20.08.1990

DDR-MedienNicht so tratschig

Das Jugendmagazin neu leben, früher eine FDJ-Postille, will bundesdeutschen Zeitgeist-Magazinen Konkurrenz machen.
Bevor der Reporter ans heikle Werk geht, erhält er kollegialen Rat. "Versuch die Mädels rumzukriegen", ermuntert ihn Chefredakteurin Ingeborg Dittmann, 41, "von schräg, von hinten, im Dunkeln."
Seine Recherche führt ihn zum West-Berliner Strich zwischen Lützowplatz und Potsdamer Straße, wo er einen Text über junge Prostituierte aus der DDR erarbeiten soll. Auftraggeber ist die Monatszeitschrift neu leben (nl), ein ehemaliges FDJ-Organ, das 26 Jahre lang den sozialistischen Nachwuchs mit parteifrommer Unterhaltung versorgte.
Die Dirnen-Story signalisiert einen Kurswechsel, den das elfköpfige Team um Ingeborg Dittmann seit Jahresanfang vollzieht. Die einst verschlafene Postille, deren kleinformatige Aufmachung an einen bayerischen Bistumsboten erinnerte, muß nun im Konkurrenzkampf am Kiosk gegen die bundesdeutsche Pop- und Zeitgeistpresse bestehen.
Bis April dieses Jahres hieß das 1953 gegründete Heft neues leben und präsentierte tutige Themen für Leser ab 14 Jahren: "Neue Sommerfrisuren aus dem Salon Kochendörfer", "Gedanken über eine Schrottaktion" oder Lebenshilfe unter dem Motto "Ab morgen bin ich tolerant". Zu diesem Potpourri gab es in der DDR keine publizistische Alternative. Die auf 550 000 Exemplare beschränkte Auflage war regelmäßig ausverkauft; selbst Verlagsangestellte hatten Schwierigkeiten, ein Abonnement zu ergattern.
Mit dem Aufmarsch bundesdeutscher Printmedien in der DDR wandelten sich sowohl inhaltliche Struktur als auch Gestaltung der Zeitschrift. Das Format wurde westlichen Illustrierten angeglichen, der Umfang wuchs von den üblichen 66 auf zuletzt 100 Seiten. Grelle Coverfotos lösten als Blickfang die gewohnt altbackenen Comics des nl-Hauszeichners Thomas Schleusing ab.
Die verblüfften Käufer fanden sich plötzlich mit Pornographie und eindringlichen Kopulationsstudien konfrontiert ("aufbocken, abschmieren, weiterfahren"), mit Drogenaufklärung und Lagerfeld-Mode. Als Zielgruppe visierte der Verlag Junge Welt, in dem nl erscheint, jetzt "die Mittzwanziger" an. Ein knallig roter Titelschriftzug rückte das Objekt in unübersehbare Nähe zu Tempo und Wiener.
Anlaß zu Verwechslungen bieten die grafische Anordnung von Illustration und Text sowie die großspurige Tonlage mancher Schlagzeilen. Solche Anleihen bei den "Wirkungsmechanismen des bürgerlichen Journalismus" täuschen darüber hinweg, so Textchef Eckhard Sommer, 36, daß den Leser vorrangig sachlich formulierte Unterhaltung und Lebenshilfe erwarten. "Wir stellen dar, ohne vordergründig zu werten", sagt Ingeborg Dittmann, "und wollen den Leser nicht mit Verrissen schrecken." Ihr Stellvertreter Uwe Krink, 34, zuständig für Marketing und Leseranalysen, kritisiert den "modischen Zynismus" eitler Zeitgeist-Kolumnisten, die "ohne wirkliches Unbehagen jeden Monat 100 Zeilen Haß zu Papier bringen".
Erste inhaltliche Korrekturen hatte neues leben bereits im Spätsommer 1989 eingeleitet. Zum Jahreswechsel produzierte man ein "Wendeheft" mit politischen Akzenten, das bei seinem Erscheinen allerdings von den Ereignissen überholt war. Aufgrund des dreimonatigen Produktions-Vorlaufs konnte die Redaktion nicht angemessen auf die Öffnung der Grenzen reagieren.
