12.11.1990

VerbändeFäule vorbeugen

Eines der höchsten deutschen Sportämter ist für einen Ost-Funktionär reserviert, der früher die Athleten schikanierte.
Erleichtert feierten die Würdenträger des DDR-Sports den neuen Mann. Nach endloser Suche waren die Mitglieder des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) sicher, doch noch einen Präsidenten mit keimfreiem Image gefunden zu haben: Sie kürten den Zahnmediziner Joachim Weiskopf, 63, im Juni zu ihrem obersten Olympier.
Der Professor aus der Heldenstadt Leipzig, unbelastet von den dunklen Methoden alter SEDisten, sollte den ostdeutschen Sport nach der Wende in die gesamtdeutsche Zukunft führen. Auch der bundesdeutsche NOK-Chef Willi Daume formulierte Glückwünsche: "Ein sehr ehrenwerter Mann".
Am kommenden Samstag, wenn sich die Olympiakomitees aus Ost und West im Berliner Reichstag feierlich vereinigen, soll Weiskopfs Karriere ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen. Er wird, so ist es geplant, ohne Gegenkandidaten zum Vizepräsidenten des gesamtdeutschen Gremiums gekürt.
Doch der Hoffnungsträger mit der weißen Weste ist in Wahrheit eine DDR-Altlast. Mit Weiskopf rückt ein Mann an die Spitze des deutschen Sports, der 20 Jahre lang der Staatsführung als Erfüllungsgehilfe diente. Der Klinikdirektor schikanierte als Präsident des ostdeutschen Kanuverbandes sogar Weltmeister und Olympiasieger, sobald diese auch nur geringste Zweifel an der Überlegenheit des sozialistischen Systems erkennen ließen.
Für den Kanu-Olympiasieger von 1964, Jürgen Eschert, kam das Aus nach einer Verkehrskontrolle - der ehemalige Hauptmann des Armeesportklubs Potsdam war Volkspolizisten in einem Stars-and-Stripes-Trikot aufgefallen. Als die Verbandsführung unter Joachim Weiskopf von dem Zwischenfall erfuhr, wurde Eschert sofort aus dem Kader entfernt - unmittelbar vor der Weltmeisterschaft 1971, für die er als DDR-Meister bereits qualifiziert war.
Vor allem Kontakte zum Klassenfeind erzürnten den Verbandschef: *___Eschert, inzwischen Trainer, wurde 1975 endgültig ____ausgebootet - er hatte mit einem Westbesucher Kaffee ____getrunken. *___Die Weltmeisterin Marion Rösiger mußte ihren Verein ____verlassen und ____wurde mit Trainingsverbot belegt. Ihr Großvater aus dem ____Westen hatte bei einem Wettkampf zugeschaut. Auch ihr ____Trainer Manfred Glöckner wurde suspendiert, weil er den ____Besucher per Handschlag begrüßt hatte. *___Die Kanutin Petra Setzkorn durfte nicht zu den ____Olympischen Spielen in München fahren, sie war bei ____einem Gespräch mit der westlichen Konkurrentin Renate ____Breuer beobachtet worden. *___Die Kajak-Fahrerin Carola Zirzow mußte kurz nach ihrem ____Olympiasieg in Montreal ihre Karriere beenden - sie ____hatte bei einem flüchtigen Techtelmechtel einem ____italienischen Kollegen tief in die Augen geschaut.
Die bundesdeutschen NOK-Delegierten sind über ihren künftigen Vizepräsidenten noch nicht so recht im Bilde. Offenkundig haben sie sich reichlich blauäugig von der Euphorie ihrer Kollegen im Osten anstecken lassen, die - wie zu besten SED-Zeiten - den ehemaligen Hockey-Nationalspieler mit 44 Ja- bei nur 3 Nein-Stimmen ins Amt hievten. Die Westler wurden auch nicht mißtrauisch, als die DDR-Presse den neuen Präsidenten nur in verdächtig dürren Worten beschrieb.
Weiskopf, dessen Sohn bei einem Fluchtversuch in den Westen starb, ist unter Insidern als willfähriger Parteigehilfe durchaus bekannt. Die gewendeten Redakteure des Berliner Sportecho beschlossen, ihn totzuschweigen: "Der kommt uns nicht mehr ins Blatt." Selbst Volker Kluge, der Pressesprecher des ostdeutschen NOK, fällte in der Jungen Welt über den Dentisten ein eindeutig zweideutiges Urteil: "Der Mann weiß, wie man Fäule vorbeugt."
Daß die Sportführer die politische Vergangenheit ihres künftigen Kollegen allenfalls als läßliche Jugendsünden werten, hat in Deutschland Tradition. So waren auch nach dem Zweiten Weltkrieg führende Sportfunktionäre des Dritten Reiches wie Carl Diem, Karl Ritter von Halt oder Guido von Mengden in einflußreiche Funktionen der neuen Sportverwaltung gerückt. Der Mann, der jeweils mit leichter Hand über die Vergangenheit hinwegsah, ist derselbe: NOK-Präsident Willi Daume, damals erster Präsident des Deutschen Sportbundes.
Der Bonner Sport-Professor Hajo Bernett glaubt, der Grundsatz "They never come back" gelte schon für die Aktiven des Sports nicht, aber ebensowenig "für seine Funktionäre". Und so findet nicht nur Weiskopf ein neues Amt.
Auch Martin Kilian, derzeit noch Präsident des Deutschen Turn- und Sportbundes und einstmals strammer SED-Bürgermeister von Wernigerode, soll zum Vize des gesamtdeutschen Sportbundes aufsteigen.
Um die neuen Posten nicht zu gefährden, sind die Funktionäre zu ungewohnten Zugeständnissen bereit. Als die ostdeutschen Medaillengewinner den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, Juan Antonio Samaranch, schriftlich um Unterstützung für den sterbenden Leistungssport der ehemaligen DDR bitten wollten, versuchte Weiskopf, den Brief zu verhindern.
"Er wollte mich über den Löffel balbieren", sagt einer der Initiatoren, der frühere Olympiasieger im Gehen, Peter Frenkel. Erst nach dem Hinweis, man könne ja auch ein wenig Licht in die Vergangenheit bringen, sei der frisch gewendete, aber noch altem Denken verhaftete Weiskopf "etwas freundlicher geworden". Frenkel angewidert: "Man hätte sie alle in Urlaub schicken sollen." o

DER SPIEGEL 46/1990
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