12.11.1990

JapanSegen des Volkes

Ein Kaiser wird gekrönt. Wird er wie seine Vorfahren gottgleich?
Froschmänner durchwühlten den Schlamm im Burggraben um den Kaiserpalast von Tokio; Hunderte Polizisten stiegen hinab in die Kanalisation der japanischen Metropole; Zivilfahnder durchkämmten verdächtige Wohnungen und Büros obskurer Politvereine.
Die beispiellose Großrazzia in der vergangenen Woche galt verborgenem Mordwerkzeug: Bomben, Sprengstoffpaketen und Raketen, die angeblich von irgendwo auf den Kaiserpalast gerichtet sein sollten. Die Suche blieb, bis Ende voriger Woche zumindest, erfolglos.
Doch die Angst geht um in Tokio. Denn militante Linksradikale, allen voran die terroristische Stadtguerilla "Chukaku-ha" (Zentral-Kern-Fraktion) mit ihren etwa 5000 Mitgliedern, haben der Monarchie den "totalen, bedingungslosen Krieg" erklärt. 57 Terroranschläge auf Menschen und Gebäude, die irgendwie in Beziehung zur Kaiserfamilie stehen, hat die Polizei seit Jahresbeginn registriert.
Vor Monaten feuerte die Chukakuha sogar selbstgebastelte Raketen mit einer Reichweite von etwa fünf Kilometern auf die Stadtvilla des Tenno-Bruders Prinz Hitachi. Zur gleichen Zeit schlug eine Rakete im alten Kaiserpalast von Kioto ein.
Der 12. November werde ihnen, rechneten die Radikalen, die "Gelegenheit des Jahrhunderts" zum entscheidenden Schlag gegen das Kaiserhaus liefern. Denn da findet die feierliche Inthronisation des Kaisers Akihito, 56, statt.
Tokios Polizei hatte zum Schutz des Tenno und der erwarteten 2500 Ehrengäste aus über 150 Ländern ein gewaltiges Aufgebot mobilisiert: 37 000 Uniformierte. Am Flugplatz, auf dem die ausländischen Gäste eintrafen, patrouillierten tagelang rund um die Uhr 1500 schwerbewaffnete Schutzpolizisten. Zusätzlich zu den unzähligen Uniformierten sichern 7000 Zivilfahnder die nur vier Kilometer lange Strecke zwischen dem Kaiserpalast, in dem die Krönungsfeierlichkeiten stattfinden, und dem Akasaka-Palast, Akihitos Domizil.
"Erstklassige öffentliche Ordnung ist ein Wert, auf den Japan im internationalen Vergleich stolz sein sollte", meinte Justizminister Seiroku Kajiyama. Fast flehentlich gab er seinen Kabinettskollegen mündlich mit auf den Weg, die Krönungsfeierlichkeiten "sollten den Segen des ganzen Volkes haben".
Eben daran hapert es. Zwar sind Umfragen zufolge über 85 Prozent der 122 Millionen Japaner zufrieden, die meisten gar stolz darauf, als Repräsentanten ihres Landes einen Monarchen aus der ältesten Dynastie der Welt zu haben, deren Wurzeln sich in mythologischer Vorzeit verlieren.
Aber über das Wesen der Herrschaft wird seit vielen Jahren gestritten. Der Tenno ist nicht Staatsoberhaupt, sondern laut Verfassungsartikel 1 nur "Symbol des Staates und der Einheit des Volkes". Also, meinen viele Japaner, sei er quasi Privatperson, müsse seine aufwendige Krönungszeremonie aus der gesetzlich festgelegten Apanage bestreiten.
Die Regierung dagegen sieht die Inthronisation als einen Staatsakt an, durch den Japan sich selber darstelle, meint ein hoher Beamter des Kaiserlichen Hofamts. Für die Inthronisation, die folgenden viertägigen Bankette und die späteren religiösen Riten stehen aus dem Staatshaushalt 12,3 Milliarden Yen (etwa 130 Millionen Mark) zur Verfügung.
Die japanische Verfassung schreibt eine strikte Trennung von Staat und Religion vor. Der Tenno aber ist der höchste Priester des Shinto-Kults, der originären japanischen Naturreligion, die bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs gar Staatsreligion war. Darf der Staat deshalb die mit der Krönung unlösbar verbundenen Shinto-Rituale finanzieren?
