12.11.1990

* ZeitgeschichteQual und Ekstase

Vor 50 Jahren zerstörte Hitlers Luftwaffe Coventry. Bundespräsident und Königinmutter pilgern in die deutsch-britische Symbolstadt.
Auf diesen Mittwoch abend wartet die Engländerin Ethel Hamsworth, 71, "mit einer schlimmen Beklemmung ums Herz".
Punkt 18.35 Uhr wird ihre Heimatstadt Coventry abgedunkelt, werden Flak-Scheinwerfer den Himmel abtasten. Zugleich wird der Sirenenton losheulen, der vor genau 50 Jahren die deutschen Bomber ankündigte - zu spät.
In der Nacht zum 15. November 1940 verwandelte Hitlers Luftwaffe Coventry in ein Flammenmeer. Von der Kathedrale St. Michael blieben nur der Turm und drei Außenwände stehen. 554 Menschen starben, 865 wurden schwer verletzt.
Zwei Minuten lang wird am Mittwoch die 310 000 Einwohner zählende Industriestadt in den Midlands still verharren, um jener Nacht zu gedenken - dann wird Coventry mit einem Sirenenton "All clear" (Entwarnung) und Glockengeläut in die abendliche Rushhour zurückkehren.
In der Schreckensnacht warfen 500 deutsche Flugzeuge 56 Tonnen Brand- und 394 Tonnen Sprengbomben sowie 127 Minen auf die Stadt, in der damals 200 000 Menschen lebten. Außer der Kathedrale wurden 55 000 Häuser und 12 Fabriken zerstört.
Die Hamsworths krochen unversehrt aus ihrem Haus, das der Luftdruck "wie mit einem Korkenzieher verdreht" hatte, erinnerte sich die alte Frau. "Um uns herrschte ein gleißendes, furchterregendes Licht."
Verglichen mit den Opferzahlen anderer Schauerstätten des Zweiten Weltkrieges - Stalingrad, Köln oder Dresden - ist Coventrys Verlustrate gering. Auch London, Bristol, Liverpool oder Glasgow wurden bombardiert, teils schwerer als Coventry.
Trotzdem hat Coventry sich einen herausragenden Platz in den Kriegserinnerungen bewahrt, ähnlich wie Guernica oder Oradour - aus zwei Gründen: Zum ersten Mal wurde eine ganze Stadt durch ein Bombardement nahezu "ausradiert", wie Hitler angedroht hatte. Coventry wurde aber auch die erste Stätte der Verwüstung, von der aus Briten und Deutsche gemeinsam ihren Versöhnungswillen in die Tat umsetzten.
Der unter dem zynischen Kode-Namen "Mondscheinsonate" vorbereitete Angriff auf Coventry fachte den beginnenden Luftkrieg zwischen Hitlers Deutschland und England an. Zum ersten Mal hob London die Zensur für Kriegsberichterstattung auf, die noch ungewohnten Bilder des Grauens blieben im Gedächtnis der Weltöffentlichkeit haften.
Der "Blitz" sei der "konzentrierteste Regen der Zerstörung aus dem Himmel, der je von Menschenhand ausgelöst" wurde, entsetzte sich am 25. November 1940 das US-Magazin Time.
In Deutschland dagegen feierte in einem großen Bildbericht die Berliner Illustrirte die Zerstörung. "Deutschlands Vergeltungsschläge", so rühmte das Blatt Weihnachten 1940, seien "mit großer Wucht und Präzision geführt worden".
Die Royal Air Force hatte erste Bomben auf deutsches Gebiet schon seit September 1939 geworfen, von Mai 1940 an bombardierte sie Städte wie Aachen, Dortmund, Essen und Hamburg, aber nur mit jeweils wenigen Flugzeugen. Einen Tag nach Coventry flog die RAF mit 127 Bombern ihren ersten Großangriff auf Hamburg - der flächendeckende Bombenterror hatte begonnen.
