12.11.1990

Geballte Faust und Hitlergruß

Künstler in, aus und nach der DDR, „Ausgebürgerte“ und Dagebliebene: jeder hat das „Partisanenspiel“ mit der Staatsmacht anders erlebt, jeder mußte eigene Konsequenzen ziehen. Repräsentanten von einst fühlen sich zur Rechtfertigung gedrängt. Doch der Blick richtet sich auch auf eine früher nur halblegale Kunstszene.
Ein "Aufbruch" soll vor sich gehen, jedenfalls erklärt das der Bildtitel. Aber wer bricht da auf - oder was?
Der Maler der Szene, Volker Stelzmann, hat sein Motiv nicht zu erfinden brauchen. Er hat es vorgefunden, mitten auf der Berliner Friedrichstraße, wo nämlich Bauarbeiter den Asphalt aufstemmten, um die alte, seit Jahrzehnten stillgelegte U-Bahn-Station Stadtmitte wieder freizuschaufeln. Ein ganz realer, dabei höchst sinnkräftiger Vorgang: Verschüttetes kommt ans Licht, unterbrochene Verbindungen öffnen sich neu.
Stelzmanns Akteure jedoch, die da die Hebelkraft langer Stangen ansetzen, verbreiten nur eine Stimmung von düstergrauem Ernst. Man könnte meinen, statt an Aufbruch sei, ähnlich doppelsinnig, eher an einen Einbruch gedacht.
Nein, gemalte Hochgefühle hat Stelzmann, 50, wohnhaft in Berlin-Charlottenburg, nicht vorzuweisen, obwohl er den Fall der Mauer "natürlich angenehm" findet. Er hätte, behauptet er, seinen "Aufbruch" so auch ein Jahr früher malen können. Und wenn er das Bild zu einer Doppelausstellung leiht, die für Dezember an zwei Plätzen beiderseits der einstigen Grenze geplant ist, dann wird seine Skepsis manch schwankende Künstler-Empfindung nach Vollzug der deutschen Einheit repräsentieren.
Die Ausstellung soll teils in der Kurfürstendamm-Galerie Brusberg stattfinden, teils am Sitz des einstigen Staatlichen Kunsthandels der DDR, wo eine jetzt private "Galerie Berlin" Räume innehat. Das Projekt heißt etwas verblasen "Du sollst dir kein Bild machen", im Untertitel aber konkreter: "Bilder vom November 1989". Eine prominente Malergarde aus der nun beigetretenen DDR reflektiert die Wende. Altmeister Werner Tübke inszeniert unter anderem eine Mauer-Öffnung mit Personal und Kostüm des 16. Jahrhunderts, während Harald Metzkes "Das Volksfest" des 40jährigen DDR-Jubiläums mit Feuerwerk am Himmel und Polizeieinsatz auf Erden begeht. Der Verist Stelzmann, ein markanter Zögling der Leipziger Kunsthochschule, ist da durchaus in passender Gesellschaft. Einerseits.
Aber er fragt sich auch: "Bist du nun Ost, bist du West?" Denn andererseits ist der Maler ja 1986 sehr zum Ärger seiner sozialistischen Oberen von einer West-Berliner Stelzmann-Eröffnung nicht mehr heimgekehrt. "Ausgebürgert", _(* Bis 12. Dezember; vom 10. Januar 1991 ) _(an in der Deichtorhalle Hamburg. Katalog ) _(vom Argon-Verlag; 208 Seiten; 29,80 (im ) _(Buchhandel 39,80) Mark. ) im juristischen Sinn, wurde danach auch er, und folglich hat er zugleich seinen Platz in einer so betitelten Ausstellung der Dresdner Staatlichen Kunstsammlungen*.
Dort ist er, vertreten durch ein Stilleben von 1973, einer von sehr vielen und sehr unterschiedlichen Fällen, einer jener Künstler, die in 40 Jahren DDR planmäßig wegschikaniert wurden, die verzweifelt das Weite suchten oder aber die Vergünstigung von West-Reisen nutzten, sich aus angestautem Überdruß schließlich doch abzusetzen. Statt "ausgebürgert", schlägt Stelzmann vor, könnte man auch salopper "abgehauen" oder "weggeblieben" sagen.
