08.10.1990

Senfgas von Ahmed

Es gibt Bilder, die lassen auch die Fahnder nicht mehr los. Dazu gehört das Foto vom Vater, der nach einem irakischen Giftgasangriff starr vor seinem Haus im kurdischen Halabdscha liegt und noch im Tod das Kind an sich preßt. Auch Nahaufnahmen der verätzten und mit Eiterbeulen übersäten Körper iranischer Giftkriegsopfer gehören dazu. Das sind Dokumente, die als Anlage zu einem ordentlichen deutschen Strafverfahren abgeheftet sind.
Die Unterlagen mit dem Aktenzeichen 21Js 352856/87 liegen bei der Staatsanwaltschaft in Darmstadt. Seit drei Jahren versuchen die Staatsanwälte und die "Sonderkommission Irak" des Kölner Zollkriminalinstituts herauszufinden, ob deutsche Unternehmen die Giftküchen des Saddam Hussein gebaut haben.
Jetzt halten die Ermittler erstmals Beweise in der Hand: Geständnisse von zwei kürzlich festgenommenen westdeutschen Chemiemanagern.
In der Untersuchungshaft im hessischen Hanau bestätigte der frühere Gesellschafter der Hamburger Water Engineering Trading (W.E.T.), Peter Leifer, den Staatsanwälten, was die seit langem vermutet hatten. Die Chemieanlagen, die W.E.T. Mitte der achtziger Jahre von Hamburg nach Bagdad geliefert hat, waren für militärische Zwecke bestimmt.
Da kam viel zusammen: eine gewichtige Rohrverschraubungsanlage beispielsweise, die einem eindeutig unfriedlichen Zweck dient. Die Greifer transportieren Granaten oder Bomben des Kalibers 122. Auch eine ganze Fabrik zur Herstellung von Vorprodukten für Nervenkampfstoffe ist in den Irak gelangt.
Die Ermittler wissen nun auch, wie die Geschäfte getarnt wurden. Ein sieben Millionen Mark teures Gerät, offensichtlich zum Füllen der Giftgasgranaten entwickelt, wurde als Kühlcontainer für Milchpulver deklariert.
Auch der Ingenieur Ewald Langer, der ebenso wie fünf weitere Manager wegen des Verdachts schmutziger Geschäfte mit dem Irak in Frankfurter U-Haft saß, kam ins Erzählen. Langer hat früher bei der Chemiefirma Pilot Plant, einem Schwesterunternehmen des Labor-Ausrüsters Kolb, im hessischen Dreieich gearbeitet und war für die Chemielieferanten oft in Samarra, wo Diktator Hussein seine Chemiewaffen baut.
Pilot Plant hat sechs Chemiefabriken in die Wüste gesetzt. Ganz harmlos, hieß es bisher, seien die Anlagen. Schädlingsvernichtungsmittel für Dattelplantagen sollten sie produzieren. Zur Herstellung von Nervenkampfstoffen seien sie völlig ungeeignet.
Jetzt räumt Experte Langer ein, daß schon Mitte der achtziger Jahre Zwischenprodukte für Kampfstoffe in Samarra produziert worden sind. Vor allem eine Fabrikationsanlage sei ständig umgebaut worden. Mit ein paar Veränderungen tauge sie zur Herstellung von Nervenkampfstoffen.
Allerdings sei der Gesamtkomplex für so etwas "nicht besonders konstruiert" worden - Feinheiten, die für den drohenden Prozeß von Bedeutung sind.
Denn für die Strafbarkeit der Exporte ist es nach den Vorschriften des Außenwirtschaftsgesetzes wichtig, ob die Exporteure die kriegerische Verwendung ihrer Produkte einfach ignorierten, ob sie davon wußten oder sie gar beabsichtigten. Und weil die Mitwisserschaft eines Angeklagten den jeweils anderen entlasten kann, sind Anschuldigungen und Verteidigungen aus den Reihen der Anwälte unübersichtlich.
Langer wurde nach seinen Aussagen gegen Zahlung einer Kaution vorerst aus der Haft entlassen - sein Wissen gehörte möglicherweise zu einer harmlosen Kategorie. Gleich darauf wurde er von angeblichen Mitwissern beschuldigt, 1987 für die französische Firma Protec, die ihren Sitz in der Nähe von Mülhausen hat, in Samarra eine Anlage zur Herstellung von Ausgangsstoffen für das Gift entwickelt zu haben.
