12.11.1990

„Land aus dem Dreck ziehen“

Goldgräber-Klima in Afrikas Armenhaus: Das einst marxistische Mosambik erlebt eine wirtschaftliche und politische Perestroika. Das Einparteien-System wurde abgeschafft, eine neue Verfassung verspricht Demokratie, 1991 sollen erste freie Wahlen stattfinden. Dennoch geht der blutige Bürgerkrieg gegen rechte Rebellen weiter.
Als erste reagierten die Tiere. Aufgescheucht von Gewehrsalven und Geschützdonner hetzten Ziegen und Schafe mitten in der Nacht über die Hauptstraße der Kleinstadt Gorongosa in der mosambikanischen Provinz Sofala.
Kurze Zeit später folgten die Menschen, Hunderte: Männer in Decken gehüllt, Frauen mit ihrer armseligen Habe auf dem Kopf, Mädchen und Jungen, ihre kleinen Geschwister an der Hand oder auf den Rücken gebunden.
In panischer Angst verließen die Bewohner ihre Grashütten am Rande der Stadt, als kurz nach Mitternacht der Angriff begann. Sie suchten Schutz zwischen den Steinhäusern im Zentrum, drängten zitternd in Toreingänge und Höfe. Eine halbe Stunde lang schossen die Buschkrieger der rechten Rebellenorganisation Renamo mit Bazookas und Maschinengewehren in den Ort hinein. Vom Hügel hinter der Kirche feuerten die Soldaten der Regierung zurück - zwischen den Fronten die hilflosen Zivilisten. Es war der fünfte Feuerüberfall in drei Wochen.
In der portugiesischen Kolonialzeit war Gorongosa Attraktion für Touristen aus dem benachbarten Rhodesien gewesen, eine idyllische Kleinstadt am Eingang zum größten Nationalpark Mosambiks.
Heute gibt es keinen Tourismus mehr in der Provinz Sofala: Das Wild im Tierreservat wurde von hungrigen Rebellen und Soldaten abgeschossen, die Einwohnerzahl Gorongosas schwoll durch Kriegsflüchtlinge von 12 000 auf 34 000 an.
Das Hauptquartier der Renamo liegt irgendwo in den Bergen hinter Gorongosa. "Weil sie so nah sind", sagt Bürgermeister Fernando Chivavisse, "greifen sie uns ständig an, holen sich, was sie brauchen: Nahrungsmittel, Frauen, Kinder als Rekruten."
Am Morgen nach dem nächtlichen Gefecht: Vor einer der abgebrannten Hütten wühlen die nun Obdachlosen in den Ascheresten, suchen nach Maiskörnern, die sie noch essen können. Der alte Maloveni Chave, der vier Enkel großzieht, klagt: "Alles haben sie verbrannt, selbst die Schulhefte der Kinder."
Bürgermeister Chivavisse hat noch keinen Überblick über das Ausmaß der Zerstörung, die Zahl der Verletzten und Entführten. Aber eines weiß er: "Ein Wunder, daß wir keine Toten zu beklagen haben. Wir hatten wirklich Glück." Glück in einem vergessenen afrikanischen Bürgerkrieg.
14 Jahre Bürgerkrieg, von außen geschürt, ließen Mosambik zum zweitärmsten Land des afrikanischen Kontinents - nach Äthiopien - verkommen. Mehr als 600 000 Menschen fielen direkt oder indirekt dem Terror beider Seiten zum Opfer, 200 000 Kinder wurden zu Waisen, vier Millionen zu Flüchtlingen im eigenen Land, eineinhalb Millionen flohen in die Nachbarstaaten. Die gesamte Infrastruktur Mosambiks brach zusammen.
Buschkrieger von der Renamo haben Schulen und Krankenhäuser zerstört, Brücken gesprengt, Felder verbrannt, 1300 Strommasten umgelegt. Nur in den Städten blieb die Regierung Herr der Lage, und auch das nur beschränkt. Immer wieder läßt Sabotage in der Hauptstadt Maputo das Licht verlöschen, wenige Kilometer hinter dem Stadtrand müssen die Autos umkehren - da beginnt Renamo-Land.
Dank der Hilfe erst des weißen Rhodesiens, dann Südafrikas, dank aber auch der Mißwirtschaft der Frelimo-Diktatur in Maputo waren die Rebellen vergleichsweise erfolgreich gewesen. In wenigen Jahren hatten sie weite Teile des Landes zerstört, Felder und Plantagen verbrannt, die Bevölkerung durch grausame Metzeleien in Schrecken versetzt. Doch sie verloren damit ihren internationalen Kredit.
Heute unterhält die Renamo zwar noch immer Büros in Washington, Lissabon, Bonn und Nairobi, doch selbst vormals Renamo-freundliche Regierungen distanzieren sich inzwischen. Pretoria, interessiert an guten Wirtschaftsbeziehungen zu Mosambik, hat seine Hilfe offiziell eingestellt.
