25.06.1990

Nun sind auch die Bonzen das Volk

Dieter Hofmann, der geschundene Siegfried, der Mann, der sein halbes Leben für die gerechte Sache gab und der so bitterlich enttäuscht wurde, will jetzt reden. Er sagt: "Ich habe diesem Staat gedient, weil ich an ihn glaubte und weil ich Dank abstatten wollte. Ich werde so schnell nicht wieder an etwas glauben."
Dieter Hofmann war bis Anfang des Jahres Chef des Staatssicherheitsdienstes in der Kleinstadt Bad Liebenwerda im Süden der DDR. Jetzt sitzt er mit Ehefrau Elli und einem West-Reporter beim Wein unter einem Sonnenschirm im Garten und erzählt.
Also, mit der Stasi sei das so gewesen: "Meine Männer sind immer sauber geblieben. Wenn einer von denen gefoltert oder geprügelt hätte, den hätte ich selbst verprügelt."
Und die Gefängniszellen im Keller?
Zellen? Hofmann lacht heiser. Man merkt, wie das garstige Wort ihm auf der Zunge kratzt. Da hätten sie doch nur ihre Getränkekisten verwahrt.
Hofmann findet die Schwatzhubereien über die Stasi einfach lächerlich. Es gab Bedürftige, denen habe er sogar noch zu Arbeit und Brot und einem Dach über dem Kopf verholfen. Jawoll.
War die Stasi eine karitative Tarnorganisation?
Nun, so weit würde Hofmann nicht gehen. Eher ein Meinungsforschungsinstitut mit erweitertem Kompetenzbereich. Der Staat habe sich ja darüber informieren müssen, ob die Bürger ihre Pflichten im erforderlichen Umfang wahrnähmen.
Vor dem Haus hält ein Postbus mit der Tchibo-Bohne auf der Windschutzscheibe und der Aufschrift am Heck: "Quelle, da geht die Post ab." Frau Elli schenkt von dem lieblichen Pfälzer nach, den sie neulich vom Besuch in Braunschweig mitgebracht haben.
Mit Verhören, sagt Hofmann, hätten sie nichts zu schaffen gehabt. Dafür hatten sie Spezialisten von der vorgesetzten Dienststelle in Cottbus. Aber auch die Kollegen seien keine Unmenschen gewesen. "Zum Verhör gab es immer eine Bockwurst und eine Tasse Kaffee."
Oberstleutnant a. D. Dieter Hofmann hatte nur 35 Mann, davon 10, die operativ tätig waren. Aber wenn er bedenkt, welche Möglichkeiten er hatte, wird ihm ganz anders. "Wir wußten wirklich alles."
Gemach. Wer Anfang November einem seiner Mitarbeiter nachts die Räder von seinem Trabi geklaut und "Stasi doof" aufs verstaubte Dach geschrieben hat, das weiß er bis heute nicht. Die Stasi hat hier auch den deutschen Herbst nicht kommen sehen. Sie hat vor lauter Observieren fast überhaupt nichts gesehen.
Die Liebenwerder sprechen nicht gern über das Thema. Das Enthüllungsbedürfnis ist hier weitgehend gesättigt. Man hat manchmal den Eindruck, daß sie sich schämen, weil sie eine so dusselige Stasi hatten.
Unterdrückung wird durch die Beigabe von Trotteligkeit nicht entschuldbar. Die Stasi-Filialen in der Provinz haben die Menschen entmündigt und mutlos gemacht. Sie sind verantwortlich für die Aussitz-Mentalität, für den destruktiven Gehorsam, der den Nerv der Gesellschaft gelähmt und den Volkscharakter verbogen hat.
Hofmann ist jetzt mal ganz ehrlich: Er hat sich bei einem Samstagnachmittagsausflug nach Braunschweig den Klassenfeind und sein Umfeld in Ruhe angesehen. Was ihm ganz besonders aufgefallen ist: "Die Menschen drüben sind mißtrauischer. Unsere sind nicht so wach." Ja, warum denn wohl?
