25.06.1990

AffärenDresden an 1168

Lebenszeichen aus Schalcks Firmenreich: Wie eine Viertelmilliarde Ost-Mark legal in West-Mark gewechselt wird.
Am 27. April versammelten sich in Dresden eine Dame und einige Herren, um ein denkwürdiges Geschäft abzuschließen. Vertreten waren die schweizerische Mini-Aktiengesellschaft Lomer & Co., St. Gallen (Stammkapital: 100 000 Franken), die Ost-"Berliner Import Export GmbH" (BIEG), ein Wiener Geschäftsmann und die Länderbank AG, Wien, sowie die Dresdner Stadträtin für Finanzen und Preise, Christel Rademacher.
Die Runde vereinbarte Vertraulichkeit und einen mehrseitigen Darlehensvertrag, der am 2. Mai rechtsgültig wurde: Lomer und die DDR-BIEG gewährten dem Rat der Stadt Dresden ein Darlehen über 225 Millionen Ost-Mark - angeblich für den Bau von "Büro- und Gewerbehäusern" und für die "Rekonstruktion von kulturellen Einrichtungen".
Doch der eigentliche Darlehenszweck verbirgt sich weit dahinter, die Heimlichkeit macht Sinn. Denn die BIEG, die zu Honeckers Zeiten mit menschlichem Blut und mit westdeutschen Schuhen handelte, gehörte in der alten DDR zur SED-Spezialabteilung "Kommerzielle Koordinierung" (KoKo) des Valuta-Eintreibers Alexander Schalck-Golodkowski; hinter Lomer steckt der Wiener Millionär Martin Schlaff, ein erfahrener Ost-West-Kaufmann und Spezialist in Sachen Holz, und die Wiener Länderbank dient bloß dazu, alles zu bemänteln.
Schalcks alte Firma will unbedingt verbergen, woher die Riesensumme stammt, die sie der Sachsen-Metropole scheinbar generös ausleiht: Die mysteriöse Transaktion macht nur Sinn, wenn es gilt, altes Ost-Geld über den Stichtag der Währungsunion zu bringen und dann alten Freunden etwa in Gregor Gysis PDS mit gewaschenem Geld die Kasse zu füllen.
Seit Monaten schon fürchten PDS-Funktionäre, die neue DDR-Regierung könnte ihr aus SED-Zeiten stammendes Vermögen konfiszieren oder verfallen lassen. Die Ost-Berliner Koalitionsregierung berief eigens eine Kommission, Bonner Unterhändler verabredeten mit Ost-Berliner Experten noch geheime Regeln, um den Umtausch von unrechtmäßig angeschafftem Vermögen in saubere West-Mark zu verhindern.
Und Schalck hatte für Partei und Staat mächtig angeschafft; allein die westdeutschen Ko-Ko-Tarnfirmen machten 1988, dem letzten Jahr einer Bilanz für Schalcks Chef Honecker, über drei Milliarden Umsatz.
Als im Frühjahr 1990 - Schalck hatte sich längst in den Westen abgesetzt - klar wurde, daß die Währungsunion am 1. Juli kommen würde und mit ihr das Ende der Ost-Mark, begannen Überlegungen, wie denn alte Schätze in neue Zeiten hinüberzuretten seien. So wurde der Deal mit dem Darlehen ausgeheckt. Offen bleibt nur, wie Christel Rademacher, früher SED, dann PDS und Ehefrau des früheren Dresdner Stasi-Chefs, ihrem Vorgesetzten Wolfgang Berghofer, der die PDS schon verlassen hatte, ein Ja-Wort abnötigte.
Die Laufzeit des Kredits wurde auf sieben Jahre festgelegt, die Zinsen auf den damals ungemein günstigen Satz von 3,5 Prozent. Die Tilgung, so sieht es der schriftliche Vertrag vor, soll "in 10 Halbjahresraten" erfolgen, gezahlt wird aufs Konto 6836-17-20 bei der Deutschen Handelsbank in Ost-Berlin. Kontoinhaber: Lomer & Co. Statt des Zahlungsgrundes soll nur ein Zahlenkode genannt werden - "1168".
In Punkt 3 des Vertrages steht der wichtigste Passus: _____" Kommt es zu einer Währungsunion zwischen der DDR und " _____" der BRD, wird das Darlehen zum Stichtag der Währungsunion " _____" zu dem vorgesehenen Umrechnungskurs für Forderungen und " _____" Verbindlichkeiten von Kommunen gegenüber der Staatsbank " _____" von Mark der DDR auf DM umgerechnet. "
Für die Geldgeber ein Bombengeschäft: Solche Kredite werden 1:2, private Guthaben dieser Höhe und solcher Herkunft allenfalls 1:3 getauscht. Macht bis 1997 112,5 Millionen West-Mark auf Konto 6836-17-20.
Hinzu kommen Zinsen. Die steigen nämlich, Punkt 3,3 des Vertrages, vom 2. Juli an auf den Londoner Geldmarktsatz "für 6 Monate minus 0,5 Prozent". Macht derzeit gut acht Prozent Profit, zusätzlich zum Wechselkurs-Gewinn.

DER SPIEGEL 26/1990
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