Immer noch fließt Nachschub für Afrikas verrufenste Guerrilleros: Kräfte in Südafrikas Militär und Geheimdienst, denen die Versöhnungspolitik des Präsidenten Frederik de Klerk nicht paßt, portugiesische Geschäftsleute mit kolonialen Interessen an Mosambik und ultrarechte Organisationen wie die Antikommunistische Weltliga halten die Renamo am Leben - wie lange noch?
Seit Juni haben sich Vertreter der Regierung Mosambiks und der Renamo dreimal in Rom getroffen, um über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Beide Seiten sind sich klar, daß niemand diesen Krieg gewinnen kann.
"Nur Verhandlungen, die zu freien und fairen Wahlen führen, können die Gewalt in diesem Land beenden." Mit sanfter Stimme erläutert Pascoal Manuel Mocumbi, 48, ehemaliger Arzt und seit vier Jahren Außenminister Mosambiks, die Politik seiner Regierung.
Mocumbi hatte 1962 die Frelimo mitgegründet, damals eine breite Volksbewegung gegen die portugiesische Kolonialherrschaft. Erst Ende der siebziger Jahre erstarrte sie im ideologischen Griff der großen Brüder Sowjetunion und DDR zur "marxistischleninistischen Avantgarde-Partei".
Heute, so Mocumbi, ein Verfechter des Reformkurses und enger Vertrauter des Präsidenten Joaquim Chissano, fühle sich die Mehrheit seiner Partei der Sozialistischen Internationale verbunden. Was mit der importierten Heilslehre aus dem Osten nicht gelang, soll nun eine rasche Liberalisierung der Wirtschaft erreichen: Seit 1987 versucht Mosambik mit Hilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank, seine ruinierte Wirtschaft zu sanieren.
Die Misere, die mit dem Abzug der Kolonialmacht 1975 begann - von 200 000 Portugiesen, meist Fachkräften, blieben nur wenige tausend -, hatte auch hausgemachte Ursachen: zentralistische Planwirtschaft, Kollektivierung der Kleinbauern, eine aufgeblähte Bürokratie. Der Krieg machte dann alles noch schlimmer.
Das IWF-Programm - Abbau der Bürokratie, Reprivatisierung - zeitigt inzwischen erste Erfolge: Die wirtschaftliche Wachstumsrate stieg auf 4,5 Prozent. Zumindest in Städten wie Maputo und Beira schlägt die vom IWF verpaßte Erholungskur an. Seit Jahren geschlossene Läden haben wieder geöffnet, in den Straßencafes ist vom Kaffee aus Angola bis zum Bier aus Südafrika alles zu haben, Restaurants und Bars legen üppige Speisekarten aus.
"Wer Geld hat", lacht der Händler Rosario Luiz, "dem geht es heute gut." Luiz verkauft auf dem Markt "Roter Stern", benannt nach der benachbarten Mittelschule, Ölsardinen und Whisky. Auf Straßen und Plätzen der Hauptstadt bieten fliegende Händler ihre Waren feil. "Früher", erzählt Rosario Luiz, "wurden wir von den Behörden verjagt und bestraft, heute dulden sie uns."
Die Kundschaft für das reichhaltige Angebot ist allerdings spärlich, denn die Waren sind für die meisten Mosambikaner unerschwinglich: Für ein Paar Herrenschuhe muß der Monatslohn eines Facharbeiters hingelegt werden. "Ein Huhn kostet 500 Meticais", erzählt der Hafenarbeiter Gabriel Joaquim Rocha, der in der ehemaligen DDR ausgebildet wurde, "ich verdiene 30 000, da kann man sich ausrechnen, wie oft es bei uns Fleisch gibt - nämlich nie."
Im feudalen Speisesaal des Grandhotels Polana in Maputo oder im Delikatessen-Restaurant Jonny's Place in Beira essen vor allem die Experten der zahlreichen ausländischen Hilfsorganisationen, Diplomaten oder Manager aus Südafrika, die in der Hauptstadt ganze Hotels belegt haben.
An der nahen Costa do Sol entstand ein streng bewachtes Bungalow-Reservat für die Geschäftsleute vom Kap - von den Mosambikanern in Anlehnung an Bantustan ironisch "Brancostan", Weißen-Homeland, genannt. Die Südafrikaner haben sich besonders in der Touristenbranche engagiert, die Insel Inhaca im Süden des Landes ist schon fest in Burenhand.
Doch die Goldgräberstimmung in Afrikas Armenhaus hat nicht nur Ausländer erfaßt. Der Mosambikaner Xavier da Barca, 52, aus Beira etwa handelt mit Salz und Fischen, besitzt einen Supermarkt und einen Schuhladen. Schon vor der Wende hat er "mit Ausdauer und Geduld" die kapitalistischen Schlupflöcher in der damaligen sozialistischen Kommandostruktur zu nutzen gewußt.
