25.06.1990

PresseMauer im Kopf

Ein Streit um die Bewältigung der Stasi-Vergangenheit in der DDR spaltet die linksalternative Tageszeitung.
Auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz fuhren am Montag letzter Woche ein VW Golf und ein Renault R5 aus West-Berlin vor, die bald von einer diskutierenden Menschenmenge umringt waren. Aus dem Kofferraum der Autos wurden Extrablätter der linksalternativen Tageszeitung (taz) verteilt, in denen die Empfänger suchend oder fluchend blätterten. Nach einer Stunde waren 4000 Exemplare weg.
Der 20seitige "Sonderdruck" der taz enthielt die Anschriften aller 9251 Wohnungen, Häuser und Dienstgebäude in der DDR, die der Kommission zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) als - meist getarnte - Stasi-Residenzen gemeldet worden waren. Das "Zeugnis totaler Überwachung" (taz), von dem der Verlag insgesamt 10 000 Exemplare gedruckt hatte, fand reißenden Absatz. Erst zwei Tage später begann die DDR-Ausgabe der taz mit dem Abdruck der Liste in drei Folgen.
Verzögert wurde die DDR-Publikation durch einen heftigen Konflikt zwischen den West-Berliner tazlern und ihren Ost-Berliner Kollegen. In einer vierstündigen lautstarken Vollversammlung hatten die DDR-Redakteure am Freitag vorletzter Woche gegen die Veröffentlichung der Stasi-Adressen protestiert.
Sie befürchteten, daß die Bewohner der ehemaligen Stasi-Objekte "zum Ziel von Unterstellungen, Verdächtigungen und Gewalttätigkeiten" werden könnten. Deshalb sollten die Haus- und Wohnungsnummern der konspirativen Adressen geschwärzt werden.
West-tazler hielten das für ein "vorgeschobenes Argument". Andere, denen "das Bedenken einleuchtete", wie Redakteur Klaus Wolschner, 38, fanden es gleichwohl "politisch falsch, es zum alleinigen Kriterium zu machen". Kollegin Brigitte Fehrle, 35, sah gleich die ganze antiautoritäre Tradition der taz (West-Auflage: 65 000) berührt, denn "mit dem Argument, möglicherweise unbeteiligte Personen schützen zu wollen, operieren die Nachrichtendienste, die Polizei, die Innenverwaltungen".
In der stürmischen Debatte zeigte sich schnell, daß die Motive für die Ost-West-Spaltung bei der taz tatsächlich tiefer reichten als bis zum Daten- und Personenschutz. So vergaloppierten sich Redakteur Andre Meier, 29, und Geschäftsführer Jürgen Kuttner, 32, von der Ost-taz mit dem Einwand, eine "lückenlose Aufarbeitung" der DDR-Vergangenheit sei zwar geboten, doch könne "uns diese Arbeit nicht von außen abgenommen werden".
"Ich mische mich ein, wo ich will", trompetete Brigitte Fehrle dagegen, "sonst hätten wir doch auch über Nicaragua nicht berichten können." Die Vollversammlung beschloß, gegen die Stimmen der Ost-Kollegen, die Veröffentlichung der Liste in den taz-Ausgaben für die DDR und Berlin. Eine Auseinandersetzung mit der Stasi-Vergangenheit in der DDR, so die Begründung, sei "ohne radikale Öffentlichkeit" nicht möglich.
Doch am folgenden Sonnabend lief alles ganz anders. Die dreiköpfige Chefredaktion wollte nicht gleich bei der ersten Belastungsprobe einen Bruch mit den DDR-Kollegen riskieren, die ihre Ausgabe (Auflage: 45 000) Ende Februar gestartet haben.
