08.10.1990

ZeitgeschichteWerwolf und Hyäne

Das ZDF erinnert an das Verfahren gegen den Massenmörder Fritz Haarmann und an den Prozeßbeobachter Theodor Lessing.
Seinen Opfern biß er die Kehle durch, dann zerlegte er sie wie ein Metzger. Was er mit dem Menschenfleisch, pro Leiche etwa acht Aktentaschenfüllungen, machte, wurde nie geklärt. Doch die Knochen fand man in Hannover, dem Schauplatz der Verbrechen, wieder. Sie lagen auf dem Grund der Leine und in einem Teich der Herrenhäuser Schloßgärten.
Die monströsen Taten des Massenmörders Fritz Haarmann, der zwischen 1918 und 1924 mindestens 24 junge Männer im sexuellen Rausch tötete und dafür 1925 hingerichtet wurde, überforderten die Zeitgenossen. Das Gericht weigerte sich, die Hintergründe der bestialischen Morde Haarmanns, der ein von den Behörden geschätzter Polizeispitzel gewesen war, aufzuklären. Die Presse erging sich hauptsächlich in Sensationslüsternheit. Schlagerselig trällerte es später: "Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen macht er Hackefleisch aus dir."
Daß der Fall Haarmann dem bloßen Erschauern einer sensationslüsternen Öffentlichkeit entrissen wurde, ist dem jüdischen Philosophen Theodor Lessing (1872 bis 1933) zu verdanken. Er, den das hannoversche Schwurgericht erst als Sachverständigen ablehnte und dann als Prozeßbeobachter ausschloß, analysierte das Phänomen Haarmann genauer als seine Zeitgenossen.
In dem modernen Menschen, so die kühne Botschaft des Linken Lessing, lauere ein mörderisches Tier, aggressiv wie Haarmann, gezähmt nur durch kulturelle Anstrengung. Gerate eine Gesellschaft - wie die nach dem Ersten Weltkrieg - aus den Fugen, komme die Bestie an die Oberfläche.
Verstockte Richter und eine hetzende Rechtspresse wollten davon nichts wissen; Adolf Hitler und seine Mordgesellen übernahmen.
In der ZDF-Reihe "Deutsche Erbschaften" (Sendetermin: Montag, 8. Oktober, 22.10 Uhr) gelingt es Gisela Marx mit Spielszenen und alten Fotos, den Fall Haarmann aufzurollen und dem Beobachter Theodor Lessing ein Denkmal zu setzen. Sie stützt sich neben Lessings Haarmann-Porträt "Die Geschichte eines Werwolfs" vor allem auf eine vor drei Jahren erschienene Lessing-Biographie, die auch Haarmanns Mutterstadt eindringlich beschreibt.
Im Hannover zu Anfang der zwanziger Jahre vollzogen sich hinter der Fassade protestantischer Wohlanständigkeit rapide Veränderungen. Die Lebemänner der Inflation verjubelten ihr Geld in den Kaschemmen rund um den Bahnhof, einen Drehpunkt für den Schwarzhandel. Ein Hauptzentrum des neuen Lasterlebens war die malerische Altstadt, eine Ansammlung von winzigen Absteigequartieren.
Hier haust unter kleinen Gangstern Haarmann, ein arbeitsloser Hehler, der seine Jugend in Gefängnissen und Irrenanstalten verbracht hat. Ihn macht die Polizei zum Spitzel. Er durchkämmt die Gegend um den Bahnhof, die Wartesäle und Treffs der Homosexuellen. Bahnhofspolizisten grüßen Haarmann ehrerbietig. Mit einem ehemaligen Kommissar gründet er ein "Amerikanisches Detektivinstitut Lasso".
Dermaßen geschützt, kann sich Haarmann unbehelligt seine Opfer suchen. Als Verdacht auf ihn fällt, ist es ihm ein leichtes, seine Freunde von der Polizei zu täuschen. Nur durch einen Zufall wird der Massenmörder entdeckt. Im Prozeß bemühen sich Richter und Staatsanwalt vor allem, seine Nähe zur Polizei zu vertuschen.
Lessing, außerordentlicher Professor für Philosophie mit einem Lehrauftrag an der Technischen Hochschule, sammelt alles Material über den Fall und bietet sich dem Gericht als Sachverständiger an. Doch dort will man von einem "Feuilletonisten" und - damals ein noch größeres Schimpfwort - "Psychologen" nichts wissen. Theodor Lessing wird abgelehnt.
Dem Professor, der nun nur als Presseberichterstatter für das Prager Tagblatt zugelassen ist, bietet sich "das traurige Kleinstadtschauspiel gekränkten Juristenehrgeizes, medizinischer Selbstgerechtigkeit und amtlichen Machtmißbrauchs".
Lessing kritisiert in seinen Reportagen, daß das Gericht nichts unternimmt, die psychologischen Hintergründe des Falles aufzuklären. Ihm wird auch die Zulassung als Gerichtsreporter entzogen.
Das Verbot hindert ihn nicht, sich weiter mit dem Fall zu beschäftigen, nicht als ein vor Einfühlungsanstrengungen triefender Gerichtsreporter, sondern als wortgewaltiger Analytiker. So beschreibt er das Verhältnis zwischen "Werwolf" Haarmann und dessen Geliebten Hans Grans, einem jungen Schnösel, der wie eine "Hyäne" (Lessing) die Zuwendung Haarmanns eiskalt ausnutzt:
"Man denke sich in den Tiefen der Untersee einen zähen, klugen Taschenkrebs, welcher nistet auf dem Höhlenhaus eines im Dunkel sich vollsaugenden, schleimigen Quallentieres, etwa eines pflanzenhaften Riesenpolypen, so hat man ein ungefähres Bild für die merkwürdige ,Symbiose' von Triebverbrechen und Intelligenzdrohnentum, von Lebensirrsinn und Geistschmarotzerei."
Die Rechte verzeiht Lessing seine Beobachtungen nie, insbesondere, als er im Prager Tagblatt die Hohlheit des 1925 zum Reichspräsidenten gewählten Hindenburg angreift. Fanatische Burschenschaftler verfolgen den jüdischen Intellektuellen. Auf Druck der Rechtspresse verzichtet er auf seine Vorlesungen, 1933 wird er im tschechischen Exil von gedungenen Nazi-Mördern umgebracht.

DER SPIEGEL 41/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 41/1990
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Zeitgeschichte:
Werwolf und Hyäne

  • Beeindruckendes Unterwasservideo: Taucher filmt Riesentintenfisch-Ei
  • Rennen in Australien: Solarfahrzeug brennt lichterloh
  • Walforschung per Drohne: "Wir sehen, wie diese Tiere ihre Beute manipulieren"
  • Urteil gegen Katalanen-Anführer: Krawalle in Barcelona mit Verletzten und Festnahmen