12.11.1990

FrankreichGraue Landschaft

Landesweiter Schülerprotest weckte ein Trauma: die Studentenunruhen von 1968.
Wieder eine, allmählich gewöhne ich mich daran", sagte Schulleiter Ernest Cheniere, 45. "Aus gesundheitlichen Gründen" hatte eine Lehrerin gebeten, sie nur noch einige Stunden pro Woche für den Unterricht einzuplanen, weil sie "mit den Nerven fertig" sei.
Cheniere leitet das College Gabriel Havez in Creil, einem rund 50 Kilometer von Paris entfernt gelegenen Ort, in dem Tausende Algerier, Marokkaner und Schwarzafrikaner wohnen.
Die 840 Kinder am College sind zwischen 11 und 15 Jahre alt und "ungewöhnlich aggressiv", beobachtet der Schulleiter. Der Dienst erscheint ihm "zuweilen wie ein Fronteinsatz". Von seinen Lehrern geben jährlich rund 33 Prozent auf. Sie resignieren, weil sie die Belastungen nicht ertragen können.
Ihr Arbeitsplatz liegt mitten in den Sozialsiedlungen, die Betonburgen gleich um die Großstädte gezogen wurden - 14, 16 Etagen hoch und auf beinahe jedem Flur Gewalt, Alkohol und Drogen, zerschlagene Scheiben und eingetretene Türen.
Das Leben von draußen, so der Schulleiter, schwappt in die Klassen des College. 51 Prozent seiner Schüler schaffen dennoch die Aufnahme in ein "lycee", das Gymnasium. Andere, im ganzen Land sind es rund 100 000 jährlich, verlassen die Schule mit dem 16. Lebensjahr, ohne Diplom, ohne Hoffnung.
27,2 Prozent aller französischen Arbeitslosen sind jünger als 25 Jahre, dazu verdammt, in "grauen Mauern" zu leben, wie es Staatschef Francois Mitterrand formulierte, "in einer grauen Landschaft und einem grauem Leben, im Abseits einer Gesellschaft, die es vorzieht, nicht hinzusehen und nur einzugreifen, um zu verbieten oder zornig zu werden".
Die Jugendlichen, die in diesen Wochen in Paris und Marseille, Straßburg, Lyon und Bordeaux aufmarschierten - vergangenen Montag waren es 130 000 -, kamen nicht aus den Elite-Gymnasien, sondern meist aus tristen Vororten wie Creil.
Die Demonstranten, in der Mehrheit Gymnasiasten, wollen nicht - wie die Studenten im historischen Mai 1968 - dem bürgerlichen Frankreich ihre Utopien von der Revolution aufzwingen und den Kapitalismus samt seinen Hierarchien abschaffen. Sie fordern vielmehr Sicherheit in den Schulen, mehr Lehrer und Perspektiven für die Zukunft.
Sie wissen, daß sie am Rande der Gesellschaft leben, und wollen das nicht länger hinnehmen. Selbst ihre Lehrer erklären sich oft solidarisch und marschieren mit ihnen.
Dabei schienen die französischen Sozialisten, als sie vor nahezu einem Jahrzehnt die Macht übernahmen, besser geeignet als irgendeine andere Partei, Frankreichs Erziehungssystem zu reformieren - von den 285 sozialistischen Abgeordneten, die 1981 in die Nationalversammlung gewählt wurden, waren 138 Lehrer. Vor allem das "bac", das Abitur, wollten sie "demokratisieren".
Bis zum Jahr 2000, versprachen die Mitterrand-Minister, sollten 80 Prozent der jungen Franzosen ihr Abitur (oder ein gleichwertiges Diplom) machen können, eine Art Kulturrevolution. Denn noch bis Mitte der achtziger Jahre war das Bac weitgehend ein Privileg der Bourgeoisie.
Das Bac ist Wochen vor den Prüfungsterminen obsessives Gesprächsthema der Eltern und Dauer-Diskussionsstoff im Fernsehen. Denn es ist, so die Überzeugung der Franzosen, unerläßliche Voraussetzung für eine Karriere mit gesellschaftlicher Anerkennung.
