25.06.1990

PartnervermittlungWie der letzte Husten

Alleinstehende DDR-Frauen suchen mit Vehemenz den Wessi fürs Leben. Eheinstitute wittern das große Geschäft.
Wenn Susanne Keßler* von ihrer Zwei-Raum-Wabe im neunten Stock eines Hochhauses über das Beton-Konglomerat der Ost-Berliner Trabantensiedlung Marzahn blickt, befällt sie Trübsal. Öde Klinker- und Rauhputzfassaden prägen die Siedlung an der Allee der Kosmonauten. Die blonde Juristin, alleinstehend ohne Kinder, empfindet die Schlafstadt als soziales Abstellgleis - und sie weiß, daß dieses Gefühl von vielen Mitbewohnerinnen geteilt wird.
Für den Ausbruch aus dem tristen Marzahn bietet sich eine verlockende Methode an. "Die meisten, die hier weg wollen, suchen einen reichen Boy", sagt sie. Doch an Kneipen und anderem Kontakt versprechenden Amüsement herrscht, wie überall in der DDR, Mangel, an Traumprinzen ohnehin. Ihre Hoffnungen setzt Susanne Keßler nun auf die bundesdeutsche Kleinanzeigenbörse; mit Hilfe einer bayerischen Partneragentur möchte sie "drüben Menschen kennenlernen".
In schweren Zeiten gibt es neben den edlen Motiven des Mitmenschlichen auch die anderen: Die "Liaison mit einem D-Mark-Mann", sagt eine Ost-Berliner Psychologin, verspreche mehr als nur emotionalen Rückhalt. Die früher dominierenden ideellen Motive bei der Partnersuche - Verständnis, Zärtlichkeit, Anerkennung - würden zunehmend vom Gedanken an finanzielle Absicherung verdrängt: "Die Situation wird materialistischer."
Die Kontaktprobleme weiblicher DDR-Singles kommen den westlichen Vermittlern wie gerufen. "Völlig kostenlos" lotsen Eheanbahner und behende Adressenhändler die neue Kundschaft in ihre Karteien. Per Annonce suggerieren sie das dauerhafte Glück mit soliden Herren - jede Menge gutsituierter Wessis auf Freiersfüßen.
Der Köder wirkt: "Seit Öffnung der Mauer", frohlockt beispielsweise die Münchner Bekanntschaftsvermittlung Rene, "stürmen Tausende Ledige, Witwen und geschiedene Damen die Institute."
Der unverhoffte Zuspruch verleitete Inhaber Thomas P. Kausel zu einer "reinen Notmaßnahme" - zum Dum* Name von der Redaktion geändert. pingpreis von 80 D-Mark verschickt er, per Post gegen Vorkasse, rund 300 Anschriften nebst Fotos und Kurzbeschreibungen ("höflich, häuslich, hilfsbereit") an männliche Interessenten.
In der Vergangenheit haperte es bei vielen Agenturen an jüngeren Frauen. Lockvogel-Angebote mit Blondinen, die sich auf Nachfrage stets als Phantome entpuppten, gehörten deswegen zu ihrem Standardrepertoire, wie vor Jahren eine Prüfung der Berliner Stiftung Warentest ergab. "Geldgier und Skrupellosigkeit", lautete das Fazit der Untersuchung, könnten sich in der Branche "auf ideale Weise austoben". Nun sehen die Vermittler, in der Bundesrepublik derzeit mehr als 800 Büros und Einzelgänger, einen neuen Absatzmarkt und preisen die frisch akquirierten, real existierenden Damen aus dem Osten an: "Aktuelles Orig.-Foto - 1 aus 1000 unserer Kartei" (Partnervermittlung Myriam in Lübeck).
Die DDR-Bürgerinnen vertrauen sich, in Unkenntnis westlicher Geschäftsusancen, den Anbietern scharenweise an, oft im Glauben, ihre Angaben zur Person würden exklusiv gehandelt. "Sie sind unerfahren und wissen nicht, daß ihre Daten tausendfach verkauft werden", sagt der Heiratsmarktforscher Anton Sakalautzky aus Neumünster, der sich als Sittenwächter im wenig seriösen Dschungel der Eheanbahner versteht. Sind die Adressen einmal im Katalog erfaßt, gibt es kaum noch ein Zurück.
Susanne Keßler kommt sich inzwischen, nach ersten Erfahrungen mit aufdringlichen Besuchern, "wie auf dem Viehmarkt" vor und läßt Unbekannte nicht mehr in die Wohnung. "Wir sind zwar runtergewirtschaftet", sagt sie, "aber wir verkaufen uns auf der Anzeigenschiene unter Wert." Manche arroganten Westler "behandeln unsereins wie den letzten Husten", von denen will sich die 29jährige "auf keinen Fall über den Nuckel schieben lassen".