Die Regierung meint, sie dürfe. Für die "nichtöffentliche Feier" der Kaiser-Familie "mit religiösen Elementen" stellte sie 2,5 Milliarden Yen (28 Millionen Mark) bereit. Beim Landgericht Osaka aber haben mehr als 1500 Bürger Klage gegen die Regierung erhoben wegen unzulässiger Vermischung von Politik und Religion. Ein Urteil ist kaum vor nächstem Jahr zu erwarten. Die japanische Anwaltskammer hält die Riten für "verfassungswidrig".
Die eigentliche Inthronisation hatte das Hofprotokoll schlicht und knapp geplant: In der riesigen Matsunoma-Halle des Palastes verkündet Akihito von einem fünf mal fünf Meter messenden, drei Meter hohen Thron herab, daß er nunmehr der 125. Tenno sei. Vor dem Thron steht Ministerpräsident Toshiki Kaifu, reckt die Arme empor und ruft ein dreifaches "tenno heika banzai" (Seine Kaiserliche Majestät lebe 10 000 Jahre). Die anwesenden Gäste stimmen in den Ruf ein.
Doch "banzai" war auch der Kriegsschrei der Soldaten des militanten Großjapan. War es mithin etwa dem amerikanischen Vizepräsidenten Dan Quayle oder dem britischen Thronfolger Prinz Charles zuzumuten, dem Tenno mit einem "banzai" zu huldigen? Nach mehrwöchigen Beratungen beschloß die Regierung: Ausländische Ehrengäste sind vom Banzai-Ruf befreit.
Dem Mythos zufolge bestieg im Jahre 660 vor Christus als erster Tenno Jimmu den Chrysanthemen-Thron, angeblicher Ur-Ur-Urenkel der Sonnengöttin Amaterasu, Schöpferin Japans und des japanischen Volkes. Aufgrund dieser Abstammung galt der Tenno (Himmlischer Herrscher) bis in die Neuzeit per Gesetz als "heilig und unantastbar". Erst 1946 entsagte Akihitos Vater Hirohito seinem Gottsein.
Der gebildete, weltaufgeschlossene Akihito sieht sich sicher nicht als Gott. Aber der Tradition folgend, muß auch er, als Höhepunkt und Abschluß der Inthronisation, seiner Urahnin Amaterasu sozusagen Bericht erstatten. Dieses "daijosai" (Großes Nahrungsopfer) genannte Ritual findet zehn Tage nach der Krönung statt, in der Nacht des 22. November.
Für das "daijosai" wurde in den vergangenen drei Monaten auf dem Gelände des Kaiserpalastes eigens eine Tempelanlage errichtet - rund ein Dutzend Gebäude mit einem Aufwand von mehreren Millionen Mark, die kurz nach der Festnacht wieder abgerissen werden sollen.
Um 18.30 Uhr wird sich der Kaiser, in eine wallende weiße Robe gehüllt und nur von zwei Priesterinnen begleitet, in das innere Sanktuarium des Tempels zurückziehen, in dem lediglich eine Schlafstatt steht. Dort bietet er den "Gottheiten des Himmels und der Erde" und speziell seiner Urahnin den ersten Reis des Jahres dar, speziell für diesen Anlaß auf einem geweihten Feld gezogen. Dann ißt er selbst von dem Reis und betet. Auf dem Bett sitzt derweil, so der Mythos, die Sonnengöttin.
Der genaue Ablauf des "daijosai" ist geheim. Nach einer weitverbreiteten Annahme hüllt sich der Kaiser nach seinen Gebeten in ein Tuch, legt sich auf das Bett - und wird Stunden später als göttlicher Tenno wiedergeboren. Eine andere Theorie besagt, daß er, wie der Schriftsteller Hideaki Kase es nennt, mit der Sonnengöttin "den Geschlechtsakt simuliert".
Allen Ernstes fragte vergangenes Frühjahr ein Parlamentsausschuß beim Chef des Kaiserlichen Hofamts an, ob der Tenno denn tatsächlich seiner Urahnin beischlafen werde. Die Antwort war ein klares Nein.
Wird Tenno Akihito aber nun, ungeachtet aller Verfassungsvorschriften, göttlich? "Viele Gelehrte haben darüber ihre Theorien", meinte ein Sprecher des Ministerpräsidenten, "die Regierung ist nicht in der Lage, dazu etwas zu sagen."

DER SPIEGEL 46/1990
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