15.10.1990

„Dann bin ich fällig“

Nach dem Revolver-Anschlag eines wirren Einzeltäters auf den wahlkämpfenden Kanzler-Kronprinzen Wolfgang Schäuble ist die Union mit ihrer Personalplanung aus dem Tritt geraten. Der erfolgreiche Manager der deutschen Vereinigung, erheblich verletzt, ist für die Politik des Einheitskanzlers Helmut Kohl unentbehrlich.
Verfassungsschutzpräsident Gerhard Boeden hatte ein Attentat lange schon befürchtet (siehe auch SPIEGEL-Gespräch Seite 20), am Freitag abend voriger Woche war es soweit. Es traf einen der am meisten gefährdeten deutschen Politiker: Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, 48.
Wie schon im April den SPD-Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine, 47, erwischte es den christdemokratischen Kanzlervertrauten in einer Situation, in der selbst top-gesicherte Spitzenpolitiker am verletzlichsten sind - im Wahlkampf.
Tatort war die Gaststätte "Bruder" in Oppenau bei Offenburg. In dem Gasthof hatte Schäuble auf Einladung der örtlichen CDU vor rund 300 Zuhörern eine Wahlkampfrede gehalten. "Der Beifall war gerade verrauscht", berichtete ein Augenzeuge, "da geschah es."
Aus den Reihen erhob sich ein Mann mit schwarzer Lederjacke und gekraustem Haar, zog einen Revolver des Fabrikats Smith & Wesson, Kaliber .38, und feuerte auf den Politiker, der gerade den Saal verlassen wollte.
Die erste Kugel durchschlug Schäubles Unterkiefer, trat neben der Nase wieder aus; das zweite Geschoß durchbohrte den Brustkorb und verletzte den rechten Lungenflügel; der dritte Schuß verfehlte Schäuble - ein Leibwächter hatte sich als Kugelfang dazwischengeworfen, wurde ebenfalls verletzt.
Der Täter wurde überwältigt. Schäuble brach vor den Augen seiner Tochter, die ihn auf dem Abstecher in seinen Wahlkreis begleitete, blutüberströmt zusammen.
Der Politiker wurde innerhalb weniger Minuten ins nächste Krankenhaus transportiert, dann in die Freiburger Uni-Klinik verlegt. Dort wurde er eine Stunde nach Mitternacht operiert. Im Bonner Innenministerium, wo ein Krisenstab eingerichtet wurde, erfaßten Schäubles Beamte sofort den Ernst der Lage. Ein Beamter fluchte: "Verdammt, schwer verletzt."
Die Wahnsinnstat von Oppenau zeigt Parallelen zum Anschlag auf den SPD-Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine. Wie bei dem Messer-Attentat in Köln-Mülheim handelte es sich nicht, wie zunächst vermutet, um einen Terrorakt der Roten Armee Fraktion (RAF). Statt dessen schlug erneut ein "Einzeltäter" (Fahndungskommission) zu.
Schäuble wußte nicht erst seit dem fehlgeschlagenen RAF-Attentat auf seinen Staatssekretär Hans Neusel im Juli, daß er gefährdet war wie kaum ein anderer Politiker.
Immer wieder hatte das Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA), zuletzt Mitte Juli in einer vertraulichen Gefährdungsanalyse über die RAF, gewarnt, daß politische Entscheidungsträger aus dem Sicherheitsbereich jederzeit mit Attentaten rechnen müßten. Und seit dem Messerstich der geistig verwirrten Adelheid Streidel auf Lafontaine war den Wahlkämpfern klar, daß jede öffentliche Veranstaltung zum tödlichen Risiko werden konnte.
BKA-Chef Hans-Ludwig Zachert hoffte nach der Streidel-Tat, "daß man jetzt aus dieser Sache gelernt hat und hermetisch die Bühnen abriegelt". Doch auch der Beamte wußte, wie wenig das bringt. Zachert: "Damit ist der Gang durch die Masse noch nicht ausgeklammert." Und: "Wenn dann statt gestochen geschossen wird - das ist nicht zu unterbinden."