Je nachdem. Die Zeit für Differenzierungen ist gekommen. So einfach, wie sie in giftigen Polemiken erscheinen (SPIEGEL 31/1990), liegen die Dinge um Künste und Künstler in der verblichenen DDR bei weitem nicht. Abgehauene und Zurückgebliebene, "Staatsmaler" und Dissidenten, "Arschlöcher" (so der Maler-Emigrant Georg Baselitz) und Berufene sondern sich keineswegs in übersichtliche Lager.
"Da drüben ist keiner mehr" - fast könnte man es dem Pauschalisten Baselitz aufs Kraftwort glauben, wenn man durch die "Ausgebürgert"-Schau geht und dort auch die Schrifttafel liest: "665 bildende Künstler verließen ihre Heimat. Der Vorgang ist in seiner Dimension in Deutschlands Geschichte beispiellos." Das Nazi-Reich hielt ja nur zwölf Jahre vor, und damals blieb terrorisierten Malern nicht die Alternative eines zweiten deutschen Staates.
665 Künstler höchsten Ranges kann es in 40 Jahren in einem noch dazu kleinen Land nicht gegeben haben, auch nicht 170, so viele, wie bei "Ausgebürgert" präsent sind. Die Mischung ist bunt und umfaßt sogar Kunsthandwerker. Doch von Gerhard Hoehme (DDR-Abgänger 1951) bis zu Gotthard Graubner und Günther Uecker (beide 1953), von Baselitz (1957) bis zu Gerhard Richter (1961) kommt auch viel Westkunst-Prominenz zusammen.
"So leicht geht man nicht weg", empfindet Richter noch im späten Rückblick. Es war ihm äußerlich "ganz gut" gegangen, nur wurde das geistige Klima "immer unerträglicher". Funktionäre schmähten "Expressionisten, Abstrakte und andere Vertreter der bürgerlichen Moderne", und in gebildeten Untergrund-Zirkeln, wo "abends Gedichte vorgelesen wurden", bekam der 1932 geborene Dresdner vollends das Gefühl, allmählich zu "verkommen".
Von einer Reise in die Sowjetunion zurück, deponierte er schon mal einen Koffer in Berlin, ließ sich kurz darauf ohne Gepäck von einem Freund in die Hauptstadt chauffieren und überschritt per S-Bahn die Grenze. Zurück blieb unter anderem Richters Diplomarbeit, ein - seither nicht unbedingt zu seinem Kummer übertünchtes - Wandbild im Dresdner Hygienemuseum. Bei "Ausgebürgert" kontrastieren zwei akademische Richter-Frühwerke zu einer gemalten Foto-Kopie sowie einer abstrakten Skizze aus West-Zeiten; erst in Düsseldorf hat der Künstler sein Profil gewonnen.
So ging es vielen nun Berühmten, aber das Gegenbeispiel Stelzmann gehört eben auch ins Bild: Einer aus der DDR-Malerprominenz, ein Hochschullehrer, Nationalpreisträger und Verbandsfunktionär, bringt seinen fertigen Stil in den Westen mit und wendet ihn weiter an.
Für seinen Übertritt beruft sich Stelzmann diskret auf einen "privaten Anlaß", und da keine Seite "an lauten Auseinandersetzungen interessiert" war, bekam er auch seine mitgebrachten Bilder im guten frei. Allgemeiner Hintergrund indessen: ein "ewiges Unbehagen" unter dem SED-Regime. Klar, die "versuchte Einflußnahme ging immer weiter". Da mochte es "eine Weile sogar Spaß machen", sich geschickt zu wehren, vor der Leinwand Toleranzgrenzen zu "ertasten", sich "verschleiert, verbrämt" auszudrücken. Aber: "Solche Verhaltensweisen werden Bestandteil von einem."
Wie verklausuliert von Fall zu Fall die Bildsprache gewesen sein mag, die Bonzen sich gerade noch gefallen ließen, ist ein Problem, das nun im Westen viel selbstgerechten Hohn, auf ehemaligem DDR-Gebiet reichlich Animosität und Rechfertigungsdrang freisetzt. War die SED schlicht zu begriffsstutzig, um einen gemalten Affront zu erkennen, drückte sie aus Taktik ein Auge zu, oder gab es auch einleuchtende Deutungen, die ihr gefallen konnten?
Nachträglich wundert sich mancher, daß Wolfgang Mattheuer in Leipzig für seinen "Jahrhundertschritt" nicht ohne Federlesen verhaftet wurde, ja, daß er die Figur mit einer geballten Arbeiterfaust und einer Hitlergruß-Hand sogar 1987 als großes Bronzewerk in die Zehnte Kunstausstellung des Landes bringen durfte. Aber DDR-Kritiker bewunderten, wie das Opus "die Widersprüche unserer Epoche vehement ins Auge zwingt"; das durfte schon sein.
