Führer." Maßgeblich sei die "aktuelle Großmäuligkeit": "Wer beim Koma-Saufen die besten Sprüche draufhat, der ist der Führer des Tages."
Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe definiere sich denn auch "weniger über eine Idee, sondern über einen Habitus": Die Zugehörigkeitssymbole - Springerstiefel oder Doc-Martens-Schuhe, das Lonsdale-Sweatshirt, die Bomberjacke - könnten durchaus wechseln. Weber: "Die Leute sind eine Weile Skin, und dann sind sie was anderes."
Beim Prozeß in Ravensburg beispielsweise tauchte eine Zeugin, die vor einiger Zeit als Punkerin im Jugendhaus von Skins verdroschen worden war, als Skin-Frau auf - sie hatte sich mittlerweile in einen Kahlen verliebt.
Die Aggressionsopfer der glatzköpfigen Gewalttäter - Juden, Ausländer, Asylanten - sind, so Weber, die auch im Weltbild von biederen Bürgern vorherrschenden Feindgruppen. Die von den Skins vertretenen schlichten Lösungen ("Ausländer raus") seien auffällig deckungsgleich mit Formeln, die populistische Politiker propagieren.
Die Parolen, die Grabschänder im Südwesten versprühten, deuten auf primitiven Antisemitismus: mal die Neonazi-Parole von der "Auschwitz-Lüge", mal antiisraelisch "PLO", mal Hakenkreuze, mal "Laßt die Juden auffliegen".
Weil die aggressive antisemitische Attitude aus ebenso wirren wie kahlen Köpfen sprieße, werde auch die von Richtern wie in Ravensburg verhängte Buße, in KZ-Gedenkstätten zu arbeiten und sich mit Nazi-Greueln auseinanderzusetzen, bei Skins kaum für Bekehrung sorgen, meint Anwalt Weber: "Die ziehen sich das rein wie einen Gewalt-Porno."
* In Ihringen am Kaiserstuhl.

DER SPIEGEL 41/1990
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