25.06.1990

RechtsextremistenEndlich mal einer

Auf Vortragsreisen durch die DDR läßt sich der umstrittene Erfolgsautor David Irving als Ehrenretter des Nationalsozialismus feiern.
Die gelben Aushänge an den Scheiben des Dresdner Kulturpalastes warben für einen außergewöhnlichen Auftritt. "Der in der Welt am meisten gelesene Historiker", lockten die großspurigen Ankündigungen, lade ein zu einem einzigartigen "Ausflug in die Wahrheit".
Eine "ungewöhnliche Reise" in die "Zeitgeschichte" wurde die Veranstaltung in der Tat: Erst räumte der Redner mit den "Propagandalügen" vom Holocaust auf. Dann enthüllte der Dozent unter Applaus seiner Zuhörer, wie die sogenannten Siegermächte seit Jahrzehnten mit "gefälschten Akten" über Nazigreuel "das deutsche Volk erniedrigen". Und zum Schluß erfuhr das Publikum auch noch, was der Vortragende von Geschichtswissenschaftlern hält, die seine Thesen nicht teilen: alles "Feiglinge und Lügner".
Die provozierenden Urteile über die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands und ihre seriösen Erforscher präsentierte dem Dresdner Publikum ein Mann, der im Westen zunehmend zum Guru bundesdeutscher Neonazis avanciert und der nun auch dem braunen Bodensatz in der DDR Auftrieb verschafft: der britische Schriftsteller und Dritte-Reich-Kenner David Irving, 52.
Rund ein Dutzend Vorträge - den Auftakt machten in diesem Monat Auftritte in Dresden, Leipzig und Gera - hat Irving im anderen Deutschland bereits fest eingeplant. Motto: "Ein Engländer rettet die Ehre der Deutschen." Weil der Brite in der Bundesrepublik jüngst Auftrittsverbot erhielt, will er die Ost-Veranstaltungen nutzen, um dort weiterhin die NS-Verbrechen verharmlosen zu können. Irving: "Ich betrachte Mitteldeutschland als meinen neuen Stützpunkt."
Die DDR-Tournee, die das ehemalige SED-Blatt Neues Deutschland wohl zu Recht als "beispiellosen Skandal" anprangerte, ist der jüngste spektakuläre Coup eines Schriftstellers, der seit gut einem Vierteljahrhundert für Wirbel sorgt.
Den Eintritt in die Riege der Bestseller-Autoren und international bekannten Interpreten des Dritten Reiches verschaffte sich Irving 1963. Für seinen Erstling "Der Untergang Dresdens" sichtete er etwa in britischen Militärarchiven, aber auch in der Sachsenstadt zuvor unbeachtete Unterlagen über die Hintergründe des englischen Luftangriffs auf Dresden.
Seither gefällt sich Irving, der kein abgeschlossenes Studium absolviert hat, in der Rolle des Außenseiters, der prominenten Historikern mangelnde Quellenkunde und handwerkliche Ungenauigkeiten vorwirft. Irving: "Die forschen ja gar nicht richtig."
Mit seiner Wühlarbeit brachte der Autor heftig umstrittene, aber immer materialreiche Biographien der Größen des Zweiten Weltkriegs zustande: über Feldmarschall Erwin Rommel, Reichsmarschall Hermann Göring oder auch über Englands Premier Winston Churchill. Mit seinen Büchern, von denen mitunter auch der SPIEGEL sorgfältig gewählte und geprüfte Auszüge druckte, zwang der Brite die Kollegen vom Fach, hergebrachte Thesen zu überprüfen und * Am 5. Juni in Dresden. manch eine Interpretation zumindest zu modifizieren - etwa die allzu glorifizierende Darstellung Rommels als Widerstandskämpfer.
Das Irving reichlich zufließende Material verleitete ihn allerdings zu einer fahrlässigen Aktengläubigkeit, die ihn andere Indizien ignorieren ließ. Zudem tendierte Irving mehr und mehr zu extremen Urteilen.
Vollends in die Schußlinie der Fachwelt geriet Irving Ende der siebziger Jahre mit einem Hitler-Werk. Gestützt auf neue, aber nicht sonderlich beweiskräftige Dokumente, behauptete der NS-Experte, der Führer habe nichts von der Massenermordung der Juden gewußt. Die Fachkritik war vernichtend, Irvings Ruf ramponiert.