Doch das Gesetz von der bewußtseinsbildenden Kraft des Faktischen gilt nicht für Überzeugungskommunisten. Hofmann bekennt: "Ja, ich bin noch immer Kommunist. Was kann denn der Sozialismus dafür, was die Herren in Wandlitz aus ihm gemacht haben?"
Nein, nein, für Hofmann gibt es kein Vertun: Sozialismus ist gut, nur die Menschen sind schlecht. Die anderen sollen sich nur wenden lassen. Guten Appetit beim Krötenschlucken. Hofmann macht das nicht mit.
Jedenfalls nicht so schnell. Aber irgendwann braucht er wieder einen Beruf. Und wenn er hier keine Stellung findet, geht er vielleicht nach Westdeutschland, wo ihn keiner kennt.
Die anderen Langohren aus der Hasenburg, wie die Mitarbeiter der Stasi-Zentrale an der Leninstraße im Volksmund hießen, haben die Entstasifizierung ganz gut überstanden. Ebenso wie die Bonzen aus der SED-Kreisleitung, die sogenannten Rotsocken. Sie sind jetzt alle das Volk. Und das Volk ist ein gutes Versteck.
Ein paar ehemalige Parteiprinzipale stehen heute am Brennofen in der Steingutfabrik Elsterwerda. Einer sammelt alte Flaschen. Klaus Sehring, früher Wirtschaftsexperte in der Kreisleitung, arbeitet als Jungrindfachfütterer in der LPG Rothstein. Die Seilschaft der alten Genossen in den Betrieben läßt keinen hängen. Mit der Fettlebe ist es zwar vorbei. Aber man lebt. Einige haben sogar schon ein Westauto.
Bad Liebenwerda, eine kleine Stadt in der Lausitz - 6000 Einwohner, knapp ein Dutzend Kneipen, zwei Kirchen, ein Storchennest, demnächst ein Aldi-Markt. Eine freundliche, langweilige Kleinstadt mit landwirtschaftlichem Umfeld am Rande des Lausitzer Braunkohlenreviers. Das Bemerkenswerteste an Bad Liebenwerda sind die heilkräftigen Schlammbäder und der VEB Robotron Reiss, in dem die berühmten Reißbretter hergestellt werden. Bemerkenswert ist neuerdings auch die Stadtverordnetenversammlung, die von den Liberalen dominiert wird.
Der "Bund Freier Demokraten", der sich hier schon als FDP versteht, hat bei den Kommunalwahlen am 7. Mai die Mehrheit im Stadtrat erobert. "Aber wir arbeiten gut mit den kleinen Parteien zusammen", sagt Ratsherr Peter Jahns. Er meint CDU und SPD.
Der Urknall, aus dem die neue Republik entstand, hatte hier ein behäbiges Echo. Die Perforation des Systems war zunächst auch nur für Eingeweihte sichtbar.
Irgendwann wurden falsch parkende Autos vorm Stasi-Hauptquartier an der Leninstraße nicht mehr abgeschleppt. Irgendwann kam auch der Spitzel vom Dienst nicht mehr wieder, der früher - zur Belustigung der Stammgäste - oft stundenlang an der Theke im "Goldenen Stern" an seinem Glas Bier herumgenuckelt hatte. Und im früheren SED-Blatt Lausitzer Rundschau, das bei den Abonnenten "Lügen-Rudi" hieß, standen irgendwann plötzlich wahre Artikel über die SED.
Daß die Wende so glatt ging, sei, wie Pastor Armin Haase ausführt, "ein Wunder Gottes gewesen". Wahr ist: Die sanfte Revolution wäre in Liebenwerda nicht so sanft ausgefallen, wenn Haase dem Wunder nicht auf die Sprünge geholfen und vom Volkszorn nicht immer wieder Schaum abgeschöpft hätte. Die Kirche war in Liebenwerda die Zitadelle der Bewegung. Und Pastor Haase war ihr Sturmgeschütz.
