17.09.1990

Deutschland, eine Midlife-crisis

m Donnerstag, dem 9. November 1989, um 19.15 Uhr - ich war damals 40 und zweidrittel Jahre alt - hörte ich in Paris in den französischen Rundfunknachrichten die kurze Meldung, es habe die Ost-Berliner Regierung beschlossen, ab Mitternacht die Grenze zur Bundesrepublik und die zwischen Ost- und West-Berlin zu öffnen.
Sehr gut! dachte ich. Endlich tut sich was. Endlich bekommen diese Leute das elementare Recht auf Freizügigkeit. Endlich schwenkt auch die DDR auf den von Gorbatschow vorgezeichneten Weg der Reformen, der Demokratisierung und Liberalisierung ein wie zuvor schon Ungarn und Polen, wie vermutlich bald die Tschechoslowakei und Bulgarien und wie hoffentlich eines Tages auch das unter dem widerwärtigsten der östlichen Potentaten darbende Rumänien. Ich schaltete das Radio ab und ging essen. Noch war die Welt in Ordnung. Noch begriff ich, was sich politisch in der Welt tat, konnte dem raschen, aber durchaus vernünftig _(y Patrick Süskind 1990. Der Beitrag ist ) _(dem Buch "Angst vor Deutschland" ) _((Herausgeber: Ulrich Wickert) entnommen, ) _(das Ende September bei Hoffmann und ) _(Campe erscheint. ) und kalkulierbar erscheinenden Tempo der europäischen Veränderungen folgen. Noch fühlte ich mich so einigermaßen auf der Höhe der Zeit.
Dem war nicht mehr so, als ich ein paar Stunden später vom Essen zurückkehrte. Ich weiß nicht, war es vor oder nach Mitternacht, also noch der 9. oder schon der 10. November - jedenfalls schaltete ich abermals das Radio an, diesmal den Deutschlandfunk, gerate in eine Direktreportage aus Berlin, wo unterdessen eine Art Karnevalsstimmung ausgebrochen zu sein scheint, und höre ein Interview mit dem Regierenden Bürgermeister Walter Momper, dessen Einlassungen in dem Satz gipfeln: "Heute nacht ist das deutsche Volk das glücklichste Volk auf der Welt!"
Ich war wie vom Schlag getroffen. Ich glaubte mich verhört zu haben. Ich mußte den Satz laut nachsprechen, um ihn zu begreifen: "Heute nacht ist das deutsche Volk das glücklichste Volk auf der Welt!" - und begriff ihn trotzdem nicht. Hatte der Mann nicht mehr alle Tassen im Schrank? War er betrunken? War ich''s? Was meinte er mit "das deutsche Volk"? Die Bürger der Bundesrepublik oder die der DDR? Die West- oder die Ost-Berliner? Alle zusammen? Womöglich sogar uns Bayern? Am Ende gar mich selbst? Und wieso glücklich? Seit wann kann ein Volk - gesetzt es gäbe überhaupt so etwas wie das deutsche Volk - glücklich sein? Bin etwa ich glücklich? Und weshalb befindet Walter Momper darüber? Und ich erinnere mich eines Wortes von Gustav Heinemann, dem sprödesten, unspektakulärsten und deshalb vielleicht typischsten Präsidenten der Bundesrepublik, der auf die Frage eines Journalisten, ob er Deutschland liebe, trocken geantwortet hat: "Ich liebe meine Frau."
Mein Gott, Walter Momper! dachte ich, wie konntest du dich so vergreifen! Deinen Satz wird man dir morgen in den Kommentaren um die Ohren hauen. Bis an dein Lebensende wird er dich verfolgen. Ein für allemal lächerlich gemacht hast du dich mit diesem einen, unbedacht dahingesprochenen Satz!
Doch als ich am nächsten Tag die Zeitungen studierte (deutsche gab es nicht mehr, die hatte man den Händlern aus den Händen gerissen) und eifrig Radio hörte, ist Walter Momper der Held des Tages. Nicht nur schlägt ihm niemand seinen Satz um die Ohren, nein, der Satz vom "glücklichsten Volk" geht um die Welt, ist die Losung der Stunde, wird später (ähnlich dem "Tor des Monats") zum "Wort des Monats" gekürt, ja zum "Wort des Jahres 1989".
