25.06.1990

TerrorismusGrößere Schlagzeilen

Irische Terroristen weichen nach England und auf den Kontinent aus - zu Hause haben sie kaum noch Bewegungsfreiheit.
Donna Maguire, 23, verließ ihre Heimatstadt Newry in Nordirland schon vor einigen Wochen. Sie wolle zur Fußballweltmeisterschaft, erzählte sie Bekannten, um die Mannschaft der Republik Irland anzufeuern.
Doch in Italien kam die attraktive Frau nie an. Polizisten nahmen sie am vorletzten Sonnabend in einem Wald an der holländisch-belgischen Grenze fest.
Als Mitglied einer Kampfeinheit der Irisch Republikanischen Armee (IRA) hatte sie an Schießübungen teilgenommen sowie ein Waffen- und Sprengstoffversteck angelegt. Ihre Komplizen Gerard Harte, 26, Michael Collins, 31, und Paul Hughes, 26, wurden ebenfalls verhaftet.
Beamte in Irland feierten die Festnahme der Gruppe als "wichtigsten Durchbruch gegen IRA-Terroristen auf dem Kontinent". Denn dort - und auf der britischen Hauptinsel - verüben die Untergrundkämpfer, die den Abzug der Engländer aus Nordirland herbeibomben wollen, immer mehr blutige Anschläge.
So explodierten seit Anfang Mai in England fünf IRA-Sprengsätze, der bislang letzte am Donnerstag in einem Londoner Gebäude der Luftwaffe. Ein britischer Soldat starb durch eine Autobombe, ein Rekrut bei einem Anschlag mit automatischen Waffen.
Auf dem Kontinent erschossen IRA-Terroristen im holländischen Roermond irrtümlich zwei australische Anwälte, die sie für britische Militärs in Zivil hielten. In Dortmund töteten sie einen Major der Rheinarmee, und in Hameln jagten sie ein Ausbildungsgebäude der Briten in die Luft. Margaret Thatchers Nordirland-Minister Peter Brook warnte, britische Soldaten und ihre Angehörigen seien anderswo mehr gefährdet als in der umkämpften Provinz selbst.
Dort patrouillieren Polizei und Armee ständig durch Städte und Dörfer, Sicherheitskräfte beobachten alle Verdächtigen und halten viele Aktivisten in Haft. Vor allem aber ist es den Briten gelungen, Informanten in die Terrorszene einzuschleusen.
Die IRA kann sich deshalb auf ihrem eigenen Gebiet nicht mehr sicher fühlen. Auch in der Republik Irland fällt es ihr zunehmend schwer, Nachwuchs auszubilden und Waffenlager anzulegen, weil die Behörden auf beiden Seiten der Grenze seit Abschluß des Anglo-Irischen Vertrages von 1985 bei der Terroristenbekämpfung zusammenarbeiten.
Die militanten Nordiren wichen nach England und auf den Kontinent aus - Terrorakte außerhalb Irlands bringen zudem in London größere Schlagzeilen. Schließlich wollen die IRA-Bomber die Öffentlichkeit so lange mürbe machen, bis die Briten selbst den Abzug ihrer Truppen aus Nordirland fordern. Doch ihre Taktik hat bis heute nicht den geringsten Erfolg gehabt.
Für ihren Traum morden IRA-Zellen nun überall in Europa. Ihre "Active Service Units" (ASU) bestehen aus vier bis sechs Freiwilligen, deren Aufgaben präzise verteilt sind: Neben einem Kommandanten gibt es Bombenbastler, Späher, Scharfschützen und Fahrer. Fast immer ist eine Frau mit von der Partie. Als ASU-Chef fungiert stets ein erfahrener Berufsrevolutionär aus Nordirland. Den Rest des Teams stellen oft junge Leute aus dem Süden, die einen wichtigen Vorzug mitbringen: Sie sind noch nicht in den internationalen Fahndungsbüchern verzeichnet.
Nach dem Motto "Sinn Fein" ("Wir selbst allein"), dem Namen des politischen Flügels der IRA, sollen die Kampfeinheiten keine Kontakte mit lokalen Terrorgruppen aufnehmen. So wird die Gefahr, entdeckt zu werden, geringgehalten. Unterstützung suchen IRA-Kämpfer im Notfall eher bei Landsleuten, die in England und in wachsender Zahl auch auf dem Kontinent arbeiten. Die lehnen zwar zumeist jedes Blutvergießen ab, bringen es aber nur selten fertig, einen anderen Iren an die Behörden zu verraten.
Vor dem gegenwärtigen "Blitz", so der Londoner Sunday Express über die jüngste Terrorwelle, hatte die IRA schon seit Sommer 1988 auf dem Kontinent zugeschlagen. Bei Aktionen in der Bundesrepublik, in Holland und Belgien wurden vier Briten getötet und mehrere verletzt. Die Attentatsserie endete zeitweilig, nachdem ein deutscher Zöllner die Iren Terence McGeough und Gerard Hanratty an der grünen Grenze nach Holland gestellt hatte. Die beiden transportierten in ihrem gemieteten Peugeot zwei Schnellfeuergewehre vom sowjetischen Typ AK-47 mit sieben vollen Magazinen und drei Revolver.
Nun müssen sich die "Kriegsgefangenen", so das Sinn-Fein-Kampfblatt An Phoblacht, im übernächsten Monat vor einem eigens eingerichteten Strafsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf wegen Mordversuchs, Sprengstoffverbrechen und Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verantworten. Ihnen wird unter anderem vorgeworfen, im Juli 1988 vor einer britischen Kaserne in Duisburg zwei Bomben gezündet zu haben, die zehn Soldaten verletzten und einen Sachschaden von 1,5 Millionen Mark anrichteten.
Ein deutsches Gericht soll auch über die jetzt in Holland festgenommene Donna Maguire verhandeln. Sie war ins Fahndungsraster des Bundeskriminalamts geraten, weil sie im vergangenen Sommer an einem Sprengstoffanschlag auf eine Kaserne in Osnabrück und an der Ermordung eines Soldaten in Hannover beteiligt gewesen sein soll.
Irische Grenzer hatten sie nach diesem Anschlag bei einer Routine-Kontrolle schon einmal festgenommen, als sie zusammen mit einem Gefährten das Fährschiff verließ. In ihrem Rucksack fanden sich Waffenpläne, Fotos von britischen Militäranlagen in der Bundesrepublik und Spuren von Sprengstoff.
Doch im Februar wurde Donna Maguire von einem Gericht in Dublin freigesprochen: Ihr sei nicht zweifelsfrei nachzuweisen, daß sie den Inhalt ihres Gepäcks gekannt habe. Einen Auslieferungsantrag der Bundesrepublik verschlampten die Iren.
Eine solche Panne soll sich nicht wiederholen. Nach der Festnahme der Maguire-Gruppe konnten die einzelnen Mitglieder über eine neue Fax-Verbindung zwischen den europäischen Polizeizentralen anhand ihrer Fingerabdrücke schnell identifiziert werden. Scotland-Yard-Detektive eilten nach Belgien, holländische Experten flogen nach Nordirland.
Angeblich hat die neue Zusammenarbeit bereits erste Erfolge ermöglicht. Auf einem Treffen mit seinen EG-Kollegen in Dublin enthüllte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, durch den internationalen Datenaustausch seien geplante Anschläge der irischen Terroristen vereitelt worden. Schäuble: "Der Spielraum für die IRA auf dem Kontinent wird kleiner."

