25.06.1990

GroßbritannienWeiter zuschlagen

Mit Sprengsätzen gegen Menschen kämpfen extremistische Tierschützer für ihre Sache.
Die britische Pharma-Firma Smith Kline Beecham ließ ihren 2000 Angestellten eine vertrauliche Warnung zukommen: Durch seine Tierversuche sei der Konzern ins Fadenkreuz fanatischer Tierschützer geraten, Anschläge auf Mitarbeiter seien nicht mehr auszuschließen. Dem Brief konnten die Empfänger Tips zum Schutz vor Autobomben entnehmen.
"Ich stehe auf einer Abschußliste", fürchtet auch der Londoner Psychologie-Professor Jeffrey Gray, der mit Hilfe von Ratten die Alzheimer-Krankheit erforscht. Gleichermaßen bedroht weiß sich sein Kollege Ian Silver, Dekan der Medizinischen Fakultät an der Universität Bristol. Er erhielt einen Brief mit der Warnung: "Wir wissen, was Sie tun."
Die Angst der britischen Forscher und Ärzte ist berechtigt. Kürzlich explodierten Sprengsätze unter dem Jeep der Veterinärin Margaret Baskerville vom Militärlaboratorium in Porton Down und dem VW-Golf des Tierarztes Max Headley in Bristol. Die beiden Akademiker, die ebenfalls an Tierversuchen beteiligt sind, kamen mit dem Schrecken davon. Aber die Bombe in Bristol verletzte das Baby eines Passanten. Zu den Anschlägen bekannten sich Untergrundzellen der Animal Liberation Front (ALF). Sie gelobten: "Wir werden weiter zuschlagen."
Gewalt gegen Menschen, um Tiere zu schützen: Die Tierbefreiungsfront, die früher in Laboratorien einbrach, um Versuchskaninchen zu retten, und nachts in Pelzgeschäften Brände legte, attackiert neuerdings die Art Homo sapiens.
Wissenschaftler erhalten mit Rasierklingen gespickte Briefe. Anrufer drohen, ihre Kinder zu entführen. Die Polizei rät 20 000 Briten, die mit Tierversuchen zu tun haben, zu erhöhter Wachsamkeit.
"Tierrechts-Aktivisten machen der IRA zunehmend Konkurrenz in ihrer Fähigkeit, Menschen das Leben einzuengen", klagt der Guardian. Schon mutmaßen Experten über eine Zusammenarbeit von irischen Terroristen mit der Tierbefreiungsfront. Denn die ALF-Untergrundzeitschrift Arkangel verkündete in ihrer jüngsten Ausgabe, daß man von der IRA "eine Menge lernen" könne.
Die radikalen Tierschützer, nach Polizeierkenntnissen weniger als 100, fühlen sich einer höheren Moral verpflichtet: Der Mensch dürfe nicht in das Dasein anderer Kreaturen eingreifen. Er mache sich schuldig, wenn er Fleisch verzehre, jage und Tierversuche zulasse. Denn Zucht, Jagd und Vivisektion seien "Tier-Mißbrauch". Die Fanatiker vergleichen Mäuse und Meerschweine in Labors mit KZ-Insassen, die gequält und ermordet werden; die Forscher dort erscheinen ihnen folglich als Folterer. Gewalt gegen sie sei legitim.
"Was, um Himmels willen, ist mit der berühmten englischen Tierliebe geschehen", entsetzt sich der BBC-Autor David Henshaw, "daß sie sich plötzlich als neue und bizarre Form von Terrorismus darstellt?" Tatsächlich bildet die ALF nur den verwirrten Ableger einer Millionenbewegung. Denn Tierschutz gehört * In Bristol; mit Roboter zur Bombenentschärfung. zu England wie die Teepause und das Königshaus.
1824 hatten die Briten ihre "Königliche Gesellschaft zur Verhinderung von Grausamkeit an Tieren" gegründet, die heute 90 000 Mitglieder zählt und aus Spenden und Nachlässen jährlich rund 60 Millionen Mark einnimmt. In Londons Battersea Park steht seit 1906 ein Denkmal für einen Terrier, der als Versuchstier in der Universität sein Leben lassen mußte.
Zu diesen Traditionsgesellschaften kamen Gruppen gegen industrielle Viehhaltung, gegen Pelzmode und Fuchsjagden. Die Fuchsjagd-Saboteure gründeten 1972 die radikale ALF, die nun mit "direkten Aktionen" Schlagzeilen machte. ALF-Aktivisten versuchten 1984 die Leiche des Zehnten Duke of Beaufort auszugraben. Sie wollten den Totenschädel des berühmten Fuchsjägers der Reiterin Prinzessin Anne schicken, wurden aber auf dem Friedhof daran gehindert.
Die Tierbefreiungsfront arbeitete mit Feuer und Vorschlaghammer, richtete aber zunächst ihre Gewalt nur gegen Sachen. Sie legte zum Beispiel Kaufhausbrände meist nach Ladenschluß. ALF-Chef Ronald Lee, 39, ein Student ohne Abschluß, wurde 1987 zu zehn Jahren Gefängnis wegen Brandstiftung und Sachbeschädigung verurteilt.
Klar, daß sich die gesetzestreuen Gruppen von der ALF distanzierten. Doch wahrscheinlich haben Lees kriminelle Aktionen zum Fortschritt für den Tierschutz in Großbritannien beigetragen. Die Umsätze der größten britischen Pelzfirmen sanken von 80 Millionen Pfund 1984 auf etwa 25 Millionen 1989. Die Kosmetikhersteller Revlon, Estee Lauder und Avon stoppten Entwicklungstests mit Tieren.
Ein 1986 verabschiedetes Gesetz beschränkt die Tierversuche: 1977 wurden in britischen Labors über fünf Millionen Tiere getötet, 1989 waren es nur noch 3,2 Millionen - weniger als die Hälfte der Versuchsopfer in der Bundesrepublik.
ALF-Chef Lee aber feuert seine Anhänger aus dem Knast zu neuen Gewalttaten an. Terror sei notwendig. Die Tiere der Welt, so Lee in einem Brief, müßten viel mehr Lebensraum bekommen. Auf der ganzen Erde sollten dagegen nicht mehr als 50 Millionen Menschen leben - weniger als heute in Großbritannien.

