25.06.1990

PresseGeist des Leeren

Mit inbrünstiger Verehrung feiern Italiens Sportjournalisten die „mythologischen Helden“ der Nation.
Als sich endlich die Tür öffnet und ein kleiner Mann in kurzen Hosen in die Sonne tritt, befällt die Reporter eine Ergriffenheit, als sei gerade der Heilige Vater auf dem Petersplatz erschienen - "Salvatore", stammelt einer wie in Trance vor sich hin, "Salvatore Schillaci." Und bevor Salvatore die Stimme heben kann, streichelt ein anderer Journalist dem irritierten Fußballspieler mit einer zärtlichen Gebärde sanft über das Meckihaar.
Keine drei Minuten später lichtet sich der Pulk um Salvatore schlagartig, als ein Jüngling mit schwarzem Käppchen auf dem Kopf des Weges kommt. "Baggio, ecco Baggio", ächzt der Beobachter vom Corriere dello Sport. Erregt hasten die Kollegen auf den verschüchterten Stürmer zu, unterwegs kippen zwei schwere Pflanzentöpfe um.
Die Emphase, mit der Italiens Sportreporter vor den Toren Roms im "Helio Cabala"-Hotel zu Werke gehen, ist beträchtlich. Einen atmosphärischen Bericht aus dem Trainingscamp der Italiener bringt La Gazzetta dello Sport mit kühner Metaphorik an ihre Leser: "Es ist der Geist des Leeren, der hier um das Schwimmbad wabert. Nichts Neues unter der Sonne, wenn es nicht jene WM wäre, die allen Emotionen drei Nullen zufügt."
Die drei täglich erscheinenden Sportzeitungen Gazzetta, Corriere und Tuttosport ersetzen in Italien, dem Land ohne Boulevard-Zeitung, die Bild-Zeitung. Ein Sieg auf dem Rasen wird ohne größeren Emotionsverlust durch den beschreibenden Journalisten direkt in die Herzen der Leser gejubelt: "Italien, wie bist du schön", jauchzte die Gazzetta nach dem 2:0 gegen die Tschechoslowakei. Die rosafarbene Gazzetta verkauft täglich mehr als eine Million Exemplare. Die beiden Konkurrenzblätter liegen nur knapp darunter. Alle drei pflegen einen ungebremsten Nationalismus, immer geht es um das "Schicksal Italiens".
In den Wochen der Weltmeisterschaft gelingt den Sportzeitungen sogar die publizistische Vereinigung der verfeindeten Nord- und Süditaliener zu einer einzigen, dampfenden Gefühlsgemeinschaft. Instinktsicher nehmen sich die Journalisten seitenlang des Sizilianers Schillaci (Spitzname "Toto") an, dessen Tore auch im Norden des Landes gefeiert werden: "Glück, das ist, wenn man Toto heißt", analysiert die Mailänder Gazzetta. "Toto" nimmt den Ball auf. In den Katakomben des römischen Olympiastadions diktiert er den Journalisten in den Block: Die Mannschaft Italiens, die "Nazionale", sei eben "das Eigentum aller".
In dem trunkenen Miteinander dürfen abgebrühte Politiker nicht fehlen. Die Gazzetta druckt einen Satz des ehemaligen Ministerpräsidenten Giovanni Spadolini: Er sei "bewegt", eine italienische Mannschaft zu sehen, "die im Namen eines freien Volkes, nicht im Namen eines Sklavenvolkes spielt".
Unter dem Zwang, täglich rund 30 Seiten mit Sport füllen zu müssen, kommen auch schon mal Darsteller aus artfremder Zunft zu Wort. Vor dem Spiel der Italiener gegen die Tschechoslowaken führte die Gazzetta ein halbseitiges Interview mit der Softporno-Schauspielerin und gebürtigen Pragerin Barbara Bouchet ("Eine völlig nackte Stute"), die darin ihre "Angst" bekannte, "daß die Tschechen so zerbrechlich sind wie böhmisches Kristall".
Die Menge der zu füllenden Seiten hat schon zu peinlichen Vergehen geführt. Der Chef vom Dienst der Gazzetta erfand in seiner Not kurzerhand ein Interview mit dem ehemaligen brasilianischen Starstürmer Zico.
Mit italienischen Herren könnte das nicht passieren. Wenn Nationaltrainer Azeglio Vicini zur Pressekonferenz erscheint, brandet in der Runde zunächst herzlicher Applaus auf. Das Gros der Claqueure ist mit Vicini, von Tuttosport als "mythologischer Held" gefeiert, per du, und der Trainer antwortet auch erst, nachdem er den Fragesteller beim Vornamen angesprochen hat.
Nicht nur in guten Zeiten halten die Journalisten zu ihren Idolen. Als etwa der stille Carlo Ancelotti auf die Reservebank verbannt wurde, schlug sich ein Freund im Corriere für den Mittelfeldspieler. "Ein anderer hätte mit der Faust auf den Tisch gehauen", stand dort zu lesen, "aber Ancelotti ist wirklich ein Heiliger." Der "Mann aus Stahl, der Unbezähmbare" sei "zur Aufgabe gezwungen", jammerte Franco Esposito und forderte seine Leser auf: "Denkt mal darüber nach, was haltet ihr davon?"
Private Turbulenzen der Stars, wie etwa das zerrüttete Eheleben des Mailänders Ruud Gullit oder Kontakte des Argentiniers Diego Maradona zu Mitgliedern der Camorra, finden allenfalls in Kurzmeldungen Beachtung. "Fußball ist eben etwas Schönes", meint ein Vertreter der Gazzetta, "und deshalb wollen wir auch nur Schönes drucken."
Bissig wurde sein Blatt vergangene Woche dann auch nur in jenem Aufsatz, der sich über die "banalen Fragen" ausländischer Reporter mokierte, "die uns nur unsere Zeit stehlen". Hart rügte die Gazzetta einen fremdländischen Journalisten, der vom italienischen Nationaltorwart Walter Zenga partout wissen wollte, ob er eigentlich "ständig diese dunklen Sonnenbrillen trägt, um die Glubschaugen zu verbergen?"
Der Trainer des AC Florenz, Bruno Giorgi, behauptete kürzlich, die italienischen Fußballer seien dumm und verhielten sich "wie kleine Kinder". Erst fielen die drei Sportzeitungen über ihn her; dann entließ ihn sein Präsident.

DER SPIEGEL 26/1990
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