17.09.1990

KriminalistikEins zu fünf Millionen

Der Bundesgerichtshof hat den „genetischen Fingerabdruck“ als Beweismittel endgültig legalisiert.
Bei einer Gegenüberstellung - Anfang Juli vor der 6. Großen Strafkammer des Landgerichts Hamburg - identifizierte das Opfer, eine junge Frau, die Täter: "Der Lange, der Kleine und der Tätowierte."
Die Angeklagten, drei Jugoslawen, 25, 28 und 29 Jahre alt, bestritten mit Vehemenz jede Beteiligung an der Vergewaltigung. Laut Anklage sollten sie die 24jährige Arzthelferin vom Tresen einer Vorstadtkneipe in eine nahe gelegene Wohnung verschleppt und dort mehrmals brutal mißbraucht haben.
Aussage stand gegen Aussage. Doch die Täter hatten keine Chance. Die Strafkammer verurteilte zwei Angeklagte zu je fünf Jahren Haft, der dritte bekam vier Jahre und neun Monate. "Auf den Jeans" der jungen Frau, begründete Richter Manfred Luckow das Urteil, "fanden sich Spermaspuren, deren genetische Anlagen" mit denen eines Angeklagten "übereinstimmen".
Nach den Untersuchungen des Bundeskriminalamts (BKA) in Wiesbaden, heißt es in der Urteilsbegründung weiter, betrage die Wahrscheinlichkeit, daß eine Verwechslung vorliege, "eins zu fünf Millionen". Bei 65 Millionen Bundesbürgern - Frauen, Kinder und Greise abgezogen - träfen vergleichbare Merkmale, außer auf den Angeklagten, mithin allenfalls auf sechs bis sieben Personen zu. Doch die kämen nicht in Frage, weil alle übrigen Indizien ebenfalls eindeutig seien.
Die Sicherheit, mit der die Hamburger Richter urteilten, verdanken sie einer wissenschaftlichen Entdeckung, die seit kurzem in westdeutschen Gerichtssälen als Beweismittel verwendet wird - der Personen-Identifizierung mit Hilfe des "genetischen Fingerabdrucks".
Bluttropfen, Spermaspuren oder einzelne Haare genügen, um den mikrobiologischen Steckbrief in Form eines Balkenmusters - ähnlich den Strichcodes auf den Preisschildern von Supermärkten - sichtbar zu machen. Das Profil ist bei jedem Menschen anders, nur bei eineiigen Zwillingen identisch.
Ob solche totale naturwissenschaftliche Ausforschung des Menschen erlaubt ist, war unter den Experten lange umstritten. Kritiker sahen den Datenschutz und die "informationelle Selbstbestimmung" gefährdet.
Doch vorletzte Woche legalisierte das oberste Gericht in Karlsruhe endgültig die Nutzung des genetischen Fingerabdrucks zur Verbrechensbekämpfung: Der Bundesgerichtshof hält den Eingriff durch Paragraph 81 a der Strafprozeßordnung für gedeckt. Danach dürfen auch "ohne Einwilligung des Beschuldigten" Blutproben entnommen werden, wenn "sie zur Feststellung von Tatsachen angeordnet wird, die für das Verfahren von Bedeutung sind". Genau das, so die höchsten Strafrichter der Republik, geschehe beim genetischen Abgleich von entnommenem Blut oder vorgefundenen Körperzellen.
Das System, das westdeutschen Fahndern und Richtern künftig die Aufklärung von Verbrechen wesentlich erleichtern kann, hat der englische Genetiker Alec Jeffreys erfunden. Auf der Suche nach einer Methode zur Früherkennung von Erbkrankheiten stieß Jeffreys vor fünf Jahren nebenbei auf den genetischen Erkennungscode.
Jeffreys Forscherteam an der Universität Leicester verfeinerte ein Verfahren, mit dem sich das Erbmaterial aus verschiedenen Zellen relativ schnell vergleichen läßt: Im Erbmolekül Desoxyribonukleinsäure (DNS) sind die Erbinformationen in der Art eines chemischen Alphabets aufgereiht; mit Hilfe von radioaktiven Markierungen und der Auflösung des Moleküls in seine Einzelteile läßt sich die Abfolge der chemischen Buchstaben auf einem Röntgenfilm ablesen; das Ergebnis ist ein Streifenbild, ein Strichcode - der genetische Fingerabdruck.
"Das ist so, als hätte ein Mann eine ganze Reihe Fingerabdrücke, seine Sozialversicherungskarte und auch noch seine Unterschrift am Tatort hinterlassen", triumphierten amerikanische Strafverfolger, als die Entdeckung bekannt wurde. Der Züricher Gerichtsmediziner Walter Bär jubelte: "Ein revolutionäres Verfahren." Bär errechnete, daß der DNS-Steckbrief "300 000mal mehr Beweiskraft" besitze als die bisher üblichen Blut- oder Gewebeuntersuchungen.
