16.07.1990

Co opGründlich verkalkuliert

Die Ermittlungen im größten Wirtschaftskrimi der Nachkriegszeit ziehen sich hin. Erst 1991 beginnt der Prozeß gegen die ehemaligen Manager der co op.
So hatte sich Bernd Otto seine Zukunft nicht vorgestellt. Als der ehemalige Chef der Handelskette co op am 3. Dezember vergangenen Jahres in Südafrika den Lufthansa-Jumbo LH 571 nach Frankfurt bestieg, war er fest überzeugt, Weihnachten mit seiner Familie verbringen zu können.
Zwei Beamte des Bundeskriminalamts (BKA) hatten Otto vier Tage zuvor in seinem Kapstädter Refugium einen 18seitigen Haftbefehl präsentiert. Obwohl ein deutscher Haftbefehl im Apartheid-Staat nicht vollstreckt werden kann, entschied sich Otto, "freiwillig nach Frankfurt zurückzukehren". Dies werde der Haftrichter, so seine Rechnung, "sicher honorieren".
Otto hat sich gründlich verkalkuliert. Aus der Weihnachtsbescherung im Familienkreis wurde nichts. Seit mehr als 200 Tagen sitzt der Handelsmann außer Diensten bereits in Untersuchungshaft. Nun hofft er, wenigstens seinen 50. Geburtstag, am 9. September, in Freiheit feiern zu können.
Die Aussichten, daß der Träger des Bundesverdienstkreuzes seine knapp zwölf Quadratmeter große Einzelzelle im Untersuchungsgefängnis in Fulda in absehbarer Zeit verlassen kann, sind allerdings düster. In Frankfurt prüft das Oberlandesgericht zur Zeit, ob der Haftbefehl aufgehoben werden kann.
Die Richter müssen sich durch einen Berg von Akten wühlen, die Entscheidung wird daher wohl erst in einigen Wochen fallen. Eine positive Entscheidung für Otto erwartet, außer seinem Anwalt, aber kaum ein juristischer Experte.
Im co-op-Krimi hatten die Richter Ende November außer gegen Otto Haftbefehle gegen sieben weitere Mitglieder aus der ehemaligen Führungsmannschaft der co op ausgestellt. Bilanzfälschung, Untreue und schwerer Kreditbetrug lauteten die Hauptvorwürfe gegen die Managerriege. Mehr als 100 Banken sollen durch getürkte Bilanzen und ein Gestrüpp von Tarnfirmen um mindestens 1,75 Milliarden Mark geschädigt worden sein.
Sechs Manager wurden in einer großangelegten Fahndungsaktion des BKA verhaftet. Nur der ehemalige Finanzvorstand Werner Casper konnte sich damals dem Zugriff der Verfolger entziehen; er soll via Schweiz nach Kanada geflüchtet sein.
Kontakt untereinander haben die Häftlinge nicht. Staatsanwalt Heinz-Ernst Klune, der die Ermittlungen leitet, hat die Hauptverdächtigen auf verschiedene Haftanstalten verteilt.
Prominentester Beschuldigter ist der bullige Ex-Gewerkschaftsfunktionär Alfons Lappas, 61. Der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende der Skandalfirma, im Hauptberuf Verwalter des gesamten gewerkschaftlichen Unternehmensvermögens, war im Frühjahr aus dem überfüllten Frankfurter Gefängnis Preungesheim in eine komfortablere Zelle in Gießen verlegt worden. Mehr konnte sein Anwalt, der Kieler Rechtsprofessor Heinz Wagner, trotz heftiger Interventionen zunächst nicht erreichen.
Erst vor wenigen Wochen hatte es das Oberlandesgericht abgelehnt, Lappas gegen eine Kaution von fünf Millionen Mark freizulassen. Professor Wagner: "Das ist ein ungeheurer Skandal. Herr Lappas hat sein gesamtes Vermögen geboten."
