12.11.1990

„Ich bin fett, na und?“

Henry Kissinger und Hans-Dietrich Genscher bewundern seine Intelligenz, italienische Mitbürger vergleichen den schwergewichtigen Politiker mit dem Hunnenkönig Attila: Italiens Außenamtschef Gianni de Michelis, derzeit Vorsitzender des EG-Ministerrats. Er ist scharfzüngig, sinnenfroh und nonkonformistisch.
Hier kommt der Doge. Hinter hochschäumender Bugwelle trägt eine schnelle Barkasse Italiens Außenminister Gianni De Michelis, 49, über die Lagune von Venedig in Richtung Canal Grande, wo er einen Palast aus dem 17. Jahrhundert bewohnt.
Dem Gefährt des Ministers folgen in geringem Abstand zwei offene Boote, auf denen sich die Leibwächter und Mitarbeiter drängen. So ähnlich präsentierte sich früher die Macht in der Serenissima. Europa sei das Zentrum der Welt, und das Zentrum Europas wiederum sei Venedig, hat De Michelis, nicht gänzlich im Scherz, kürzlich gesagt.
Und da sein Land in alphabetischem Turnus derzeit für sechs Monate den Vorsitz im EG-Ministerrat führt, ruft der Venezianer De Michelis, wenn er es irgend einrichten kann, die Großen der Welt in Venedig zusammen.
Hier wurde er geboren, hier ist er aufgewachsen, hier hat er an der Universität Chemie gelehrt und seine politische Laufbahn begonnen: als Mitglied des Stadtrats, als Abgeordneter der Sozialistischen Partei.
Jetzt, in seiner bisher wichtigsten Rolle, stellt ihm Venedig die glänzende Kulisse für seine Auftritte mit und unter den Großen der Welt.
Aber von der Rialto-Brücke haben verärgerte Bürger der Stadt auch schon ein Abbild des Ministers im Canal Grande versenkt: Protest gegen seinen Plan, die Weltausstellung 2000 nach Venedig zu holen, so daß die Stadt unter Millionen zusätzlicher Besucher begraben worden wäre.
De Michelis hatte das Aberwitz-Projekt erfunden und trieb es mit der Schubkraft eines Bulldozers voran, scheinbar unberührt von den Stürmen der Entrüstung.
Die New York Times schleuderte den "Fluch der Nachwelt" auf sein Haupt. "Attila" beschimpften ihn seine Mitbürger. Mit dem Menschenfresser Bokassa und dem unberechenbaren Wüstenmann Gaddafi verglich ihn, in einem einzigen Absatz eines Repubblica-Kommentars, sein venezianischer Erzfeind Bruno Visentini. "Nero" nannte ihn die Los Angeles Times.
Nun mochte De Michelis sich mit seiner Expo 2000 in ein insgesamt fragwürdiges Unternehmen verrannt haben. Aber er hat sich weder an Erdbebenopfern bereichert noch mit der Mafia eingelassen, noch obskure Geheimdienstaktionen gebilligt wie andere italienische Politiker.
Auch loben seine ausländischen Kollegen den daheim verschmähten Politiker in höchsten Tönen. Henry Kissinger findet, De Michelis sei "einer der intelligentesten Politiker, die gegenwärtig herumlaufen". Hans-Dietrich Genscher kann nicht aufhören, ihn zu preisen: Bei den schwierigen Vorverhandlungen über die politische und wirtschaftliche Einheit Europas habe De Michelis am Ende immer durchgesetzt, was er sich vorgenommen hatte.
Niemand stellte bislang die intellektuelle Kapazität des Italieners in Frage. Er hat etliche Bücher geschrieben, die ihn als klugen politischen Beobachter ausweisen, wenn auch die Titel manchmal anmaßend klingen, etwa: "Wie Italien im Jahr 2000 geführt werden muß".
In der moralisch doppelbödigen italienischen Gesellschaft, in der zwar alle mächtigen und auch die weniger mächtigen Männer ihre Freundinnen haben, die Familie aber sakrosankt bleibt, tobt sich De Michelis, seit Jahren geschieden, ungeniert als Single aus. Er verfaßte einen Führer durch die italienischen Discos. Fast überall da, wo er als Außenminister hinreist, erkundet er das Nachtleben.
Am 26. November wird De Michelis 50. Der wichtige Jahrestag bekümmert ihn angeblich nicht, außer in einem Punkt: "Ich muß mir jetzt wohl endlich überlegen, was ich mache, wenn ich erwachsen bin." Erst nach einer Ermahnung des italienischen Staatspräsidenten Francesco Cossiga kappte der Außenminister seine schwarzen Locken um ein paar Zentimenter. Inzwischen ringeln sie sich schon wieder bis unter die Ohren.