32 Millionen Dollar liegen bei der Entwicklungsbank Mosambiks zur Förderung privater Investitionen bereit - seither öffnen sich für da Barca ganz neue Horizonte. Mit einem Kredit von 600 000 Dollar will der Geschäftsmann in den Fischfang und den Transport einsteigen. Von der DDR hat er die vier Kutter Seewolf, Zwergwal, Sägehai und Sattelrobbe gekauft, die im Hafen von Beira zur Überholung liegen. "Mit privater Initiative", sagt da Barca, "werden wir unser Land aus dem Dreck ziehen."
Der Wirtschafts-Perestroika folgte die politische Demokratisierung. Vergangenes Jahr bereits wandte sich die Staatspartei Frelimo formell vom Marxismus-Leninismus ab und ließ ihren Alleinvertretungsanspruch fallen. Die bereits arg verblichenen klassenkämpferischen Parolen an Hauswänden und Mauern wurden übertüncht. Künftig heißt die ehemalige Volksrepublik nur noch Republik Mosambik.
In einer sechsstündigen Rede, hin und wieder nur unterbrochen von Gesang, erklärte Präsident Chissano den Mosambikanern auf Maputos Platz der Unabhängigkeit die Vorzüge der Demokratie. Vorletztes Wochenende verabschiedete das Parlament eine Verfassung mit Anleihen beim deutschen Grundgesetz und bei der amerikanischen Verfassung. Anfang des Jahres kam es zu einer Welle von Streiks, obgleich Arbeitsniederlegungen verboten waren. In der neuen Verfassung ist das Streikrecht garantiert - neben Versammlungs-, Religions- und Pressefreiheit.
Schon wollen der Kirche nahestehende Kräfte eine Partei gründen. Die Regierung hat die Rebellen von der Renamo aufgefordert, das gleiche zu tun und sich an den ersten freien Wahlen im kommenden Jahr zu beteiligen - mit wenig Aussicht auf Erfolg: Die Renamo hat die neue Verfassung bereits abgelehnt.
Die Begeisterung der von Elend und Krieg geschundenen Mosambikaner für die neue Politik ist bisher eher gedämpft. In manchen der lokalen Sprachen gibt es nicht einmal ein Wort für Demokratie. "In unserer Kooperative haben die Bauern Angst, daß sie ihr Land verlieren, wenn der Patron zurückkommt", erzählt Lina Magaia, Leiterin eines Projekts für Flüchtlinge 80 Kilometer nördlich von Maputo.
Sie hat schon als junges Mädchen im Krieg gegen die Kolonialherren gefochten und sorgt sich, weil die Regierung die alten Besitzer zur Rückkehr auf ihre Plantagen einlädt. "Wer täglich ums Überleben kämpft", sagt Lina Magaia, "den lassen Werte wie Pressefreiheit relativ gleichgültig."
Eineinhalb Millionen Menschen sind in Mosambik nach Angaben internationaler Hilfsorganisationen vom Hungertod bedroht, besonders in den Kriegsgebieten der Provinzen Tete, Sambesia und Sofala.
Zweimal die Woche setzt sich am Morgen in Gorongosa ein Konvoi aus sechs Lastwagen in Bewegung. Die staatliche Nothilfe Mosambiks, die Deutsche Welthungerhilfe und die norwegische Organisation Redd Barna versorgen seit Monaten die Flüchtlinge in Casa Banana mit dem Notwendigsten zum Überleben - mit Mais, Speiseöl, Bohnen.
Nur 70 Kilometer lang ist die Strecke von Gorongosa nach Casa Banana. Die unbefestigte Sandpiste, Lebensader für mehr als 10 000 Flüchtlinge, führt durch eine zerklüftete Schlucht und über zwei zerbombte, nur notdürftig reparierte Brücken. Vor allem aber führt sie durch Renamo-Land.
Vor jeder Fahrt suchen Soldaten aus Simbabwe, von der Frelimo um Hilfe gebeten, die Strecke nach Minen ab; drei "Pumas", minensichere Fahrzeuge mit zentimeterdicken Stahlwänden, und schwerbewaffnete Soldaten begleiten den Konvoi.
"Diese Sicherheitsvorkehrungen sind unbedingt notwendig", sagt Gerhard Schmalbruch, Vertreter der Welthungerhilfe in Mosambik. Vor zwei Jahren fuhr ein Lastwagen auf eine Mine, der Fahrer wurde getötet. Schmalbruch plagt der Gedanke, daß die Mittel für die Nothilfe nur noch bis Ende dieses Jahres bewilligt sind, die Zahl der Flüchtlinge jedoch immer noch steigt.
Als der Konvoi nach sechsstündiger Fahrt in Casa Banana ankommt, laufen ihm Tausende jubelnd entgegen. "Unsere Reserven reichen noch für sechs Wochen", sagt Bürgermeister Eta Andre Companhia, "schlimm wird es, wenn die Regenzeit beginnt, dann ist die Strecke nicht mehr passierbar."
Die Regenzeit beginnt in diesen Tagen.

DER SPIEGEL 46/1990
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