20.08.1990

StaatssicherheitAlles Gix-Gax

Systematisch preßten Stasi-Stellen ausreisewilligen DDR-Bürgern ihre Häuser ab. Wer willig war, durfte eher raus.
Als die Leipziger Eheleute Helmut und Inge Zocher 1981 den SED-Staat Richtung Westen verlassen wollten, machte ihnen der Ost-Berliner Anwalt Wolfgang Vogel unerwartete Hoffnung. "Ach, Sie haben ein schönes Grundstück", so empfing der Jurist nach Aussage des Paares die Mandanten, "da werden wir einen Weg finden."
Kurz darauf avisierte Vogel ("Ihr Anliegen steht gut") einen Hauskauf-Interessenten. Der stellte sich bald als Robotron-Mitarbeiter vor und wurde mit dem Ehepaar schnell handelseinig: Der Kaufpreis sollte 10 300 Mark betragen, ein Spottpreis zwar, aber er entsprach dem Taxwert im realsozialistischen deutschen Staat. Gut ein halbes Jahr nach Vogels Ankündigung durfte die Familie Zocher in die Bundesrepublik auswandern. Normale Karenzzeit bis zur Ausreise: mehrere Jahre.
Die Vorzugsbehandlung hat das Ehepaar Zocher der Stasi zu verdanken. Denn die, so erläuterte der angebliche Käufer jetzt vor den Kameras von SPIEGEL TV, war daran interessiert, das Zocher-Haus rasch in ihren Besitz zu bekommen. Er sei, sagte der Mann von Robotron, der zugleich als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) bei der Stasi angestellt war, vom Ministerium für Staatssicherheit beauftragt worden, sich mit den Zochers "unter der Legende: Ich bin der Käufer" in Verbindung zu setzen.
Der IM kam ins Grundbuch,und fortan diente das schmucke Häuschen am Waldrand (Objektbezeichnung: "Jagdhütte") als Bewirtungs- und Belauschungsstätte für westliche Messegäste.
Der Fall Zocher hatte im SED-Staat Methode: DDR-Bürger mit Grundbesitz, so eine Weisung des Ost-Berliner Innenministeriums, wurden nur dann aus der Staatsbürgerschaft entlassen, wenn sie zuvor ihre Immobilien verkauft oder, besser noch, an den Staat verschenkt hatten.
So wurden DDR-müde Bürger in mehreren hunderttausend Fällen systematisch um ihr Grundvermögen gebracht. Und oft hatte die Staatssicherheit, wie im Fall Zocher, ihre vermittelnde Hand im Spiel - schon um bei der Verteilung der Beute nicht zu kurz zu kommen.
Als etwa der Leipziger Professor Julius Schulz 1976 ausreisen wollte, weil die Stasi ihn wegen eines Fluchtversuchs seines Sohnes unter Druck setzte, nutzten die Verfolger die Gelegenheit, "Rechtsträger" des Schulz-Hauses zu werden. Der Leiter der örtlichen Stasi-Abteilung "Verwaltung und Wirtschaft" teilte dem Rat der Stadt lapidar mit, "auf Grund seines Verzuges nach der BRD" wolle der Professor sein Haus "an den Staat der DDR verschenken", und forderte, die Sache zu regeln. Sollte der Mann sich sperren, helfe wohl der Hinweis: "Sie kommen im Auftrag von Herrn Rechtsanwalt Dr. Vogel, Berlin." So geschah es, und der Professor durfte reisen.
Für den Anwalt Vogel, dessen Kanzlei an die 200 000 Ausreisefälle bearbeitet hat, war der Deal Freiheit gegen Immobilie eine Routinesache. Denn immer, wenn er bei der zuständigen Hauptabteilung II des Innenministeriums für Ausreise-Mandanten vorstellig wurde, sei "die Frage: Ist Grundbesitz vorhanden?" aufgetaucht. Vogel: "Wenn die Frage bejaht wurde, habe ich gespürt, daß es gewisse Präferenzen gab."
An wen die Immobilie fiel, hat der Jurist nach eigenem Bekunden nicht verifiziert ("Ging mich nichts an"). "Wenn ich gewußt hätte, daß es vorgeschobene Leute sind", erinnert sich Vogel, "hätte ich die Mandanten gefragt: _(* Ehemaliges Grundstück der Eheleute ) _(Zocher in Göhrenz bei Leipzig. ) Willst du trotzdem verkaufen?" Viele Betroffene allerdings, so Vogel, hätten auch in diesem Fall "ihr letztes Hemd ausgezogen, um wegzugehen".
Die Zochers immerhin wehrten sich. Sie gingen 1983 in Bielefeld zum Notar und versicherten an Eides Statt, daß sie über den Löffel balbiert worden seien: Nach der Protokollierung des Verkaufs in der Kanzlei Vogel sei der Käufer aus dem Raum geschickt worden. Dann habe Vogel ihnen eröffnet: "Geld bekommen sie natürlich nicht." Das Ehepaar erinnert sich: "Er fügte weiterhin - die Hände hin und her bewegend - hinzu: Das ist alles nur so Gix-Gax."
Vor dem Leipziger Bürgerkomitee zur Auflösung der Stasi erklärte der Ex-Vorgesetzte des Strohmanns, das Haus sei von der Staatssicherheit "über RA Dr. Vogel" bezahlt worden; vielleicht habe ja "RA Dr. Vogel oder einer seiner Mitarbeiter das Geld unterschlagen".
Der Anwalt kontert alle Vorwürfe mit Belegen. Die Kaufsumme sei, so Vogel letzte Woche, seinerzeit korrekt bei ihm eingegangen und auf einem Notar-Ander-Konto verbucht worden. Zocher-Verwandten habe er geschrieben, die Mandanten möchten sich wegen der weiteren Abwicklung melden. Darauf aber sei keine Antwort gekommen. Vogel: "Das Geld liegt hier."
Daß die Stasi versucht, Erich Honeckers langjährigen Beauftragten für delikate humanitäre Probleme persönlich zu diskreditieren, hat der Anwalt Vogel auch aus anderem Anlaß in Erinnerung. Mit der Stasi-Intrige, die den Leipziger Professor Schulz zum Verschenken seines Hauses preßte, habe er, beteuert Vogel, nichts zu tun. Vogel: "Hier wurde mein Name mißbraucht."
* Ehemaliges Grundstück der Eheleute Zocher in Göhrenz bei Leipzig.

DER SPIEGEL 34/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 34/1990
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Staatssicherheit:
Alles Gix-Gax