Trotzdem begnügte sich Schäuble, wie Neusel, gern mit diskretem Personenschutz. Aufwendige Sicherheitsmaßnahmen waren beiden lästig, mehrmals hatte sich Schäuble in letzter Zeit beklagt, die Bodyguards störten ihn in seinem ohnehin reduzierten Privatleben mit der Familie oder den Tennisfreunden im Schwarzwald. Schäuble nach dem RAF-Attentat auf den Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen im November vorigen Jahres: "Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht."
Nach dem glimpflich ausgegangenen Anschlag auf Neusel ermahnte der Minister allerdings seinen Staatssekretär, Sicherheitsvorkehrungen künftig ernster zu nehmen: "Wenn Ihnen noch mal was passiert, bin ich als Verantwortlicher fällig."
Die Befürchtungen, daß seine Karriere durch einen Schicksalsschlag gestoppt wird, könnten sich nun bewahrheiten. Noch sind die körperlichen und psychischen Folgen der schweren Verletzungen nicht abzuschätzen. Doch selbst wenn Schäubles Wunden dank medizinischer Kunst kuriert werden, ist kaum vorstellbar, daß der Innenminister mit voller Kraft in den Bundestagswahlkampf ziehen kann.
Mit Wolfgang Schäuble hat es Helmut Kohls Kronprinzen getroffen, den Manager der Vereinigung beider deutscher Staaten. Mit dem Einigungsvertrag, seinem Gesellenstück, rückte Schäuble im Kabinett unangefochten zum politisch starken Mann hinter Kohl auf. Sein nächstes politisches Ziel, sofern die Schwere der Verletzungen es zuläßt: Nach dem 2. Dezember soll er, auf Kohls Wunsch, Alfred Dregger als Vorsitzenden der Unionsfraktion ablösen und damit Hauptstütze des wiedergewählten Kanzlers werden.
Auch in der Partei hatte Schäuble seine Position deutlich gestärkt. Auf dem Hamburger CDU-Parteitag wurde er Anfang Oktober gefeiert, bei den Vorstandswahlen errang er das beste Ergebnis aller Bewerber. Die Frankfurter Rundschau über Schäuble: "Kohls bester Mann."
Daß es der hochgelobte Sicherheitsminister allerdings mit der Sicherheit nicht so genau nahm, hatte ihm erst vorletzte Woche herbe Kritik der SPD eingetragen. Beim Berliner Festakt zum Tag der Einheit hatte sich unbehelligt ein unbekannter Mann, in der Hand eine Jutetasche, bis zum Mikrofon vorarbeiten können, bevor er abgedrängt wurde. Schäuble verharmloste: "Technischer Störfall." Der SPD-Bundestagsabgeordnete Willfried Penner dagegen kritisierte die laschen Sicherheitsmaßnahmen: "Der Mann hätte eine Pistole oder sonstwas Kleines wie eine Handgranate dabeihaben können."
Diese Befürchtung wurde am Freitag voriger Woche in Oppenau schreckliche Wahrheit. Als Revolverschütze überwältigt wurde der Vermessungsgehilfe Dieter Kaufmann, 37, aus dem nahe gelegenen Appenweier. Der örtlichen Polizei ist er kein Unbekannter: Er wird der Rauschgiftszene zugerechnet, soll bereits mehrere Freiheitsstrafen wegen Drogendelikten verbüßt haben. Wie die Lafontaine-Attentäterin Adelheid Streidel soll er an Schizophrenie leiden.
Und ähnlich wirr wie die Messerstecherin Streidel reagierte auch Schütze Kaufmann. Nachdem ihn die Sicherheitsbeamten zu Boden geworfen und mit Handschellen gefesselt hatten, stammelte er auf Fragen nach seinem Motiv: "Ich fühle mich durch den Staat verfolgt." o

DER SPIEGEL 42/1990
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