Seine Leibesfülle läßt er sich von keiner Diät schmälern. Wenn der reife Minister, der sich von seiner Jugend nicht trennen mag, im Salonabteil einer italienischen Luftwaffenmaschine lagert, die ihn von einem Kurzbesuch bei Gorbatschow nach Italien zurückfliegt, berührt er die liebevoll dekorierten Häppchen aus der Bordküche nicht.
Warum er zunimmt, verbirgt De Michelis selbst seinen engsten Mitarbeitern. Er lebt nach der Devise: Mein Bauch gehört mir. "Ich bin fett, na und", sagt er, "da bin ich doch wohl nicht der einzige. Ich habe lange Haare und tanze gern, auch von solchen Menschen gibt''s mehr."
Aber sie sind nicht Außenminister der Republik Italien.
Eine Septembernacht in Capri gegen zwei Uhr morgens. Auf der Terrasse des Luxushotels Quisisana hält Gianni De Michelis hof. Im Pulk seiner dunkel gekleideten Leibwächter leuchtet das Weiß seines Hemdes, das sich über seinen Bauch spannt. De Michelis redet unaufhörlich, hält nur inne, um einer _(* Auf dem EG-Gipfel von Rom am 28. ) _(Oktober; vorn: Kohl, Mitterrand, ) _(Andreotti, Thatcher. ) tiefgebräunten Schönen an seiner Seite einen Kuß auf die bloße Schulter zu drücken.
"Wenn er doch wenigstens einen Blazer anhätte", seufzt eine Dame aus dem Kreis der Zuschauer. Aber gegen jede Kritik an seinem unkonventionellen Benehmen polstert sich De Michelis mit dem Argument: "Ich bin normal, exzentrisch sind die anderen, jene Politiker, die behaupten, 24 Stunden am Tag im Amt zu sein, auch wenn sie schlafen oder Pipi machen."
Dabei unterscheidet sich De Michelis von seinen italienischen Kollegen durchaus nicht nur im Lebensstil. Er ist einer der wenigen Minister im Kabinett Andreotti, die mit ihren ausländischen Kollegen fließend Englisch oder Französisch sprechen. Oskar Lafontaines "Die Gesellschaft der Zukunft" las De Michelis im Original.
Im New York der frühen siebziger Jahre hatte Gianni De Michelis den inzwischen berühmten Kunstverein P. S. 1 mitbegründet, der jungen, unbekannten Künstlern Ausstellungsraum in einer riesigen ehemaligen Volksschule verschaffte. Für diese Mithilfe bei der Renaissance der gegenständlichen Kunst lobt er sich selbst. Politiker, die sich in solchen Entwicklungen nicht auskennen, nennt er schlicht "kulturelle Analphabeten".
In die Wirrnisse der italienischen Parteipolitik verstrickt sich De Michelis kaum. Auch der gewaltige Apparat in der Farnesina, dem italienischen Außenministerium, interessiert ihn wenig. Manche Abteilungen beklagen sich bitter, daß der Minister von ihnen monatelang keine Notiz nehme.
Statt in seinem Amtszimmer studiert De Michelis seine Akten gern in der Lobby des Hotels Plaza, in dem er lebt, wenn er in Rom ist. Touristen bestaunen dann den Koloß De Michelis, wie er, auf einem zierlichen goldgerahmten Sofa und umgeben von Bücherstapeln, in seinen Papieren wühlt.
Welten trennen den Außenminister von seinem Vorgänger im Amt, dem heutigen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti.
"Andreotti hielt sich in allem immer bedeckt. Er sorgte dafür, daß ihm die Zustimmung seiner Partei sicher blieb, und zwar möglichst in allen ihren Flügeln", so ein Beamter des Außenamts, der mit beiden Ministern eng zusammengearbeitet hat. Andreotti war stets darauf bedacht, Italiens Freunde nicht vor den Kopf zu stoßen, die Zahl seiner Gegner nicht zu mehren. De Michelis dagegen prescht vor.
Und wie. Während in anderen europäischen Hauptstädten niemand so recht auszusprechen wagte, was er gegenüber der neuen Groß-BRD empfindet, erklärte De Michelis am Morgen nach jener historischen Nacht, in der die Mauer fiel: "Das hier bedeutet die Wiedervereinigung Deutschlands, und das ist auch gut so."
Manchmal enden seine schnellen Vorstöße freilich auch in Blamagen. Anfang Oktober hatte De Michelis ein europäisch-arabisches Treffen in einer prunkvollen Palladio-Villa in Asolo anberaumt. Er wolle ein "Helsinki des Mittelmeers" veranstalten, eine mediterrane KSZE, verkündete er. Doch die Araber, voller Furcht, daß eine solche Zusammenkunft nur ihre Uneinigkeit vorführen würde, lehnten eine Teilnahme ab - Niederlage für De Michelis.
