19.11.1990

SexualitätAls hätte er 1000 Hände

Per Richtlinie sollen in deutschen Rathäusern Frauen vor sexueller Belästigung geschützt werden.
Das Mädchen, 16 und Lehrling bei der Stadt Stuttgart, hatte eine reizvolle Rubens-Figur. Ihr Chef, ein amtsbekannter Zotenreißer, bat sie regelmäßig zu sich ins Zimmer, wo er sie an Po und Busen betatschte. Erst als der Mann pensioniert war, wagte das Opfer, Kollegen davon zu berichten.
Gegen solche Nachstellungen wollen die Stuttgarter jetzt - bundesweit beispielhaft - vorgehen. Oberbürgermeister Manfred Rommel, 61, möchte, so eine Verwaltungsvorlage für den Gemeinderat, "der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz mit Nachdruck entgegenwirken", detaillierte Anti-Fummel-Vorschriften erlassen und Lüstlinge nötigenfalls disziplinarisch stoppen.
10 Prozent aller Frauen in der Stuttgarter Stadtverwaltung fühlen sich, wie eine Umfrage ergab, sexuell belästigt. Bundesweit gilt nach einer Infas-Untersuchung als Faustregel eine Belästigungsquote von 25 Prozent.
Auch in anderen Bundesländern sind Maßnahmen gegen Anmache am Arbeitsplatz in Vorbereitung: Die jetzt geplatzte rot-grüne Koalition in Berlin hinterläßt einen Gesetzentwurf, der sexuelle Belästigungen zu Dienstpflichtverletzungen erklärt. Das niedersächsische Frauenministerium unter Waltraud Schoppe, 48, arbeitet an einem Antidiskriminierungsgesetz nach Berliner Muster.
In Düsseldorf dürfen Frauen in städtischen Diensten Trainingskurse belegen, in denen sie sich gegen Handgreiflichkeiten wappnen. In Hannover hat ein Sozialamt-Sachbearbeiter eine Männergruppe gegründet, die grapschende Geschlechtsgenossen bremsen soll - Motto: "Mach meine Kollegin nicht an."
Am detailliertesten sind die Sitten im Hamburger Rathaus erforscht worden. Eine Studie der "Leitstelle Gleichstellung der Frau" über "Sexuelle Belästigung von Frauen am Arbeitsplatz" aus dem letzten Jahr gilt mittlerweile als Standardwerk, namentlich wegen des umfassenden Belästigungsbegriffs: "alles, was subjektiv von der Frau als belästigend empfunden wird", ist verwerflich.
Als belästigt gelten nicht nur jene 2,6 Prozent der Hamburger Amtsfrauen, die zu sexuellen Handlungen gezwungen wurden, sondern auch jene, die Nachstellungen durch "taxierende Blicke", "Hinterherpfeifen" oder "Anstarren" ausgesetzt sind, die mit "Bemerkungen über Kleidung oder Aussehen" oder "Einladungen zum Essen mit unklarer Absicht" konfrontiert werden. Auch "Versuche zu flirten, wenn bei Wortbeiträgen von Frauen Sachlichkeit angebracht wäre", gelten als Verfehlung.
Was die kühlen Hanseatinnen als lästig empfinden, soll im schwäbisch-pietistischen Stuttgart Grundlage von Verwaltungsvorgaben werden: "Die Hamburger Richtung finde ich sehr gut", sagt die Leiterin der städtischen "Gleichstellungsstelle", Susanne Lüdtke-Holtmann, 41.
Männern, denen es am rechten Gespür für den - auch künftig erlaubten - charmanten Büro-Flirt fehlt, sollen Seminare angeboten werden, bei denen ihnen unerwünschtes Anmachverhalten abtrainiert wird. Für bedrängte Frauen ist die Einrichtung einer Beschwerdestelle vorgesehen, besonders hartnäckige Fummler und Zotenreißer sollen disziplinarisch belangt werden. Eine Liste mit verbotenen Tatbeständen will eine Frauen-Arbeitsgruppe erarbeiten.
