03.12.1990

SerienHinhalten und leer lassen

Die Medienwissenschaft bemächtigt sich der TV-Dauerwurst „Lindenstraße“.
Jeden Sonntag, den Gott werden läßt, geschieht in deutschen Wohnstuben abends 20 Minuten vor sieben Unbegreifliches: Ganz normale Menschen, eigentlich mit Vernunft gesegnet, verfallen vor dem Bildschirm in tranceartige Andacht. Und das in hellen Scharen. An die 30 Prozent sind es Sonntag für Sonntag, Sendung für Sendung.
Dabei muß der RTL-Früchtchenverwerter Hugo Egon Balder ("Tutti Frutti") um diese Zeit noch hinter den Kulissen warten. Kein Busen weit und breit. Statt dessen sendet die ARD nichts als Tutti Frusti: scheiternde Ehen, verkorkste Beziehungen, zänkisches Gekeife.
Menschen wie du nicht und du auch nicht geistern da zwischen "Sportschau" und "Weltspiegel" durch die "Lindenstraße", die in einem sozialen und landsmannschaftlichen Nirgendwo liegt, das München zu nennen das Drehbuch den Akteuren vorschreibt: Ein Hausmeisterinnendrache namens Else Kling zum Beispiel, so rein böse, als hätte ihn Klingsor auf die Mattscheibe gezaubert, dazu eine behämmerte Ober-Mutt namens Helga ("Taube") Beimer, die nicht einsehen will, daß ihr "Hansemann", es handelt sich nicht um den hauseigenen Kanarienvogel, endgültig ausgeflogen und zu einer anderen gezogen ist.
Seit 1985 beschicken der einst renommierte Filmregisseur Hans W. Geissendörfer und ein Team von fünf Autoren nach dem Vorbild des englischen Dauerlutschers "Coronation Street" im Auftrag des WDR das Erste mit dem Lindwurm "Lindenstraße". Wo in den sechziger und frühen siebziger Jahren in Serials wie den "Unverbesserlichen" oder "Ein Herz und eine Seele" Kleinbürger um Harmonie kämpften, später Patriarchen und Schufte wie Schwarzwald-Kliniker Brinkmann oder Dallas-Aas J. R. Glamour in die deutsche Wohnküche brachten, regieren seit fünf Jahren die miefgesättigten Konflikte, die drei Dutzend Personen in 14 Haushalten in der Lindenstraße produzieren.
Sonntag für Sonntag flechten die Autoren einen Handlungszopf, dessen drei Stränge "sich geschmeidig aneinanderfügen müssen", wie Oberfigaro Geissendörfer streng befohlen hat. Im Strang A läuft die Hauptgeschichte, mit der die Verfasser in zehn bis zwölf Minuten durch sein müssen. Im Strang B wird eine zweite Story entwickelt, deren "dramatischer Höhepunkt" (Geissendörfer) irgendwann in einer späteren Folge geliefert wird. Der kleine C-Zippel dient der Fortsetzung oder Vorbereitung einer weiteren Geschichte.
Zusammengehalten wird die Serienfrisur durch den Cliffhänger, eine überraschende unheilverkündende Schlußwendung, die dem Zuschauer für die nächste Folge verspricht, was er in der gerade gesehenen meistens vermißt hat: Spannung. So hangeln sich die Sendungen von Cliff zu Cliff, eine Küste der leeren Versprechungen ohne Ende, denn die infinite Serie scheint auf Äonen hin konzipiert.
Gegen das Geschäft, das Hans W. Geissendörfer und seine Firma GFF allsonntäglich betreiben, wäre nichts einzuwenden, wenn der Serienschmied still im verborgenen schaffen würde. Doch der Seifenopern-Sieder hat die unangenehme Eigenschaft, in der Öffentlichkeit herumzulärmen und zu behaupten, seine Sendung sei ein ernst zu nehmender Spiegel für real existierende soziale Probleme.
Wie der abberufene Frank Elstner, der mit seiner "Nase vorn" auf dem Bildschirm nicht überzeugen konnte, inszeniert die Geissendörfer-Crew immer mal wieder kleine Spektakel, die die Zeitungsspalten füllen. Mal küßten sich Homosexuelle, und erwartungsgemäß protestierten Konservative. Mal wurde Bayerns damaliger staatlicher Aids-Bekämpfer Peter Gauweiler als Faschist beschimpft, der dann den Lindensträßlern auch den Gefallen tat und gegen sie einen Prozeß anstrengte.
Zum fünfjährigen Jubiläum gab es eine Extravorstellung in Sachen künstlicher Aufregung: Weil der WDR aus dem Allerlei der unendlichen Lindenstraßen-Geschichten einen abendprogrammfüllenden Film zusammengeschnitten hatte, der sich nur auf die Beziehungskiste Beimer konzentrierte, entrüstete sich Geissendörfer: "Die Lindenstraße ist mein Kind. Dieser Zusammenschnitt ist Kind-Schändung." Nicht der kleinste Ausschnitt sei "Lindenstraßen-getreu" wiedergegeben worden. "Das Ganze ist zu einer süßlichen Ehegeschichte plattgewalzt worden, die von jedem Herrn Rademann besser inszeniert worden wäre", grollte er dramatisch.