Andreottis Außenpolitik war beständig und verläßlich, aber recht farblos. De Michelis treibt, zuweilen eher spontan als bis zu Ende durchdacht, Konzepte voran und schmückt sie mit phantasievollen Namen.
Nordöstlich von Italien zauberte er zum Beispiel die "Pentagonale" hin, ein Gebilde, das lauter ehemalige Mitglieder der Donaumonarchie umfaßt: Österreich, Ungarn, Jugoslawien, Italien und die Tschechoslowakei. Eine neue "Habsburger Union" nannte es De Michelis - als hätte sich nicht gerade der nördliche Teil seines Landes im vergangenen Jahrhundert gegen sie erhoben.
Die Pentagonale-Länder wollen wacker zusammenarbeiten, "von der Ökonomie bis zur Ökologie, von der Kultur bis zur Kriminalitätsbekämpfung", wie es im Gründungsdokument heißt. Doch Geld dafür gibt es im Staatshaushalt nicht. Das tut wenig Abbruch - wie bei manchem anderen Vorhaben in Italien zählt allein schon die schöne Absicht.
Unverdrossen aber sieht De Michelis in der Pentagonale schon ein Gegengewicht zur Supermacht Deutschland in der EG heranwachsen, auch wenn andere europäische Staaten die italienischen Bemühungen mit merklichem Mißtrauen sehen. "Was soll denn das", fragt ein französischer Diplomat in Rom, "will er eine Mini-EG unter italienischer Führung gründen?"
Der wichtigste Unterschied zwischen De Michelis und Andreotti liegt wohl weniger in der Politik, die sie machen, als in der politischen Kultur, aus der sie stammen.
Andreotti, ein frommer Katholik, der täglich zur Frühmesse geht, glaubt an ewige Werte. Gianni De Michelis ist dagegen ein Häretiker: Seine Familie, gebildeter Mittelstand, gehört den Waldensern an, einer kleinen protestantischen Sekte, die sich lange vor Luther gegen die Autorität der katholischen Kirche erhob.
In der Familie Margaret Thatchers lebte man wortwörtlich nach den strengen Leitsätzen von John Wesley, dem Gründer der Methodistischen Kirche in England. Für die innere Entwicklung von De Michelis dagegen waren nicht so sehr die Inhalte des Waldensischen Glaubens wichtig als vielmehr der gesellschaftliche Status, den die Kirche seiner Eltern ihm aufzwang: "Wenn man als Angehöriger einer Minderheit aufwächst, einer religiösen zumal, wird man notgedrungen zum Nonkonformisten", sagt De Michelis über sich selbst.
Ein Studienfreund meint freilich, daß die Außenseiterrolle in Gianni De Michelis viel eher den Wunsch gefördert habe, akzeptiert zu werden und populär zu sein.
Zugleich erbte De Michelis aus der religiösen Tradition seiner Familie jene Portion stiernackiger Unbeirrbarkeit, die nach außen so selbstgerecht wirkt. "Ich betreibe Politik mit den Ansätzen der modernen Wissenschaft, welche die Welt nach Modellen analysiert", tönt De Michelis zum Beispiel. "Der normale Politiker dagegen hat eine politische Kultur, die aus dem 18. Jahrhundert stammt, eine humanistische, fabulierende Einstellung, die keinen wissenschaftlichen Ansatz erlaubt."
Jene normalen Machtmenschen, von denen sich Italiens Außenminister auf diese Weise zu unterscheiden glaubt, hören derlei nicht gern von einem der Ihren. Sie vermuten in solchen Aussagen die Haltung: "Hoppla, hier komm ich, und ich mach alles ganz anders."
So jemanden boykottieren sie gern. Die Eurokraten in Brüssel verprellte der gegenwärtige Präsident des EG-Ministerrats zum Beispiel, indem er kurz nach seinem Amtsantritt den langjährigen italienischen EG-Botschafter Pietro Calamia, einen Kenner der komplizierten EG-Maschinerie, durch einen neuen Mann ersetzte.
Mit dem EG-Sondergipfel in Rom vom 27. und 28. Oktober, auf dem es De Michelis gelang, elf der zwölf Mitgliedstaaten in einer so wichtigen Frage wie dem Datum für die Gründung einer europäischen Zentralbank zusammenzubringen, war der Erfolg der italienischen Präsidentschaft im EG-Ministerrat freilich gesichert:
"So einen Typen wie ihn, der sich ordentlich für Europa zum Fenster heraushängt", freute sich ein Diplomat aus Brüssel, "haben wir gerade jetzt gebraucht." o
* Auf dem EG-Gipfel von Rom am 28. Oktober; vorn: Kohl, Mitterrand, Andreotti, Thatcher.
Von Valeska v. Roques

DER SPIEGEL 46/1990
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