05.11.1990

Der Dekorateur

Der kleine Raum ist rettungslos überfüllt. Bis ins Badezimmer stapeln sich die Kamerakoffer, Metallkisten, Kassetten und Tonbänder. "Nein, der Herr Consul macht gerade einen Spaziergang, und später hat er einen Termin." Die Produktionsassistentin, die zugleich Empfangsdame, Sekretärin und persönliche Betreuerin ist, hält die Hand über den Telefonhörer und reicht den Besuchern ein Papier. "Hier, sehen Sie, am Wochenende haben wir in Wuppertal eine Consul-Weyer-Suite eingeweiht, das ist die Speisekarte . . . Nein, morgen früh dreht der Herr Consul, ja, mit dem Erzbischof von Sizilien, rufen Sie gegen Abend wieder an." Als Vorspeisen gab es in Wuppertal Lucca-Augen, Taubenkotelette und Essenz vom Gamsbock, zum Hauptgang das Beste vom Charolais-Rind, garniert mit Blüten von der Eierfrucht aus Venezuela.
Der schwarze Bentley mit der CC-Plakette parkt seit Mitte August vor dem Portal des Hotels an der Königsallee zu Düsseldorf. Auf dem Armaturenbrett sind nachlässig ein paar Autogrammkarten verstreut, im Fond stauen sich die Bücher mit dem schwarzrotgold-gerahmten _(* Hans Hermann Weyer: "Ich, der schöne ) _(Consul". Hestia Verlag, Bayreuth; 320 ) _(Seiten; 36 Mark. ) Foto des Autors auf dem Titel, die Memoiren des Hans Hermann Weyer*. In der Hotelhalle, im Lift und in den Fluren weisen große Tafeln zum Büro des Consuls in die Präsidentensuite. "Der Herr Consul läßt jetzt bitten."
Der Mann, der den Wirtschaftswunderkindern per Ritterschlag die Minderwertigkeitskomplexe austrieb und ihnen die Blechsterne auf die Ehrendoktorbrust heftete, ist ein Herr, ganz in Dunkelblau, mit Rollkragenpullover und Klubjacke. Nur das rote Einstecktuch über dem gestickten Wappen bricht ein wenig die Vollkommenheit seiner altmodischen Erscheinung, doch ist es in sorgsamer Lässigkeit gefältelt, und nicht minder elegant arrangieren sich die Falten um die immer noch strahlend blauen Augen im haselbraunen Gesicht des 52jährigen: "Sehr erfreut." Was eigentlich sind Lucca-Augen?
Es war, nach seiner Steuerflucht 1980, stiller geworden um den einstigen Liebling der bunten Blätter, Dekorateur der bundesrepublikanischen Gesellschaft, Weiberhelden und begnadeten Prahlhans, der mit Titeln und Ehren so schwindelerregend jonglierte, daß es seinen Ruhm kaum minderte, wenn der Schwindel manchmal aufflog. In den sechziger und siebziger Jahren versprach er den Glanz der großen weiten Welt, und seine Kunden, die Zahnärzte, Heilpraktiker und Möbelhersteller, störte es am allerwenigsten, wenn er sich jenen Glanz vor allem borgte von den Diktatoren südamerikanischer Kleinstaaten.
Selbst als er, 1964 schon einmal unter anderem wegen Betrugs - er hatte Titel und Orden des fiktiven Fürstentums Thomond verkauft - zu zwei Jahren und drei Monaten verurteilt, 1978 wegen Steuerhinterziehung verhaftet wurde, blieben ihm seine Fans treu. In dicken Schlagzeilen stand es damals zu lesen: "Jackie O. holt Consul aus dem Gefängnis." Unangenehmen Folgen entzog sich der auf Kaution aus der Untersuchungshaft Entlassene nach einem kurzen Auftritt als Kanzlerkandidat seiner Deutschen Freiheitspartei (DFP) durch die Flucht nach Paraguay, unter den Schutz seines väterlichen Freundes.
Ein Foto von Stroessner steht in den Regalen seines Büros, daneben eines von Weyer mit der Schwester des Diktators und Weyer mit Curd Jürgens, Weyer mit Thomas Gottschalk. Hinter dem mächtigen Schreibtisch hat der Consul die Fahnen der Länder aufstellen lassen, die er, "manchmal nur mit Perücke und Sonnenbrille", vertritt und vertreten hat, Paraguay natürlich, Liberia, Bolivien, Jordanien unter anderem. Die weiße Galauniform mit den goldenen Tressen hängt über einem Ständer, und ganz vorn auf dem Schreibtisch sind da noch ein paar Wimpel, ein deutsches Fähnchen, ein französisches, das Sternenbanner. "Ein Gag der Produktionsfirma."