Kaum erholt von diesem Schock, entnehme ich ein paar Tage später der Zeitung, daß Willy Brandt, das Idol meiner Jugend, Sozialdemokrat wie Momper, die Parole ausgegeben hat: "Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört", womit er, ein Zweifel war nicht möglich, die DDR und die Bundesrepublik gemeint haben mußte, inklusive ganz Berlin.
Senilität, denke ich. Ein klarer Fall von Alzheimer oder einer sonstigen altersbedingten Störung des Denk- und Urteilsvermögens. Denn was gehört denn da zusammen, bitte sehr? Gar nichts! Im Gegenteil: Nichts Unzusammenhängenderes läßt sich denken als DDR und BRD! Verschiedene Gesellschaften, verschiedene Regierungen, verschiedene Wirtschaftssysteme, verschiedene Erziehungssysteme, verschiedener Lebensstandard, verschiedene Blockzugehörigkeit, verschiedene Geschichte, verschiedene Promillegrenze - gar nichts wächst da zusammen, weil gar nichts zusammengehört. Schade um Willy Brandt, der sich doch wahrlich in Ehren aufs Altenteil zurückziehen könnte! Warum muß er sich exponieren und solchen Unsinn verzapfen und damit seinen guten Ruf aufs Spiel setzen?
Und wieder liege ich falsch. Ebenso wie zuvor das Wort Mompers ist nun die Äußerung Brandts Parole des Tages, wird enthusiastisch beklatscht auf Massenkundgebungen in Ost und West, wird als Leitformel aufgegriffen, nicht nur von seiner eigenen Partei, sondern auch von den Regierungsparteien, ja sogar von den Grünen.
Und schließlich kam der dritte und letzte Schlag ins Kontor meines historisch-politischen Selbstverständnisses und Selbstbewußtseins, einige Zeit später zwar, aber im gleichen Zusammenhang stehend: Im Februar 1990 sehe ich im deutschen Fernsehen einen Bericht über den Rückflug des Kanzlers Kohl aus Moskau, wo er sich das prinzipielle Plazet der Sowjets zur deutschen Einheit abgeholt hatte - oder abgeholt zu haben glaubte, das tut nichts zur Sache. Der Kanzler Kohl steht im Gang des Flugzeugs, offensichtlich bester Laune, er hält ein gefülltes Sektglas in der Hand, in welchem sich, wie der Kommentator erläutert, Krimsekt befindet, und brüllt den im Fond sitzenden Journalisten und Delegationsmitgliedern zu: "Habt ihr alle was zu trinken da hinten?" Aha, denke ich, der Mann hat Geburtstag und will einen ausgeben, das ist ja nett von ihm. Weit gefehlt! Der Kanzler Kohl hat, wie ich später dem Lexikon entnehme, erst am 3. April Geburtstag und keineswegs im Februar. Und er will auch nicht einfach einen ausgeben, weil er gerade so guter Laune ist, sondern er hebt, nachdem ihm durch allgemeines zustimmendes Gemurmel signalisiert wurde, daß jedermann zu trinken habe, sein Glas und ruft: "Also dann: Auf Deutschland!" Und der hinter ihm stehende, zu vier Fünfteln von ihm verdeckte Außenminister beugt sich ein wenig zur Seite, damit man ihn besser sehen könne, und auch er hebt sein Glas, ein wenig zaghafter vielleicht, und trinkt: "Auf Deutschland!"
Mir blieb die Spucke weg. Bis dato hatte ich noch nie einen Menschen auf Deutschland trinken sehen.
Nun muß ich zugeben, daß ich mit Trinksprüchen an und für sich nicht viel anfangen kann. Dieses emphatische Ausbringen von Toasts und, schlimmer noch, das sich meist daran anschließende Aneinanderrammen von Gläsern kam mir immer überflüssig, peinlich und ein wenig unhygienisch vor. Allenfalls geht mir ein dahingesagtes "Zum Wohle!" von den Lippen und ein flüchtig angedeutetes Heben des Glases von der Hand. Wenn''s sein müßte und wenn eine unvermeidliche feierliche Veranlassung es geböte, wäre ich womöglich bereit, auf eine Person zu trinken, einen Jubilar, einen Laureaten; meinetwegen auch noch auf so nebulöse Dinge wie "eine glückliche Zukunft", "ein gutes Gelingen" oder ähnliches - niemals aber auf ein Land. Und von allen Ländern der Welt am allerwenigsten auf Deutschland, mit dessen Namen - es ist ja doch erst 50 Jahre her! - sich unwiderruflich der große Krieg und Auschwitz verbinden.