Der Stuttgarter Personalrat will Frauen in städtischen Diensten auch vor Nachstellungen des Publikums schützen, etwa in Badeanstalten und Kliniken. In einem Sechs-Punkte-Programm ist unter anderem vorgesehen, Pin-up-Bilder in Amtsstuben zu verbieten. Per Handzettel sollten Patienten der städtischen Hospitäler auch darüber aufgeklärt werden, daß eine Krankenschwester "kein Sex-Objekt" ist.
Der Stuttgarter Vorstoß zielt auf jene erogene Grauzone unterhalb der strafrechtlichen Schwelle, in der sexuelle Belästigung bislang ohne Sanktionen geblieben ist. Die Gerichte gehen, seit die Öffentlichkeit durch den Fall des grünen Bundestags-Busengrapschers Klaus Hecker 1983 sensibilisiert worden ist (SPIEGEL 33/1983), die Täter scharf an: *___Zu vier Jahren Gefängnis verurteilte das Oldenburger ____Landgericht 1989 einen Metzgermeister, der seine ____weiblichen Lehrlinge zum Verkehr in der Wurstküche ____gezwungen hatte. *___Zehn Monate auf Bewährung bekam ein Chef in ____Norddeutschland, der seine 30jährige Sekretärin ("Es ____war, als ob er 1000 Hände hätte") auf Dienstreisen ____wiederholt betatscht und zu vergewaltigen versucht ____hatte. *___33 Monate Haft bekam Anfang dieses Monats ein ____Küchenchef aus Unterfranken, der eine 23jährige ____Gehilfin vergewaltigt und eine 18jährige Auszubildende ____massiv bedrängt hatte. *___Zu 15 Monaten Haft wurde letztes Jahr ein 45jähriger ____Prokurist verurteilt, der einer 23jährigen ____kaufmännischen Angestellten mehrmals täglich an den ____Busen getatscht hatte.
In den USA, wo vor vier Jahren die Jungmanagerin Mechelle Vinsons nach sexuellen Nötigungen durch ihren Chef 250 000 Dollar Schadensersatz bekommen hatte, hat sich eine Wende im Belästigungsverhalten angebahnt: Immer mehr Männer werden Opfer erotisch motivierter, teilweise gewaltsamer Avancen. Erster Fall: Fast 200 000 Dollar bekam der Versicherungsangestellte David Huebschen, der von seiner Chefin bedrängt worden war. Bei Elitetruppen wie den "Green Berets" oder den Fallschirmspringern vom 82nd Airborne Regiment, der schnellen Eingreiftruppe, die jüngst an den Golf ausrückte, sind GIs sogar schon von weiblichen Vorgesetzten vergewaltigt worden. Auch im zivilen Leben, so eine US-Studie, verlangen zunehmend Frauen in Führungspositionen Liebesdienste von Untergebenen. Immerhin 10 Prozent aller Männer in untergeordneter Stellung fühlen sich belästigt.
In London hat sich bereits eine "Organisation zum Schutz der Männer im Büro" formiert, die Vorkehrungen gegen visuelle Attacken fordert: "Sexuelle Provokationen von Frauen durch hautenge Jeans und offenherzige Blusen" sollten Kündigungsgründe sein.
Auch im deutschen Erwerbsleben greifen offenbar neuerdings bisweilen die Damen an. Nach einer Emnid-Studie sind auch die Chefs erotischen Offensiven ausgesetzt, und manche Frau bekennt sich offen zu ihren libidinösen Büro-Bedürfnissen: "Ich warte doch nicht wie Dornröschen, bis ich erweckt werde", verkündet etwa eine Kölner Stenokontoristin.
Vorgesetzte allerdings haben oft die Möglichkeit, sich vor unerwünschten Zudringlichkeiten zu schützen - wie ein Münchner Werbeagentur-Chef, der, wiewohl glücklich verheiratet, Tätlichkeiten seiner neuen Sekretärin ausgesetzt war: "Sie kniff mich in den Po und zwinkerte mir zu."
Der Mann setzte die aufdringliche Angestellte unverzüglich auf die Straße. o

DER SPIEGEL 47/1990
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