12.11.1990

Hexenjagd im Kindergarten

Sexueller Mißbrauch von Kindern werde, vor allem in Kindergärten, massenhaft betrieben: Ein Opfer dieses amerikanischen Hexenwahns der achtziger Jahre wurde Margaret Kelly Michaels. Ihr Fall - 47 Jahre Gefängnis wegen „115 schändlicher Handlungen sexuellen Charakters“ - wird jetzt neu aufgerollt.
Für den Job hielt sich die junge College-Abgängerin mit den Schauspielerambitionen gar nicht geeignet, er brachte auch nicht viel Geld ein. Doch "das dürftige Zimmer", das sie mit einer Schulfreundin in einem ärmlichen Ortsteil von East Orange (US-Staat New Jersey) gemietet hatte, "mußte ja bezahlt werden". Von den 140 Dollar Wochenlohn würde immerhin so viel übrigbleiben, daß sie "am Wochenende nach Manhattan ins Theater fahren" konnte.
So begann Margaret Kelly Michaels, damals 22, Anfang September 1984 in der Wee Care Day Nursery, einer privaten Vorschule für Drei- bis Fünfjährige im Nachbarort Maplewood, ihren Dienst als Kindergartenhelferin eher aus Not denn aus Neigung. Doch sie zeigte so viel Geschick im Umgang mit den Söhnen und Töchtern wohlsituierter Bürger, daß sie nach nur vier Wochen zur Kindergärtnerin befördert wurde.
Nach 150 Arbeitstagen quittierte Kelly Michaels zum Bedauern ihrer sieben Kolleginnen ihre Stellung. Sie hatte in einem anderen Kindergarten einen Arbeitsplatz gefunden, der von ihrer Wohnung aus bequemer zu erreichen war.
Sechs Tage nach Antritt des neuen Jobs wurde Kelly Michaels morgens um kurz nach sieben von Sergeant John Noonan und Detective Richard Mastrangelo aufgesucht. "Sie warfen sich vor allem mehrdeutige Blicke zu", erinnert sich Kelly Michaels an die unangekündigten Besucher, "als sie in unserem Zimmer nur ein einziges Bett entdeckten."
Die beiden Polizisten brachten Kelly Michaels nach Maplewood zum Verhör. Es dauerte neun Stunden, auch ein Lügendetektor wurde eingeschaltet, mit dem Ergebnis, daß die Vernommene offenbar die Wahrheit gesagt hatte.
War sie also unschuldig, war das Ganze nur ein Mißverständnis?
Kelly Michaels verlor - erste Folge der polizeilichen Intervention - umgehend ihren Arbeitsplatz und gut drei Jahre später, im letzten Akt eines bizarren und fragwürdigen Rechtsschauspiels, ihre Freiheit.
Am 2. August 1988 verurteilte William Harth, Oberrichter im Landkreis Essex, Kelly Michaels zu 47 Jahren Gefängnis, von denen sie - strafverschärfend - wenigstens 12 Jahre abzusitzen hat, bevor ein Gnadengesuch entgegengenommen und erörtert wird. Die Jury hatte Kelly Michaels für schuldig befunden, an 20 Kindern der Wee Care Day Nursery "115 schändliche Handlungen sexuellen Charakters" begangen zu haben.
Seither sitzt Kelly Michaels in der "South Hall", dem gelbgeklinkerten Hochsicherheitstrakt des Edna-Mahan-Frauengefängnisses von Clinton, als Häftling Nummer 12 271 zusammen mit 800 Mörderinnen und anderen Schwerverbrecherinnen ein.
"Dies ist eine Frau, die Opfer einer schrecklichen Hysterie geworden ist", sagt der New Yorker Rechtsanwalt Morton Stavis, 74 - einer Hysterie, die "das amerikanische Justizsystem in den achtziger Jahren heimgesucht" habe. "Gegen Kelly Michaels", so der als Verfassungsanwalt erfahrene Stavis, "ist ein Fall konstruiert worden. Da wurde Leuten geglaubt, die selbst nichts gesehen hatten. Da sagten Mütter aus, die nur das wiederholten, was ihnen ihre Kinder erzählt hatten. Da wurden die angeblichen Opfer, die Kinder, als Hauptzeugen von übereifrigen Ermittlern und selbsternannten Experten für das Delikt des Kindesmißbrauchs zu Aussagen verleitet, die mit den Spontanaussagen überhaupt nicht mehr zusammenpaßten. Da durften Staatsanwälte Emotionen hochpeitschen, während der Verteidigung verbriefte Rechte verwehrt wurden - und das alles mit Billigung des Richters."
