12.11.1990

AbrüstungVirus der Zersetzung

Unter ungeahnten Schwierigkeiten läuft das Wohnungsbauprogramm für die abziehenden Sowjetsoldaten an.
Für den Gast aus Moskau hielt Helmut Kohl eine gute Nachricht parat. Das im Sommer verabredete Wohnungsbauprogramm für die aus der vormaligen DDR abrückenden Sowjetsoldaten, teilte der Kanzler dem Kreml-Führer Michail Gorbatschow mit, sei auf gutem Wege. Wirtschaftsminister Helmut Haussmann kümmere sich "persönlich" um das Milliardenprojekt.
Ende 1994 soll der letzte der 363 000 Rotarmisten Deutschland verlassen. Bis dahin, so steht es im deutsch-sowjetischen Abkommen über "einige überleitende Maßnahmen", wollen die Bonner rund 7,8 Milliarden Mark ausgeben, um 36 000 Wohnungen für Offiziere und Unteroffiziere in der Sowjetunion hochzuziehen und eine Serie von Umschulungsvorhaben zu finanzieren.
Kohl im Kabinett: "Wir dürfen die Sowjets nicht enttäuschen." Der Häuslebau im Osten habe "symbolhafte Bedeutung für die deutsch-sowjetische Zusammenarbeit".
Haussmann legte dem Kanzler vorige Woche ein Konzept vor, das er mit Vertretern der Bauindustrie und des Handwerks ausgetüftelt hat. Noch in dieser Woche, so Kohls Botschaft an Gorbatschow, könne Haussmann-Staatssekretär Dieter von Würzen in Moskau über Details verhandeln.
Probleme gibt es mehr als genug. Möglicherweise müssen die Bonner mehr Geld geben als geplant. Denn die Russen, erkannte Verteidigungs-Staatssekretär Willy Wimmer (CDU) bei Gesprächen mit Sowjetgeneralen, "wollen so schnell wie möglich weg".
Immer häufiger beschweren sich sowjetische Kommandeure bei Wimmer über Attacken von "Rowdys" auf ihre Soldaten. Die Parole "Russen raus" steht auf vielen Kasernenmauern. Die Westgruppe der Streitkräfte - so die offizielle Bezeichnung für die Sowjettruppen in Deutschland - sei außerdem "in erheblichem Maße vom Virus der Zersetzung befallen", jammert ein Wirtschaftsberater Gorbatschows. Mehr und mehr Rotarmisten erliegen den Anfeindungen des Kapitalismus in Deutschland und desertieren.
Noch schwieriger als die Lage in Ostdeutschland ist die Stimmung daheim. Auch dort ist die Armee nicht mehr gelitten.
Moskauer Gesprächspartner ließen Haussmanns Experten diskret wissen, man müsse die im Sommer verabredeten Pläne revidieren: Viele Städte, die Armee-Planer als Quartier ausgeguckt hatten, sträubten sich gegen die Heimkehrer; sie wollten sich nicht mit Soldaten belasten, die in die Arbeitslosigkeit entlassen werden und womöglich ins soziale Netz der Kommunen fallen.
Zwei Drittel der 37 vorgeschlagenen Bauprojekte zwischen Murmansk und Odessa sollen deshalb entgegen ursprünglichen Umsiedlungskonzepten an abgelegene Militärstützpunkte statt an größere Städte "angebunden" werden. Doch in den Einöden fehlt die Infrastruktur: Kindergärten, Supermärkte, Kanalisation oder Gasleitungen. "Wenn wir das auch noch finanzieren sollen", stöhnt ein Haussmann-Unterhändler, "dann gnade uns Gott."
"Sie können von uns nichts erwarten", hatte bereits im August Außenwirtschaftsminister Konstantin Katuschew Bonner Experten vorgewarnt. Moskau habe "keine Mittel, keine Arbeitskräfte". Die Russen vertrauten, staunte ein Bonner Abgesandter, "fast naiv auf deutsche Tüchtigkeit". Denn: "Wenn Sie es nicht schaffen", gestand ein hoher sowjetischer Regierungsbeamter, "klappt es nie."
Ob es klappt, hängt hauptsächlich von den Sowjets ab. In Moskau aber hat Haussmanns Staatssekretär Würzen noch keinen Partner gefunden, "den man auch mal packen kann": Zu groß ist der Kompetenzwirrwarr im Behördendickicht.