In diesem Jahr haben bereits 60 Prozent der Schüler den Sprung vom College in die erste Gymnasialstufe geschafft, eine Demokratisierung nach Plan, so scheint es. 1,6 Millionen Gymnasiasten zählt die Nation.
Nur: In den Klassen sitzen durchschnittlich 38 Kinder, und immer mehr Schüler benötigen statt der drei vorgesehenen Jahre zum Abitur mindestens vier. Die Demokratisierung _(* Am 5. November in Paris. ) des Bac, fürchten Erzieher, müsse zwangsläufig zu einer Nivellierung führen und die Begabten hemmen, so daß Frankreichs Stolz, die Intelligenzija, leiden werde.
Die Opposition fordert, das Schulsystem zu dezentralisieren, sogar die Auflösung des Erziehungsministeriums mit seiner gigantischen zentralistischen Bürokratie. Sie herrscht über die 750 000 Lehrer und 12,5 Millionen Schüler, "ein unbeherrschbares Ungeheuer", wie der Abgeordnete Charles Millon meint. Das neue Budget des Erziehungsressorts - 248 Milliarden Franc - ist höher noch als das der Verteidigung.
Dennoch wachsen Unmut und Unsicherheit: Es fehlt an Schulgebäuden, an Geld für Renovierungen, an Lehrkräften, an Aufsichtspersonal. Jene, die das Gymnasium nicht schaffen, fühlen sich als Ausgestoßene.
Am Ende steht bei vielen tiefer Frust. Aber auch den Absolventen der Gymnasien glückt oft genug der erhoffte Aufstieg nicht, weil von Jahr zu Jahr mehr Gymnasiasten das Bac absolvieren und damit zur Uni zugelassen werden.
Den Gymnasiasten, die in diesen Tagen in den Straßen protestieren, ist bewußt geworden, daß Chancengleichheit noch nicht besteht, sondern zwei Arten von Universitäten existieren: Die einen, das sind die "Grandes Ecoles", die Eliteschulen wie die Ecole normale superieure, die Ecole des hautes etudes commerciales und die Ecole polytechnique, _(* Bei einem Schulbesuch in ) _(Französisch-Guayana. ) in denen die Studenten "verwöhnt und beschützt werden wie Blumen im Gewächshaus" (Le Monde). Die Absolventen haben einen Spitzenjob sicher.
Diese Glücklichen können noch weiter aufsteigen in die Ena (Ecole nationale d''administration), die Technokraten-Schmiede der Nation, in der Premier Michel Rocard, Parlamentspräsident Laurent Fabius, Erziehungsminister Lionel Jospin, aber auch die Oppositionellen Valery Giscard d''Estaing oder Jacques Chirac ihre Karrieren begannen.
Die anderen sind die gewöhnlichen Universitäten, in denen die Studenten zusammengepfercht arbeiten müssen und bei vielen Vorlesungen nicht einmal einen Stehplatz finden. Sie werden von den Politikern seit Jahrzehnten vernachlässigt. Die Absolventen haben kaum Chancen, einen der gesellschaftlich angesehenen Posten zu bekommen.
Vergangenen Montag, als sogenannte zonards, Jugendliche aus den Pariser Betonvororten wie Sarcelles oder Montreuil, in der Mehrheit Nordafrikaner und Schwarze, im Pariser Stadtviertel Saint-Germain mit der Polizei aneinandergerieten und viele Franzosen das Trauma Mai ''68 befiel, waren von 577 Abgeordneten der Nationalversammlung während der Debatte über den Erziehungsetat eben 50 anwesend.
Noch begnügt sich diese Gymnasiasten-Generation, die sich eben erst zu artikulieren beginnt, mit friedlichen Protesten, doch ein Funken könnte laut Le Monde de l''education ausreichen, "das Pulverfaß zur Explosion zu bringen". o
* Am 5. November in Paris. * Bei einem Schulbesuch in Französisch-Guayana.

DER SPIEGEL 46/1990
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