Vorletzten Monat beantragte Rechtsanwalt Stavis beim Berufungsgericht von Newark, die Strafgefangene Kelly Michaels bis zu dem von ihm angestrebten Wiederaufnahmeverfahren freizulassen. Stavis, Direktor und Mitbegründer des Center for Constitutional Rights, hatte die Protokolle der Vernehmung (4700 Seiten) und der Verhandlung (30 000 Seiten) gelesen. Sein Fazit: "Hört man den Kindern genau zu, kann das, was geschehen sein soll, nie und nimmer passiert sein."
Nach Ansicht der Jury hatte Kelly Michaels während ihrer 150 Arbeitstage in der Wee Care Day Nursery die Kinder ihrer Gruppe dazu verführt, beispielsweise regelmäßig *___Erdnußbutter, manchmal garniert mit Marmelade, von ____ihrem Genitalbereich abzulecken, *___"Kuchen" zu essen, den sie aus ihren Fäkalien ____"gebacken" hatte; *___sich auszuziehen und nackt "Sex zu spielen"; *___den Urin der Lehrerin zu trinken.
Zudem hatte Kelly Michaels nach Vernehmungsprotokollen der Kinder und Überzeugung der Jury regelmäßig *___sich mit Messern, Gabeln, Legosteinen und Glühbirnen an ____Geschlechtsteilen und am Analbereich der Kinder zu ____schaffen gemacht; *___nackt vor den Kindern Klavier gespielt und ihnen ____blutige Tampons gezeigt sowie *___die Kinder mit der Drohung zum Schweigen gebracht, sie ____werde sie andernfalls in Stücke schneiden und weit ____wegwerfen, damit ihre Mütter sie nicht fänden.
150 Tage lang, solange Kelly Michaels in der Wee Care tätig war, hat nicht ein einziges Kind seinen Eltern oder Geschwistern, anderen Kindergärtnerinnen oder Spielkameraden in anderen Gruppen der Vorschule von den Vorfällen, die angeblich jeweils in der Mittagspause stattfanden, berichtet - auch nicht andeutungsweise.
Weder die Kolleginnen von Kelly Michaels noch die Angestellten der Episkopalkirche, in deren Räumlichkeiten die Vorschule untergebracht war, hatten irgend etwas Einschlägiges beobachtet. Niemand hatte auch nur Spuren von Urin oder Fäkalien bemerkt. Auch das FBI, das im Auftrag der Staatsanwaltschaft später Hocker und Bank untersuchte, auf denen Kelly Michaels während des Klavierspiels nackt gesessen haben sollte, konnte keinerlei belastende Spuren, etwa mikroskopisch feine Hautrückstände oder ähnliches, entdecken.
Zwei Jahre nach dem Urteilsspruch, fast fünf Jahre nach dem angeblichen Verbrechen, ist die pausbackige Täterin von einer fröhlichen Höflichkeit. Sie zürnt weder den Kindern noch den Eltern, deren Aussagen sie, wie sie sagt, "zum Unmenschen erklärt" und in die "Mörderabteilung des Gefängnisses von Clinton gebracht" haben. Die Kinder? "Sie sind so unschuldig wie ich", sagt sie. "Wir sind gemeinsam ins Räderwerk einer Kinderschändungshysterie geraten."
Solche Massenpsychosen tauchen in der amerikanischen Gesellschaft in Abständen regelmäßig auf. Legendäres Beispiel ist der Fall der 19 Hexer und Hexerinnen von Salem (Massachusetts), die 1692 wegen angeblicher Kindesverteufelung zum Tode verurteilt wurden.
Dem "Bedürfnis nach öffentlichen Hexenprozessen in den achtziger Jahren", meint der US-Autor und Journalist Alexander Cockburn, wären die Leute um den Kommunistenfresser Ronald Reagan nur zu gern mit der Verfolgung von Anhängern des "Reichs des Bösen" im eigenen Land nachgekommen. Doch mangels leibhaftiger Kommunisten in den USA "griffen die Jäger", so Cockburn, "zurück auf den traditionellen Exorzismus, auf die Austreibung des Teufels, dessen Hörner und Pferdefuß sie lokalen Kinderbetreuern anpaßten".