Um so mutiger war der Dompropst der Kathedrale von Coventry, Dick Howard. Nur gut eineinhalb Monate später, in seiner Weihnachtspredigt 1940, rief Howard am gleichen Ort jedem Zeitgeist zuwider zur Versöhnung mit den Deutschen auf: "Wir Christen sagen ja zur Vergebung und nein zur Vergeltung." Und: "Wenn dieser Krieg zu Ende ist, werden wir mit denen, die heute unsere Feinde sind, eine freundlichere, christliche Welt bauen."
Nach dem Krieg trieb Howard die deutsch-britische Aussöhnung entschlossen voran. Einen Bruder im Geiste fand er in einem der einfallsreichsten Architekten Großbritanniens, Sir Basil Spence. Bei der Invasion der Alliierten in der französischen Normandie hatte der angehende Architekt aus dem Schützenloch mit ansehen müssen, wie britische Panzer zwei romanische Dorfkirchen umrammten, nur um in den Türmen verschanzte deutsche Schützen auszuschalten.
Im Überlebensfalle werde er eine Kirche bauen, schwor sich Spence damals, und er erhielt die Chance. 1951 gewann er den Wettbewerb für eine neue Kathedrale in Coventry. Nach elf Jahren "Qual, Frust, Hoffnung und Ekstase" hatte er neben der befestigten Ruine des alten Gotteshauses die neue Kathedrale gebaut - der revolutionäre Sandsteinbau machte Sir Basil weltberühmt.
Um die beiden Kirchen sammeln sich kommenden Mittwoch unter dem Leitwort "Vorwärts in Freundschaft" vier Generationen Deutscher und Briten, um den "Blitz Commemoration Day" zu begehen. Zu den 800 Geladenen gehören die Königinmutter und Bundespräsident Richard von Weizsäcker, ferner Piloten der Bundeswehr und der RAF, der Dresdner Kreuzchor sowie Kinder aus beiden Ländern.
Die Einwohner von Coventry haben sich nie darauf beschränkt, ihre Erinnerungen an die Katastrophe zu pflegen. Die Stadt ist britische Basis der deutschen "Aktion Sühnezeichen", der christlichen Friedensorganisation zur Wiedergutmachung des von Deutschen im Krieg begangenen Unrechts. Dazu der Domkapitular von Coventry, Paul Oestreicher, aus Thüringen gebürtig: "Wir exportieren den Gedanken der Vergebung."
Leicht überwölkt wird die "Blitz"-Erinnerung nur durch einen zähen innerbritischen Zwist. Mitte der siebziger Jahre beschuldigten Historiker nach Öffnung von Geheimdienstarchiven den 1965 verstorbenen Kriegspremier Winston Churchill postum, er habe im voraus vom Bombenangriff auf Coventry gewußt. Die britische Dekodierungsgruppe "Ultra" hatte nämlich verschlüsselten deutschen Funkverkehr entziffert.
Churchill habe, so die Anschuldigung, Coventry den Bombern preisgegeben und keine Abwehrmaßnahmen ergriffen, um die Deutschen nicht merken zu lassen, daß London ihr Chiffriersystem "Enigma" zum Teil geknackt hatte.
Die Vorwürfe seien, so vorige Woche das Londoner Imperial War Museum, "nicht nachweisbar". Dort hält man sich an den Historiker Sir Harry Hinsley. Nach dessen Forschungen wurden Churchill zwar am 14. November 1940 um 13 Uhr, also gut sechs Stunden vor dem Angriff, tatsächlich entschlüsselte Luftwaffeninformationen aus Deutschland vorgelegt. Die hätten dem Premier aber nur einen unmittelbar bevorstehenden Luftangriff auf England signalisiert, daß die Bomber Coventry anflogen, habe er nicht gewußt.
Domkapitular Oestreicher will die Stadt künftig von dem Historikerstreit befreit sehen: "Was zu Churchill geschrieben wurde, mag wahr sein oder auch nicht. Unsere Stadt will das nicht mehr wissen." o

DER SPIEGEL 46/1990
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