Jaja, ich weiß, so hat er''s nicht gemeint, der Kanzler Kohl, als er "auf Deutschland!" trank. Nicht das alte, aggressive Deutschland hatte er im Sinn, sondern das gegenwärtige und zukünftige, ein friedliches, zivilisiertes und in Europa eingebundenes. In die Zukunft ging sein Blick, nicht in die Vergangenheit, ich glaub''s ihm wohl . . .
ag sein, daß ich in dieser Hinsicht rückwärtsgewandter oder empfindlicher bin als er oder einfach eine andere Erziehung genossen habe, die mir den Gebrauch gewisser Wörter und Sprachwendungen, zu Recht oder Unrecht, verbietet. Mag sogar sein, daß es sich so verhält, wie der neuerdings als eine Art journalistischer Kohl-Adjutant auftretende Rudolf Augstein in einem SPIEGEL-Kommentar behauptete: "Die darwinistisch gestimmte Geschichte", so Augstein, "läßt sich offenkundig nicht genug Zeit für den Blick zurück, für die dem Menschen doch so bekömmliche ,Trauerarbeit''." Mag sein. Ich selbst bin freilich gar nicht darwinistisch gestimmt, ich lasse mir gern Zeit für den Blick zurück oder nach vorn oder nach oben, und wenn ich einen Trinkspruch wie den des Kanzlers Kohl höre, dann ist mir, als wäre plötzlich die darwinistisch gestimmte Geschichte mit einem großen Schritt über mich hinweggegangen. Ich falle dann aus der Zeit.
Etwa zur selben Zeit, als der Kanzler Kohl hoch über den Wolken seinen Trinkspruch ausbrachte, hielt sein Gegenkandidat für das Kanzleramt, Oskar Lafontaine, auf einer SPD-Veranstaltung eine Rede, in der er sagte, die Frage der deutschen Einheit sei für ihn ein durchaus sekundäres Problem; viel wichtiger erscheine es ihm, dafür zu sorgen, daß es den Menschen in Leipzig, Dresden und Ost-Berlin ebensogut gehe wie den Menschen in Wien, Frankfurt, Paris oder Madrid. Ich spitzte die Ohren. Endlich, nach so vielen unverständlichen Sätzen, ein Satz, den ich verstand. Abgesehen davon, ob die darin ausgedrückte These richtig oder falsch sein mochte, ob sie sich im harmonischen Einklang mit der darwinistisch gestimmten Geschichte befand oder nicht (oder vielleicht noch nicht) - hier war zumindest eine Sprache, die ich kapierte, eine politische Terminologie, unter der ich mir etwas vorstellen konnte. Allein, der Satz wurde zwar von den anwesenden Genossen höflich beklatscht, keineswegs aber wurde er zur Parole des Tages. Er ging vollkommen unter in den Trinksprüchen, in den erregten Kommentaren, in den neuerdings auf den Straßen skandierten "Deutschland-ei-nig-Va-ter-land"-Rufen. Der ihn gesprochen hatte, bekam wenig später von einer Wahnsinnigen ein Messer in den Hals gestoßen. Ich verstand die Welt nicht mehr.
Um das ganze Ausmaß meines Sturzes in die Geistesverwirrung zu verdeutlichen, möchte ich eine Episode aus dem Frühjahr des Jahres 1988 erzählen, als die Welt noch in Ordnung war und ich mich noch auf der Höhe der Zeit fühlte.
