12.11.1990

PresseElektrischer Stuhl

Der umkämpfte Springer-Verlag trennt sich von seinem Konzernchef.
Peter Tamm, 62, ging keinem Streit aus dem Wege. Der Vorstandschef des Axel Springer Verlags (Bild, Welt) bekriegte sich mit Gegnern wie Partnern seines Unternehmens, und er gewann seine Schlachten wie der von ihm verehrte Lord Nelson. Jetzt aber hat "der Admiral", wie Tamm bei Springer genannt wurde, sich selbst besiegt.
"Einvernehmlich", hieß es in einer Verlagserklärung am Freitag letzter Woche, scheide Tamm zum 10. Juli kommenden Jahres als Konzernboß aus und mache Platz für den früheren Zigarettenmanager Günter Wille, 47 ("Marlboro"). Bis zuletzt hatte Aufsichtsratschef Bernhard Servatius, 58, erklärt, die Tamm-Nachfolge stehe "am 30. Juni 1993 an und nicht einen Tag eher".
Der vorzeitige Abgang des Befehlshabers in den Springer-Aufsichtsrat besiegelt seine Niederlage im jahrelangen, spektakulären Kampf gegen den Münchner Filmgrossisten Leo Kirch, 64. Mit Pressekampagnen (Bild: "Herr Kirch, Sie sind ein Verlierer") und Prozessen versuchte Tamm, den machtlüsternen Teilhaber bei Springer und beim Fernsehsender Sat 1 wieder loszuwerden, nachdem er ihn selbst einst hinter dem Rücken seines Verlegers Axel Springer dort eingeschleust hatte.
Es sei "Tamms Tragik", meint ein leitender Mitarbeiter, daß er sich durch die Fehlentscheidung für Kirch, die er später unumwunden einräumte, um ein "ruhmvolles Ende" seiner 42jährigen Springer-Laufbahn gebracht habe. Unmittelbarer Anlaß für seinen abrupten Abschied waren Konflikte über den Fall Kirch mit Tamms erst seit September amtierendem Stellvertreter Wille, der sich nun ohne ausreichende Einarbeitung in einem auf Tamm eingeschworenen Vorstand zurechtfinden muß.
Tamm behandelte den Zigarettenmann Wille von Anfang an als Störenfried. Noch auf der Springer-Hauptversammlung Mitte Juli in Berlin verkündete Tamm, mit "Herrn Willes Wahl" sei seine "Nachfolge in keiner Weise präjudiziert". Zugleich schob er dem Neuen das Arbeitsgebiet Elektronische Medien zu, das in der Branche eher als eine Art elektrischer Stuhl für Wille betrachtet wurde: Dazu zählen der Springer-Anteil bei Sat 1 und die fallenreichen Auseinandersetzungen mit dem ebenfalls beteiligten Kirch.
In Konkurrenzverlagen wurden bereits heimliche Nachrufe auf Wille gehalten. Doch nicht Wille, sondern Tamm stolperte - über Leo Kirch. Der war von Tamm ursprünglich als "Vollblutunternehmer" gefeiert worden. Tamm hielt heimlich Kontakt zu dem Münchner, obwohl sich Axel Springer von Kirch bei einem Filmgeschäft betrogen glaubte ("Der ist ein Krimineller"). Bei Sat 1 hielt Tamm den Grossisten mit seinem Filmsilo für "unverzichtbar".
Doch Kirch bootete die Springers beim Programmgeschäft aus, machte die Millionen lieber allein und erhöhte seinen offiziell erworbenen 10-Prozent-Anteil bei Springer mit Hilfe von Treuhändern auf über 26 Prozent.
Mittlerweile beherrscht oder beeinflußt der Händler die TV-Kanäle Sat 1, Pro 7 und Teleclub. Nach Tamms Abgang rückt der von Kirch erstrebte gigantische Medienverbund von Zeitungen, Programmblättern wie Hörzu und Fernsehprogrammen näher; Springer wird dem ungeliebten Teilhaber einen oder zwei Aufsichtsratsposten anbieten, um den kräfteverzehrenden Krieg zu beenden. Tamm, der Kirch seit dem Bruch Ende 1987 kompromißlos bekämpfte und dabei den eigenen Ruf nicht schonte, konnte den Tycoon nicht mehr stoppen.
Zum Schluß ging der Springer-Chef in einem Verwirrspiel von Intrigen, Slapstick und absurdem Theater unter. Unstreitig ist, daß Tamm Mitte Oktober - an Wille vorbei - ein Gespräch mit einem Vermittler aus Wien geführt hat, dem von Kirch entsandten Kommerzialrat Hans Wewalka, der zuvor schon für Kirch an Schlichtungsgesprächen beteiligt war. Wille, von Vorstand und Aufsichtsrat mit den Kirch-Verhandlungen beauftragt, wurde von Kirch auf die neue Wewalka-Initiative verwiesen und abgeblockt.
Der Marlboro-Mann ließ sich den Tort nicht gefallen und ging vor den Aufsichtsrat. Bei einem großen Palaver vorletzte Woche im Berliner Springer-Verlagshaus mit Kirch und Wewalka konnte der Konflikt zwischen Tamm und Wille nicht entschärft werden. Tamm half die Vermutung nicht weiter, er sei auf eine "sauber eingefädelte Intrige" von Kirch hereingefallen. Eine Entscheidung wurde unausweichlich, der Aufsichtsrat votierte für den Jüngeren.
Wewalka gab sich Stunden nach Tamms Entmachtung noch ahnungslos über "die Interna" zwischen den Springer-Führern: "Ich hoffe, daß die sich jetzt vertragen." o

DER SPIEGEL 46/1990
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