Bad Liebenwerda liegt auf der weltabgewandten Seite der DDR. Sie hätten hier wirklich nicht so genau gewußt, wie es um diesen Staat stand, sagt Frank Dietrich, der Direktor der Karl-Marx-Schule. "Vor allem wir an der Schule hatten ja alles, was wir brauchten." Das Bildungswesen war absolut privilegiert. Niemand hatte eine Ahnung, wie es in den Betrieben aussah.
Die Karl-Marx-Schule ist heute nicht mehr klassenlos. Neuerdings gibt es hier sogar eine Förderklasse für Begabte. Es wird auch strenger gesiebt als früher. Und Pastor Haase darf hier demnächst wieder Religionsunterricht geben.
Trotzdem hat die Schule erst mal ihren Namen behalten. Die Honecker-Bilder haben sie selbstverständlich abgenommen. Aber das große Karl-Marx-Porträt in der Eingangshalle hängt noch.
Als Lehrmaterial für Staatsbürgerkunde dient noch immer das alte Libretto für die sozialistische Welterrettungsoperette aus dem Verlag Volk und Wissen. Die alten Fragen, die alten Antworten: "Worin besteht nun der Charakter unserer Epoche?" Richtige Antwort: "Unsere Epoche ist die Epoche des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus." Die Kollegen hätten sich angewöhnt, die nicht mehr zeitgemäßen Lehrinhalte in den Büchern einfach zu überschlagen, sagt der Direktor.
Ein Stück harte Selektierarbeit. Wenn man die Faktenpanschereien wegläßt, dann bleibt nicht viel. Wann waren die sozialistischen Lehrinhalte überhaupt jemals zeitgemäß?
Die Oberklassen wollen den ganzen Unfug sowieso nie ganz ernst genommen haben. Mit West-Agenten, die an der Transitstrecke volkseigene Kühe vergiften und so. Auch DDR-Schüler sind nur begrenzt verdummbar.
Aber im Westen sei sicher auch nicht alles Gold, sagt Manja Morowitz aus der 9 b. Der Quatsch, den das West-Fernsehen über die DDR-Schulen verbreitet habe, spreche wohl für sich. Lehrer hätten auch kritische Fragen toleriert. Bis auf einen, der früher Offizier der Nationalen Volksarmee war. Aber der ist jetzt weg.
Direktor Dietrich hat als einer von wenigen Schulleitern im Kollegium freiwillig die Vertrauensfrage gestellt. Wohl auch, weil er das Ergebnis ahnte: 43 von 43 möglichen Ja-Stimmen.
Vieles ist hier beim alten geblieben. Sogar die alten Straßenschilder haben überlebt. Nur die besseren Stücke haben Souvenirsammler aus dem Westen für ihre Partykeller abgeschraubt. An der Straße der deutsch-sowjetischen Freundschaft sind sämtliche Straßenschilder bis auf zwei geklaut.
Lokalredakteur Achim Hasenkopf berichtet, er habe schon frühzeitig Widerstand geleistet. Wie oft habe er auf der Kippe gestanden, weil sich die SED-Kreisleitung bei der Chefredaktion in Cottbus wieder mal über seine mutige Berichterstattung beschwert hatte.
Die Schriften aus der Kampfzeit sind aber nicht direkt greifbar. Der Zeitungsband in der Redaktion, in dem die Lokalausgaben abgeheftet werden, beginnt erst mit der Wende.
Weil jetzt viel mehr inseriert wird, ist die Rundschau heute fast doppelt so dick wie früher. Und zum erstenmal in ihrer Geschichte auch rentabel. Sie wird noch rentabler werden, wenn die Bessermacher von der Saarbrücker Zeitung anrücken, die sich eine Option auf ein dickes Anteilspaket gesichert hat.