Jetzt grenzt sich Mattheuer, 63, bereits 1988 aus der SED ausgetreten, in der FAZ von Zunft-Genossen ab, die diesen Mut erst fanden, als es keiner mehr war. Und er fühlt sich beleidigt, wenn der Wuppertaler Ästhetiker Bazon Brock von "Typen" spricht, die bei Preisverleihungen "vorne dem Staatsratsvorsitzenden die Hand schüttelten", aber angeblich "hinten leise gefurzt hätten". Sollte es sich durchweg umgekehrt verhalten haben?
Bernhard Heisig, 65, eine andere Galionsfigur der Leipziger Malerei, bietet einen Geldpreis aus, falls man ihm ein "einziges Bild des Arschkriechertums" nachweisen könne. Er hofft, zu Wende und deutscher Einheit mit seiner Malerei "etwas beigetragen" zu haben.
"Aufmüpfig" findet er, zum Beispiel und durchaus nachvollziehbar, sein Gemälde "Christus verweigert den Gehorsam"; prompt habe ihn "der Generalstab der Volksarmee zum Gespräch gebeten". Nun arbeitet Heisig, für die Berliner "Novemberbilder"-Ausstellung, an einer Szene mit Pariser Kommunarden weiter und malt sie düsterer aus, nachdem er Hunderttausende leibhaftiger Revolutionäre auf Leipziger Straßen gesehen hat. Das Sinn-Bild einer Person, die ein Fenster aufstößt, ist noch im Stadium des Experiments.
Vorbei die Zeit der "Demütigungen", "Zugeständnisse" und "Eiertänze" (etwa beim SPIEGEL-Gespräch 27/1984). Vorbei auch die Peinlichkeit, daß man im Bekanntenkreis nicht von West-Reisen erzählen konnte, ohne Neid zu erregen. Aber dagegen, daß solche Möglichkeiten "Privileg" genannt werden, setzt sich Heisig verbissen zur Wehr. Nein, "erkämpfte Freiheit, Produktionsbedingung" sei das gewesen, weil ein Künstler eben auch einmal fremde Länder sehen müsse und nicht nur, wie ihm ehedem zugemutet, ständig das "Leuchten in den Augen der Werktätigen". Mit Beschränkungen hätte man auch ihn "gezwungen, abzuhauen". Und: "Denken Sie nicht, daß ich das nicht hingekriegt hätte."
Es gab wohl kaum einen, dem das nicht durch den Kopf gegangen wäre. Um dazubleiben, mußte man vielleicht ein "masochistischer Typ sein" - so schätzt der Heisig-Schüler Hartwig Ebersbach sich ein. Unter dieser Voraussetzung war "Lust" erreichbar, aber: "Es gibt eine Schmerzgrenze", dort nämlich, wo die Politik dem Maler _(* "Sitzender Rückenakt", "Jockel, das ) _(Hündchen Will Grohmanns". ) "die Existenz kaputtgemacht" hätte.
Ebersbach, 50, hat auch seine "Solidarität" und seine "Chile-Särge" abgeliefert, vor allem aber eine Welt wüst egomanischer Phantasien erschaffen. Er hat sich aus Kindheitserinnerungen und Träumen in "psychodramatischer Praxis" ein Alter ego namens Kaspar zusammengebraut, das er mit forcierter Pinselgestik, feurig rot und gelb, auf die Leinwand brachte. Folglich sei er, sagt Ebersbach, "angeeckt mit der Form".
Für Eskapaden wie die seinen, erfuhr er im Verhör unter vier Augen, habe man "gestern vier Schriftsteller eingelocht"; monatliche Atelierbesuche folgten. Ebersbach-Bilder wurden ausjuriert, Reiseanträge abgelehnt, zumindest bis vor ungefähr zehn Jahren, als ein "reitender Bote", der Aachener Sammler Peter Ludwig, hilfreich auf den Plan trat. Sein Interesse begründete eine West-Resonanz, die allmählich in auffälligen Widerspruch zur Ebersbach-Mißachtung in der DDR geriet. Zuletzt, bei der Kunstschau der Republik 1987, wurden Werke des zuvor stets abgelehnten Malers angefordert und, weil er sich bockig zeigte, von dritter Seite beigebracht.