Seither verstrickt sich der Autor, von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, zunehmend in abstruse Thesen. Mit allerlei Fotos und Unterlagen glaubt er belegen zu können, daß es keine "Vernichtungslager" gegeben habe. Dieses Wort sei bei ihm "ausgerottet".
Der Massenmord in Auschwitz, behauptet Irving, das in der Bundesrepublik strafbewehrte Wort von der Auschwitz-Lüge wohlweislich meidend, sei "nur eine Legende". Die heute in Konzentrationslagern gezeigten Gaskammern stellt er als "bloße Attrappen" hin.
Mit seiner beschönigenden NS-Darstellung driftete Irving schließlich ins rechtsradikale Lager ab. Der extremistische Münchner Verleger Gerhard Frey, 57, Herausgeber einschlägiger Blätter wie der Deutschen National-Zeitung und Herr über insgesamt sieben rechte Splittergruppen, warb wiederholt für die Auftritte des perfekt Deutsch sprechenden Londoners.
Auch Neonazis wie der selbsternannte Führer der westdeutschen braunen Bewegung, Michael Kühnen, 34, wollen Irving künftig verstärkt als Aushängeschild nutzen, sie planen "enge Zusammenarbeit". "Mit so einer Respektsperson", hofft Kühnen, "kommen wir auch an Kreise heran, die uns sonst meiden."
Bereits im August soll Irving auf der "größten Veranstaltung der radikalen Rechten" (Kühnen) auftreten, einer Gedenkkundgebung für den Führer-Stellvertreter Rudolf Heß im bayerischen Wunsiedel. "Herr Irving", freut sich der hessische Kühnen-Mitstreiter Heinz Reisz, 52, "wird uns bestimmt viel öffentliche Beachtung bringen."
Ob der Auftritt genehmigt wird, ist allerdings fraglich. Irvings Kundgebung jüngst in Passau wurde kurzfristig unterbunden, weil die Stadt rechte Randale befürchtete. Nach dem Ausländergesetz kann die "politische Betätigung" von Fremden verboten werden, "wenn die Abwehr von Störungen der öffentlichen Sicherheit es erfordert".
Ausgerechnet in der streng antifaschistisch getrimmten DDR lassen Städte den britischen Rechtsausleger aus offensichtlicher Unwissenheit auf die Bühne - zur Empörung vieler Zuhörer. "Nachdem uns jahrzehntelang so viel vorenthalten worden ist", erregte sich die Dresdner Entwicklungsingenieurin Regine Kunze, 47, über Irvings Kulturpalast-Gastspiel, "hatten wir seriöse Aufklärung über die NS-Zeit erwartet und keinen Faschisten."
Dem Großteil der rund 150 Zuhörer in Dresden, darunter etliche junge Männer mit Stoppelschnitt und Fliegerjacke, aber gefiel der Irving-Auftritt. Kai, 16, vom Landesverband Sachsen der Republikaner-Jugend ("Wir sind bestimmt mit 20 Mann hier") hält große Stücke auf "diesen gebildeten Herrn". Kai: "Endlich mal einer, der die Deutschen nicht schlechtmacht."
Daß ihm seine Ost-Vorträge kaum Geld bringen ("Eintritt: 10 Mark/Einheimische"), stört den Schriftsteller angeblich wenig. Bei einer "weltweiten Auflage von 10 bis 20 Millionen Büchern", sagt Irving, sei er schließlich kein armer Mann.
Im September sollen in Deutschland im Buchkonzern des Münchner Erzreaktionärs Herbert Fleissner zwei Irving-Seller erscheinen. Der Berliner Ullstein-Verlag bringt das alte Rommel-Werk noch einmal auf den Markt. Der Münch* Bei einer Irving-Rede im April in München. ner Herbig-Verlag stellt die deutsche Fassung des Churchill-Opus vor.
Den Briten scheint es kaum zu berühren, daß ihm Historiker wie der Bochumer Zeitgeschichtler Hans Mommsen, der ihn einst für die "Präzision im Detail" lobte, nun vorhalten, er sei endgültig "in die Fänge deutscher Neonazis geraten".
"Ich habe die Wahrheit in meinem Besitz", verteidigt Irving seine ostdeutschen Missionsreisen, "und ich muß sie verbreiten."

DER SPIEGEL 26/1990
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