In Goldgräberstimmung verteilten die ersten Geschäftemacher, um rechtzeitig aus den Startlöchern zu kommen, bereits kurz nach dem 9. November Wurfsendungen an Ost-Berliner Haushalte. Darin versprachen sie Kopfprämien für die Vermittlung partnersuchender Nachbarinnen.
Größere Institute wie der Hamburger Marktführer VIP schicken mittlerweile Einheimische über Land auf Kundenfang. Die Aussicht, bei Barabschluß eines Vertrages 500 oder bei Ratenzahlung 200 West-Mark Provision zu erhalten, veranlaßte schon Hunderte von Ostdeutschen zur Kontaktaufnahme mit der West-Berliner VIP-Filiale.
Ob das hohe Preisniveau der etablierten Institute - mehr als 5000 Mark für zwei Dutzend Anschriften sind keine Seltenheit - angesichts ungezählter Billiganbieter stabil bleibt, ist fraglich. Der Hildesheimer Schlosser Dieter Kirchner beispielsweise verschickt für 500 Mark so lange Anschriften, "bis die Vermittlung Erfolg hat". Bald habe er 10 000 Damen aus der DDR in seiner Kartei, protzt der Seiteneinsteiger, der sich als "Messias für die Frauen" bezeichnet.
Deren vermeintlich schlichte Bedürfnisse sind schnell ausgelotet: "DDR-Frauen sagt man allgemein nach", so Thomas P. Kausel von der Agentur Rene, "sie seien bescheiden, liebevoll, freundlich, natürlich und wirklich dankbar." Kein Wunder also, daß "jede Damen-Adresse beste Chancen bietet, wirklich Erfolg zu haben" - bei Rene für 27 Pfennig, den Preis eines Brötchens.
Angesichts solcher Werbung fühlen sich sachkundige Beobachter fatal an den Menschenhandel mit Frauen aus der Dritten Welt erinnert. DDR-Frauen, fürchtet Ralf Lisch von der Stiftung Warentest, könnten "die Rolle einnehmen, die vorher Filipinas und Brasilianerinnen innehatten".
Daß viele Frauen nach westlichen Maßstäben schwer zu vermitteln sind, wird ihnen gern verschwiegen; eine Kundenberatung gibt es meist gar nicht. Weil in der DDR jedes dritte Kind unehelich geboren wird, ist der Anteil alleinstehender Mütter in den Karteien hoch, ebenso der geschiedener Frauen. Beide Gruppen, das zeigt die Erfahrung, sind im Westen wenig beliebt.
Das Bild vom Heimchen am Herd, mit dem Bekanntschaftsmakler systematisch hausieren, kollidiert nur zu oft mit der Realität. Naiv sind die neuen Kundinnen allenfalls im Umgang mit den fixen Adressendealern.
"Den Westlern", prophezeit denn auch Ingrid Witt von der Ost-Berliner Agentur Sie & Er, die mit einem Stab von Psychologen und Pädagogen Kontakte innerhalb der DDR anbahnt, "werden unsere Frauen gar nicht so zusagen, die sind berufstätig und deswegen selbständig."
So hält denn die provinzielle "Exotik der DDR-Frauen", die etwa die Ost-Berliner Physiklehrerin Gisela Holzmann*, 41, auf der Suche nach einem westdeutschen Partner als vorteilhafte Eigenschaft nennt, auch kaum einer genauen Begutachtung stand. "Die meisten kommen wegen der Mäuse", haben Interessenten wie der westdeutsche Baggerführer Peter Hülsemann, 49, aus Borsfleth an der Elbmündung gemerkt. Bei dem Witwer stellten sich Damen vor, die er zum Teil als "ganz schön abgewichst" empfand.
Nur in seltenen Fällen will sich deutsch-deutsches Bilderbuchglück einstellen wie beim Hamburger Kaufmann Matthias Koch, 35, der eine Schweriner Krankenpflegerin ins Herz geschlossen hat. Sie sei, gestand Koch Bild der Frau, "so hilflos, so bescheiden", daß sie sich "wie ein Kind unterm Weihnachtsbaum freute, als ich ihr mal ein paar Klamotten schenkte". * Name von der Redaktion geändert.

DER SPIEGEL 26/1990
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