Das Gericht sah das anders und mochte eine Flucht des Gewerkschaftsbonzen nicht ausschließen. Schließlich drohe Lappas, so die Begründung, selbst dann eine hohe Freiheitsstrafe, wenn er nicht als Initiator der zahllosen Mauscheleien zwischen der Gewerkschaftsholding BGAG und der co op angesehen werden könne.
Doch weil sich der Gesundheitszustand des 61jährigen verschlechterte, revidierten die Richter vergangene Woche schließlich ihre Entscheidung. Gegen eine Kaution von einer Million Mark in bar kam Lappas frei: Der Haftbefehl bleibt aber bestehen; seinen Paß und den Personalausweis mußte Lappas abgeben.
Viel erfahren hat Staatsanwalt Klune von den inhaftierten Spitzenmännern der co op noch nicht. Otto hatte vor seiner Rückkehr angekündigt, er wolle "einen Beitrag zu schneller Aufklärung leisten"; und er wolle deutlich machen, "wer die eigentlich Begünstigten waren und welche Verantwortung das Management zu tragen hat".
Es blieb bei der Ankündigung. Da dem Otto-Verteidiger Ulrich Ziegert aus der Münchner Kanzlei Bossi bislang Akteneinsicht verwehrt wurde, lehnte der ehemalige co-op-Chef gegenüber den Ermittlungsbeamten des BKA jede Aussage ab. Ebenso taktierten die Verteidiger von Lappas und Ex-Vorstandsmitglied Dieter Hoffmann.
Gesprächiger waren dagegen die Manager aus der zweiten Reihe, Ex-Finanzdirektor Norbert Lösch, Bilanzkünstler Klaus-Peter Schröder-Reinke und der Kaufmann Hans-Rainer Holst. Die drei haben umfangreiche Aussagen gemacht und zum Teil mehr als 100 Seiten lange Protokolle unterschrieben. Schröder-Reinke, lobt dessen Dortmunder Anwalt Wilhelm Krekeler, habe ein "phantastisches Gedächtnis und sich sehr detailliert erinnern können". Frei* Im Untersuchungsgefängnis Fulda. gelassen wurde bisher aber nur der gelernte Lehrer Holst, der das mit 175 Seiten umfangreichste Protokoll unterschrieben hat. Er hatte verschiedene Schlüsselpositionen bei den sogenannten Altaktionären der co op besetzt.
Die Unterlagen des Staatsanwalts füllen inzwischen 24 Aktenordner. Es wird daher noch eine Weile dauern, bis Klune seine Anklageschrift fertig hat. Das bei den Wirtschaftsprüfern der BDO Deutsche Warentreuhand AG bestellte Gutachten zu den Vorgängen in der co op liegt frühestens im Herbst vor. Auch sind die Ermittlungen gegen die insgesamt 29 Verdächtigen noch nicht abgeschlossen. Klune: "Der Verdacht auf eigene Bereicherung ist noch nicht vom Tisch."
Etwa im Frühsommer kommenden Jahres könnte dann in Frankfurt der Prozeß gegen einen Teil der co-op-Riege beginnen. Welche Strafkammer des Landgerichts zuständig ist, richtet sich nach dem ältesten Angeklagten, und das ist voraussichtlich der ehemalige Gewerkschaftsbankier Walter Hesselbach - er gehört zu den Hauptverdächtigen, gegen die Klune ermittelt.
Otto richtet sich derweil offensichtlich auf eine längere Untersuchungshaft ein. In einigen Wochen will seine Ehefrau Gabriele, mit der er zweimal im Monat telefonieren darf, aus Südafrika zu Besuch kommen. Sie wird ihren Mann verändert vorfinden: Otto ist schlank geworden, der Bauch und die Speckfalten seien weg, berichten die seltenen Besucher, die der Staatsanwalt vorläßt.
Die quälenden Stunden des Wartens verkürzt sich der ehemalige Gewerkschaftssekretär vorzugsweise durch Diskussionen mit dem Gefängnispfarrer. Gern schmökert Otto auch in einem Buch des Philosophen Arno Plack. Titel: "Ohne Lüge leben".

DER SPIEGEL 29/1990
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