Im Heimatland der feingesponnenen Kriminalgeschichten stürzten sich die Nachfahren von Sherlock Holmes alsbald auf die neue Methode. Bereits 1987 gab es in England die erste Massenfahndung mittels genetischer Fingerprints. Von 5511 Männern in der Umgebung des Dorfes Enderby (Grafschaft Leicester) forderte die Polizei eine Blutprobe zur Untersuchung des DNS-Rasters an, nachdem die 15jährige Schülerin Dawn Ashworth vergewaltigt und ermordet worden war.
Unter dem Druck der aufgebrachten Bevölkerung lieferten alle Verdächtigen ihr Blut ab, nur einer stellte sich quer: der 27jährige Bäcker Colin Pitchfork. Er war der Mörder.
Das war der Durchbruch. Kriminalisten in aller Welt bedienen sich seither des genetischen Fingerabdrucks. In den Vereinigten Staaten wurde das Beweismittel bereits mehr als 200mal bei Gericht präsentiert.
Letztes Jahr in New York allerdings erlebten die Befürworter einen bösen Rückschlag. In ihrem Apartment im Elendsviertel Bronx waren die Hausfrau Vilma Ponce und ihre zweijährige Tochter erstochen worden. In Verdacht geriet der Nachbar Joseph Castro, 38, ein Handwerker spanischer Abkunft. Auf Castros Armbanduhr fand die Polizei einen Blutspritzer, so groß wie ein Stecknadelkopf. Mit einer Wahrscheinlichkeit von "189,2 Millionen zu eins", so ergab die Gen-Analyse, stamme der Blutfleck auf Castros Uhr aus dem Körper eines der beiden Opfer.
Vor Gericht entbrannte unter den Sachverständigen, die von Anklage und Verteidigung aufgeboten worden waren, ein Streit um die juristische Beweiskraft der Analyse. Offenbar war im Labor nicht sauber gearbeitet worden. Die Tatsache, daß auf dem Strichcode der beiden Ermordeten drei Balken zu sehen waren, auf dem des Blutspritzers von der Uhr dagegen fünf, erklärte der Auswerter mit mikrokleinen "Verunreinigungen".
Die Folge: Der DNS-Fingerabdruck wurde im Mordfall Castro als Beweismittel fallengelassen.
Gewarnt durch den spektakulären Mißerfolg, ließen sich Westdeutschlands Kriminalwissenschaftler gründlich Zeit. Zwei Jahre lang studierten Experten des BKA und der Landeskriminalämter in Stuttgart und Berlin die ausländischen Forschungsergebnisse. Im Oktober 1989 gab Wolfang Steinke, Leiter der Abteilung Kriminalistik beim BKA, das genetische Beweisverfahren für die Bundesrepublik frei.
Die DNS-Analyse, so Steinke, eröffne eine "neue Dimension" der Strafverfolgung. Die Deutschen hätten aus den Fehlern der Amerikaner gelernt: "Bei uns wird nicht geschlampt." Bis Ende Juli wendeten die Wiesbadener Fahnder die Gen-Analyse in 31 Fällen an. Steinke: "Die Hälfte der Proben war positiv. Das heißt, die untersuchten Spuren stammten vom Angeklagten."
Für Täter wird der genetische Fingerabdruck zum Alptraum werden - für manchen zu Unrecht Verdächtigten aber kann er die letzte Rettung sein.
Im Juni wurde die Münchner Sozialrentnerin Helene Stickel, 40, in ihrer Parterrewohnung tot im Bett aufgefunden - mit eingeschlagenem Schädel. In Verdacht geriet ihr früherer Lebensgefährte, von dem es hieß, er neige zur Gewalttätigkeit. Mitte Juli kam der Mann, Vater einer gemeinsamen siebenjährigen Tochter, wieder frei. Der genetische Fingerabdruck hatte seine Unschuld bewiesen.
In Darmstadt geriet im letzten Jahr ein Mann vor Gericht, der beschuldigt wurde, mehrmals "in Hochhäusern Kinder sexuell belästigt zu haben". Alle fünf Opfer, Mädchen zwischen zehn und zwölf Jahren, hatten ihn identifiziert. Doch zum Glück für den Angeklagten hatte der wahre Täter nach seinem Samenerguß mit einem Papiertaschentuch das Sperma abgewischt. Die Gen-Analyse ergab: Der Angeklagte konnte es nicht gewesen sein.
