25.06.1990

PsychiatrieDaß es das noch gibt

In einer psychiatrischen Klinik bei Hannover herrschen Zustände wie im Mittelalter. Die zuständige Landesregierung blieb jahrelang untätig.
Der erste Eindruck ist paradiesisch. Die Wahrendorffschen Kliniken in Sehnde östlich von Hannover liegen mitten in einem riesigen Park. In den Bäumen zwitschern Vögel, zwischen weinberankten Häusern und Blumenrabatten laden Bänke zum Verweilen.
Die Idylle trügt. Der Alltag in dem psychiatrischen Privatkrankenhaus - mit über 360 Betten für akut Kranke und rund 950 für chronisch Behinderte eines der größten Europas - ist der Hölle meist sehr viel näher als dem Paradies. Bislang unveröffentlichte Papiere deuten auf wahre Horror-Zustände.
Mitglieder einer Arbeitsgruppe, die im Auftrag des niedersächsischen Sozialministeriums die Verhältnisse in der 1862 von Apothekersohn Friedrich Wahrendorff gegründeten Privat-Psychiatrie untersuchten, wähnten sich in einem Alptraum. Sie fanden marode Häuser mit defekten Treppen vor und düstere Räume, "unordentlich, verschmutzt", in denen viel zu viele Patienten gehalten wurden - manchmal kaum besser als Tiere.
Nicht weit entfernt von jenem Haus im Sehnder Ortsteil Ilten, in dem jahrelang der bisherige Ministerpräsident Ernst Albrecht wohnte, fanden die Kommissionsmitglieder Zustände fast wie im Mittelalter - vor allem in einem Gebäude, in dem 46 meist geistig, aber auch körperlich behinderte Männer mehr vegetierten als lebten.
Das Personal, ständig überfordert, wirkte auf die Gutachter entnervt. Patienten wurden von den Pflegern nicht selten "fixiert", also an Bett oder Stuhl gefesselt. Die Schlafsäle waren "karg und unwohnlich", in einem Fall sogar noch mit 15 "jahrzehntealten, am Boden festgeschraubten Betten" ausgestattet; Schränke und Nachttische fehlten. Der Raum, so der Bericht, entspreche "in keiner Weise therapeutischen Standards und menschlichen Bedürfnissen".
Er habe sich, gestand ein Kommissionsmitglied nach Besichtigung der Wahrendorffschen Verwahr-Kammern, bisher nicht vorstellen können, "daß es das bei uns noch gibt".
Was der Bericht, der bislang unter Verschluß gehalten wurde, darstellt, ist Teil eines Klinik-Skandals, den die niedersächsischen Behörden jahrelang verschlafen haben. Unbehelligt von jeglicher Amtskontrolle, konnten die Wahrendorff-Erben ihre Großklinik fachlich und finanziell herunterwirtschaften.
Dabei gab es schon vor langer Zeit erste Hinweise auf katastrophale Bedingungen in dem Privatkrankenhaus in Sehnde.
Bereits 1979 hatte der SPD-Landtagsabgeordnete Fritz Riege, seit dem jüngsten Regierungswechsel Staatssekretär im hannoverschen Sozialministerium, von Bedingungen gehört, "die wir als Abgeordnete sicherlich so nicht hinnehmen können".
Riege beschwerte sich bei der Klinikleitung, Patienten, "die sich durchaus frei bewegen konnten", seien "über längere Zeit, bis über Stunden hin, am Bett, auf der Toilette oder am Stuhl festgebunden worden". Und schon am 16. Dezember 1985 monierte die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege "untragbare Zustände" in der Anstalt; beispielsweise habe "bekotete Wäsche in einem Waschbecken und teilweise auf dem Boden" gelegen. Im gleichen Jahr konstatierte der Amtsarzt auf einzelnen Stationen "qualvolle Enge".
Zu diesem Zeitpunkt war das Krankenhaus vor den Toren Hannovers auch dem Sozialministerium längst suspekt geworden - allerdings aus ganz anderen Gründen: Die Besitzer-Familie hatte das Unternehmen 1983 in mehrere rechtlich selbständige Einzelgesellschaften aufgesplittert, um dem Klinikbereich Dienstleistungen wie Waschen und Kochen, aber auch Abschreibungen und Zinsen für Vermögenswerte in Rechnung stellen zu können. Aus Protest gegen diese Regelung weigerte sich das Landessozialamt, weiterhin Pflegesätze mit der Privatklinik zu vereinbaren. Statt dessen wurden jahrelang nur Abschlagszahlungen überwiesen.
Ansonsten jedoch geschah nichts - obwohl die unmenschlichen Zustände schon in den siebziger Jahren Todesopfer gefordert hatten. Einmal stach ein Irrer, der sich von Gott ausersehen wähnte, "menschliches Unkraut" zu vernichten, in einem unbewachten Massenschlafsaal nachts mit einem Schraubenzieher auf schlafende Bettnachbarn ein. Ein anderes Mal setzten Kranke einen hilflosen Mitpatienten in eine Badewanne mit siedendem Wasser - das Opfer starb an Verbrennungen dritten Grades.
Bei der behördlichen Untätigkeit wäre es wohl noch lange geblieben, hätten nicht der Betriebsrat der Krankenanstalt und besonders dessen Vorsitzender Werner Horn immer wieder auf die unzumutbaren Bedingungen hingewiesen. Horn: "Auf Patienten einzugehen war bei der Ausstattung überhaupt nicht möglich."