Als einzigen Partner im Staatsapparat fand Ebersbach den Kulturpolitiker (und unter Modrow -minister) Dietmar Keller ansprechbar, für ihn empfindet er Respekt. Und so stößt, wer sich durch die Szene fragt, immer wieder auf verschieden hohe Funktionsträger, die anscheinend Vernunft und Zivilcourage gezeigt haben. Aber fast immer liefern andere Informanten dann auch Verdachtsmomente für Doppelzüngigkeit und Liebedienerei nach. Die Korruption durch das System war allgegenwärtig. Das Mißtrauen war - und ist - es logischerweise auch.
Ebersbach hat gerade groß im Berliner Alten Museum ausgestellt, eine seit zwei Jahren geplante Übersicht, im Mai in Weimar gestartet. Sie hätte gleichzeitig mit dem (noch unter Honecker einberufenen) XII. Parteitag der SED eröffnet werden sollen, umständehalber ist die nette kleine Provokation "verpufft". Das "einheitliche Kasparland", von dem der auch dichtende Künstler gelegentlich phantasierte, ist hergestellt. Ein Traum, in dem er aus sächsischen Hügeln eine Kölner Domturmspitze ausgrub, ist damit überraschend schnell in Erfüllung gegangen. Nicht mehr zu eigenen Lebzeiten, erst für die folgende Generation hatte Ebersbach, wie auch Heisig, das Ereignis erwartet.
Nun ergreift ihn eine eigentümliche Ernüchterung. Volkskammerdebatten, Wahlkampf, die "Breitbeinigkeit der Leute auf der Straße" - das alles hat in Ebersbach das Gefühl erregt: "Diese Gesellschaft ertrage ich nicht." Beim Malen hört er einen französischen Radiosender und versteht, erleichtert, "keinen Ton". Ein privates Traum- und Trauermotiv ist in sein Novemberbild "Liebesentzug" eingegangen und hat die Fläche wie mit einem Tuch schwarz überdeckt.
Er wird sich schon wieder fangen. Denn Sachsen sind, weil viel gehänselt, _(* Bei der Zehnten Kunstausstellung der ) _(DDR. ) nach Ebersbachs Diagnose auch "große Knüppelschwinger". Das schätzt er sogar an Baselitz, der mit seinen Ausfällen die Kunst zumindest ins Streitgespräch gebracht hat, und an Ralf Winkler, genannt A. R. Penck.
Penck, nunmehr 51, ist die konkurrenzlose Hauptfigur der "Ausgebürgert"-Schau in seiner Heimatstadt Dresden. Er liefert das berühmte Exempel dafür, daß sich in der DDR ein moderner Künstler entwickeln konnte, auch ohne - mit Ebersbach - "Ja, aber" zu sagen. Von Akademie und Künstlerverband hartnäckig zurückgewiesen, durch Verhöre, Konfiszierungen und Einbruchsdiebstahl gepiesackt, erfand er unbeirrt ein originelles Darstellungssystem zwischen Kybernetik und Graffiti und ging 1980, so Werner Schmidt, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, "als absolut reifer Meister" in den Westen.
Auf einem "Operationalistischen Conceptraumbild" von 1976 mit dem Vermerk "Kann weiter bearbeitet werden" hat Penck auch gereimt: "Der faule Kompromiß schloß die Augen und schiß in die Grube Spinat aus der Tube, bis die Geduld riß!"
Wer jedes künstlerische Zugeständnis verschmähte, brauchte dickes Fell und taktisches Geschick. Penck, damals noch Winkler, und vier Freunde konnten zum Beispiel 1965 "der Partei ein Schnippchen schlagen" (Schmidt): Sie bekamen Kontakte zum Dresdner "Puschkinhaus" der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Weil dort noch keine Kunst gezeigt worden war, hatte das Zensursystem sich darauf auch nicht vorbereitet. So kam eine Ausstellung zustande, die erst nach einer Weile abrupt geschlossen wurde. Pencks Linolschnitt-Plakat dazu - ein Strichmännchen reckt die Hände aus einem Kreis - wirbt jetzt mit neuem Text für "Ausgebürgert".
