25.06.1990

„Selbstgemachte Konfitüre“

Ost-Berlin, 1979. Die Schriftstellerin Christa Wolf muß erschrocken feststellen, daß sie von der Stasi überwacht wird. In parkenden Autos gegenüber ihrem Haus sitzen zwei, drei Männer, die offenkundig zu ihrer Observation abgestellt sind.
Angst und Unruhe überkommen die Bewachte, sie beginnt, ihre Telefongespräche mißtrauisch zu führen, hegt gegen Freunde Verdacht, versucht sich auszumalen, was ihr widerfahren, womit sie die staatliche Neugier auf sich gelenkt haben könnte. Die Staatsüberwachung verfolgt sie bis in ihre Träume, macht sie arbeitsunfähig.
Als sie zu einer Lesung geladen wird, spürt sie, wie ihr auch dort eine subalterne Veranstalterin mit ängstlicher Vorsicht begegnet. Unter ihren Zuhörern im Saal sind Provokateure, draußen stehen die unauffällig auffälligen Boten des Überwachungsstaats.
Offensichtlich ist die Überwachung Christa Wolfs nach wenigen Wochen abgebrochen worden. Weil sie sich in den Augen ihrer Überwacher als "unschuldig" herausstellte? Weil der Zweck der Überwachung, Einschüchterung, erreicht war? Weil der persönliche Mißgünstling, der die Beschattung angeordnet hatte, an Einfluß verlor? Christa Wolf weiß es nicht, berichtet es nicht.
Offenbar ist sie, als wäre nichts geschehen, in das verantwortungsbewußte Leben der Staatsdichterin, der Kassandra im Ost-West-Konflikt, der auch im Westen hochgeachteten Dichterstimme der DDR, zurückgekehrt.
Das, was ihr Staat und Stasi zufügten, hat sie zu keinerlei vernehmlichen Reaktionen veranlaßt, jedenfalls drang nichts davon an die Öffentlichkeit. Christa Wolf trat nicht aus der SED aus, bei der sie lange Kandidatin des ZK gewesen war. Sie verließ einen Staat nicht, der sie grundlos in Panik versetzt hatte, ja sie kündigte ihm nicht einmal ihre Freundschaft.
Als Erich Honecker nach seinem Sturz vernommen wurde und nach seiner Rolle bei dem harschen Polizeieinsatz zum 40. Jahrestag der Republik befragt wurde, sagte er, er habe von diesem Einsatz überhaupt erst erfahren, als ihn Frau Wolf angerufen und sich beschwert habe, daß ihre Tochter verhaftet worden sei.
Zu Ultimo des Regimes also war die einstmals Beschattete noch immer so privilegiert, daß sie mal kurz in einer persönlichen Angelegenheit bei der Nummer eins anrufen konnte, die damals, krank und auf wackligem Stuhl, wahrlich andere Sorgen hatte.
Offensichtlich hat Christa Wolf aber doch auf die Stasi-Aktion reagiert. Und zwar als Schriftstellerin. Sie hat ihre Beobachtungen und Gemütslagen jener Tage aufgezeichnet und in die Schublade geschlossen. Im Juni 1990, den Stasi-Staat gab es längst nicht mehr, ebensowenig die SED, aus der Christa Wolf erst kurz vor der Wende ausgetreten war, im Juni also veröffentlichte sie diese Schubladen-Aufzeichnungen**.
Das Buch ruft bei einigen Rezensenten Fassungslosigkeit und Ablehnung ** Christa Wolf: "Was bleibt". Luchterhand-Litera- turverlag, Frankfurt; 112 Seiten; 24 Mark. * Am 4. November 1989. hervor. Genauer: Es ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung, der Ulrich Greiner in der Zeit und Hajo Steinert in der Weltwoche vor allem empört.
Die Veröffentlichung wäre vor Jahren eine Ungeheuerlichkeit gewesen, ein Beispiel von Courage und Widerstand gegen das Regime, heute sei sie bestenfalls eine Peinlichkeit, vielleicht gar eine wendehalsige Ranschmeiße:
Christa Wolf versuche nachträglich, sich von der Nutznießerin zum Opfer umzuschminken. Der erste, der entscheidende Vorwurf, der gegen die "Erzählung" erhoben wird, betrifft also nicht das, was im Text steht, und auch nicht das, was den Text mit dem Leben seiner Verfasserin verbindet, sondern betrifft den Zeitpunkt der Veröffentlichung.