"Wir hatten zu 50 Prozent den typischen Bravo-Konsumenten", sagt Ex-Chefredakteur Wolfgang Titze, 40, der die Reform eingeleitet hatte, "aber wir waren es leid, für die Teenies zu schreiben." Mit den konfusen Titeln des ersten Quartals 1990 ("Endlich wieder Hoffnung auf grün"; "Scheißkrawattenzwang!") wollten sich jedoch weder die jungen Stammkunden noch die etwas älteren Semester anfreunden. "Diese Ausgaben", so Titze, "haben uns fast umgebracht."
Nach einem redaktionsinternen Aufstand gegen die Verlagsleitung rückte Titze zum Geschäftsführer auf, gemeinsam wurde das ins Trudeln geratene Objekt wieder flott gemacht. Neu leben definierte sich fortan als Publikumszeitschrift, die Orientierung bietet in schweren Zeiten: "Der Tag ist hart genug, die Leute sind dankbar für jedes Stück Hoffnung", hat Titze erkannt. Ihre "elementaren Probleme" soll neu leben "mit viel Spaß und Heiterkeit abdecken".
Das Rezept scheint die Gemütslage vieler DDR-Jugendlicher zu treffen. Obwohl der Verkaufspreis des einstigen Subventions-Blattes von 80 Pfennig (Ost) auf 3,10 Mark (West) angehoben werden mußte, stabilisierte sich die Auflage im Juli bei 300 000. "Ihr seid für uns zeitorientiert", lobten Leser, "werdet nicht so schickimicki und tratschig wie die Wessis."
Solche Resonanz bestärkt das nl-Team, "Geborgenheit, menschliche Wärme und Vertrautheit" zu vermitteln. "Es sind schließlich Welten, die wir hinter uns lassen und vor uns finden", sagt die 31jährige Kulturredakteurin Marina Leischner.
Bis zu 50 freie Mitarbeiter schreiben und fotografieren pro Ausgabe, fast ausschließlich einheimische Autoren, denn "die Wessis taugen nichts, denen fehlt der DDR-Blick". Die Redaktion selbst arbeitet unter einfachsten Bedingungen - mit herkömmlichen Schreibmaschinen, ohne Firmenwagen und zum Billigtarif. Die Gehälter liegen wie vor zehn Jahren zwischen 1000 und 1400 Mark, Chefin Dittmann verdient 1800 Mark brutto.
Angesichts der antiquierten Infrastruktur und der inhaltlichen Ausrichtung ausschließlich auf das DDR-Publikum sieht der Geschäftsführer mittelfristig Handlungsbedarf, um das Überleben des Blattes zu sichern. Bis Mitte nächsten Jahres soll neu leben stärker auf den gesamten deutschsprachigen Markt zugeschnitten werden; von der August-Nummer wurden bereits probehalber 40 000 Exemplare in die Bundesrepublik geliefert. Nicht zuletzt spekuliert Titze "auf den abspringenden Leserkreis von Tempo - so aggressiv sind wir schon".
Dafür fehlt es jedoch am Werbe- und Vertriebs-Know-how - "das war nie unser Ding". Hilfe verspricht er sich deswegen vom Hamburger Bauer-Verlag, dem bundesdeutschen Auflagen-Krösus, der für die nl-Altersgruppe bereits den Wiener und das sexlastige Popperjournal Coupe im Programm führt.
Ende dieses Monats wollen Bauer und Junge Welt eine gemeinsame Tochtergesellschaft gründen, die "aussichtsreiche Projekte fördern" soll, unter anderem neu leben. Beide Seiten bringen je vier Millionen Mark Startkapital ein, die Ost-Berliner mangels Kasse ihr Verlagsgebäude sowie die Titelrechte.
Optimistisch glaubt Titze, daß sich der Einfluß des Hamburger Konzerns aufs Kaufmännische beschränkt: "Die brillieren mit Auflage und nicht mit journalistischer Kompetenz - das ist unsere Ecke." o

DER SPIEGEL 34/1990
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