23.07.1990

„Ich empfinde Verlegenheit“

Hätte die Welt nach Kriegsende erfahren, es seien in Auschwitz eine bis eineinhalb Millionen Menschen ermordet worden, nur weil sie als Juden geboren wurden, dann wären diesem Ort für alle Ewigkeit Grauen und Ehrfurcht sicher.
Diesem Ort waren Grauen und Ehrfurcht sicher, freilich in der Überzeugung, hier seien vier Millionen Menschen umgebracht worden.
Jetzt scheint gewiß zu sein, was Zeithistorikern schon länger bekannt war: daß es eine bis eineinhalb Millionen Opfer gewesen sind. Ändert sich dadurch etwas in uns?
Gar nichts ändert sich in der Generalbilanz dieses unfaßbaren Verbrechens. In ihr stehen auch weiterhin sechs Millionen von den Nazis ermordete Juden zu Buch. Weniger als angenommen waren es in Auschwitz, das aber auch so jener Ort bleibt, an dem in so kurzer Zeitspanne die größte Zahl von Menschen in der Geschichte umgebracht wurde. Doch die Notwendigkeit einer Korrektur der Opferzahlen hat unserem Vorstellungsvermögen einen Schlag versetzt.
Die Zahl von vier Millionen wurde gleich nach der Befreiung von der sowjetischen Kommission zur Erforschung der Naziverbrechen festgelegt. Sie hatte an die 200 Zeugen gehört, die sich großteils noch in einem Schockzustand befanden, und die Kapazität der fünf Krematorien in der Zeit ihres Betriebes errechnet.
Die vier Millionen sind dann von der polnischen Kommission, die Auschwitz untersuchte, übernommen worden - und diese Zahl wurde auch vor dem Nürnberger Tribunal genannt. Sie schien durchaus glaubwürdig, das Verbrechen gespenstisch jenseits aller Vorstellung, und kaum jemand war geneigt, sich mit Details aufzuhalten.
Vier Millionen Auschwitz-Opfer standen auf den Gedenktafeln und setzten sich in der Erinnerung der Überlebenden fest. Im Lauf der Jahre haben sich viele Historiker verschiedener Länder mit dem Thema beschäftigt. Sie kommen auf unterschiedliche Opferzahlen, von denen allerdings jede niedriger war als die vier Millionen.
Die Daten Georges Wellers' aus dem Dokumentationszentrum für jüdische Gegenwart in Paris sind, bisher, die genauesten, was nicht bedeutet, daß sie auch die zuverlässigsten sind. Laut Wellers sind 1 610 455 Menschen in dieses KZ gebracht worden, von denen 1 471 505 ums Leben gekommen sind. 1 352 980 davon waren Juden. Eine unbestimmte Anzahl von Häftlingstransporten aber ging direkt in die Gaskammern, ohne Spuren in Dokumenten zu hinterlassen.
In dieser Situation hat sich die Direktion des Auschwitz-Museums entschlossen, die Gedenktafel mit der Zahl von vier Millionen zu demontieren. Ob das ein weiser Entschluß war? Ich glaube nicht. Hätte ein besserer gefaßt werden können? Ich bezweifle es.
Ich glaube auch nicht, daß es aus einer furchtbaren Situation einen guten Ausweg geben kann. Er ist meistens schlecht oder noch schlechter. Außerdem hängt alles von dem Grad des Engagements und der Sensibilität desjenigen ab, der das beurteilt.
Was mich betrifft, empfinde ich als Pole vor allem Verlegenheit, weil die Situation außerordentlich peinlich ist. Der Irrtum, obwohl vor langer Zeit von anderen begangen, bleibt tendenziös. Und es war "unser" Irrtum, wenn mit "uns" Gegner von Faschismus und Rassismus gemeint sind.
Wahrscheinlich wurzelte der Irrtum in der begründeten Empörung, die dazu verleitete, sich über Unsicherheiten hinwegzusetzen. Doch er war auch das Werk anderer Mörder, die daran ein Interesse hatten, die Schuld ihrer Konkurrenten auf dem Gebiet des Völkermordes noch grausiger darzustellen, als sie tatsächlich war.
Das Wissen über die Vernichtungslager ist nicht etwas so Neutrales wie etwa das Wissen über Gräber aus der Jungsteinzeit. Die Feststellung, in Auschwitz seien nicht vier Millionen, sondern womöglich weniger als die Hälfte dieser Zahl von Menschen ermordet worden, kann Wasser auf die Mühlen von Antisemitismus oder Neofaschismus sein.
Das jüdische Milieu reagiert verständlicherweise allergisch auf alles, was mit dem Holocaust verbunden ist: Jegliche Zahlenkorrektur über das Martyrium des jüdischen Volkes ist eine Zumutung, auch wenn die Opferzahlen nur verlagert werden - stets ein Versuch, die Verbrechen zu relativieren, und damit ein antisemitischer Akt. Rationalen Beweisen und Argumenten gegenüber bleiben die Betroffenen verschlossen. Zahlreicher aber sind jene, nach deren Überzeugung nichts aus dem angegebenen Grund geschieht, und schon gar nicht aus Zufall. Nach deren Meinung muß es eine Verschwörung gegeben haben, gegen die Juden, obgleich man sich auch Leute vorstellen kann, die hinter den neuen Zahlen eine jüdische Verschwörung wittern. Schließlich wurde die Entfernung der Gedenktafel zu einem Zeitpunkt entschieden, in dem ein deutliches Anwachsen von Antisemitismus zu beobachten ist, nicht nur in Polen.
Wenn es keinen guten Ausgang aus einer schlechten Situation gibt, dann gibt es dafür auch keinen günstigen Zeitpunkt. Aber warum hat man diese unselige Gedenktafel mit ihren falschen Zahlen nicht einfach an ihrem Platz gelassen? Würde dann, angesichts der sich häufenden, ihren Inhalt korrigierenden Fakten, nicht bald schon der Vorwurf laut, sie sei eine Fälschung, um die projüdische Propaganda zu unterstützen?
Ich gebe zu, daß man manchmal die Wahrheit verheimlichen - also lügen - muß, zuweilen sogar aus erhabenen Motiven, etwa aus Mitleid oder aus Feingefühl. Doch immer lohnt es sich zu wissen, warum man das tut, was die jeweilige Abweichung von der Wahrheit bringt.
Hier hatten wir es mit einer Situation zu tun, in der jeder Schritt wie jede Unterlassung zu unbekannten, womöglich schlimmen Folgen führen konnte. Und da wir nicht genau wissen, mit welchen Folgen zu rechnen ist, lohnt es schon, sich den Luxus der Ehrlichkeit zu leisten und sich, wie in diesem Fall, so weit wie möglich der Wahrheit anzunähern.
Wenn auch die Wahrheit nicht immer das Gute ist, so ist viel öfter die Lüge das Böse. Stellen wir uns doch vor, man hätte sich 1945 viel mehr Mühe gegeben, zu größerer Objektivität gezwungen und nicht jene überhöhte Zahl von vier Millionen Auschwitz-Opfern genannt.
Das Grauen und die Empörung über die dort begangenen Verbrechen wären nicht geringer, das Gedenken an die Opfer wäre ebenso tief. Skalski, 55, Mitarbeiter der Solidarnosc seit 1980, ist heute Vizechef der liberalen Zeitung Gazeta Wyborcza.
Von Ernest Skalski