Selbstergriffen von seinem Kleine-Leute-Spiel, geriert sich Geissendörfer auf Medientagen als Serien-Weiß-Wäscher: Das Milieu seiner Sendung "zwingt Wahrscheinlichkeit rein und ausgesprochen Fantastisches raus", behauptet er. Solche Sprüche beeindrucken sogar die FAZ. Offenbar mürbe geworden vom Dauerkonsum, geriet der Rezensent des Intelligenzblattes anläßlich der 138. Folge regelrecht in Verwirrung: "Die Grenze zwischen jener Welt (der Serie) und der des Zuschauers läßt sich genau bestimmen: Es ist die eigene Wohnungstür. Hinter deren Schwelle beginnt die Lindenstraße, nur in der eigenen Wohnung kann man vor ihren Greueln wirklich sicher sein."
Der Theaterdonner um die Serie hat jetzt sogar eine Zunft geweckt, die sonst lieber im sicheren Abstand einiger Jahre hinter der Fernsehwirklichkeit hersegelt: die Medienwissenschaft. Seit neuestem stürzen sich Vertreter der Disziplin mit heiligem Eifer auf die Seifenoper und gehen mit ihr ins Gericht, als sei ihr Anspruch wahr, ein Stück bundesdeutscher Realität abzubilden.
So senkt eine feministisch orientierte Magister-Arbeit der Universität zu Köln den lila Daumen über dem Frauenbild, das das Serial vermittelt. In der Lindenstraße sei zwar vieles möglich, resümiert die Autorin, Anne Exzternbrink, nach einem Vergleich der sozialen Merkmale der Lindenstraßen-Bewohnerinnen mit ihren realen Schwestern in der Bundesrepublik, "nur eines offenbar nicht: die emanzipierte Frau".
Anders als in der Wirklichkeit würden sich in der Lindenstraße die Frauen nur über Männer definieren. Frauenfreundschaften würden dagegen kaum gezeigt. Übergangslos fielen gerade junge Mädchen von einer Männerfreundschaft in die nächste.
Auch daß Frauen ganz gut allein leben können, die "Lindenstraße" mag es nicht zeigen: Ob traditionelle Frauentypen wie Mutti Beimer oder auch moderner konzipierte weibliche Rollen für die Jüngeren, die meisten Lindensträßlerinnen seien von dem Wahn befallen, ihr Lebensglück für eine Beziehungskiste zu opfern, so die Forscherin.
Den Zuschauererfolg der Serie können aber solche Untersuchungen nicht erklären. Eine andere Studie* gräbt da _(* Lorenz Engell: "Vom Widerspruch zur ) _(Langeweile". Verlag Peter Lang, ) _(Frankfurt/Main. ) tiefer. Die Untersuchung des 31jährigen Kölner Film- und Theaterwissenschaftlers Lorenz Engell weist nach, daß Fernsehen der zentrale Aufbewahrungsort für ein Gut ist, dessen der moderne Mensch dringend für seine psychische Rekreation bedarf: die Langeweile.
Sie ermöglicht in ihren reinsten Momenten die von Kierkegaard gerühmte "negative Abstoßkraft" gegen eine durchfunktionalisierte Gesellschaft, die ihren Mitgliedern ständig mit Sinnhaftigkeit zusetzt. Lust auf Sinn, so Engell, bekommt man aber erst, wenn man sich auch mal sinnlos langweilen kann.
Und in der Produktion von Langeweile, erkennt Engell, ist das Fernsehen einsame Spitze. Das Robert-Lembke-Mumienkabinett "Was bin ich?" diente wie keine andere Sendung der heilsamen Erschlaffung: 31 Jahre derselbe Moderator, 31 Jahre Guido und Hans Sachs, 31 Jahre Schweinderl. Bei Lembke konnte einem die Zeit so richtig lang werden, am Altern der Akteure gab es ein Stück verlangsamte Zeit zu fühlen und zu genießen. An der Sinnlosigkeit der Sendung wurde Sinn fühlbar, nämlich der, schauend, aber tatenlos zu erkennen, daß es eigentlich besser wäre, den Quatsch auszustellen.
Laut Engell besteht die Erfolgsformel für Sendungen aus dem Geiste von "Was bin ich?", zu der er die großen Unterhaltungsshows, aber auch alle Familienserien, also auch die "Lindenstraße" zählt, im Hinhalten des Zuschauers und im Leerlassen seines Kopfes.
Mit diesem Rezept dürfte die "Lindenstraße" noch eine Ewigkeit dauern.
Nikolaus von Festenberg
* Lorenz Engell: "Vom Widerspruch zur Langeweile". Verlag Peter Lang, Frankfurt/Main.

DER SPIEGEL 49/1990
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