Eine von Reagans Justizminister Edwin Meese eingesetzte Kommission beispielsweise mobilisierte Mitte der achtziger Jahre landesweit Zeugen, die allüberall pädophile Mitbürger entdeckten und deren angeblich schändliches Wirken anprangerten. Wenigstens 50 000 amerikanische Kinder würden, so ein vielzitierter Kronzeuge, "jedes Jahr gekidnappt, vergewaltigt, mißbraucht, für Pornomagazine fotografiert und schließlich ermordet" - in Wahrheit waren es nicht einmal 70, wie sich später herausstellte.
Die Frage nach dem Tatort der angeblich tausendfachen Missetaten klärte ein Experte von eigenen Gnaden namens Kenneth Wooden, Autor eines Buches mit dem einschlägigen Titel "Child Lures" (deutsch etwa: Das Ködern von Kindern): Der sexuelle Mißbrauch von Kindern sei "heutzutage in Kindergärten derart verbreitet", daß bereits einige Versicherungen "ihre Haftungsverpflichtung aufgekündigt" hätten.
Allein in den Jahren 1983 bis 1987 wurden in über 100 amerikanischen Kommunen Gerichtsverfahren gegen Betreuer kleiner Kinder wegen sexuellen Mißbrauchs eröffnet. Unbestritten ist, daß die Anschuldigungen in einigen Fällen zutrafen. Doch ebenso sicher - und durch seriöse Studien belegt - ist auch, daß weitaus mehr Kinder im Elternhaus sexuell mißbraucht werden als in Kindergärten oder Schulen.
Die größte Zahl der Prozesse wurde eingestellt oder endete mit Freispruch. So etwa das Verfahren gegen Raymond Buckey und seine Mutter Peggy McMartin Buckey, die im Badeort Manhattan Beach bei Los Angeles eine private Vorschule unterhielten. Ihnen war vorgeworfen worden, 125 der ihnen anvertrauten Kinder vergewaltigt und brutal eingeschüchtert zu haben. Sie hätten zudem, so die Staatsanwaltschaft, im Beisein der Kinder Kaninchen, Tauben und ein Pferd geschlachtet, in einer Kirche ein Baby geopfert und satanische Kulthandlungen vorgenommen.
Prozeß und Wiederaufnahmeverfahren schleppten sich über sechs Jahre hin, fünf Jahre lang wurde Raymond Buckey, zwei Jahre seine inzwischen 63jährige Mutter in Untersuchungshaft gehalten.
Anfang dieses Jahres erkannte eine Jury auf "not guilty". Sie war zu der Einsicht gekommen, daß die belastenden Aussagen der Kinder "Tathergänge beschrieben, die aus dem Kopf der Befrager und nicht aus dem der Kinder herrührten", wie Michaels-Verteidiger Stavis formuliert.
Der New Yorker Anwalt sieht zwischen dem McMartin-Fall und dem Verfahren gegen Kelly Michaels "eine ganze Reihe von Parallelen", aber auch einen gewichtigen Unterschied: Während die kalifornischen Juroren "mutig genug waren, die auf Aburteilung drängende öffentliche Meinung zu mißachten", habe sich die Jury in New Jersey bei ihrem Verdikt "von Emotionen und Hysterie und nicht von Tatsachen" leiten lassen.
Begonnen hatte das Drama in der Praxis eines Kinderarztes in Maplewood. "Das macht meine Lehrerin auch immer", sagte der Vierjährige, dem die Praxishelferin während einer Routineuntersuchung rektal die Temperatur maß. Mutter und Helferin horchten auf und fragten nach. "Fiebermessen beim Mittagsschlaf", sagte der Junge und ergänzte ungefragt: "Bei Sean tut sie's auch." Kelly Michaels, die Lehrerin, hatte knapp eine Woche zuvor bei Wee Care ihren letzten Arbeitstag absolviert.
Einige Wochen später war die wohlerzogene Tochter aus einem intakten katholischen Elternhaus in Pittsburgh (Pennsylvania) zu einem "Monster" geworden, wie sie selber sagt, einer Frevlerin, auf die Polizei, Staatsanwälte, Eltern und zweifelhafte Kinderpsychologen Jagd machten.
Auf Anraten des Arztes, den eine Mitarbeiterin über die Äußerungen des Kindes bei der Untersuchung informiert hatte, unterrichtete die Mutter des Vierjährigen die zuständige Kinderschutzbehörde DYFS, die ihrerseits die Staatsanwaltschaft verständigte.