"Consul Weyers Sprechstunde" soll die Serie heißen, die die Phoenix-Filmproduktion, zuletzt für die "Rivalen der Rennbahn" haftbar, im Auftrag von RTL plus in Düsseldorf und an anderen Spielplätzen der Schönen und Reichen dreht. Von Mitte Dezember an soll Hans Hermann Weyer dann also, einmal wöchentlich und achtmal hintereinander, Orden verleihen, Ritter schlagen und Adoptionen vermitteln: der "Schicksalschirurg deutscher Zahnärzte" in einem Kanal mit RTLs reanimierten Mumien, den Roy Blacks und Christine Schuberths. Ihr Publikum werden diese Geschichten aus der "wunderbaren Weyer-Welt", dem wirklichen Leben, allemal finden bei denen, die sich sonst mit den "Guldenburgs" und anderem Schlösserpack begnügen müssen, aber auch bei jenen, die über diesen Spuk nur die Nase rümpfen, derweil sie sich das Scampizünglein an Grünkernrisotto im Munde zergehen lassen. Denn dieser Weyer hat den Charme der frühen Jahre, den unwiderstehlichen Adenauer-Erhard-Kiesinger-Schick, den die Enkel, in ihren Windjacken, mühsam sich erarbeiten.
Über der blauen Hose wölbt sich das gebräunte Diplomatenbäuchlein, der Consul hat vergessen, den Reißverschluß zuzumachen. "Wir leben in einem Land, wo die Leute immer noch glauben, daß der Promovierte besser bohrt." Er kann der Nachfrage gar nicht mehr Herr werden, 166 Anträge, und dann noch all die Adligen, "die auf ihren Schlössern sitzen und sich ohne Weyer kein Schieferdach leisten können". Und wenn es am Ende, trotz aller Weyerschen Verschwiegenheit, doch herauskommt, woher der Dentist seinen Doktor hat, macht gar nichts: Schließlich ist Weyer mit "27 Jahren Berufserfahrung" im Geschäft, "seriös, anständig und korrekt", ein "Markenname wie Persil".
Damals, zu Beginn der sechziger Jahre, hatte er einfach eine Marktlücke entdeckt. Er erfand die Legende seiner selbst, den Consul Weyer, der das schöne Leben, das Hans Hermann seinen Kunden zu verkaufen versprach, so wunderbar wie keiner repräsentierte, weil er zugleich die Parodie, die ironische Karikatur dieses Lebens darstellte.
Am liebsten hatte er es immer ein wenig zu groß, die Autos, die Busen seiner Gespielinnen; und wenn er mit dem Curd, der Uschi, der Anschie und dem Luggi sich in Terracina am Buffet, vom Münchner "Käfer" eingeflogen, traf, dann mußten vorher noch der Dogge von der Anschie die Krallen rot lackiert werden. Den Neid, der hätte entstehen können, milderte das Lachen. "Ich, der schöne Consul", heißt es in seinen Memoiren, "bin der wahr gewordene Traum bürgerlicher Existenzen, der König eines grauen Ameisenvolkes, das mir ein langes glückliches Leben wünscht." Der letzte der Dinosaurier. Ein Lucca-Auge auf der Society-Suppe.
Er hat, zu seinem Erinnerungswerk, noch einmal alles zusammengetragen, die Geschichte seiner Flucht und seines Aufenthalts in Paraguay, als er endlich Zeit fand, Joachim Fests "Hitler"-Buch zu lesen. Von den Münchner Kumpeln erzählt er, mit denen er beim Champagner, einem "gequirlten Domchen", saß, und vom Alfonso von Hohenlohe - "Gell, Consul Weyer, es ist gut, aus vollen Hosen zu stinken" - in seinem vornehmen Klub in Marbella, von seinem guten Freund Ari Onassis und vom großen alten Winston, mit dem er so herrliche Gespräche führte: "Mein Gott, Weyer! Warum sind Sie nicht 30 Jahre früher geboren! Dann hätten Sie diesen silly bastard Hitler zum britischen Wahlconsul gemacht und uns allen eine Menge Ärger erspart." Da hat der Consul kurz überlegt und, logisch, geantwortet: "Sir Winston, das hätte selbst ich nicht geschafft. Denn Hitler war ja nur ein arbeitsloser Anstreicher ohne einen Pfennig, und ich liefere nur gegen cash."
Er lacht sein schnarrendes Curd-Jürgens-Lachen. Übrigens, den Kohl, den bewundert er wirklich; neulich, in Penthouse, hat er gesagt: "Auch Kohl ist ein Sieger wie Weyer. Auch wenn man es ihm nicht gleich ansieht . . . Er könnte sich besser kleiden. Und wenn man, wie Weyer, stets nur das Beste speist, dann braucht man keine Windjacken mehr." Die Hose hat er inzwischen, ganz diskret, geschlossen.