Die Kritik, die auch Frank Schirrmacher in der FAZ an dieser peinlichen Terminierung ansetzte, nur daß er sie zur prinzipiellen Kritik an dem Verhältnis Christa Wolfs zu ihrem Staat a. D. weitete, wie es sich in ihrem Gesamtwerk spiegelt, diese Kritik rief empörte Verteidiger der Christa Wolf auf den Plan.
Eine Hexenjagd sei veranstaltet worden. Auf einem West-Ost-Colloquium im Cecilienhof in Potsdam (dem Ort also, wo die Sieger des Hitler-Krieges einst zur Konferenz über Deutschland saßen) sah sich Walter Jens an das Spruchkammerverfahren der Nachkriegsjahre erinnert (Zwischenfrage: War die Entnazifizierung eigentlich überflüssig, oder ist sie nur, in einem Volk der Mitläufer, kläglich mißraten?).
Stefan Heym erinnerte sich, so hätten die US-Offiziere noch 1945 Gesinnungskrieg geführt, Meinungsterror entfacht, und auch Klaus Podak war sich, ein paar Tage später, in der Süddeutschen Zeitung sicher, daß da statt berechtigter Kritik eine "Diffamierung" der Autorin "mittels mißtönender Moraltrompeten" veranstaltet werde. Diesem Verdikt ließ die SZ eine Rezension von Christa Dericum folgen, die das Buch mit all dem Ergriffenheitsbesteck zelebrierte, all dem Innerlichkeitsvokabular feierte, das Bücher aus der realen Welt ihrer Bedingungen und Beziehungen in das schöne Krautgärtlein der Dichtkunst verpflanzt. Kostprobe: _____" Anders als Schillers Kassandra-Figur, die ihr Los als " _____" Seherin beklagt, steht Christa Wolfs Figur in " _____" entschiedener Einsamkeit. Parallelen zu Ingeborg " _____" Bachmanns "Franza", Spuren in Literatur, Geschichte, in " _____" der Landschaft Griechenlands und eine Vorstellung von " _____" dem, was Kassandra für uns im Atomzeitalter ist. "
Und so weiter. Betroffenheit, Atomzeitalter, Schiller, Einsamkeit, Bachmann, Rosmarin und Suppenkraut . . . Doch für diejenigen, für die das Buch möglichst "behutsam" (Walter Jens) rezensiert hätte werden sollen, muß noch einmal an den Zeitpunkt der Veröffentlichung und damit an die Absicht, die Autorin und Verlag mit der Veröffentlichung vor Augen hatten, erinnert werden.
"Was bleibt" ist ja jetzt nicht auf die Öffentlichkeit losgelassen worden (und damit die Öffentlichkeit auf das Buch), um auf die Erzählerin Christa Wolf aufmerksam zu machen. Das Buch wirkt wie ein Bericht über das, was der hochgestellten, hochgeachteten, ihrem Staat verbundenen Bürgerin 1979 in ihrem Staat widerfuhr.
Der Klappentext des Luchterhand-Verlags sagt dies nur zu deutlich: _____" Ende der siebziger Jahre stand wochenlang ein Auto " _____" mit drei jungen Männern vor dem Haus in der " _____" Friedrichstraße in Berlin, in dem die Autorin und ihr " _____" Mann damals wohnten. In jener Zeit . . . schrieb Christa " _____" Wolf die Erzählung "Was bleibt", die sie hier, in " _____" überarbeiteter Fassung, erstmals veröffentlicht: " _____" Aufzeichnungen über einen Tag aus dem Leben einer von " _____" Staatssicherheitsbeamten observierten Frau. "
Verlag und Autorin spekulierten also zumindest auf das direkte Interesse an der Biographie, das Buch wurde auch und gerade zu diesem Zweck, das Augenmerk auf ein Verfolgungsdetail aus dem Leben der sonst Unangetasteten zu richten, publiziert.