Der neue Wind weht auch durch die Kleinanzeigenspalten: Die Geschäftsleitung der "American car killer show" macht bekannt, daß sie mit "Monster trucks" im Anmarsch ist. Die "Pacific Karate Show" mit "Let's fetz" zeigt an, daß bei ihr "Girls rabattfähig" sind.
Die Liebenwerder proben den Erlebniskauf. Allerdings hat die heraufziehende Marktwirtschaft nicht gerade ihre erlauchtesten Diener geschickt. Die Stadt ist voll von Schleppern und Drückern, die ein schnelles Geschäft mit der Naivität suchen, bevor hier D-Mark und kritisches Verbraucherbewußtsein einkehren. T-Shirts für 48 Mark-Ost, die es bei C & A in Berlin für 9,50 Mark-West gibt, holländische Wassertomaten, das Kilo für 12 Mark. Test the West. Ein Vertreter von der "Interessengemeinschaft der Enteigneten, ehemalige DDR" war auch schon da.
Nach dem Gesetz dürfen zwar keine Privathäuser veräußert werden. Trotzdem kaufen die Wessis über Strohmänner, als seien bei ihnen drüben gerade die Stamokaps an die Macht gekommen.
Ein Kaffeefahrtenhai bietet Rheumadecken zu 298 Mark an, ein polnischer Händler verkauft Obstkonserven für 7 Mark, auf denen noch die Preisschildchen vom HL-Markt kleben. Die Dose kostet drüben 98 Pfennig.
Die Leute lassen sich so leicht einseifen, weil sie so unselbständig sind. Sie müssen erst lernen, nein zu sagen, wenn ihnen die Verkäuferin im Schlachterladen 150 Gramm Wurst zuteilt, obwohl sie nur ein Viertelpfund verlangt haben.
Die Textilgeschäfte, Haushalts- und Eisenwarenhandlungen haben alle Räumungsverkauf. Bloß raus mit den Ostwaren, ehe sie unverkäuflich werden. Sogar Besenstiele kosten nur noch ein Drittel. Als wenn Ost-Besenstiele nicht im Wettbewerb mit West-Besenstielen bestehen könnten.
Vor dem Spielwarenladen an der Straße der Volkspolizei parkt ein Geländewagen aus Winsen an der Luhe, der mit Spaten und Äxten und mit Kartons voller Modelleisenbahnteile vollgepackt ist. Original HO-Loks kosten hier ein Achtel des Westpreises, wenn man richtig getauscht hat. Liebenwerda hat in diesen Tagen was von Livingstones Afrika. Nur, daß hier nicht in Glasperlen abgerechnet wird.
Am Ecktisch im "Goldenen Stern" sitzt der schwarzhaarige BMW-Fahrer aus Mönchengladbach, der vormittags an der Straße nach Dresden bunte Kunstfaserläufer als Perserbrücken angeboten hat, und zählt Geld - Honey-Dollars, wie die Ost-Mark hier in Hausiererkreisen heißt. Die Kellnerin mit dem eng anliegenden Nyltestkittel bringt dicke Wurst mit Kraut und ein großes Glas West-Bier. Der Mann greift nach dem Senftopf. Plötzlich springt er auf und rennt aus dem Lokal. "Peng", ruft jemand an der Theke und lacht meckernd. "Da hat's geknallt."
Zehn Minuten später kommt der Mann zurück. "War nich meiner", ruft er den feixenden Zechern zu. Er schiebt lachend den Stapel Scheine beiseite, der da die ganze Zeit unbeaufsichtigt gelegen hat, und piekt mit der Gabel in die kalte Wurst, daß es spritzt. "Sehen Sie, die Leute sind naiv. Klauen ist hier anscheinend verboten."
Eine Rotte sowjetischer Jagdbomber karriolt im Tiefflug über die Stadt. "Die sind noch da", sagt der Meckerer an der Theke. "Ja", sagt sein Nachbar, "die bleiben auch da."