DER SPIEGEL 30/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 30/1990
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Ich empfinde Verlegenheit“

Video 06:10

FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt Die Videofalle

  • Video "Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat" Video 02:03
    Digitale Forensik: Wie der SPIEGEL das Strache-Video überprüft hat
  • Video "Webvideos der Woche: Einfach umgedreht" Video 03:14
    Webvideos der Woche: Einfach umgedreht
  • Video "ESC-Sieg für die Niederlande: Der Piano-Man bezwingt die Windmacher" Video 02:00
    ESC-Sieg für die Niederlande: Der Piano-Man bezwingt die Windmacher
  • Video "Genug ist genug: Die Rede von Bundeskanzler Kurz im Video" Video 03:03
    "Genug ist genug": Die Rede von Bundeskanzler Kurz im Video
  • Video "Luftiger Stunt: Fallschirmsprung aus der Seilbahn-Gondel" Video 00:43
    Luftiger Stunt: Fallschirmsprung aus der Seilbahn-Gondel
  • Video "US-Sturmjäger-Video: Wenn der Tornado auf dir landet" Video 02:09
    US-Sturmjäger-Video: Wenn der Tornado auf dir landet
  • Video "Video-Affäre in Österreich: Strache tritt als Vizekanzler und FPÖ-Chef zurück" Video 02:20
    Video-Affäre in Österreich: Strache tritt als Vizekanzler und FPÖ-Chef zurück
  • Video "Video: Proteste in Österreich" Video 00:52
    Video: Proteste in Österreich
  • Video "Versuchter Betrug: Müllmann täuscht Unfall vor" Video 02:04
    Versuchter Betrug: Müllmann täuscht Unfall vor
  • Video "Eurovision Song Contest 2019: Das sind die Favoriten" Video 03:36
    Eurovision Song Contest 2019: Das sind die Favoriten
  • Video "Staudamm bricht: Wenn der Druck zu groß wird" Video 00:29
    Staudamm bricht: Wenn der Druck zu groß wird
  • Video "Video zeigt Detonation: Sprengstoff vs. Kühlturm" Video 00:46
    Video zeigt Detonation: Sprengstoff vs. Kühlturm
  • Video "Miet-Scooter in Zahlen: 12 km/h, 29 Tage, 150 Milliarden" Video 02:38
    Miet-Scooter in Zahlen: 12 km/h, 29 Tage, 150 Milliarden
  • Video "Kettenfahrzeug de luxe: Halb Panzer, halb Bentley" Video 01:12
    Kettenfahrzeug de luxe: Halb Panzer, halb Bentley
  • Video "Nach Unfall auf der A1: Stau? Dann kehren wir doch einfach um..." Video 01:27
    Nach Unfall auf der A1: Stau? Dann kehren wir doch einfach um...
  • Video "FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt: Die Videofalle" Video 06:10
    FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt: Die Videofalle