DER SPIEGEL 26/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 26/1990
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Terrorismus:
Größere Schlagzeilen

Video 02:08

Hongkong Wie ein SPIEGEL-Reporter den Protesttag erlebt

  • Video "Schneechaos in den Alpen: Amateurvideo zeigt Lawine" Video 00:58
    Schneechaos in den Alpen: Amateurvideo zeigt Lawine
  • Video "Gesetzentwurf im Klimapaket: Darum geht es im neuen Streit über Windräder" Video 05:18
    Gesetzentwurf im Klimapaket: Darum geht es im neuen Streit über Windräder
  • Video "Proteste in Hongkong: Verlassen Sie den Campus auf friedliche Weise" Video 01:55
    Proteste in Hongkong: "Verlassen Sie den Campus auf friedliche Weise"
  • Video "Modedesigner Joop: Ein deutsches Wunderkind" Video 08:49
    Modedesigner Joop: Ein deutsches Wunderkind
  • Video "Streit mit Washington: China schickt Flugzeugträger durch Taiwanstraße" Video 00:49
    Streit mit Washington: China schickt Flugzeugträger durch Taiwanstraße
  • Video "Filmstarts: Leichter, schneller und fieser" Video 08:10
    Filmstarts: "Leichter, schneller und fieser"
  • Video "Neue Überflutungen: Venedig kämpft schon wieder gegen Hochwasser" Video 01:19
    Neue Überflutungen: Venedig kämpft schon wieder gegen Hochwasser
  • Video "Wir drehen eine Runde: Knirps aus einer anderen Welt" Video 07:20
    Wir drehen eine Runde: Knirps aus einer anderen Welt
  • Video "Massenprotest in Hongkong: Demonstranten schießen mit Pfeilen und Benzinbomben" Video 02:29
    Massenprotest in Hongkong: Demonstranten schießen mit Pfeilen und Benzinbomben
  • Video "Ex-US-Botschafterin über Trump: Das passiert halt in sozialen Netzwerken" Video 00:00
    Ex-US-Botschafterin über Trump: "Das passiert halt in sozialen Netzwerken"
  • Video "Airline testet Ultralangstreckenflug: Stretchen nicht vergessen!" Video 02:07
    Airline testet Ultralangstreckenflug: Stretchen nicht vergessen!
  • Video "Dreidimensionales Bild: Ein Hologramm zum Anfassen" Video 01:11
    Dreidimensionales Bild: Ein Hologramm zum Anfassen
  • Video "Emotionaler Hoeneß-Abschied: Dieser Tanker muss geradeaus fahren" Video 01:47
    Emotionaler Hoeneß-Abschied: "Dieser Tanker muss geradeaus fahren"
  • Video "Impeachment-Anhörung von Marie Yovanovitch: Mit einem Tweet durch den Schmutz gezogen" Video 02:18
    Impeachment-Anhörung von Marie Yovanovitch: "Mit einem Tweet durch den Schmutz gezogen"
  • Video "Hongkong: Wie ein SPIEGEL-Reporter den Protesttag erlebt" Video 02:08
    Hongkong: Wie ein SPIEGEL-Reporter den Protesttag erlebt