Als Chefin der "Abteilung Kindesmißbrauch" bestellte die stellvertretende Staatsanwältin Sara McArdle den Vierjährigen zur Vernehmung. Er wiederholte nicht nur seine Erzählung aus der Arztpraxis, sondern gab an, Kelly Michaels habe bei zwei seiner Spielkameraden regelmäßig Fieber gemessen.
Zwar erinnerten sich die Benannten nicht daran, doch einer von ihnen berichtete, die Lehrerin habe seinen "Penis angefaßt". Und weil der Junge, der den Fall ins Rollen gebracht hatte, in den Anus einer "anatomisch korrekten Puppe" laut Vernehmungsprotokoll "den Finger gesteckt" hatte, war für Staatsanwältin McArdle alles klar. Die Kinder waren sexuell mißbraucht worden.
Inzwischen hatte die Schulleitung der Wee Care Day Nursery in einem Rundbrief alle Eltern über die "schweren Anschuldigungen gegen eine unserer Angestellten" benachrichtigt. Ein Informationsabend wurde einberufen, an dem als "fachkundige Berater" die Sozialarbeiterin Peg Foster und die Psychologin Susan Esquilin teilnahmen.
Von Peg Foster "erfuhren die Eltern Dinge, die sie zuvor niemals gehört hatten", schrieb die New Yorker Journalistin Dorothy Rabinowitz in einer Analyse über den Fall Kelly Michaels für Harper's Magazine.
Peg Foster, so Rabinowitz, riet den Eltern, sie sollten ihre Kinder ausdrücklich "etwa hinsichtlich Schmerzen an den Genitalien" befragen und sie präzise beobachten. Zu achten sei auf "Alpträume, Beißen, Spucken, Bettnässen, Masturbieren und jedwedes in weitestem Sinne sexuelles Verhalten". Daß derlei "Symptome" bei vielen Kindern zur normalen Entwicklung gehören, erwähnte Peg Foster "natürlich nicht".
Psychologin Susan Esquilin bot derweil ihre professionellen Dienste an. Sie therapierte in den Monaten bis zur Verhandlung insgesamt 18 Kinder. Die Erwachsenen erhielten in dieser Zeit mehrmals Gruppentherapie, während der sie beispielsweise erfuhren, sie würden, falls sie die Möglichkeit eines sexuellen Mißbrauchs ihrer Kinder ausschlössen, damit "nur ihre eigene Schuld zeigen".
Auch das Jugendamt blieb nicht untätig. DYFS-Mitarbeiter Lou Fonolleras, 34, fand am angeblichen Tatort prompt, daß die "vielen Nischen und Winkel" der Kirche mit dem angebauten Gemeindehaus "ein Paradies für Pädophile" seien. Fonolleras konnte diese Beobachtung jedoch nicht untermauern: Kein Kind erinnerte sich, von Kelly Michaels sexuell belästigt worden zu sein.
Doch Fonolleras ließ nicht locker. Er wähnte "Signale in der Körpersprache der Kinder" erspäht zu haben und entschied: "Man kann nicht danach gehen, was die Kinder sagen." Fonolleras, der später vor Gericht einräumte, die Notizen seiner bis dahin unergiebigen Nachforschungen ("Sie waren wertlos") vernichtet zu haben, regte an, die Ermittlungen zu intensivieren. Eine Task Force aus Vertretern der Staatsanwaltschaft und der Jugendbehörde wurde gebildet. Peg Foster, die den Eltern bereits ihre Vorstellungen über die "Symptome sexuellen Mißbrauchs" erzählt hatte, verstärkte das Sonderkommando.
Auszugsweise ist der Inhalt der Vernehmungsprotokolle, die laut Gerichtsbeschluß geheim bleiben sollten, inzwischen durchgesickert. Harper's-Autorin Rabinowitz hat sie gelesen. Die Fernsehstationen CBS und PBS haben sie letzten Sommer im Rahmen mehrteiliger "Special Reports" zum Kelly-Michaels-Fall zitiert. Auch Berufungsanwalt Stavis weiß über die "haarsträubenden Vernehmungstaktiken" der Task Force Bescheid.