Jetzt den Rezensenten zuzurufen, sie sollten sich gefälligst an die Erzählung halten, wirkt wie der verspätete Versuch, den Schuß, der offenbar nach hinten losgegangen ist, wieder ins Rohr zurückzuholen. Um in den Begriffen von Walter Jens zu sprechen: Jetzt, da das Buch sich als "Persilschein" als untauglich erwiesen hat, sollte es am besten nur als Darstellung einer Gemütslage im Nirwana der Poesie und Prosa gelten, wo es nur eine Sorge gibt: Hat man für etwas eine Sprache, oder hat man sie nicht?
Christa Wolf hat, wie sie in ihrem Buch bewegt klagt, noch keine Sprache für das gefunden, was ihr vor zehn Jahren widerfuhr. Daß sich Christa Wolf jetzt mit der Publikation einen weißen Fuß holen könnte, mag ihr der Verlag aufgeschwatzt haben, wir wissen es nicht.
Andererseits: Daß sie aber den Bericht über ihr Leben unter Stasi-Obhut nicht früher publizierte, das ist ihr nun in der Tat nicht vorzuwerfen, waren wir (Rezensenten und Rezensierte) doch alle Kost- und Grenzgänger jener Epoche, in der wir die DDR um des lieben Friedens und um der utopischen Hoffnung willen nicht reizen wollten. Wolfram Schütte hat da in der Frankfurter Rundschau nicht unrecht, wenn er den Kritikern in dieser Hinsicht verhaltenere Töne anempfiehlt.
Es mag dem Entschluß, das Manuskript in der Schublade verschwinden zu lassen, bei Christa Wolf der gleiche, ganz und gar nicht opportunistische Gedanke zugrunde gelegen haben, der sie 1968 auch eine verschwommene und zugleich (wenn das paradoxerweise möglich wäre) zähneknirschende Rechtfertigung des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei abgeben ließ: Sie entschuldigte die Invasion mit der Bedrohung des Weltkommunismus durch den kapitalistischen Imperialismus.
Der Kommunismus war immer bedroht, von Anfang an, das war seine traurige Wahrheit und sein finsterer Trick. Mit der Bedrohung konnte er alle Unterdrückungen, alle Polizeimaßnahmen rechtfertigen. Sein manischer Verfolgungswahn machte ihn zum manischen Verfolger. Wer diese Verfolgung anprangerte, gab der nicht auch seine (geistige) Heimat den Verfolgern preis? So blieb vieles in der Schublade. Sobald der Kommunismus, wie Gorbatschow es tat, auf das Gefühl, sich bedroht zu fühlen, verzichtete, mußte er auch auf seine Unterdrückungtricks verzichten.
Seither hoffen viele seiner verlassenen Kinder auf den dritten Weg. Christa Wolf, aus allen Himmeln gefallen, ist ein solch verlassenes Kind. Vielleicht versucht sie mit ihrer Erzählung, peinlich und peinigend spät, zu dokumentieren, was sie schon früh alles opfern mußte, um nicht total verlassen zu sein. Vielleicht ist die Empörung, die sie auf sich zog, berechtigterweise auf sich zog, auch eine Empörung Enttäuschter.
Denn das macht den Fall Christa Wolf interessant, über die Verrisse eines schmalen, in jeder Hinsicht dünnen Buches und die wütende Reaktion auf diese Verrisse hinaus: Mit "Was bleibt" hat sich ein Koexistenz-Symbol selber demontiert, indem es, durch eine Flucht nach vorn, der Demontage durch andere entgehen wollte.
Es mag nach Küchenpsychologie klingen, aber man bestraft heftiger, wenn man sich, in Gedanken, selbst mitbestraft. Und man ist empörter, wenn Scham über eigenes Verhalten die Empörung mit anfeuert.
Wer jetzt der Wolf ihr Schweigen 1979 mitrezensiert, rezensiert damit auch sein eigenes Schweigen. Der Fall Wolf, der Fall der Rezeption von "Was bleibt" ist ein Moment der Kritik und Selbstkritik zugleich. Der Streit wird so heftig geführt, weil er einen jähen Moment des Abschieds markiert. Es ist ein Abschied von Gestern, in dem wir damals alle Heute spielten, als sollte es ewig währen.