Er wäre der König eines jeden Stammtisches, ein richtiger Kumpel, dieser Consul, einer, der immer das Glas hebt - und "Prostata": "Damals, in Rio . . .", als er den Ronald Biggs, den Posträuber, anstellte, Briefmarken auf seine Fankarten zu kleben. Oder, bei Käfer, als der Kaschoggi ihm ins Ohr flüsterte: "Sagen Sie, lieber Herr Consul . . . was steckt in diesen Frauen drin?" Da hat er, "nach bestem Wissen und Gewissen", geantwortet: "Im Moment noch gar nichts, aber warten Sie, bis ich aufstehe . . ." Ein Krull fürs Grobe.
Aber was, wenn auch das nur ein Teil der Inszenierung wäre? Wie das ganze Gerede von seiner Sparsamkeit, das Protzen mit dem Geiz? Er schwadroniert noch immer am liebsten vom "gebündelten Baren" und vom "gesenkten Mittelstand", und gern pflegt er, nach der gemütlichen Sitte der Sechziger, das Diminutiv: "Wenn auf der Speisekarte Wachtelbrüstchen, Sauerampfersuppe mit Lachsklößchen, Lammrückchen und frische Böhnchen stehen, dann weiß ich: Vorsicht, Weyerchen, saftige Preischen." Der Consul Weyer ist dem Hans Hermann inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen. Die Falten graben sich zur Charaktermaske ein.
"Haben Sie schon den Brief von Noriega gesehen?" Einen Rechtsanwalt soll er dem pockennarbigen Panamaer empfehlen, der Brief ist im Buch abgedruckt. Ebenso wie das weiße Führungszeugnis des Hans Hermann Weyer, erstellt vom Generalbundesanwalt, Bundeszentralregister Berlin. "Ich habe keinen Tag in meinem Leben in einer Strafanstalt verbracht." Und auch das Finanzamt München V hat seinen Fehler eingesehen und zahlt ihm fast 1,1 Millionen Mark zurück. Nur die SPD munkelt, daß er da mit Tandler gekungelt habe. "Glauben Sie mir, ich bin ein rundum glücklicher Mensch."
Vom Portier eines benachbarten Hotels, in dem der Consul nie wohnen würde, weil der Eingang auf der falschen, der Kö-abgewandten Seite liegt, wird er als alter Bekannter begrüßt. Er hat, fürs Abendessen, das rote Tuch zurechtgerückt. Über dem Blauen trägt er einen Kurzmantel, eine Art Parka, pelzgefüttert. Nach 50 Metern stellt er den Bentley wieder ab. Das Restaurant, "ein ganz süßer Italiener, der Beste", ist bequemer zu Fuß zu erreichen. Nach viertelstündigem Irrweg durch Düsseldorfs Passagen fragt er einen Passanten, der empfiehlt ein anderes Lokal. Und plötzlich steht der Consul dann doch vor dem richtigen Italiener: "Ich kenne Sie doch, Herr Consul, natürlich, vor 15 Jahren in Riccione . . ."
Es ist leer in dem Lokal an diesem Montag abend, der Consul verdünnt seinen Wein mit Wasser, das tut er immer, und mehr als ein Glas trinkt er nie, "damit Weyer der schöne Consul bleibt". Nein, in die Politik will er, nach dem DFP-Abenteuer, nicht mehr zurück. "Ich bin nicht rechts, nicht links, ich bin immer oben", war 1980 sein Slogan. Und 1990? "Der Consul Weyer marschiert gen Osten." Unlängst hat er in Honeckers Bett übernachtet. Jetzt will er ein "kleines Küßchen". Lucca-Augen sind übrigens Toastscheibchen mit Kaviar und Austern.
Er muß an seinen Ruf denken, Weyer, der Lebemann, der Frauenheld, der Miss-Beglücker. Er muß jetzt das ganze Programm abspielen, von der Bulgari-Uhr - "Ich habe immer zwei oder drei im Angebot" - bis zur Reise nach Sierra Leone, im Learjet, "um ein paar Orden zu verleihen". Später schickt er seine Visitenkarte ins Hotel, ein Schwerstarbeiter, "Consul H. H. Weyer". Den "Consul" hat er durchgestrichen. o
* Hans Hermann Weyer: "Ich, der schöne Consul". Hestia Verlag, Bayreuth; 320 Seiten; 36 Mark.
Von Annette Meyhöfer

DER SPIEGEL 45/1990
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