DER SPIEGEL 26/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 26/1990
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Großbritannien:
Weiter zuschlagen

Video 02:07

Airline testet Ultralangstreckenflug Stretchen nicht vergessen!

  • Video "Impeachment-Anhörung von Marie Yovanovitch: Mit einem Tweet durch den Schmutz gezogen" Video 02:18
    Impeachment-Anhörung von Marie Yovanovitch: "Mit einem Tweet durch den Schmutz gezogen"
  • Video "Dreidimensionales Bild: Ein Hologramm zum Anfassen" Video 01:11
    Dreidimensionales Bild: Ein Hologramm zum Anfassen
  • Video "Emotionaler Hoeneß-Abschied: Dieser Tanker muss geradeaus fahren" Video 01:47
    Emotionaler Hoeneß-Abschied: "Dieser Tanker muss geradeaus fahren"
  • Video "137 km/h: Jet-Suit-Pilot bricht Geschwindigkeitsrekord" Video 01:07
    137 km/h: "Jet-Suit"-Pilot bricht Geschwindigkeitsrekord
  • Video "Hyperloop: Virgin stellt Passagierkapsel vor" Video 01:13
    Hyperloop: Virgin stellt Passagierkapsel vor
  • Video "Hochwasser in Venedig: Mose kommt nicht - und die Stadt versinkt" Video 02:21
    Hochwasser in Venedig: "Mose" kommt nicht - und die Stadt versinkt
  • Video "Überschwemmungen: Venedig kämpft erneut gegen Hochwasser" Video 01:16
    Überschwemmungen: Venedig kämpft erneut gegen Hochwasser
  • Video "Hoeneß hört auf: Hier ist Uli" Video 05:01
    Hoeneß hört auf: "Hier ist Uli"
  • Video "Ukraine-Affäre: Pelosi wirft Trump Bestechung vor" Video 00:57
    Ukraine-Affäre: Pelosi wirft Trump Bestechung vor
  • Video "Strand in Finnland: Die Eis-Eier von Hailouto" Video 00:47
    Strand in Finnland: Die Eis-Eier von Hailouto
  • Video "Videokritik zu The Crown Staffel 3: Eine Serie wie ein Monumentalfilm" Video 04:07
    Videokritik zu "The Crown" Staffel 3: "Eine Serie wie ein Monumentalfilm"
  • Video "Proteste in Hongkong: Die Bewegung steuert auf einen Showdown zu" Video 01:53
    Proteste in Hongkong: "Die Bewegung steuert auf einen Showdown zu"
  • Video "Impeachment-Anhörung: Kronzeugen sagen gegen Trump aus" Video 02:08
    Impeachment-Anhörung: Kronzeugen sagen gegen Trump aus
  • Video "Überflutungen in Venedig: Für Touristen eine Attraktion, für die Bewohner ein Problem" Video 01:53
    Überflutungen in Venedig: Für Touristen eine Attraktion, für die Bewohner ein Problem
  • Video "Airline testet Ultralangstreckenflug: Stretchen nicht vergessen!" Video 02:07
    Airline testet Ultralangstreckenflug: Stretchen nicht vergessen!