Für Christa Wolf ist es zudem noch ein Sturz aus der Familie. Das hat Frank Schirrmacher in seiner polemischen Analyse ihrer heroisch anmutenden Geborgenheitsprosa schlüssig dargelegt.
Dabei ist sie, Ost hin oder West her, ein unheimlich deutsches Phänomen. Das macht ihren Erfolg aus, und daher schreien ihre Gemeindemitglieder verschiedenster Couleur auf, wenn sie ihre Autorin angegangen wähnen.
Wir sind jetzt, endlich, auch bei der Literatur, und wie sie bei Christa Wolf ein deutsches Leben über alle Grenzen hinweg widerspiegelt.
Am Morgen, als sie schon weiß, daß sie observiert wird, zwingt sie sich zu den mechanischen Verrichtungen, geht also ins Bad, benutzt dort "gedankenlos, doch gewissenhaft verschiedene Sprays" (die Umweltschützer mögen der ostwestlichen Kassandra diesen Luxus verzeihen), zieht sich an und frühstückt: _____" Der Kaffee mußte stark und heiß sein, gefiltert, das " _____" Ei nicht zu weich, selbsteingekochte Konfitüre war " _____" erwünscht, Schwarzbrot. Luxus! Luxus! dachte ich wie " _____" jeden Morgen, als ich das alles beieinanderstehen sah - " _____" ein nie sich abnutzendes Schuldgefühl, das uns, die wir " _____" den Mangel kennen, einen jeden Genuß durchdringt und " _____" erhöht. "
Hier haben wir es, das ewige deutsche protestantische Pfarrhaus, diesmal in den roten SED-Farben angestrichen, diese ewige feste Burg deutscher Innerlichkeit, die sich im herben Leben des kleinen Luxus der selbstgemachten Konfitüre, des echten Bohnenkaffees schämt und sich gleichzeitig in der Scham über die anderen erhebt, die keine Marmelade haben und keinen Bohnenkaffee, um sich auch nur schämen zu können. Und die sich in die Brust wirft: Was haben wir alles mitgemacht!
Der Nischengesellschaft DDR wird hier in eine Elite-Nische hineingeleuchtet, und da sitzt die Schriftstellerin, die den jungen Stasi-Bewachern nichts Schlimmeres vorzuwerfen hat, als daß sie keiner ordentlichen Arbeit nachgingen - kräftig und gesund, wie sie seien.
Und so nimmt es auch nicht wunder, daß Christa Wolf selbst da, wo sie den vom Volksmund "Tränenbunker" genannten Kontrollbau am Bahnhof Friedrichstraße passiert, wo Ausreise verweigert und Einreise kontrolliert wurde, den Verantwortlichen für Mauer, Stasi und Angst mit einem seltsamen Namen benennt. Es ist ein sehr deutscher, ein sehr innerlicher Name: Herr der Stadt nämlich ist "der rücksichtslose Augenblicksvorteil". Nicht die SED, nicht der Stalinismus, nicht einmal der Imperialismus - nein, nur der Egoismus, der einen eingedeutschten Namen trägt: Augenblicksvorteil. Und das im Angesicht der Ewigkeit.
Wer der Autorin vorwirft, sie sei das literarische Aushängeschild eines Staates gewesen, mit dem nun keiner mehr zu machen ist, verkennt, daß Christa Wolf weniger eine Opportunistin, kaum eine engagierte Schriftstellerin, mehr eine ins Innerliche emigrierte Autorin war. Nicht politisch, sondern eher gräßlich unpolitisch in einer durchpolitisierten Diktatur.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 26/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 26/1990
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Selbstgemachte Konfitüre“

  • Lieblingsfloskeln von Biden und Trump: "Come on " gegen "very special"
  • Hochwasser in Venedig: Feuerwehrvideos zeigen Ausmaß der Katastrophe
  • Vergeltung gegen Israel: Rakete aus Gaza schlägt neben Autobahn ein
  • Buschfeuer in Australien: Das Schlimmste steht noch bevor