12.11.1990

TreuhandSchnell und kühl

Detlev Karsten Rohwedder bleibt Chef der Treuhand. Die Regierung ist erfreut, die Klientel der Anstalt hätte sich einen weniger selbstgefälligen Chef gewünscht.
Es war in einer launigen Runde, als Detlev Karsten Rohwedder über seine Erfolgsmaxime von den "zu großen Schuhen" plauderte. Er habe sich immer Aufgaben ausgesucht, "die einige Nummern zu groß waren, um dann da reinzuwachsen".
Für den promovierten Juristen war das kein schlechtes Rezept, Rohwedder hat es weit gebracht. Vier Bonner Wirtschaftsministern diente er als Staatssekretär. Er ist einer der wenigen Karriere-Beamten, denen nach dem Wechsel in die Wirtschaft der Erfolg treu blieb. Selbst die alteingesessenen Stahlbarone waren angetan von der Art, wie Rohwedder als Hoesch-Chef den einst ramponierten Dortmunder Stahlkonzern aufmöbelte.
Seit vergangenem Freitag ist mal wieder alles festgezurrt für die nächste Aufgabe. Der Aufsichtsrat von Hoesch gab Rohwedder, 58, vorzeitig aus seinem Vertrag als Vorstandschef frei. Der Sohn eines Buchhändlers aus Gotha hat sich für das schwierigste Manager-Amt der vereinten Republik verpflichten lassen. Mindestens vier Jahre lang will er die Treuhandanstalt leiten.
Rohwedder hat sich damit für eine reichlich große Schuhnummer entschieden. Und nicht nur seine Kritiker befürchten, der erfolgsverwöhnte Manager könnte diesmal womöglich nicht ganz hineinwachsen.
Das Amt macht, statistisch gesehen, viel her. Die Treuhandanstalt, seit der Vereinigung im Eigentum der Bundesregierung, ist der größte Konzern der Welt. Sie gebietet über die 8000 Unternehmen der ehemaligen DDR. Die meist völlig heruntergekommenen Firmen sollen durch Sanierung oder durch Verkauf auf West-Niveau gebracht werden - ein beispielloser Job.
Der ehrgeizige Rohwedder, in Berlin noch ein wenig selbstgefälliger als an der Ruhr, ist, gemessen an seinen bisherigen Berufsstationen, gewiß ein guter Griff. Die doppelte Erfahrung als Beamter in Bonn und als Manager in einer Krisenbranche wird dem Anstaltsleiter sehr von Nutzen sein.
Doch so gut sich der Lebenslauf liest, so exzellent Rohwedder ins Anforderungsprofil der Treuhandspitze zu passen scheint - der Erfolg ist keineswegs garantiert. Das größte Problem der Anstalt, das Rohwedder zu bewältigen hat, ist der Mann an der Spitze selber.
Kollegen, aber auch seine Kunden aus Industrie und Handel berichten über vielerlei Schwierigkeiten mit dem betont auf Distanz bedachten Anstaltsleiter. Der hochgewachsene Manager, der im Gespräch aufreizend gelangweilt wirken kann, verbreitet eine Aura der Unnahbarkeit um sich.
Dialoge schätzt er nicht sehr, Widerspruch mag der dünnhäutige Rohwedder schon gar nicht. Und wer ihn mal irgendwie getroffen hat, der darf sich jahrzehntelanger Verfolgung sicher sein.
Unmißverständlich gibt Rohwedder zu erkennen, daß er es als einen Gunsterweis empfindet, wenn ein Mittelständler oder Provinzunternehmer ihm von seinen Sorgen in der schwierigen Welt der Ex-DDR erzählen darf. Der Herr hält hof.
Einer, der den Treuhandchef in Bestform erlebt hat, ist Wolfgang Momberger, Vorstandsmitglied des Hotelkonzerns Steigenberger. Mombergers Firma hat Pachtverträge für die ostdeutsche Hotelkette Interhotel abgeschlossen, die Rohwedder aber rückgängig machen will. Nur zu gern hätte Momberger einmal mit dem Treuhandchef geredet. Doch wie kommt man an Rohwedder ran? Briefe, die der Hotelmanager an ihn richtete, wurden nicht beantwortet, Telefonanrufe nicht durchgestellt.
Nur einmal gelang es Momberger, Rohwedder zu sprechen, Ende vergangenen Monats. Der Treuhandchef hatte vor der Frankfurter Industrie- und Handelskammer einen Vortrag ("Privatisierung in der DDR") beendet, Momberger ging auf ihn zu und sprach ihn an.