Etwa aus derselben Zeit stammt ein Penck-Gemälde, das in ruppig-pathetischem Primitivismus den Maler selbst als kleinen Picasso mit drei Gefährten im Geiste zeigt: seinem künstlerischen Mentor Jürgen Böttcher alias Strawalde, dem Bänkelsänger Wolf Biermann und Baselitz. Böttcher-Strawalde figuriert, mit Lehrer-Gestus, auch im Kreise seiner Jünger Peter Graf, Eberhard Göschel und Peter Herrmann auf dessen Erinnerungsbild "Meine Freunde" (1976). Von einer nackten Glühbirne beschienen, wirkt die Gruppe wie ein Anarchistenzirkel, der gerade ein Attentat auf den Zaren berät.
In solchen - oft kurzlebigen - Freundeskreisen ebenso wie in den Ateliers von Einzelgängern gedieh, stets auf der Suche nach zumindest halböffentlichen Nischen, eine bildnerische Subkultur, die auch durch immer mehr Ausbürgerungen nicht totzukriegen war. Sie blieb im Westen keineswegs ganz unbekannt, aber doch ein ziemlich vages Gerücht. Beispielsweise wurde der Überraschungscoup von sechs Künstlern, 1984 eine Messehaus-Etage für einen intermedialen "Leipziger Herbstsalon" anzumieten, schließlich nur unter Bedingungen toleriert, zu denen der Verzicht auf West-Kontakte gehörte. Die Szene als ganze ist noch zu erkunden.
In Facetten erscheint sie bei "Ausgebürgert". Und auch bei einer kürzlich in Köln gezeigten Ausstellung "Bilder aus Deutschland" schob sie sich schon wie eine Folie vor die ausgetüftelten Historien und Allegorien der Etablierten und ihrer Nachfolger - eben nicht nur mit Pencks Freundschaftsbild, sondern auch mit skriptural-abstrakten Tafeln von Göschel, einer vehement bepinselten, zerschnittenen und vernähten Leinwand des "Leipziger Herbstsalon"-Teilnehmers Lutz Dammbeck oder buntvielschichtigen Collagen von Strawalde.
Das eine wie das andere hat der Sammler Peter Ludwig angeschafft, die meisten Außenseiter-Werke nennt er "neuere Erwerbungen". Aber wenn man ihm vorwerfe, "immer die falschen Bilder" gesammelt zu haben, dann möchte er doch mal die öffentlichen Museen fragen: "Was habt ihr denn gekauft?"
Die Kölner Ausstellung war eine Pikanterie, weil Siegfried Gohr, Direktor des Museums Ludwig, jedoch im Clinch mit dem Patron des Hauses, erst im Sommer erklärt hatte, DDR-Kunst sei "nicht auf der Höhe des 20. Jahrhunderts" und deswegen für ihn tabu. Die von seiner Stellvertreterin Evelyn Weiss gewissermaßen exterritorial in die städtische Kunsthalle gehängten "Bilder aus Deutschland" hakt er unter "Informationspflicht" ab.
Aber daß sein Verdikt nicht flächendeckend gelten kann, sondern nur für solche Künstler, "die im Ausland repräsentiert haben", räumt Gohr doch ein. Schon das Beispiel Penck zwingt ihn dazu. Es relativiert auch die gar so ehernen Verlautbarungen von Baselitz sowie Richter ("In Diktaturen gibt es keine Kunst, nicht einmal schlechte").
Allerdings: Nicht jeder Dorn im Auge der Obrigkeit ist zwangsläufig große _(* Oben mit Böttcher, Biermann, Penck, ) _(Baselitz; unten mit Böttcher, Graf, ) _(Göschel, Herrmann. ) Kunst. Das Sichten und Bewerten fängt erst an, mildernde Umstände zählen nicht, und nirgendwo zeigt sich bislang eine weitere Figur von Penck-Format.
Viele Künstler dürften ihre Energien in einem fruchtlosen "Partisanenspiel" (Dammbeck) erschöpft haben. Immerhin ist auch Maler und Ex-Verbandspräsident Willi Sitte keine entscheidende Instanz mehr, wenn er Leute wie Penck noch immer als "Dilettanten mit ihrem Schrabbelzeug" abwerten will.
Sollte nun wirklich, wie Dammbeck, Übersiedler von 1986, meint, der Umzug ein "so scharfer Schnitt" gewesen sein, daß statt Gemeinsamkeiten "eher ein gegenseitiges Mißtrauen" bleibt? Wäre Herrmanns Freundeskreis nachträglich in einen Ausgebürgerten, nämlich den Maler des Gruppenbildes, und drei Dagebliebene zu dividieren?