Ich hatte von einem Redakteur des Zeit-Feuilletons die Einladung erhalten, an einer in Aussicht genommenen Artikelserie zum Thema "Die Zukunft der deutschen Einheit" teilzunehmen. Postwendend und meiner selber völlig sicher schrieb ich zurück, er solle mich mit solchem Unsinn verschonen. Über die deutsche Frage hätte ich mir vor 20 Jahren im historischen Proseminar Gedanken gemacht, damals wohl auch tage- und vor allem nächtelang mit Freunden über dieses unerschöpfliche akademische Thema diskutiert, immer mit demselben Ergebnis, daß es für die deutsche Frage eine Lösung nicht gebe und auch gar nicht zu geben brauche, da sie sich eines fernen Tages in einer wie immer gearteten europäischen Suppe von selbst auflösen würde - hoffentlich. Bis dahin aber sei ich es leid, mir darüber Gedanken zu machen, zu Deutschland falle mir nichts mehr ein, ja, ich könne mir tatsächlich kein zweites Thema ausdenken, das mir dermaßen kreuz und quer zum Halse heraushinge wie das deutsche, und er, der Redakteur, solle sich gefälligst ein anderes suchen, gebe es doch in unserer Zeit weiß Gott wichtigere, drängendere und vor allem aktuellere Probleme auf der politischen Tagesordnung als das vollkommen obsolete Problem der deutschen Einheit.
er Redakteur bedankte sich für den Absagebrief und fügte hinzu, er habe ähnliches von den einigen 20 oder 30 anderen präsumtiven Autoren erhalten und sich daraufhin entschlossen, den Plan für die Artikelserie über die "Zukunft der deutschen Einheit" fallenzulassen. Das war - ich wiederhole es - Anfang 1988.
Keine 18 Monate später hatten wir den Salat. "Not with a bang, but with a whimper" brach das Rentnerregime in Ost-Berlin zusammen, der bislang allmächtige Erich Honecker, der gerade erst mit krähender Stimme verkündet hatte, es werde die Mauer in 100 Jahren noch geben, fand sich über Nacht aller seiner Ämter, Wohnungen, Konten und Pornoheftchen beraubt und im Gartenhaus eines protestantischen Pastors wieder; ein flotter Mensch mit Namen Krenz betrat die Bühne, bleckte einem für ein paar Tage als DDR-Staatschef von den Zeitungsfotos entgegen, ehe er, wie eine Figur im Kasperletheater, der man mit der Pritsche aufs Haupt geschlagen hat, urplötzlich in der Versenkung verschwand und vom Konkursverwalter Modrow abgelöst wurde; ein gewisser Schalck-Golodkowski spielte eine sehr kurze und undurchsichtige Rolle, dann traten blasse Damen und übernächtigte Herren in rascher Folge auf und ab - unmöglich, alle Namen zu behalten - sowie Kapellmeister, Schriftsteller, Rechtsanwälte und immer wieder Pfarrer; bei den Kerzenscheindemonstrationen in Leipzig wurde auf einmal nicht mehr "Wir sind das Volk!" gerufen, sondern das schon erwähnte, seltsam stupid klingende "Deutsch-land-ei-nig-Va-ter-land"; Wahlen wurden ausgeschrieben, vorgezogen, abgehalten; in wenigen Tagen eine Koalition und eine demokratische Regierung gebildet, in wenigen Wochen ein Staatsvertrag mit der Bundesrepublik ausgehandelt und unterzeichnet, die D-Mark eingeführt, und jetzt, zu dem Zeitpunkt, da ich dies schreibe, ist eben jene deutsche Einheit, deren bloße Erörterung mir noch vor zwei Jahren als die verstaubteste und überflüssigste politische Gedankenspielerei erschienen war, so gut wie abgemacht. Kein Mensch mehr - weder im Inland noch im Ausland - stellt sie noch in Frage, und in einem weiteren Jahr, wenn nicht schon in ein paar Monaten, wird sie Realität sein. Die Entwicklung . . . nein, Entwicklung ist gar nicht mehr das rechte Wort . . . die Überstürzung der Geschehnisse war wahrhaft schwindelerregend.
Fast war mir zumute wie einem der Repräsentanten jenes Rentnerregimes, dem unterdessen verstorbenen DDR-Volkskammerpräsidenten Horst Sindermann, der im November 1989 das seither geflügelte Wort gesprochen hat: "Es war, als rutschten 40 Jahre Sozialismus plötzlich unter unseren Füßen weg."
