12.11.1990

„Gorbatschow aus der Partei!“

Am Mausoleum Lenins vor dem Kreml demonstrierte die Sowjetarmee ihre Macht und die Staatspartei ihre Ohnmacht. Zugleich verdammten nebenan zwei Bürger-Kundgebungen den Kommunismus - und alle wandten sich gegen Gorbatschow, dem sie die neuen Freiheiten danken: Revolutionsfeiertag in Moskau.
Ehe er sich zu seinen deutschen Bewunderern aufmachte, stellte sich Rußlands Befreier Michail Gorbatschow seinen Widersachern im Lande.
Bei den Russen vertraut ihm laut letzter Umfrage nur noch jeder fünfte. Mit Arbeitern und Direktoren, Generalen und Bürokraten, Kommunisten und Antikommunisten liegt er im Hader, weil er zu langsam oder zu schnell vom Kommunismus Abschied nimmt. Noch einmal stieg er vorigen Mittwoch auf die Tribüne über Lenins Grab am Roten Platz in Moskau, der längst durch einen deutschen Flugzeug-Hooligan entweihten Stätte, um jenen - womöglich letzten - Huldigungsmarsch aus Anlaß der einstmals Großen Sozialistischen Oktoberrevolution abzunehmen, welcher traditionell die sogenannten Errungenschaften bilanziert.
Diesmal wurde offenbar, daß 73 Jahre der Leiden und Millionen Menschenopfer, des Kampfes und des Konsumverzichts umsonst gewesen sind. Gorbatschow traf auf ein zutiefst enttäuschtes, zorniges, zerrissenes Volk.
Standen bislang mit dem Parteichef die mißgelaunten Mitglieder-Monumente des Politbüros der Staatspartei aufgereiht, so traten diesmal neben Gorbatschow zwei Männer, welche der Kommunistischen Partei bereits Valet gesagt haben: Rußlands Präsident Boris Jelzin, wütender Rivale, und Moskaus Bürgermeister Gawriil Popow, der die Veranstaltung überhaupt hatte verhindern wollen: Signal für eine neue, große Reformkoalition als letzten Versuch.
Dann marschierte die Sowjetarmee. Mit sechs nie zuvor gesehenen mobilen Atomraketen vom Typ SS-25, die mit ihrer Reichweite von über 10 000 Kilometern Amerika zerstören können, demonstrierte die Truppe ihre Macht und Unentbehrlichkeit, wie sie auch den Friedensnobelpreis für den Präsidenten mit einem Atomtest kommentiert hatte.
Putschgerüchte werden offiziell dementiert; sicherheitshalber hat Gorbatschow fünf zuverlässige Divisionen im Raum Moskau auf sich persönlich eingeschworen. Anders als alle seine Vorgänger hielt er jetzt anstelle des Verteidigungsministers die Oktober-Festrede, sie war erst einmal an die drunten auf dem Platz angetretenen Kritiker von rechts adressiert: "Die Ziele, die Lenin 1917 aufstellte, sind weitgehend identisch mit den Zielen der neuen Revolution der Perestroika."
Er meinte damit Lenins Verheißungen: "Die Fabriken den Arbeitern, das Land den Bauern und alle Macht den Räten." Doch selbst diese schönen Dinge stehen nicht mehr in Gorbatschows Programm.
Im Juni hat der Oberste Sowjet unauffällig die eben eingeführte Wählbarkeit der Betriebsleiter durch die Belegschaft wieder abgeschafft. Die Bauern sollen mitnichten ihr Land zu eigen haben, und an den nun frei gewählten Räten, den neuen Kommunalvertretungen und Parlamenten, regiert der Präsident Gorbatschow vorbei, per Präsidialdekret.
Während seiner Rede schaute er auf ein dreistöckiges Lenin-Bild an der Fassade des Gum-Kaufhauses gegenüber. Daneben prangte, den demokratischen Gorbatschow-Kritikern zu Gefallen, die unerhörte Parole: "Übergang zur Marktwirtschaft".