"Nicht ein einziges Kind", so Stavis, habe "spontan Kelly Michaels belastet". Erst als "diese Vernehmer vom Typ Fonolleras" mit Suggestivfragen "die Kinder bedrängten" oder ihnen Belohnungen ("Dann bekommst du auch meine Polizeimarke") versprachen, "stellten sich die erwünschten Antworten ein".
Insgesamt 235 Einzelfälle sexuellen Mißbrauchs brachten die Ermittler so zusammen. Die Staatsanwaltschaft kümmerte sich um weitere handfeste Beweise: Sie bat die Eltern, in Form von Tagebüchern oder Listen jene Symptome aufzuschreiben, die nach Ansicht von Peg Foster auf sexuellen Mißbrauch hindeuteten.
Nachdem die Staatsanwaltschaft ihnen Anonymität zugesichert hatte, kombinierten und fabulierten die Eltern munter drauflos. Bestimmten Verhaltensweisen, die sie zuvor als nebensächlich abgetan hatten, maßen sie nun, nach Bekanntgabe der Vorwürfe gegen Kelly Michaels, Bedeutung zu.
So erläuterte ein Vater, wie sein Kind seinen "Penis gepackt" habe. Eine Mutter bezeichnete ihre Tochter "als kleine fünfjährige Hure - so hat sie meinen Mann bedrängt". Andere Eltern, die auf den Fragebogen "Symptome" angekreuzt hatten wie "Kind ißt keine Erdnußbutter" oder "Kind mag keinen Thunfisch", erhielten in der Verhandlung tiefenpsychologische Nachhilfe.
Zum Vorwurf, Kelly Michaels habe sich ihr Genital mit Erdnußbutter bestrichen und von den Kindern ablecken lassen, befragte die Staatsanwaltschaft die New Yorker Psychologin Eileen Treacy. Wenn jemand plötzlich keinen Thunfisch und auch keine Erdnußbutter mehr möge, so habe dies, erklärte die Sachverständige, "mit der Assoziation zwischen Thunfisch und dem Geruch der weiblichen Vaginalregion zu tun". Gutachterin Treacy: "Einige Leute" vergleichen nämlich "den von der Vagina ausgehenden Geruch mit dem von Fisch".
Solche "Hohlheiten einer Psychologin, die sich zur Expertin für sexuellen Mißbrauch hochstilisierte und nicht einmal eine Lizenz zum Praktizieren hatte", sind für Anwalt Stavis die "paßgenaue Ergänzung zu den phantastischen kindlichen Aussagen".
Letzte mögliche Zweifel der Jury an den Vorwürfen gegen Kelly Michaels zerstreute Staatsanwältin McArdle in ihrem Schlußplädoyer. "Wie ein Mann, Adolf Hitler, die ganze Welt - Juden, Zigeuner, Tschechen und Schwarze - hat vernichten können", so habe auch "eine Frau in einer kleinen Schule" beinahe unbemerkt ihr Unwesen treiben können, hämmerte die Staatsanwältin.
"Vor einem US-Gericht sind Äußerungen, die nur auf die Emotionen der Jury abheben, nicht zulässig", konstatiert Stavis. "Der Richter hätte einschreiten müssen." Ein Antrag der Verteidigung lag vor - er wurde abgelehnt.
Die Anwälte der Kelly Michaels waren rührige, kompetente Pflichtverteidiger, aber sie blitzten mit ihren Anträgen beim Gericht immer wieder ab. Glücklos waren sie auch mit ihren Entlastungszeugen, die sich in allgemeinen Äußerungen ergingen wie etwa Pastor Craig Burlington, der erklärte, er könne sich "nicht einmal vorstellen", daß "auch nur eine einzige der Kelly Michaels zur Last gelegten Taten hätte passieren können".
Doch Bürger-Anwalt Stavis weist darauf hin, der Angeklagten seien fundamentale Rechte verweigert worden, "die fest in der Verfassung verankert sind". So habe die Verteidigung beispielsweise keine eigenen Sachverständigen zur Befragung der Kinder benennen dürfen. Richter Harth lehnte den Antrag mit der Begründung ab, bei einer neuerlichen Befragung würden die Kinder "seelischen Schaden erleiden".
Es waren dieselben Kinder, die "im Auftrag oder mit Wissen der Staatsanwaltschaft zwei Jahre lang durch sogenannte Experten auf diesen Prozeß hingetrimmt wurden", kontert Stavis. "Hier wurde eine Anklage erhoben, und der Beklagte durfte nicht darauf antworten." o

DER SPIEGEL 46/1990
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