10.09.1990

KinderGroße Haßgefühle

Unerwünschte Kinder leiden ihr Leben lang unter der Ablehnung durch die Mutter. Das beweisen wissenschaftliche Langzeitstudien.
Als Ulrich Bahner* verkündete, er wolle nie wieder zu seiner Mutter zurück, lebte der Achtjährige bereits fünf Monate von ihr getrennt, in einer Wohngruppe des Berliner Kinderschutzzentrums.
Der Junge war zappelig, unruhig, in seiner sprachlichen Entwicklung zurück. Seine Zähne waren ruiniert, Ulrich hatte seit Jahren einen Leistenbruch.
Die Mutter hatte ihren Sohn zwar nie mißhandelt, ihn aber grob vernachlässigt. Der Junge war ein unerwünschtes Kind. "Ulrich", so der Psychologe Georg Kohaupt vom Kinderschutzzentrum, "gehört zu den Kindern, bei denen die Abtreibung erst nach der Geburt beginnt."
Fast jede zweite Schwangerschaft in der Bundesrepublik ist unerwünscht; noch nach der Geburt eines anfangs ungewollten Kindes gesteht jede dritte Frau große Haßgefühle gegen das Neugeborene ein.
Diese deprimierenden Erkenntnisse beschreiben der Bremer Soziologe Gerhard Amendt, 51, und der Sozialpädagoge Michael Schwarz, 38, in ihrem Buch über das "Das Leben unerwünschter Kinder"**. Amendt leitete acht Jahre lang die Bremer Filiale der Familienhilfsorganisation Pro Familia.
Die Studie deckt gut vier Jahrzehnte Forschungsarbeit ab. Rund 500 Untersuchungen von Medizinern, Psychologen und Sozialarbeitern, die den Lebensweg von abgelehnten Kindern oft bis ins Erwachsenendasein verfolgten, wurden ausgewertet.
Die Ergebnisse könnten die aktuelle Debatte um den Abtreibungsparagraphen nachhaltig beeinflussen. Denn in der Diskussion, ob westdeutsche Indikationslösung oder ostdeutsche Fristenregelung künftig Recht sein soll, tauchen die Probleme ungewollter Kinder bislang nicht auf. Für Amendt ein krasser Widerspruch zu einer Politik, die vorgibt, sich am Kindeswohl auszurichten, denn "die Familie mit dem unerwünschten Kind ist eine tragische Einheit, die in jedem Fall Kindglück ausschließt. Die Unerwünschtheit bildet bei vielen Kindern ** Gerhard Amendt/Michael Schwarz: "Das Le- _(ben unerwünschter Kinder". Universität ) _(Bremen. 207 Seiten; 40 Mark. * Name von ) _(der Redaktion geändert. ) den Ausgangspunkt für Verhaltensstörungen, schwierige Sozialkontakte und Erkrankungen bis hin zum Tod".
Die Benachteiligung beginnt bereits im Mutterleib: Frauen, die ihre Schwangerschaft ablehnen, greifen häufig zu Beruhigungsmitteln, Zigaretten oder Alkohol, auch wenn sie von den schädlichen Folgen für das Ungeborene wissen. Durch Alkoholkonsum, der zu Minderwuchs, Untergewicht, verzögerter geistiger Entwicklung und Herzfehlern führen kann, steigt das Risiko einer Mißbildung auf 30 bis 50 Prozent. Selbst der medizinisch nicht ausreichend erklärbare "plötzliche Kindstod", der schon 40 Prozent der Sterbefälle im Säuglingsalter verursacht, trifft abgelehnte Kinder öfter als Wunschkinder.
Beim Vergleich von Lebensläufen gewollter und unerwünschter Kinder zeigte sich: Die Unerwünschten erkrankten öfter. Lehrer stuften ihre Leistungen und ihr Sozialverhalten allgemein schlechter ein. Sie galten als frech, clownhaft, angeberisch und feige. Von Mitschülern wurden sie häufiger abgelehnt.
Eltern mißhandeln ungewollte Kinder häufiger. Bei einem von Amendt und Schwarz zitierten Vergleich von Lebensläufen wurden 66 Prozent der mißhandelten Kinder von ihren Eltern als ungewollt bezeichnet.
Wie sehr das Problem verdrängt wird, das erfuhren die Bremer Autoren schon vor gut zehn Jahren. Damals, nach der Reform des Paragraphen 218, hatte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die beiden beauftragt, das Schicksal von Unerwünschten zu untersuchen. Die Kölner Behörde wollte wissen, wie die Lebenschancen jener Kinder sind, deren Mütter sich nach einer Beratung zum Austragen der Schwangerschaft entschlossen.
Doch die Arbeit, schon 1980 abgeschlossen, wurde nie veröffentlicht: "Die Auftraggeber waren über unsere Ergebnisse entsetzt", berichtet Amendt, "denn die Studie sollte die Akzeptanz für den Paragraphen 218 erhöhen. Wir aber kamen zu dem Schluß, daß die Abtreibung freigegeben werden sollte."
Das nun erschienene Buch geht weg "wie warme Semmeln", sagt Amendt, der "noch nie" soviel Post auf eine seiner Veröffentlichungen hin erhalten hat. Vor allem ältere Frauen mit schon erwachsenen Kindern gestanden offen Schuldkomplexe ein, weil sie ihrem Kind gegenüber ablehnende, zumindest aber zwiespältige Gefühle hatten. Für Amendt trägt die Tabuisierung nur dazu bei, daß Eltern ihre ablehnenden Gefühle in Gewalt gegen ihre Kinder umsetzen, wie zahlreiche Fälle in den überlasteten Kinderschutzzentren bewiesen.
Der Soziologe fordert "ein soziales Klima, in dem Eltern offen über ihre ablehnenden Gefühle reden können", zum Beispiel Eltern- oder Frauengruppen, angesiedelt bei Pro Familia oder Caritas. Mit restriktiven Abtreibungsgesetzen jedenfalls sei Mutterliebe nicht zu erzwingen. Nicht einmal vor Gericht.
In Frankreich scheiterte kürzlich ein 37jähriger, den seine Mutter verlassen hatte, als er drei Monate alt war. Per Zufall entdeckte er ihre Adresse, verklagte sie auf ein Schmerzensgeld von rund 15 000 Mark.
Die Klage wurde abgewiesen. Kinder, denen Mutterliebe verweigert wird, befand das Gericht, "haben deshalb keinen Anspruch auf Schadensersatz". o
** Gerhard Amendt/Michael Schwarz: "Das Leben unerwünschter Kinder". Universität Bremen. 207 Seiten; 40 Mark. * Name von der Redaktion geändert.

DER SPIEGEL 37/1990
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