25.06.1990

KunstAußer Atem

Kulturgut, das im Krieg und danach verlorenging, kehrt heim. Spektakulärster Fall: der 1945 gestohlene Stiftsschatz von Quedlinburg.
Viereinhalb Jahrzehnte nach dem Ende von Krieg und Nazi-Herrschaft kommt auch in der Kunst wieder mancherlei zusammen, was vormals zusammengehörte. Die Zeit scheint reif zu sein, die weltpolitischen Umstände sind günstig: Lang vermißte Kostbarkeiten kehren an ihre angestammten deutschen Plätze zurück. Und das auf sehr verschiedenen Wegen:
Wenn sich etwa einzelne Gemälde, die unter Hitler konfisziert und verschleudert worden waren, kürzlich für die einstigen Eigentümer-Museen zurückerwerben ließen (ein Kokoschka für Wuppertal, ein Liebermann für Hamburg), so zahlte sich aus, daß Nachfahren der Käufer von damals sich leichter von solchen Bildern trennen. Andere, wahrhaft spektakuläre Fälle spielen vor großer zeithistorischer Kulisse.
Wären nicht in der Sowjetunion Glasnost und Perestroika ausgebrochen, so hätte der Bremer Kunsthallendirektor Siegfried Salzmann schwerlich auf den Gedanken kommen können, noch für diesen Sommer die Rückgabe von 364 im Krieg in die Mark Brandenburg ausgelagerten, danach verschollenen Kunstwerken zu erhoffen.
Das erstrangige Konvolut, hauptsächlich Zeichnungen und darunter allein 28 von Albrecht Dürer, war 1945 durch den Rotarmisten Viktor Baldin geborgen und später dem Moskauer Architekturmuseum in äußerst diskrete Obhut übergeben worden. Erst voriges Jahr wagte Baldin es, die Bremer vertraulich zu informieren, Anfang Mai ging er mit einer Fernsehsendung an die sowjetische Öffentlichkeit. Seither, glaubt Salzmann zu wissen, "rotiert die Bürokratie", Gorbatschow ist angeschrieben, Genscher hat die Sache mit Schewardnadse beredet.
Und hätten sich die deutschen Verhältnisse nicht so schlagartig verändert, so wäre die Rückführung der 1945 in die USA verschleppten Stiftskleinodien aus Quedlinburg, die sich nun abzeichnet, undenkbar geblieben.
Erst nach der Wende konnten Westdeutsche so offen für die DDR-Kirchengemeinde agieren, daß mittlerweile die Kulturstiftung der Bundesländer das wichtigste Beutestück, ein karolingisches Evangeliar, für Quedlinburg wiederbeschafft hat, daß eine zweite Evangelienhandschrift mit der Jahreszahl 1513 in einem Schweizer Safe bereit liegt und daß um Werke der Elfenbeinschnitzerei und Goldschmiedekunst jetzt vor Gericht in Texas gestritten wird.
Joachim Fischer, Dezernent der Kulturstiftung, die schon beim Kokoschka- und Liebermann-Rückkauf federführend war, sieht die unterschiedlichen Fälle zumindest in einer "Zeitparallele": So wie dort der jeweilige legitime Käufer, so mußte auch der mutmaßliche Kunstdieb von Quedlinburg, Joe Thomas Meador aus Whitewright nördlich Dallas, sterben, ehe Bewegung in die Sache kam. Nach dem Tod der Ersterwerber möchten "die Erben kapitalisieren".
Solche Entwicklungen und die politische Öffnung im Osten nähren Hoffnungen, daß noch manches verschollene Kunstwerk auftauchen könnte. Unter Kollegen hört Museumschef Salzmann von einem Depot bei Moskau munkeln, in dem Kunst-Beutegut nicht nur aus Deutschland, sondern beispielsweise auch aus Polen lagern soll. Selbst nach Rückgabe der jetzt avisierten 364 Werke würden der Bremer Kunsthalle noch immer rund 1500 Zeichnungen fehlen.
Und daß Amerikaner aus den von ihnen eroberten Magazinen vieles beiseite schafften, ist längst kein Geheimnis mehr. Unverdrossen forschen etwa die (West-)Berliner Museen nach verschwundenen Schätzen. Als Spürhund ist ihnen auch der Jurist und Historiker Willi A. Korte zu Diensten, der nun in Texas die Quedlinburger Kirche vertritt.
Die Fährte begann sich abzuzeichnen, seit, von 1983 an, Teile des Quedlinburger Schatzes unterderhand auf dem grauen US-Markt herumgeboten wurden. Korte erfuhr schließlich, woher die Offerten kommen mußten: aus dem ländlichen Whitewright.