Je deutlicher die Ermittlungen die Verstrickung westdeutscher Unternehmen in die Aufrüstung des Arabers Hussein machen, desto blamabler wird die Affäre für die Bundesregierung. In Bonn wurde die Existenz deutscher Giftgasanlagen im Irak jahrelang mit erstaunlicher Chuzpe bestritten.
Selbst die Vorlage von Satellitenfotos und eine Ton-Bild-Schau der Amerikaner über die Anlagen in Samarra konnte bei der Bundesregierung keinen Eindruck machen.
Noch 1986, als die Lieferungen in den Irak schon aktenkundig waren, warb der Pullacher Bundesnachrichtendienst (BND) ausgerechnet den W.E.T.-Gesellschafter Leifer, der nun so geständnisfreudig ist, als Mitarbeiter an. Fast zwei Jahre lang, so räumt die Behörde ein, habe der Exporteur seine Irak-Erkenntnisse abgeliefert.
Verräterisch war da der Versuch des Staatsministers im Kanzleramt, Lutz Stavenhagen, die Beschäftigung des Hussein-Geschäftspartners im nachhinein zu rechtfertigen. "Informanten, die dem Bundesnachrichtendienst Erkenntnisse zugänglich gemacht haben", so Stavenhagen, seien "sehr deutlich darauf hingewiesen worden, daß sie als Gegenleistung für solche Informationen nicht etwa ein Weggucken, ein Dulden, ein Billigen oder irgend etwas erwarten können".
Etwas, von dem man weggucken könnte, scheinen auch die BND-Verantwortlichen im Kanzleramt gesehen zu haben.
Daß es etwas bei den Irak-Geschäften zu verbergen gab, war jedenfalls in der Chemiebranche seit Jahren im Gespräch. Bei der CEM Ingenieurgesellschaft in Frankfurt wurden die Fachleute schon im Januar 1982 mißtrauisch, als die Kollegen von der Firma Kolb sie baten, ihnen das Know-how für eine große Anlage im Irak zu liefern.
Der CEM-Chef Joachim Schulz fragte nach Lizenzen, gewünschten Produkten, Mengen - und lehnte ab: "Für mich war völlig zweifelsfrei, da sollten Nervenkampfstoffe hergestellt werden." Das hat er, zwei Jahre vor den ersten Hinweisen der Amerikaner, den Anlagebauern schriftlich gegeben.
Offenbar ahnungslos setzten sich hingegen noch 1986 mit Vehemenz Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher und Bundespräsident Richard von Weizsäcker für den mutmaßlichen Drahtzieher zahlreicher anrüchiger Irak-Geschäfte ein - den W.E.T.-Manager Al Khadi.
Der saß im Irak wegen Wirtschaftsvergehen in Strafhaft und sollte hingerichtet werden. Auf Drängen des BND bekamen die Politiker den Manager der so kooperativen Firma frei.
Inzwischen ist auch die Bundesregierung besser informiert. Als Verschlußsache wird in Bonn ein Gutachten behandelt, in dem der Schweizer Professor Werner Richarz analysiert hat, was die von Deutschland gelieferten Fabriken mit den irakischen Namen Ahmed, Ani, Mohamed, Iesa, Meda und Ghasi so leisten können.
Ahmed kann am besten Lost herstellen und hat das nach Berechnungen des Wissenschaftlers schon getan. Lost, auch Senfgas genannt, ist eine alte deutsche Waffe, die zu schwärenden Abszessen und Blindheit führen kann.
Ani und Mohamed sind "für die diskontinuierliche Herstellung von Tabun geeignet". Die Produktion soll bereits vor Jahren angelaufen sein. Tabun ist ein Nervengas, das 1937 von Deutschen entwickelt worden ist und zum totalen Kontrollverlust der Muskulatur führt. Die Opfer winden sich in Krämpfen und Zuckungen, Darm und Blase entleeren sich unkontrolliert, der Tod tritt nach wenigen Minuten durch qualvolles Ersticken ein.
Iesa, Meda und Ghasi sind nach Richarz unter anderem für die Produktion von der als Kampfstoff ein wenig aus der Mode gekommenen Blausäure geeignet. Auch Blausäure hat in Deutschland Geschichte: Sie war in Zyklon B, dem Mordmittel von Auschwitz.

DER SPIEGEL 41/1990
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