An dem jetzt in Dresden ausgestellten Gemälde ist auch der Leihgeber bemerkenswert; es sind die Staatlichen Kunstsammlungen Cottbus. Bei einigem Mut, zeigt sich, konnten öffentliche Institute durchaus ein Stück vom Pfad der Staats- oder Verbandskunst abweichen.
Museumsmann Schmidt hat das drei Jahrzehnte lang hartnäckig und wendig praktiziert. Als Direktor des Dresdner Kupferstichkabinetts sammelte er gezielt Blätter von Abweichlern in seine Schubladen. Das ging "unmöglich über die normalen Instanzen" und mit offiziellen Mitteln, also meist nur über Schenkungen.
Trotzdem kam ein stattlicher Fundus zusammen, der auch den Machthabern nicht völlig verborgen bleiben konnte. Es passierte sogar, daß Schmidt vertraulich aufgefordert wurde, einer französischen Delegation auf Dresden-Besuch doch einmal "die besten Sachen" zu zeigen. Stichproben dieser Sammeltätigkeit kommen bei "Ausgebürgert" zum Vorschein, eine zusammenhängende Bilanz legt Schmidt vom Donnerstag dieser Woche an mit einer Sonderpräsentation beim Kölner Kunstmarkt offen.
Aber noch an vielen Schau-Plätzen steht jetzt zur Debatte, was wirklich "die besten Sachen", oder auch nur gute, sind. Die Frage erhebt sich bei Solo-Darbietungen wie etwa im Münsterschen Landesmuseum, wo der sächsische Künstler Carlfriedrich Claus seine grafischen "Sprachblätter" ausbreitet, bei Gruppen- und Themendarbietungen wie seit dem Wochenende beim Deutschen Künstlerbund in Berlin, der auch 20 Ost-Kollegen, darunter Claus, Ebersbach und Metzkes, eingeladen hat, oder demnächst bei _(* In seiner Ausstellung "Herakles Höhle ) _(5" bei der Neuen Gesellschaft für ) _(bildende Kunst, Berlin. ) der "Novemberbilder"-Doppelausstellung. Zugleich wird damit eine Ökonomie im Umbruch getestet.
Galerist Dieter Brusberg, der West-Kompagnon bei dem Projekt, hat "noch nie soviel Aufmerksamkeit" für Bilder wie die von Heisig, Tübke und Mattheuer verspürt: Sein jahrelanger Händler-"Einsatz scheint sich allmählich zu lohnen". Viel ungewisser sind die Aussichten des ein paar Kilometer östlich residierenden Partners, der Galerie Berlin. Sie hat den von Stelzmann zum Bild erhobenen "Aufbruch" real existierend vor der Tür und viele Probleme am Hals.
Betrieben wird die Firma von Ex-Mitarbeitern des früheren "Staatlichen Kunsthandels". Aus dieser Organisation, die republikweit dazu beitrug, die private Szene plattzuwalzen und mittlerweile zur "Art Union" umgewandelt worden ist, haben sie Kontakte zu Künstlern und Käufern herübergerettet, auch Räume übernommen. Sie stehen nun aber vor hohen Mietforderungen und der Schwierigkeit, daß östliche Kundschaft zur Zeit eher Autos und Videorecorder als Bilder anschafft. Ohne gesteigerte West-Nachfrage wird die Durststrecke nicht zu überstehen sein.
Sind die Sammler unterwegs? Museumsdirektor Schmidt rechnet mit vielen Reisenden, die zwischen Schwerin und Cottbus keine besseren Mitbringsel finden können als mancherlei Kunstwerke - in noch existierenden Filialen der "Art Union", in vorerst gleichfalls fortbestehenden städtischen Galerien und vielen privaten Neugründungen. Bei "jetzt noch günstigen Preisen", meint Schmidt, würden Sammler "sehr wohl diese Chance schnuppern".
Jürgen Hohmeyer
* Bis 12. Dezember; vom 10. Januar 1991 an in der Deichtorhalle Hamburg. Katalog vom Argon-Verlag; 208 Seiten; 29,80 (im Buchhandel 39,80) Mark. * "Sitzender Rückenakt", "Jockel, das Hündchen Will Grohmanns". * Bei der Zehnten Kunstausstellung der DDR. * Oben mit Böttcher, Biermann, Penck, Baselitz; unten mit Böttcher, Graf, Göschel, Herrmann. * In seiner Ausstellung "Herakles Höhle 5" bei der Neuen Gesellschaft für bildende Kunst, Berlin.
Von Jürgen Hohmeyer

DER SPIEGEL 46/1990
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