Dort war 1980 der Junggeselle Meador 63jährig an Krebs gestorben, ein, wie Nachbarn sich nun erinnern, "geheimnisvoller Einzelgänger". Er hatte Kunst studiert, zeitweilig auch gelehrt, schließlich aber im väterlichen Eisenwarenladen gearbeitet und in seiner Freizeit Orchideen gezüchtet. Bekannten und Angestellten zeigte er manchmal alte Handschriften und andere Wertstücke. Die wollte er bei Kriegsende "in Europa gesammelt" haben.
Am 19. April 1945 war Leutnant Meador mit dem 87. amerikanischen Artillerie-Bataillon siegreich in Quedlinburg eingezogen. Die Soldaten übernahmen auch die Bewachung jener Höhle, in die der berühmte Stiftsschatz ausgelagert worden war. Bei einer ersten Inspektion fanden deutsche Kenner der Materie den Bestand intakt, bei einer zweiten jedoch fehlten "drei wichtige Gegenstände". So protokolliert es ein Geheimdienst-Report vom 9. Juni 1945 an die Kunstkommission der Army - eines von mehreren einschlägigen Dokumenten, die Korte in neuerdings zugänglichen US-Archiven entdeckt hat.
Als Verluste aufgeführt werden dort das nach seinem Schreiber benannte "Samuhel-Evangeliar" sowie eine kostbar gebundene spätmittelalterliche Handschrift und das "Reliquiar Heinrichs I.", ein mit Elfenbein- und Metallreliefs besetzter Kasten; die Lokal-Legende schreibt ihn dem deutschen König zu, der 936 in Quedlinburg beigesetzt wurde.
Das Samuhel-Evangeliar ist die nun von der Kulturstiftung zurückerworbene Handschrift, das zweite Buch jenes von 1513, das in der Schweiz liegt. Der Reliquienschrein befindet sich, als kostbarstes dort verbliebenes Beutestück, noch in Whitewright.
Es sei schon "möglich", so der Verlust-Report von 1945, "daß eine Nachforschung die Leute ausfindig macht, die den gegenwärtigen Aufbewahrungsort der Schatz-Stücke kennen". Daraus wurde offensichtlich nichts, und die Amerikaner überließen das Terrain bald vertragsgemäß den Sowjets. Zwar taucht die Frage nach den Schwundobjekten, auch mit einer auf 15 Nummern erweiterten Liste, noch ein paarmal in amerikanischen Akten auf, doch den 1946 ausgemusterten Joe Meador scheint niemand behelligt zu haben.
Der vermachte in seinem Testament von 1979 "Silber, Porzellan und Glas" an Neffen und Nichten. "Der ganze Rest" einschließlich ungenannter heiklerer Besitztümer fiel an des Erblassers Bruder Jack und seine Schwester Jane, verehelichte Cook.
Beide sehen sich nun - zusammen mit der First National Bank of Whitewright, die zumindest einen Teil des Hortes als Sicherheit für ein Darlehen in Obhut hat - als Beklagte vor dem Distriktgericht in Dallas. Denn das Ansinnen Kortes und amerikanischer Anwälte, die für die Quedlinburger Kirche tätig wurden, die Kunstwerke inspizieren zu lassen oder gar gutwillig herauszugeben, stieß auf keinerlei Entgegenkommen.
So erwirkten die Kirchen-Beauftragten am Montag voriger Woche die gerichtliche Anordnung, innerhalb zehn Tagen keinen von 14 aufgezählten Gegenständen von der Stelle zu schaffen und den Klage-Vertretern die Besichtigung und fotografische Bestandsaufnahme zu ermöglichen.
Die Liste im Gerichtspapier reicht vom "Reliquiar Heinrichs I." bis zu "mehreren alten Stickereien", sie verzeichnet einen Elfenbein-"Kamm Heinrichs I.", noch etliche Reliquienbehälter sowie Kruzifixe und auch eine Gedenkmünze Kaiser Wilhelms II. Bei Lokalterminen am Mittwoch und Donnerstag fand sich der Hauptteil des vermißten Schatzes an, einzelne Stücke fehlten aber auch. Dafür tauchten Objekte, zumindest teils anscheinend deutscher Herkunft, auf, die nicht in Quedlinburg vermißt werden. Partiell, schien es, waren Depotbestände kurz zuvor ausgetauscht worden.
Das Samuhel-Evangeliar stand schon nicht mehr auf der Liste, wohl aber das Buch von 1513. Erst Ende vorletzter Woche hatte Korte, "wenig begeistert", erfahren, es befinde sich nun in der Schweiz. Er argwöhnt, es sei in allerletzter Zeit dorthin geraten.
Die Verbringung gestohlenen Gutes außer Landes könnte strafrechtliche Folgen haben. Und auch in einem Zivilprozeß um die Quedlinburger Schätze wären die Aussichten der Meador-Erben nicht unbedingt rosig. Präzedenzfall: 1982 mußte ein New Yorker Rechtsanwalt zwei Dürer-Porträts aus Weimarer Museumsbesitz, die er 1946 wohlfeil gekauft hatte, zurückgeben, freilich nach vielen Prozeßjahren. Kompromißlos pflegte das alte DDR-Regime um sein Kulturerbe zu kämpfen.
