18.06.1990

Aufregender Mumpitz

Wer hat den härtesten Schuß? Irrte der Schiedsrichter? Italiens TV-Zuschauer erfahren, was die Deutschen nicht wissen sollen.
Kaum war das Spiel der beiden deutschen Gruppengegner Jugoslawien und Kolumbien beendet, erfuhren die italienischen TV-Zuschauer mehr als die deutschen. Davor Jozic hatte das Siegtor zum 1:0 für Jugoslawien aus genau 12,30 Metern erzielt, der Ball war mit einer Geschwindigkeit von 85 Stundenkilometern ins Netz gerauscht.
Was ARD und ZDF ihren Gebührenzahlern vorenthalten, weil es, so Wolfram Esser, Flachpaß-Analytiker in Italien, "zu wenig essentiell" ist, gehört in Italien zum Fußball-Alltag: die Aufarbeitung eines Spiels durch "Telebeam". Dahinter verbirgt sich eine Kreuzung aus Computer und Videotechnik, die ganz neue Betrachtungsweisen zuläßt.
Telebeam kann Fernsehbilder sofort in eine bewegliche Grafik umsetzen. Die comicähnlichen Kunstfiguren laufen und schießen dann auf giftgrünem Untergrund genau wie ihre lebenden Vorbilder auf dem Rasen.
Das Geschehen läßt sich zudem aus allen möglichen Blickwinkeln analysieren - aus der Sicht des Schützen, des Torwarts, des Tribünenbesuchers. Der Zuschauer kann sich sogar in die Position des Balles versetzen, als habe das Leder Augen. Der Computer berechnet zudem aufgrund vorher programmierter Daten wie Elfmeterpunkt, Aus- und Strafraumlinien sowie Kamerastandorte die Position des Spielers und die Geschwindigkeit des Balls.
Das System wurde vor fünf Jahren von der römischen Firma Telesia entwickelt, die zuvor für das italienische Fernsehen RAI eine computerisierte Wetterkarte konstruiert hatte. In einem Land, das "Fußball lebt", wie der Deutsch-Italiener Jürgen Klinsmann sagt, das tagelang über Tore, Abseits und Elfmeter diskutieren kann und in dem Nationaltorhüter Walter Zenga wie selbstverständlich nach dem mühsamen 1:0 über die USA ungeduscht in eine TV-Talkshow geht, mußte sich der Forscherdrang der Ingenieure beinahe zwangsläufig dem Fußball zuwenden.
Die studierten Tifosi haben dabei eine atemraubende Perfektion entwickelt. "Niemand", sagt der für die WM-Regie der RAI zuständige Giancarlo Tomasetti, "ist in der elektronischen Analyse so weit wie wir." Telebeam arbeitet mit einer Genauigkeit von 99 Prozent, behauptet der Mailänder TV-Studiochef Jan Zaremba. Ähnlich wie beim Tennis führt das elektronische Auge diverse Statistiken, etwa über Fouls, Spielanteile, Ballbesitz; dazu kann es fast alle Schiedsrichterentscheidungen sofort überprüfen. Das sei aber, so Zaremba, für die Pfeifenmänner "einfach zu gefährlich", deshalb komme der Computer nur in der Halbzeit und nach Spielende zum Zuge.
Tatsächlich erschraken die Traditionalisten des Weltfußballverbandes Fifa im März dieses Jahres mächtig, als die RAI-Techniker ihnen ihr technisches Wunderwerk demonstrierten. Sie führten den Funktionären nicht nur vor, daß bei der WM 1986 der Spanier Senor beim 1:1 gegen Belgien den strammsten Torschuß (122 km/h) abgegeben hatte, sondern wiesen auch nach, daß beim Spiel Spanien-Brasilien ein regulär erzieltes Tor aberkannt worden war.
Fifa-Generalsekretär Joseph Blatter ordnete diese Mischung aus Computerspielerei und Orwellscher Kicker-Überwachung als "Mumpitz" ein. WM-Organisationschef Hermann Neuberger sah bereits die Gefahr heraufdämmern, "sich von der Realität des Fußballs zu entfernen".
Die Herren des Balls und der Tatsachenentscheidungen sträubten sich gegen den technischen Fortschritt nach Kräften. Der Wunsch der RAI, auch in die Torpfosten Kamera und Mikrofon zu installieren, um Diskussionen wie über das dritte Tor der Engländer gegen die Deutschen im WM-Finale von Wembley zu verhindern, wurde abgelehnt. Und der Einsatz von Telebeam, der an den Spieltagen der italienischen Liga sonntags abends Millionen Fernsehzuschauer unterhält, wurde eingeschränkt, "um das Spiel nicht zu zerstören" (Neuberger) und die Fans nicht gegen die Schiedsrichter aufzuhetzen.
Die RAI wurde zudem zu "sensitivem" Computer-Einsatz verpflichtet. So erfahren die Zuschauer etwa nur die Wucht des Matthäus-Schusses zum 3:1 gegen Jugoslawien (103 km/h) - oder daß der Schiedsrichter recht hat. Als der Schwede Erik Fredriksson im Spiel Argentinien gegen die UdSSR den Argentinier Jose Serrizuela verwarnte, weil er bei einem Freistoß nicht weit genug vom Ball entfernt stand, wies Telebeam nach, daß es statt der geforderten 9,15 Meter tatsächlich nur 7,13 Meter waren.
Wenn die Funktionäre es zuließen, könnte Telebeam ein unbestechlicher Richter sein. So lieferte der Computer im November 1987 den Beweis, daß beim Weitsprung des Italieners Giovanni Evangelisti bei der Leichtathletik-WM von Rom zwei Monate vorher von den Kampfrichtern manipuliert worden war. Statt der angegebenen 8,38 Meter war der Italiener allenfalls 7,95 Meter weit gesprungen - Evangelisti gab daraufhin seine Bronzemedaille zurück. f

DER SPIEGEL 25/1990
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