08.10.1990

KinoKarriere und Knete

„Goodfellas“. Spielfilm von Martin Scorsese. USA 1990; 146 Minuten; Farbe.
Mit zehn oder zwölf Jahren war jedem Jungen klar, so meint Martin Scorsese in Rückschau auf seine Kindheit in New Yorks "Little Italy", was er unbedingt werden wollte: Priester oder Gangster. Das eine, die Kirche, war der Ort der Verzauberung und Entrückung, das andere, die Welt des Verbrechens, war rundum stets gegenwärtig, in der alltäglichen Gewalttätigkeit, im Glamour, den die schicken jungen Mafiosi zur Schau stellten, aber auch in der Verehrung, die der "Don" genoß: Herrscher und unentbehrlicher Schutzhelfer seiner Schäfchen.
Martin Scorsese, schmächtig und verträumt, wollte Priester werden. Oder vielleicht doch etwas drittes: Filmregisseur, denn das Kino war der andere Ort der Entrückung, der ihn magisch anzog, zwielichtig, lockend, nah an der Sünde. Da seine Schulleistungen für eine Priesterkarriere nicht reichten, wandte er sich dem Kino zu, und er ist ein großer Filmregisseur geworden, weil er seine ganze Qual und Zerrissenheit, seine Ängste und Obsessionen in Bilder verwandelt hat. Kino ist für ihn, immer noch und wohl für immer, nicht nur ein Ort der Verzauberung, auch ein Ort, wo _(* Ray Liotta und Lorraine Bracco. ) man dem Bösen ins Auge blicken muß, um es zu bannen.
In "Goodfellas" schildert er - stationsartig, mit großen Zeitsprüngen - den Aufstieg eines brillanten Jung-Unternehmers namens Henry Hill, eines Karrieristen mit Eigenheim, Familie, Freundin, flotten Autos, und Scorsese bleibt, waghalsig virtuos im Wechsel der Erzählformen, seinem getriebenen Helden (Ray Liotta) und dessen Freunden (Robert De Niro, Joe Pesci) so nah, daß der Film beinahe explodiert.
Eines der Kapitel hält quasi "dokumentarisch" einen typischen Arbeitstag zwischen Business-Streß und Familienfürsorge fest: wie Henry bei einem Geschäftsfreund ein dringendes Päckchen abholt, wie er sich um seinen behinderten Bruder kümmert, wie er eine Warenlieferung prüft, wie er immer wieder zu Hause vorbeikommt, um fürs Abendessen zu sorgen, wie er bei seiner Freundin hereinschaut, wie er Warenverarbeitung und Vertrieb im Griff hält und wie er endlich abends im Kreis seiner Lieben oben am großen Tisch sitzt.
Die Wertbegriffe, die diesen Normaltag und dieses Leben bestimmen, sind die allgemeinen und anerkannten: Geschäftserfolg, Familie, Freunde, Geld und das Wohlleben, das es ermöglicht. Was den glatten, smarten Henry Hill von anderen Karrierebürgern unterscheidet, scheint unwichtig zu werden unter Scorseses kalt registrierendem Blick, im Sog seiner Montage, die wie in Panik eine Unmenge banaler Details summiert: Henry Hill ist von Beruf Verbrecher; das Päckchen, das er seinem Freund abnimmt und wegschafft, enthält ein paar heiße Mordwaffen; die Ware, um deren Vertrieb er sich kümmert, ist Kokain.
Im amerikanischen Kino, das zu einem guten Teil stets ein Kino des Verbrechens schlechthin war, ist die Gestalt des großen Verbrechers noch nie so unerbittlich entzaubert, so in ihrer normalen Gemeinheit und gemeinen Normalität bloßgestellt worden: Das ist der Kälte-Schock von "Goodfellas".
"Little Italy" ist über alle Hollywood-Erfolge hinaus Scorseses wirkliche Welt geblieben; und in der authentischen Biographie von Henry Hill, die der Journalist Nicholas Pileggi verfaßt hat, stieß er auf den Gegenentwurf seiner eigenen, auf den "Bildungsroman" eines gleichaltrigen Jungen, für den von klein auf feststand, daß er ein großer Gangster werden wollte. Zehn Jahre nachdem Henry seinen Weg als Laufbursche unter dem wohlwollenden Blick des Quartier-"Don" begonnen hat, sitzt er mit schallendem Lachen dabei, als sein Freund aus purem Übermut einen solchen Laufburschen im Cafe über den Haufen schießt, und weitere zehn Jahre später sind die Leichen kaum noch zu zählen, über die er emporgestiegen ist.
"Goodfellas" ist eine furiose Reise durch die Gewalt, und am Ende steht kein Purgatorium und keine Erlösung: Nachdem er all seine Freunde verpfiffen hat, darf Henry Hill, als kostbarer Kronzeuge vom FBI mit einer neuen "Identität" versehen, fortan in einem amerikanischen Provinzstädtchen in der Hölle der wirklichen Normalität schmoren.
* Ray Liotta und Lorraine Bracco.

DER SPIEGEL 41/1990
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