Der Steigenberger-Manager wurde schnell und kühl abgefertigt. Das Thema, meinte Rohwedder, sei derzeit besser bei den Rechtsanwälten aufgehoben: "Die müssen ja auch was verdienen." Sprach's und ließ Momberger stehen.
So war er immer. Im Westen hat sich Rohwedder weder bei Hoesch noch unter den Stahlkollegen anderer Firmen Freunde erhalten.
Wer dem SPD-Mitglied auf die Genossen-Tour kommt, der hat es schon gar nicht leicht bei ihm. Lufthansa-Chef Heinz Ruhnau, zu Rohwedders Bonner Zeiten ebenfalls SPD-Staatssekretär, beschwerte sich vor sechs Wochen bei dem Kollegen lautstark darüber, daß er mit seinen Plänen zum Kauf der einstigen DDR-Gesellschaft Interflug so lange hingehalten werde. Schnell wies ihn Rohwedder aus dem Zimmer.
Mit der Partei, in die er nach der Berufung durch seinen Förderer Karl Schiller, den ehemaligen SPD-Wirtschaftsminister, vornehmlich der Karriere wegen eingetreten war, hat Rohwedder überhaupt nichts im Sinn. Manager mit SPD-Parteibuch wie Ruhnau, Friedel Neuber von der Westdeutschen Landesbank, Preussag-Chef Ernst Pieper oder Manfred Schüler von der Kreditanstalt für Wiederaufbau laden ihn zu ihren regelmäßigen Sozi-Kränzchen erst gar nicht ein.
Anerkennung trägt Rohwedder bei den Genossen wie bei den Managerkollegen jetzt der Umstand ein, daß er mit dem endgültigen Wechsel nach Berlin auf einiges Geld verzichtet. Bei der Treuhandanstalt verdient Rohwedder mit einem Jahressalär von rund einer Million Mark deutlich weniger als bei Hoesch. Der Manager, der durchaus aufs Geld guckt, verzichtet auf etwa eine halbe Million Mark, der Ehre und der spannenderen Aufgabe wegen.
Doch die Selbstlosigkeit hat auch Grenzen. Rohwedder möchte nur zu gern neben dem Treuhandjob den Aufsichtsratsvorsitz bei Hoesch übernehmen, den gegenwärtig noch der Deutsche-Bank-Vorstand Herbert Zapp innehat.
Als Chefkontrolleur bei dem Dortmunder Konzern könnte er am ersten Wohnsitz Düsseldorf auch weiterhin die gewohnten Annehmlichkeiten genießen. Rohwedder ständen dann im Rheinland Fahrer und Sekretärin zur Verfügung. In der Hoesch-Villa am Rheinufer von Oberkassel, gleich neben dem Prunkbau von Thyssen-Chef Dieter Spethmann, dürfte er wohnen bleiben.
Der Posten in Dortmund würde Rohwedder zudem eine angesehene Beschäftigung nach der aktiven Managerzeit sichern. Schon lange vorher hat Rohwedder nach einem solchen Amt Ausschau gehalten. Nachfolger von Berthold Beitz als oberster Krupp-Verweser - das wäre er am liebsten geworden. Doch der Herr auf Villa Hügel blockte alle Vorschläge ab.
Die Deutsche Bank wird den Hoesch-Posten wohl frei machen. Wer sich selbstlos wie Rohwedder der vaterländischen Aufgabe im deutschen Osten stellt, soll schließlich ordentlich belohnt werden.
Es wird ja schwer genug, eiserne Nerven sind vonnöten. Noch werden selbst todkranke Firmen im Osten durchgezogen, mit Milliarden-Spritzen der Treuhand.
Doch nächstes Jahr ist zu entscheiden, welche Firmen liquidiert werden sollen. Dann wird Rohwedder jener Mann sein, gegen den sich die Wut von Regionalpolitikern, Arbeitnehmern und Gewerkschaftern richtet.
Rund 40 Firmen stehen inzwischen auf der Todesliste. Einige hundert werden voraussichtlich hinzukommen.
Rohwedder hat die Anweisung gegeben, die Liste streng vertraulich zu behandeln. Vor der Bundestagswahl und vor dem Weihnachtsfest soll keine Unruhe aufkommen.

DER SPIEGEL 46/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/1990
Kein Titelbild vorhanden
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Treuhand:
Schnell und kühl

  • Eklat im Weißen Haus: Pelosi bricht Treffen mit Trump ab
  • Beeindruckendes Unterwasservideo: Taucher filmt Riesentintenfisch-Ei
  • Rennen in Australien: Solarfahrzeug brennt lichterloh
  • Walforschung per Drohne: "Wir sehen, wie diese Tiere ihre Beute manipulieren"