10.09.1990

„Uns bleibt keine andere Wahl“

Bossers, 61, ist Vorstandschef der deutschen Philips GmbH in Hamburg. Der niederländische Elektronikmulti Philips kündigte vergangene Woche die ersten Schritte an, die das angeschlagene Unternehmen wieder wettbewerbsfähig machen sollen.
SPIEGEL: Philips mußte Rekordverluste, Massenentlassungen und Betriebsschließungen in wichtigen Zukunftstechnologien bekanntgeben. Herrscht Endzeitstimmung in der Konzernzentrale?
BOSSERS: Absolut nicht. Wir zeigen, daß wir fest entschlossen sind, unser Haus in Ordnung zu bringen.
SPIEGEL: Muß der Konzern mehr als 10 000 Leute gehen lassen?
BOSSERS: Die Zahl 10 000 kann nur eine Orientierungsgröße sein. Wir müssen einfach konkurrenzfähiger werden, und da will ich nicht ausschließen, daß in den kommenden Jahren noch mehr Stellen abgebaut werden müssen. Aber bedenken Sie die Größenordnung: Wir beschäftigen weltweit annähernd 300 000 Mitarbeiter, und allein durch Pensionierungen und Kündigungen aus eigener Initiative verlassen jährlich mehr als 10 000 Leute das Unternehmen.
SPIEGEL: Welcher Bereich wird als nächster durchforstet?
BOSSERS: Die Sparte Informatik, also Entwicklung und Vertrieb von Computern und Software, ist unser größtes Sorgenkind. Aus der Produktion von Minicomputern werden wir uns zurückziehen. Aber den Bereich der Personalcomputer wollen wir auf jeden Fall fortführen und ausbauen.
SPIEGEL: Philips steigt aus der Entwicklung und Produktion von statischen Speicherchips, sogenannten S-Rams, aus. Haben Sie einen Kernbereich der Zukunftstechnologie abgeschrieben?
BOSSERS: Philips ist nach wie vor der größte Hersteller von elektronischen Bauelementen in Europa. Allerdings hatten wir schon vor vielen Jahren beschlossen, nicht im Bereich der Speicherchips aktiv zu werden. Als Mitte der Achtziger deutlich wurde, daß wir den nächsten Technologiesprung bei den von uns gefertigten Halbleitern nur schaffen, wenn wir die Prozeßtechnik bei den Speicherchips beherrschen, haben wir diese Entscheidung revidiert. Daraus entstand das Projekt für Mega-Chips. Wir haben gemeinsam mit Siemens unsere Hausaufgaben gemacht und beherrschen nun diese Technologie. Von diesem Know-how können wir noch mindestens 15 bis 20 Jahre profitieren.
SPIEGEL: In Hamburg sollte eine mit mehr als 100 Millionen Mark aus dem Steuertopf subventionierte Fabrik für die Mega-Chips entstehen.
BOSSERS: Richtig. Aber leider hat sich die Nachfrage nach S-Rams bei weitem nicht so positiv wie erwartet entwickelt. Wir haben also eine teure Technologie entwickelt, für die es in Europa offensichtlich noch keinen Markt gibt.
SPIEGEL: Philips zieht sich auch aus dem europäischen Forschungsprojekt Jessi zurück, mit dem der Rückstand gegenüber den Japanern bei der Chips-Technologie aufgeholt werden sollte.
BOSSERS: Nur aus dem Projekt Speicherchips. In 23 anderen Projekten bleiben wir dabei.
SPIEGEL: Die Speicherchips sind das Herzstück von Jessi. Philips, Siemens und SGS-Thomson haben sich die Aufgaben geteilt, um rasch ans Ziel zu kommen. Nun entsteht eine Lücke.
BOSSERS: Selbstverständlich. Die Verzahnung ist aber nicht so groß, daß dadurch das Projekt gefährdet wird.
SPIEGEL: Wäre es nicht besser gewesen, sich von anderen Bereichen zu trennen?
BOSSERS: Wenn wir gesunde Teile verkaufen und mit den Erträgen die Blutungen an anderen Stellen des Konzerns fortwähren lassen, wäre nichts gewonnen. Jahrelang haben wir immer wieder auf das Prinzip Hoffnung gesetzt und Sparten ohne Gewinn durchgeschleppt.
SPIEGEL: Jetzt hat sich Philips für die Radikalkur entschieden.
BOSSERS: Uns bleibt keine andere Wahl. Im Computergeschäft sind wir beispielsweise seit mehr als 20 Jahren tätig, und es hat uns - milde gesagt - noch nie viel Freude gemacht. Immer hieß es, ihr müßt dabeibleiben, um die europäische Fahne hochzuhalten. Das sind alles schöne Sprüche. Doch wenn der Markt unser Engagement nicht honoriert, dann gehen wir zwar kämpfend unter, aber wir gehen unter.
SPIEGEL: Mit genau diesen europäischen Parolen haben Sie noch vor kurzem staatliche Subventionen für die Chip-Entwicklung gefordert.
BOSSERS: Wir haben keine Subventionen gefordert. Wir haben klargemacht, daß bestimmte technologische Zielsetzungen, die der gesamten europäischen Industrie zugute kommen, unsere finanziellen Kräfte überfordern. Mit unserem Austritt aus Teilbereichen des Jessi-Projekts geht Europa technologisch nicht unter. Aber wenn wir diese harte Entscheidung nicht getroffen hätten, bestünde die Gefahr, daß Philips untergeht.
SPIEGEL: Die Folge ist: Die ohnehin schon große Abhängigkeit von japanischen Chips-Lieferanten wächst noch mehr. Macht Ihnen diese Abhängigkeit plötzlich keine Sorgen mehr?
BOSSERS: In einem Unternehmen muß man wirtschaften, und die Japaner und Amerikaner können die Speicherchips nun mal billiger herstellen als wir. In anderen Bereichen ist unsere Wirtschaft auch abhängig. Chips sind ein Rohstoff wie Öl oder Kupfer oder Mangan. Die müssen von unserer Industrie auch auf dem Weltmarkt gekauft werden. Die Elektronikindustrie ist zudem weltweit inzwischen so eng verflochten, daß die Japaner kaum einseitig den Hahn abdrehen könnten. Mit unserer Forschung haben wir eine starke Position beim Austausch von Know-how.
SPIEGEL: Vor nicht allzu langer Zeit waren aus Ihrem Hause noch ganz andere Töne zu hören.
BOSSERS: Mag sein. Aber wir haben nun Inventur gemacht und erkannt, daß unsere Forschung näher an den Markt und an konkrete Produkte heran muß. Unsere enormen Investitionen im Forschungsbereich müssen sich schneller amortisieren. Da muß man dann auch von dem Ehrgeiz Abschied nehmen, technologisch in jedem Gebiet führend zu sein. Es reicht nicht, technologische Siege zu erringen, entscheidend sind allein die ökonomischen Siege.

DER SPIEGEL 37/1990
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DER SPIEGEL 37/1990
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