In Bremen war ein arbeitsloser Baggerführer bereits wegen einer Reihe von belastenden Indizien in Untersuchungshaft genommen worden. Nach 128 Tagen Knast mußte er jedoch wieder freigelassen werden: Laut Gen-Befund konnten die Spermaspuren am Rock einer ermordeten Kioskbesitzerin unmöglich von ihm stammen.
In Rüsselsheim beschrieb eine 12jährige, die im 11. Stock eines Hochhauses vergewaltigt worden war, den Täter als "groß, hager, rotblond, einen Schnurrbart und eine Brille mit silbernem Rand tragend". Genauso sah ein Mann aus, den das Mädchen später identifizierte. Die Neugier eines Richters, der die neue Methode ausprobieren wollte, rettete den Unschuldigen. "Ein halbes Jahr vorher wäre er mit tödlicher Sicherheit verurteilt worden", kommentierte der Staatsanwalt.
Strafrechtler rechnen nach der Karlsruher Entscheidung mit einer Fülle von Wiederaufnahmeanträgen. Denn das DNS-Verfahren kann auch bei lange zurückliegenden Fällen angewandt werden, soweit nicht Mikroorganismen die Spuren zerstört haben. "Theoretisch ließe sich sogar die Erbsubstanz jahrtausendealter Mumien in Auto-Radiogramme umsetzen", sagt Regierungsdirektor Anton Kraft vom Bayerischen Landeskriminalamt.
Wegen Mordes oder Vergewaltigung wurden in der Bundesrepublik mit Hilfe der Gen-Analyse bislang fünf Täter verurteilt. Der spektakulärste Coup gelang der Berliner Polizei im Frühjahr 1988.
In einer Laube der Kleingartenkolonie "Neuköllner Berg" war die Leiche der 21jährigen Bankangestellten Claudia Mrosek gefunden worden. Wochen später benutzte jemand die Scheckkarte der Toten am Bankautomaten; er wurde dabei zufällig von einer Videokamera gefilmt. Die Kripo entdeckte auf dem Video einen alten Bekannten: den wegen Raubmordes vorbestraften Hans-Joachim Rosenthal, 31. Doch die Bilder waren unscharf, Rosenthal stritt alles ab - erst die Zelluntersuchung bewies seine Schuld. Rosenthal war der erste, der in der Bundesrepublik mit dem genetischen Fingerabdruck überführt wurde.
Im Januar wurde in Münster der Zeitsoldat Andre Fichtner, 23, wegen Mordes und Vergewaltigung in zwei Fällen zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Mann, Steinmetz von Beruf, war im nachhinein durch den Abgleich von eingefrorenen Spermaspuren überführt worden, 15 Monate zuvor eine 22jährige Verkäuferin in ihrer Wohnung vergewaltigt und ermordet zu haben sowie im Frühjahr letzten Jahres eine 19jährige Schülerin, die er auf dem Heimweg vom Training überrascht hatte.
Die Grundsatzentscheidung des Bundesgerichtshofs aber geht auf einen Prozeß im vergangenen November in Verden zurück. Die Verdener Richter hatten einen Mann wegen Mordes und Vergewaltigung einer 78jährigen Rentnerin verurteilt. Nach Feststellung des Gerichts hatte der Täter zehn Flaschen Bier und zwei Haschischjoints konsumiert. Er war dann nach Hause gekommen, hatte seinen Hund vermißt und bei der Nachbarin gesucht. In der Wohnung der Rentnerin drängte er die alte Frau, die nur mit einem Nachthemd bekleidet war, in ihr Schlafzimmer, verging sich an ihr und tötete sie - aus Angst, entdeckt zu werden. Der Mann war durch den genetischen Fingerabdruck überführt worden. Er legte daraufhin Revision in Karlsruhe ein. Sein Antrag: Der Bundesgerichtshof solle klarstellen, ob die genetische Methode Rechtens sei.
Auch nach dem positiven Karlsruher Spruch wird der Bundestag um eine Novellierung der Strafprozeßordnung nicht herumkommen.
Der Blutproben-Paragraph 81 a stammt aus einer Zeit, in der an die Gen-Analyse noch niemand dachte. Für Eingriffe in die körperliche Unversehrtheit ist nach ständiger Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts jedoch eine gesetzliche Ermächtigung erforderlich. Die Gefahr, daß Erbinformationen zu anderen Zwecken verwendet werden, muß ebenso ausgeschlossen werden wie Schlamperei in den Laboratorien.
Auch dem Bundeskriminalamt ist an einer gesetzlichen Regelung gelegen - "damit würden", sagt ein Fahnder, "die letzten noch verbleibenden juristischen Bedenken ausgeräumt".

DER SPIEGEL 38/1990
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