In den letzten Wochen hat es vereinzelt Proteste gegen die Russen-Jabos vom Fliegerhorst Lönnewitz gegeben. Aber das Echo war mager. Man lebt hier seit Jahrzehnten mit dem Fluglärm. Und lauter sind sie ja nicht geworden.
Haben die Liebenwerder Angst vor dem bevorstehenden Währungsschnitt?
Nein, Angst hat man in aller Regel vor einer ungewissen Sache. Daß aber die Einbindung der DDR in die DM-Zone hier in der Lausitz die Strukturen auf breiter Front aufreißen wird, daß Liebenwerda mit ein paar hundert Arbeitslosen rechnen muß, daß sich Mieten und Brotpreise mittelfristig verzehnfachen werden, das ist gewiß.
Die LPGs haben auf der Basis von EG-Preisen mal hochgerechnet, welche Aussichten sie haben, im Wettbewerb mit der westdeutschen Konkurrenz zu bestehen. Das Ergebnis war entmutigend. Selbst die LPG Mühlberg, der mit Abstand produktivste Landwirtschaftsbetrieb im ganzen Kreis, blieb weit unterhalb der Rentabilitätsschwelle.
Die Mastanlage Rothstein hat 6000 Schweine im Stall. Ein Riesen-Schweineberg und kaum zu verkaufen. DDR-Schweine sind zu fett und deshalb nicht konkurrenzfähig. Der freie Markt will Magerschweine.
Die Rentnerin Erna Topleb erinnert sich an die goldenen Zeiten, als die Leute noch richtig Hunger hatten und Schweinefleisch nicht fett genug sein konnte. Sie arbeitete damals als Fütteraktivistin in Rothstein.
"Wir müssen da durch, und wir kommen da durch", sagt Frau Topleb. "Ich mach' mir da keen Kopp." Den jungen Leuten fehle es an Selbstvertrauen, weil sie nicht mehr wüßten, wie es im Krieg und in der Nachkriegszeit war. Erna Topleb verlor 1945 bei der Vertreibung aus dem Sudetenland ihr Kind. Die ersten Wochen hausten sie in Erdlöchern im Wald. Sie sagt: "Damals hatten wir keine reichen Verwandten im Westen."
Erna Topleb hat 487 Mark Rente im Monat. Sie bewirtschaftet außerdem zusammen mit Schwiegersohn Ortwin und Tochter Edda einen winzigen Hof mit zwei Bullen, zwei Schweinen, ein paar Hühnern und ein paar Gemüsebeeten. Weil sie im eigenen Haus wohnen, brauchen sie keine Mietpreiserhöhungen zu fürchten.
Ernas Schwiegersohn, Wasserbau-Ingenieur Eckhard Lehmann, würde es gewiß auch leicht packen. Aber er hat Hemmungen, seine Arbeitsbrigade, mit der er seit 15 Jahren zusammenarbeitet, zu verlassen und sich selbständig zu machen. Er ist die Seele der Brigade. Wenn er geht, bricht alles zusammen. Er sagt: "Wir waren immer so gute Kameraden."
Die Brikettfabrik Domsdorf wird es ganz sicher nicht packen. "Tägliche Planerfüllung meine Pflicht, Planüberbietung meine Ehre", steht in schneidiger Bonzenfraktur auf einer Spruchtafel am Hauptgebäude. Für einen Zentner Briketts - Verkaufspreis: 3,60 Mark - werden hier fast drei Zentner Braunkohle zusätzlich für Prozeßwärme verfeuert. Planerfüllung und Wirtschaftlichkeit schließen sich von vornherein aus.
Die Fabrik ist keine Fabrik, sondern ein Museum, in dem auch Briketts gemacht werden. Sie stammt aus den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Unter den riesigen Stahltrommeln, in denen die Braunkohle getrocknet wird, brennen offene Feuer. Die älteste Brikettpresse ist über hundert Jahre alt. Beinahe ein Drittel der rund 150 Mann Belegschaft ist ausschließlich mit Instandhaltungsarbeiten beschäftigt.