Für geschmeidigere Strategien plädiert der Antiquar Heribert Tenschert im bayerischen Rotthalmünster. Damit jedenfalls hat er, von Mittelsmännern in der Schweiz, das Samuhel-Evangeliar herangeschafft, und auf die Handschrift von 1513 hat er nun eine befristete Option. Von beiden Büchern glaubt er, sie seien schon seit Jahren im Lande gewesen.
Ohne Geldeinsatz ging die Beschaffungsaktion nicht ab. Das Samuhel-Evangeliar hat Tenschert mit drei Millionen Dollar bezahlt, die er als "Finderlohn" für den ungenannten Vermittler (Gerüchten zufolge der Meador- und Cook-Anwalt John S. Torigian) umschreibt und die ihm die Kulturstiftung nur einfach erstattet hat. Ob das Geld vor US-Gerichten zurückzuklagen ist, muß sich noch zeigen. Das zweite Buch soll 500 000 Dollar kosten, diesmal inklusive einer mäßigen Händlerspanne für Tenschert.
Bürgerliches Rechtsempfinden muß sich gegen solche Lösegeldzahlungen sträuben. Doch nach Schweizer Gesetzen und gegen kaum greifbare Zwischenträger wäre vor Gericht wohl schwer etwas auszurichten gewesen. Die Verlagerung funktioniert als Kunstwaschanlage. Und gemessen an legalen Marktpreisen sind die gezahlten oder geforderten Summen fast unbeträchtlich.
Das Samuhel-Evangeliar aus dem 9. Jahrhundert mit seinen ganzseitigen Evangelistenbildern und Schmuckinitialen ist - brillant erhalten und von einem hochmittelalterlichen Prunkeinband umschlossen - eine absolute Rarität. Keinesfalls steht es dem Evangeliar Heinrichs des Löwen nach, das vor sieben Jahren 32 Millionen Mark gekostet hat. Der Preis für die Quedlinburger Kostbarkeit reduzierte sich, bei wechselnden Anbietern, innerhalb dreier März-Tage von 15 Millionen Dollar auf ein Fünftel dieser Summe - sei es, weil Tenschert so überzeugend argumentierte, sei es auch, weil Kortes gleichzeitige Recherchen die Besitzer nervös machten.
Das Evangelienbuch von 1513 bietet eine schöne, wenngleich nicht außergewöhnliche Handschrift mit Initialen und Zierranken, dazu aber einen Goldschmiede-Einband, für den Tenschert kein Vergleichsbeispiel aus dieser Epoche weiß. Frei versteigert, meint der Antiquar, könnte das Stück glatt fünf Millionen Dollar einbringen.
Woher nun immerhin ein Zehntel dieser Summe kommen soll, ist bis auf weiteres ungewiß. Klaus Maurice, Generalsekretär der Kulturstiftung, hatte gerade die Finanzierung des Samuhel-Evangeliars (mit Bundes-Hilfe) bewältigt und war noch etwas "außer Atem", als Tenschert ihn mit der Botschaft überraschte, er habe Zugriff auf das nächste Quedlinburger Wertstück. Nun will Maurice erst einmal abwarten, was sich in Texas tut und ob nicht gar, wer weiß, die Quedlinburger Kirche nach der Währungsumstellung plötzlich bei Kasse ist.
Noch in Geduld üben müssen sich auch die Bremer. Das Schicksal ihrer Zeichnungen ist nicht ganz so dramatisch wie das des Quedlinburger Schatzes, der Bestand aber nicht minder bedeutend. Unschätzbar sind schon Dürer-Zeichnungen wie ein Schmerzensmann mit Selbstporträt-Zügen und die Erstlinge selbständiger Landschaftsdarstellung.
Architekt und Restaurator Baldin, ein russischer Anti-Meador, hatte die Blätter 1945 im verwüsteten Schloß Karnzow zusammengeklaubt, wo damals manches Kunstwerk unterging und Zeichnungen verschimmelt im Freien aufgefunden wurden. Bevor er seinen Koffer voll Meisterschöpfungen dem Moskauer Museum anvertraute, setzte er eine penible Liste auf, die er nun in Bremen übergeben hat. Sie reicht von Friedrich bis Delacroix, von Rubens bis Rembrandt, von Tizian bis Pontormo.
Inständig harrt Museumsdirektor Salzmann auf grünes Licht aus dem Osten. Der neue Quedlinburger Gemeinderat formulierte unterdessen, in seiner ersten Sitzung am Donnerstag voriger Woche, eine vertrauensvolle Petition an die Regierung in Washington. f

DER SPIEGEL 26/1990
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