So hatten es Haussmanns Emissäre noch im August mit dem Staatlichen Baukomitee Gosstroi zu tun.
Für die Abwicklung des Projekts wurde die Allunions-Außenhandelsorganisation Sojuswneschstroi benannt. Einem gemeinsamen Lenkungsausschuß soll auf sowjetischen Wunsch allerdings ein Militär vorsitzen, der stellvertretende Verteidigungsminister Armeegeneral Konstantin Kotschetow. Immerhin, frotzelt ein Haussmann-Gehilfe, sei die Armee eine Organisation, "die noch funktioniert".
Die UdSSR werde, teilte Haussmann dem Kanzler mit, wie ein Entwicklungsland behandelt. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau in Frankfurt solle die finanzielle Abwicklung und "Kontrolle" der Projekte übernehmen. Wie bei großen Baumaßnahmen in Entwicklungsländern müsse eine Arbeitsgemeinschaft von Consultingfirmen die Sowjets beraten.
Besonders bedrückend für Gorbatschow: Er muß offiziell eingestehen, daß die sowjetische Währung nichts taugt. Denn die Arbeiter auf den Baustellen werden, geht es nach dem Bonner Konzept, in D-Mark entlohnt. Für Rubel mögen sowjetische Bautrupps nicht mehr auf Gerüste klettern - die Kolonne aus Polen, Rumänen, Pakistanern, Indern und wenigen Deutschen, die auf Baustellen westdeutscher Großfirmen zur Zeit noch im Nahen Osten betonieren und dann den Auftrag in der Sowjetunion übernehmen, schon gar nicht.
Einstweilen müssen Bautrupps aus der vormaligen DDR ran. Die 21 ostdeutschen Baukombinate hatten in den letzten Jahren ständig etwa 6000 Facharbeiter in der Sowjetunion stationiert, um im Wohnungsbau zu helfen. Vorteil: Ihre Mitarbeiter verstehen Russisch.
Die DDR-Technik des Fertigbaus, die sogenannte Plattenbauweise, ist den Sowjets allerdings nicht mehr gut genug. Sie pochen auf "moderne Technologie", wenn es um die Erfüllung einer weiteren Bonner Zusage geht: neben dem Häuserbau auch noch vier Fertigteilfabriken, die andere Bauprogramme für die Sowjetarmee beliefern sollen.
"Alte DDR-Werke abreißen und drüben wieder aufbauen ist nicht gut genug", weiß Willy Daubner, Vorsitzender der Fachvereinigung deutscher Betonfertigteilwerke.
Die West-Konzerne wollen deshalb "Feldfabriken" im Grünen errichten, in denen die Fertigteile für die Unterkünfte der Heimkehrer in Uniform gebaut werden. Die Fertigteilwerke könnten dann später den Sowjets überlassen werden. Hauptproblem für den Baufachmann Daubner: "Wer beliefert uns pünktlich mit Sand, Zement und Kies?"
Für den Anfang könnten die alten DDR-Fabriken wie bisher halbe Häuserwände auf die Bahn packen und nach Osten verschicken. Doch falls die Sowjetdivisionen wirklich schneller abziehen als vorgesehen, kann es auf den Transitstrecken durch Polen und an den Eisenbahn-Umspuranlagen auf die russische Breitspur Schwierigkeiten geben: Wer darf zuerst durch? Der Zug mit den Panzern? Oder der Transport mit dem Baumaterial?
Um solche Probleme in den Griff zu bekommen, hat Haussmann in seinem Ministerium ein neues Referat eingerichtet. Und weil er eben bei der Erweiterung der Bürokratie war, schuf er gleich noch ein zweites: Da die Versorgung für Obst, Gemüse und Fleisch mit der DDR zusammengebrochen ist, kümmern sich Bonner Beamte auch darum. An ihnen liegt es, dafür zu sorgen, daß die "sowjetischen Gäste" (Wimmer) bis zum Tag ihres Abmarsches Essen fassen können. o

DER SPIEGEL 46/1990
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