Dem Obersten Sowjet hatte Gorbatschow soeben verkündet, "das administrative Kommandosystem" - Lenins Erfindung - "fesselt die ganze Gesellschaft, die Arbeit der Menschen". Dafür hätte sich der Marktwirtschaftler Gorbatschow, der jetzt ein "Antimonopol-Komitee" einrichten will, immerhin auf Karl Marx berufen können: "Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist", hatte der deutsche Privatgelehrte prophezeit, und dann komme die Revolution.
Gorbatschow kündigte eine "zweite große Revolution" an, die bescheren soll, was die vorige vorenthielt: "eine normale, gesunde, gerechte und schließlich auch wohlhabende Gesellschaft". Er versprach - an diesem Tag, an diesem Ort - einen "vernichtenden Schlag gegen das totalitäre, administrative und bürokratische System" und gedachte der Opfer des Leninismus-Stalinismus, "die unschuldig gelitten haben, denen die Ehre, die Würde und das Leben selbst genommen wurden".
Da war es fällig, sich bei Lenin zu entschuldigen. Als nach der Militärparade 100 000 Parteimitglieder anrückten, stieg Gorbatschow - das hatte es noch nicht gegeben - vom granitenen Podest, schüttelte auf dem Platz Veteranenhände und schritt zum Mausoleum, wo er samt Jelzin und Popow für Lenins Leichnam einen Kranz ablegte. Die Geste reichte nicht zur Besänftigung der geschlagenen Kommunisten.
Beim letzten Partei-Massenauftrieb am 1. Mai hatten antikommunistische Demonstranten Gorbatschows Rücktritt gefordert; er empfand das damals als Aufruf zu Chaos und Gewalt. Diesmal waren es seine Genossen, die dasselbe verlangten. "Antikommunist Gorbatschow raus aus der Partei", "Hör mit deinen Experimenten auf", "Kein Privateigentum am Boden" stand auf den Plakaten, dazu übelste Parolen gegen "Zionismus" und "jüdischen Faschismus".
Sprechchöre verdächtigten Jelzin und Popow als "Handlanger der CIA". Und gegen Gorbatschows Reiselust, in Wahrheit allemal Canossa-Gänge, damit es auch den Demonstranten einmal besser gehe: "Du sammelst draußen Punkte, aber verlierst zu Hause."
Die Rentnerin Anna Petscheikina hielt ein mageres Brathuhn hoch: "Dafür hat Gorbatschow den Nobelpreis bekommen!" Unter einem großen Aktfoto war zu lesen: "Die einzige Sorte Fleisch in drei Jahren Perestroika." Zum erstenmal seit einer Generation tauchten auf dem Roten Platz wieder Stalin-Bilder auf.
Demonstrant Alexander Schmonow, 38, ein arbeitsloser Metallarbeiter, zog aus einer weißen Plastiktüte eine Jagdflinte und versuchte, in Richtung Gorbatschow zu schießen. Polizisten schlugen ihn rechtzeitig nieder, doch wie die Signalsalve des Kreuzers "Aurora" vor 73 Jahren kündigen seine Warnschüsse eine Wende an, die dieses Mal dem PDS-Organ Neues Deutschland als "Götterdämmerung des Oktober" erschien: das Ende eines Experiments, das sich Kommunismus nannte - vielleicht auch das Ende seiner gewaltlosen Bewältigung, der Perestroika.
Die Parteilosen Jelzin und Popow erholten sich vom letzten Aufgebot der Partei-Konservativen hernach auf einer Gegen-Demo vor der Residenz des Partei-ZK: Dort zelebrierte Priester Gleb Jakunin, der unter Breschnew inhaftiert war und jetzt die Christlichen Demokraten organisiert, ein Requiem mit Kirchengesängen, geweihten Kerzen und Chopins Trauermarsch: Das Oktober-Jubiläum wurde als Anfangsdatum des "Völkermords" an Rußland begangen.
Neben dem schon allgemeinen Ruf nach Rücktritt ("Gorbatschow in die Kartoffelernte") erklangen Proteste gegen Lügen, Gewalt und Raub durch die "Mafia-KP". Und: "Abschaffung des Kommunismus." Und: "Unser Land ertrinkt."