Die Kessel haben zwölf Atmosphären Arbeitsdruck. Vorausgesetzt, daß sie immer bis zum Eichstrich gefüllt sind. Ein kleines Leck reicht aus, um aus einem Kessel eine Höllenmaschine zu machen.
Im Schwesterbetrieb Plessa hatten sie vor ein paar Jahren bei einer Kesselexplosion sechs Tote. Die Gewerkschaft hat sich um die katastrophalen Arbeitsbedingungen nie gekümmert. Die Funktionäre wollten immer nur Planerfüllung melden.
"Wenn hier was passiert, ist der Ofen aus", sagt Ingenieur Karlheinz Crone. "Und dann sind wir alle sofort arbeitslos."
Der Betrieb ist ökologisch ein einziger Skandal. Braunkohle ist als Energieträger wirklich der allerletzte Dreck. Wenn alles gutgeht, haben sie vielleicht noch anderthalb Jahre, bevor der Betrieb geschlossen wird. Das aber reicht dann für eine ganze Reihe von Kollegen, um die Pensionsgrenze zu erreichen.
Schichtarbeiter Waldemar Schulz, der mit einem Netto-Einkommen von 1200 Mark zu den Besserverdienenden gehört, hat nur noch knapp ein Jahr. Er sagt, er müsse dazu eine Erklärung abgeben. "1200 Mark sind viel Geld. Aber ich bin Schichtarbeiter. Die Öfen dürfen nicht ausgehen, immer arbeiten, samstags, sonntags. Das macht die ganze Familie kaputt." Der Werktätige entschuldigt sich dafür, daß er für gut 43 Stunden Maloche die Woche, zum Teil bei 50 Grad Hitze, 1200 Mark Ost im Monat bekommt.
Schulz hat es bald hinter sich. Wenn es keine Preissprünge gibt, wird er von der Westrente besser leben als jetzt von seinem Lohn. Sein Chef, Abteilungsleiter Horst Dörner, ist schlechter dran. Er glaubt nicht, daß er einen neuen Job kriegt, wenn Domsdorf dichtmacht. Er sagt: "Ich fahre auch Scheiße, wenn es sein muß."
Angst vor der Marktwirtschaft?
"Datt wuppt", sagt Jörg Filser, Fahrer bei einer Fleischspedition in Herzberg, die eben in Westbesitz übergegangen ist. Er wird künftig an Zinsen und Tilgung für sein neues Einfamilienhaus 500 bis 600 statt 200 Mark zahlen müssen wie bisher. Aber der neue Chef hat ihm doppelten Lohn in Aussicht gestellt, wenn er ranklotzt.
Auch Ratsherr und Schlosser Peter Jahns hat tolle Angebote. Er könnte mit neuen Maschinen aus dem Westen schneller, besser und wohl auch rentabler arbeiten. Aber er will erst mal richtig Geld verdienen, dann wird er weitersehen.
Jahns ist seit zwölf Jahren selbständig. Er hat sich trotz aller Schikanen und mörderischer Einkommensteuer gegen die Staatsbetriebe behauptet. Er braucht den Markt nicht zu fürchten.
Neulich hat Jahns zum erstenmal sogar eine Art Staatsauftrag erhalten. Die Stadtverwaltung rief an und bat ihn, die Gitter im Keller des Stasi-Gebäudes abzuschweißen. Eine schöne Aufgabe für einen liberalen Schlossermeister. f
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 26/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • TV-Duell Johnson gegen Corbyn: Und zuletzt lachte - das Publikum
  • DFB-Sieg gegen Nordirland: "Der Eindruck bleibt bestehen"
  • Trump über Impeachment-Verfahren: "Ich habe noch nie von Vindman gehört"
  • Proteste in Hongkong: Studenten verbarrikadieren sich in Universität