Als Kompromiß entstand der taz-Sonderdruck mit erklärenden Hinweisen auf die "ehemaligen Stasi-Liegenschaften, deren jetzige Bewohner mit dem früheren MfS nichts mehr zu tun haben". Es folgen die gut 9000 Stasi-Adressen von Adorf, Elsterstraße 60, bis Zwoschwitz, Hausnummer 31, samt einer Erklärung aller Dienstkürzel, etwa: KW Z HA XVII (Konspirative Wohnung der MfS-Zentrale, Hauptabteilung für Passierscheine/Schleusungen).
In der regulären Montagsausgabe der taz wurde die kostenpflichtige Zusendung des Sonderdrucks auf Bestellung angeboten. Doch damit ging der Zoff von vorne los. taz-Mitgründer Max Thomas Mehr, 36, empörte sich über einen "Putsch am Wochenende". Ein Redakteurstrupp schnappte sich 4000 Exemplare des Sonderdrucks und verteilte sie gratis auf dem Alexanderplatz. Und abends saß die Vollversammlung wieder lautstark streitend in der Kantine.
Filialchef Kuttner ging zum Angriff über. Die "Partisanenaktion vom Alex" werde mit einer "Partisanenaktion" beantwortet, verkündete der einstige DDR-Wehrpflichtige markig. Die der Ost-Redaktion überlassenen 3000 Sonderdrucke seien unter Verschluß gelegt worden.
Die Debatte im taz-Plenum machte deutlich, daß die unterschiedlichen Lebenswelten in West und Ost, von der Schulerziehung bis zur Journalistenausbildung, eine Tendenz zu offensivem Vorgehen hüben und zu defensivem Verhalten drüben gefördert haben. Hinzu kommt, daß die DDR-tazler ihrem "Volk von 16 Millionen Idioten", wie einer sich ausdrückte, mißtrauen.
West-Redakteurin Petra Bornhöft, 38, spitzte den Konflikt zu, als sie sich bereit erklärte, "in diesem Fall Risiken einzugehen". Sie berief sich auf andere riskante taz-Veröffentlichungen, etwa eine Liste von Firmen, die am - inzwischen eingestellten - Bau der atomaren Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf beteiligt waren.
Redakteur Mehr hält die Warnungen vor einer Art "Selbstjustiz- und Hooligan-Gesellschaft" in der DDR für "Hysterie" von Leuten, in deren Umgebung "vorher nie 'ne Scheibe zu Bruch ging". So ähnlich sieht das wohl auch der Ost-Berliner Magistrat, der den taz-Sonderdruck in 115 öffentlichen Bibliotheken auslegte.
Chefredakteurin Georgia Tornow, 42, hatte schon bei der Gründung der DDR-taz geahnt, daß "wir uns damit deutschdeutschen Streit ins Haus holen könnten, und genau das ist passiert". Dazu mag beitragen, daß die Ost-Berlin-Redaktion nicht aus taz-Gewährsleuten der früheren Dissidentenszene besteht - die sind inzwischen alle politisch aktiv -, sondern aus Vertretern der Nach-Wende-Opposition. "Und dazu", sinniert tazlerin Tornow, "gehört ja auch die frühere Staatspartei."
DDR-Kenner Wolschner beobachtete eine auffallende Abstinenz von DDR-Journalisten bei "Enthüllungen zur Staatssicherheit", die "fast ausschließlich von West-Journalisten geleistet wurden" - oder aber von Oppositionsleuten, die einst aus der Honecker-DDR ausgebürgert wurden.
Einer von ihnen, der frühere Organisator der Jenaer Friedensbewegung und heutige West-Berliner Fernsehjournalist Roland Jahn, 36, plädierte in der Montagsdebatte um die Stasi-Liste für eine Veröffentlichung in der DDR-taz. Er wisse selbst, so Jahn, "wie sehr man zuerst noch gefangen" sei von den Denkmustern der Agitation und politischen Lenkung in der früheren DDR-Informationspolitik. Seine Forderung an die Ost-Berliner Kollegen: "die Mauer im Kopf abreißen". f

DER SPIEGEL 26/1990
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