Ähnlich erging es mir und - so nehme ich an - nicht wenigen meiner Altersgenossen. Zwar nicht 40 Jahre Sozialismus, aber 40 Jahre festgefügter, scheinbar unverrückbar solider europäischer Nachkriegsordnung rutschten und rutschen uns plötzlich unter unseren Füßen weg. In dieser Ordnung waren wir groß geworden. Eine andere kannten wir nicht.
Nicht daß wir sie besonders geschätzt hätten, vor allem, was ihren äußeren Aspekt betraf: Die Teilung Europas in Ost und West, die Teilung Berlins, die Teilung der Welt in zwei sich feindlich gesinnte, waffenstarrende Militärblöcke erschien uns als durchaus pervers und gefährlich - aber eben als die Konsequenz des von Hitler-Deutschland angezettelten Weltkriegs, mit der man sich abzufinden hatte und die man höchstens in säkularen Prozessen schrittchenweise würde überwinden können. Daß die Zeche des Krieges hauptsächlich von den Menschen jenseits des Eisernen Vorhangs bezahlt werden mußte, war bedauerlich, aber nicht zu ändern, es sei denn um den Preis eines weiteren, noch verheerenderen Krieges.
Freilich hatte man uns in der Schule beigebracht, daß die Teilung Deutschlands nicht von Dauer sei, daß die Präambel des Grundgesetzes jeden bundesdeutschen Politiker verpflichtete, auf ihre Überwindung hinzuarbeiten, daß die Bundesrepublik und ihre Hauptstadt Bonn nur ein Provisorium darstellten. Aber das haben wir schon damals nicht geglaubt und glaubten es mit den Jahren immer weniger. Man lebt nicht jahrzehntelang in einem Provisorium - schon gar nicht in einem so prächtig gedeihenden, schon gar nicht als junger Mensch -, und wenn in den Sonntagsansprachen von "unseren Brüdern und Schwestern in der Zone" die Rede war oder man uns nach dem Bau der Berliner Mauer aufforderte, zum Zeichen der nationalen Solidarität nächtens ein Adventslichtlein ins Fenster zu stellen, so kam uns das ebenso lächerlich und verlogen vor, als würde man von uns Heranwachsenden im Ernst verlangen, einen Stiefel in den Kamin zu stellen, damit der Nikolaus uns Schokolade hineinwürfe. Nein, die Einheit der Nation, das Nationale überhaupt war unsere Sache nicht. Wir hielten es für eine vollkommen überholte und von der Geschichte widerlegte Idee aus dem 19. Jahrhundert, auf die man getrost verzichten konnte. Ob die Deutschen in zwei, drei, vier oder einem Dutzend Staaten lebten, war uns schnuppe. Am 17. Juni gingen wir segeln. Das Verhältnis zu dem Staat, in dem wir lebten - nämlich der Bundesrepublik -, war zunächst zurückhaltend skeptisch, später aufmüpfig, dann pragmatisch und zuletzt, vielleicht, sogar von distanzierter Sympathie geprägt. Dieser Staat hatte sich ganz unprovisorisch gut bewährt, er war freiheitlich, demokratisch, rechtlich, praktisch - und er war genauso alt oder jung wie wir und daher, in gewissem Sinne, unser Staat.
Ansonsten schauten wir nach Westen oder nach Süden. Österreich, die Schweiz, Venetien, die Toskana, das Elsaß, die Provence, ja selbst Kreta, Andalusien oder die Äußeren Hebriden lagen uns - um nur von Europa zu sprechen - unendlich viel näher als so dubiose Ländereien wie Sachsen, Thüringen, Anhalt, Mecklen- oder Brandenburg, die wir höchstens notgedrungen durchquerten, um auf der Transitstrecke rasch nach Berlin-West zu gelangen. Was hatten wir mit Leipzig, Dresden oder Halle im Sinn? Nichts. Aber alles mit Florenz, Paris oder London. Städte wie Cottbus, Stralsund oder Zwickau kannten wir kaum dem Namen nach - ein Schicksal, das sie freilich in den Augen derjenigen unter uns, die von südlich der Mainlinie herstammten, mit so exotischen bundesrepublikanischen Städten wie Gütersloh, Wilhelmshaven oder Flensburg teilten.