Zu den Fenstern der nahen Lubjanka, des KGB-Hauptquartiers, dessen Bedienstete neuerdings auf ein Denkmal für die Opfer des ersten "Konzentrationslagers" der Lenin-Zeit schauen müssen, schallten Forderungen, die Geheimpolizei schleunigst zu entmachten.
Die Volksfreunde Jelzin und Popow begaben sich auch noch zur vierten Kundgebung am Kreml, die der geschaßte Staatsanwalt Telman Gdljan anführte, welcher äußerte: "Das Land befindet sich am Rand eines Bürgerkriegs."
Spruchbänder protokollierten "1917 das Verbrechen, 1990 die Strafe". Unter dem Schlachtruf: "Nieder mit der KPdSU" zogen 10 000 Menschen mit durchgekreuzten Gorbatschow-Postern über die Twerskaja (früher: Gorki-Straße) zum Roten Platz und forderten wiederum den Rücktritt des Mannes, dem sie ihre Redefreiheit verdanken.
Die Regierung, die Gdljan als "faschistisch" einstufte, war froh, daß es zu keinem Sturm auf den Kreml kam. In vielen anderen Städten hatten die Behörden, einem Dekret Gorbatschows zuwider, die Feiern abgesagt; in Baku und in Duschanbe (Tadschikistan) herrscht Ausnahmezustand. Genau am Tatort von 1917, vor dem Leningrader Winterpalais, prügelten sich nach der lokalen Parade und Gegendemonstration Radikale mit Parteiveteranen.
Im Rüstungszentrum Swerdlowsk lenkte die Sozialdemokratische Partei einen Trauerzug für die "Opfer des bolschewistischen Abenteuers" zu jener Stelle, an der die Zarenfamilie 1918 ermordet worden war. Auch im ukrainischen Charkow veranstalteten die Sozialdemokraten eine Gedenkfeier für "Millionen Opfer des kommunistischen Systems".
In der Ukraine-Hauptstadt Kiew forderten Tausende die Rückgabe des Volksvermögens an das Volk, im belorussischen Minsk demonstrierten Tausende für die Auflösung und Enteignung der KPdSU. In Vilnius marschierten nach einem kleinen Militär-Umzug die örtlichen Kommunisten gegen das "faschistische Regime" des litauischen Präsidenten Landsbergis.
In Armenien wurde der 7. November zum "Tag des Völkerrechts" umfunktioniert. In Archangelsk am Eismeer zogen die Partei-Demonstranten an hungerstreikenden Studenten vorbei, welche den "Tag der Völkerversöhnung" begingen und dazu KPdSU und KGB verdammten.
Aus dem heimischen Hexenkessel zog es den Verursacher aller Wandlungen ins schlichte Oggersheim. Sein Ansehen jenseits der eigenen Staatsgrenzen sei seine letzte, "noch nicht ganz ausgereizte Karte", befanden die Moskauer Nachrichten, "seine heutige Popularität im Westen ernährt das Volk nicht, kann das aber in allernächster Zeit tun".
Denn er empfängt von den Deutschen eine satte Einheits-Dividende, die sich mit Krediten, Truppenabzugskosten und Entschädigungen auf bisher 35 Milliarden Mark summiert, ein bilateraler Marshall-Plan. Zum Schwarzmarktkurs wäre das die Gesamt-Lohnsumme eines Jahres in der UdSSR.
Rettung für den vom eigenen Volk verlassenen Gorbatschow, Starthilfe in die komplizierte Welt der Marktwirtschaft? Genügen wird die Gabe nicht. Sowjetbürger Komonow aus Belgorod am Dnjestr erwartet keinerlei Wohlstand, "weder in drei noch in zehn Jahren", es sei denn, so schrieb er der Zeitschrift Sobessednik, Gorbatschow folge seinem Vorschlag,
alle Apparatschiki auf leitenden Posten, Betriebsdirektoren und all die Vorsitzenden zu entlassen, aus Westdeutschland Wirtschafts- und Verwaltungsfachleute einzuladen und ihnen diese Posten anzubieten. Ich denke, daß sich die Lage augenblicklich bessern wird.
Die Idee könnte von dem Deutschenfreund Lenin stammen, dem schrecklichen Vereinfacher, mit dem Rußlands Irrweg seinen Anfang nahm.

DER SPIEGEL 46/1990
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