Weil sich über Jahre hinweg nichts Grundlegendes änderte, selbst wenn Patienten das Personal gefährdeten, entschloß sich die Arbeitnehmervertretung 1985, öffentlich zu fordern, was die Geschäftsleitung angeblich bei den Kostenträgern - den Krankenkassen für den Akutbereich, dem Sozialministerium für den Langzeitbereich - nicht durchsetzen konnte: mehr Planstellen für Pflegepersonal.
Das erste Ergebnis der Betriebsratsbemühungen war eine Überraschung: Nach einem Gespräch im März 1988 bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse in Burgdorf stellte sich heraus, daß Krankenkassen und Sozialministerium bereits seit längerem 45 Stellen mehr genehmigt hatten, als dem Betriebsrat von der Klinikspitze genannt worden waren. Nach einer Aufstockung der Planstellen um 10 machte die Differenz immerhin noch 35 "tote Seelen" aus (SPD-Mann Riege).
Das war selbst dem CDU-geführten Sozialministerium in Hannover zuviel. Noch im Oktober des gleichen Jahres schaltete das nachgeordnete Landessozialamt in Hildesheim die hannoversche Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Wollert-Elmendorff Deutsche Industrie-Treuhand (Wedit) ein, um Licht in den Wahrendorff-Wirrwarr zu bringen.
Der Wedit-Bericht für das Jahr 1987 offenbarte, so der damalige Sozialminister Hermann Schnipkoweit, "beträchtliche Unregelmäßigkeiten" bei den Angaben über die tatsächliche Beschäftigtenzahl, bei der Höhe der Pensionsrückstellungen und bei den Abrechnungen der Dienstleistungen, die von den ausgegliederten Betrieben erbracht wurden. "Wesentliche Sachverhalte", heißt es in dem Papier, hätten trotz viermonatigen Forschens nicht aufgeklärt werden können - die Prüfer hatten "keinen Einblick in die Unterlagen der Gruppenunternehmen" bekommen.
Also mußten die Revisoren letztes Jahr noch einmal in Marsch gesetzt werden, um endlich den gesamten Betrieb zu durchleuchten. Ihr Abschlußbericht vom 2. April 1990 liest sich wie die Beschreibung eines sorgfältig organisierten Irrgartens.
Da tauchen die Kosten für zwei Putzfrauen gleich doppelt in den Unterlagen auf, während ein ebenfalls verzeichneter Datenschutzbeauftragter im Betrieb nie gesehen wurde. Bei einer Hauswirtschafterin, in den Papieren unter der Personalnummer 2 aufgeführt, handelte es sich um die "Ehefrau eines Geschäftsführers".
Hinter Sonderzahlungen, die, wie es im Prüfbericht vornehm heißt, "ohne Berührung der von der Personalabteilung verwalteten Unterlagen" geleistet wurden, verbargen sich nach den Wedit-Ermittlungen unter anderem 272 000 Mark Zusatzzahlungen an die Geschäftsführer Otto Schneeberger und Heinrich Thöne.
Außerdem fanden die Revisoren in den Büchern Zinskosten, die den von ihnen ermittelten Aufwendungen nicht entsprachen, ferner Pacht- und Mietaufwendungen, für die es keine gültigen Verträge gab. Bei den Kosten für ABM-Kräfte wurden Erstattungszahlungen des Arbeitsamtes nicht verbucht. Außerdem stießen die Prüfer auf eine - ihnen zuvor unbekannte - sechste Gesellschaft, eigens gegründet, um den Wahrendorffschen Grundbesitz zu verwalten und an die Klinik zu verpachten.
Den vollen Umfang des Chaos in Sehnde aufzuklären ist den Prüfern allerdings auch diesmal nicht gelungen. Diese Arbeit wird möglicherweise der Polizei und der Staatsanwaltschaft überlassen bleiben, die nun gegen die inzwischen abgelöste Geschäftsführung wegen Betrugverdachts ermitteln.
Immerhin hat das Sozialministerium anhand der Wedit-Berichte schon jetzt eine Rückforderungssumme von mindestens 33,2 Millionen Mark errechnet. Dazu kommen noch mehrere Millionen, um die sich der zweite Kostenträger, die Krankenkasse, betrogen sieht. Denn bei den Wedit-Prüfungen hat sich herausgestellt, daß akut Kranke, deren Kosten die Kassen übernahmen, zum Teil im sogenannten Langzeitbereich untergebracht worden waren, für den um 56 Mark niedrigere Tagessätze gelten.
Obgleich die tatsächliche Höhe der Wahrendorff-Schulden bisher nur zu vermuten ist, hat ein neuer Besitzer - die Münchner Riefler Klinik KG, die den Wahrendorffschen Betrieb zum 1. Juli übernehmen will - schon vollmundig erklärt, sie sei für die Forderungen "im Obligo". Über die Ausstellung dieses "Blankoschecks" war Walter Bockemühl von der AOK Burgdorf "sehr überrascht".
Insider befürchten, den Münchnern, die eine neue Konzession für den Klinikbetrieb mit dem Sozialministerium noch aushandeln müssen, könnte gar nicht so sehr an der Sanierung des maroden und hochverschuldeten Klinikbetriebes gelegen sein. Ihr Interesse gelte womöglich dem riesigen Wahrendorffschen Grundbesitz vor den Toren Hannovers.
Darauf deutet der Zeitpunkt, zu dem der Vertrag über den Verkauf der Kliniken an die Münchner abgeschlossen wurde: just einen Tag nach dem 14. Juni, an dem in Paris die Entscheidung für Hannover als Standort für die Weltausstellung im Jahr 2000 fiel.
Die Wahrendorffschen Besitzungen liegen unweit des vorgesehenen Ausstellungsgeländes. f

DER SPIEGEL 26/1990
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