Dies war unsere bewußte oder unbewußte Haltung zur Lage der Nation, dies der scheinbar so solide Boden, der uns am 9. November unter den Füßen wegrutschte. Ein Erdbeben, weiß Gott. Mit einem Schlag schien der Schwerpunkt Europas um einige hundert Kilometer ostwärts verschoben. Wo früher eine öde Wand stand, der wir nach Möglichkeit den Rücken kehrten, war nun eine ungewohnte, zugige Perspektive aufgetan, und verdattert wie die Kühe, denen man ein lang verschlossenes Gatter aufsperrt, standen und stehen wir da und glotzen in die neue Richtung und scheuen uns, sie einzuschlagen.
nders geht es den jungen, den 20-, 25jährigen, deren historisch-politisches Koordinatensystem sich erst zu bilden beginnt. Für sie sind das Ende des Kalten Krieges, die Veränderungen in Osteuropa und die deutsche Vereinigung die ersten wichtigen politischen Ereignisse ihres bewußten Lebens, die sie, wenn nicht mit Begeisterung, so doch mit erregtem Interesse verfolgen. In jenen hektischen Novembertagen traf ich in Paris ein junges Mädchen, das erst vor kurzem aus Berlin gekommen war, um für einige Monate in Frankreich zu arbeiten und Französisch zu lernen. Vor Nervosität rutschte sie alle Augenblicke auf ihrem Stuhl herum und paffte eine Zigarette nach der anderen - aber nicht etwa deshalb, weil sie zum ersten Mal allein im Ausland war und Paris so interessant und aufregend gefunden hätte wie ich vor 20 Jahren. Keineswegs. Sie hielt es vielmehr für "total idiotisch", daß sie gezwungen war, in Paris herumzusitzen, "während in Berlin die ,action''" sei. Drei Tage später hielt sie es nicht mehr aus und fuhr zurück, um, wie ich annehme, mit ihren Freunden Steinchen aus der Mauer zu klopfen, hinüber- und herüberzuwandeln, aufs Brandenburger Tor zu klettern oder Trabiluft zu schnuppern und alles total gut zu finden. Mich erinnerte das an den Sommer 1968, als wir die Schule schwänzten, um zur Anti-Springer-Demonstration zu gehen und uns von den Wasserwerfern der Polizei naßspritzen zu lassen. "Dabeisein, wo die ,action'' ist". Total gut!
Ebenso die älteren, die Mittfünzig- bis Mittsechzigjährigen, deren Erinnerung noch in vorbundesrepublikanische Zeiten zurückreicht und die jetzt an den Hebeln der Macht sitzen. Sie finden es herrlich, daß wieder "Bewegung in die europäische Politik" gekommen ist; sie strahlen vor Zuversicht und vor Zufriedenheit, daß es ihnen vergönnt ist, endlich aus dem Schatten deutscher Alltagspolitik hervorzuspringen und den Zipfel des Mantels der Geschichte zu erhaschen, um das große Werk der Einheit zu vollenden.
Und erst die Greise! Die Polit- und Kulturgreise der Kriegs- und Vorkriegsgeneration, von Stefan Heym über Willy Brandt bis hin zum Junggreis Augstein! Als hätte man ihnen eine Dopingspritze eingestochen, so kregel stürzen sie sich ins Geschehen; als sei der deutsche Herbst ihr letzter Frühling, so hitzig nehmen sie Anteil, halten Reden, mischen mit, gerührt, erzürnt, sehen sich am Ziel ihrer Wünsche oder am Beginn der schönsten Hoffnungen, schreiben rotzfreche Kommentare und benehmen sich alles in allem vollkommen ungreisenhaft.
Die eigentlichen Greise sind wir, wir 40jährigen Kinder der Bundesrepublik. Uns hat das Erdbeben kalt erwischt. Uns hat es bis ins Mark erschüttert. Nicht nur wegen unserer geschichtlich geprägten Befindlichkeit, der Tatsache also, daß wir eine andere als die bestehende Ordnung nie kannten.
Ein weiteres kommt hinzu: Uns treffen die Erschütterungen im denkbar ungünstigsten Moment, denn wir befinden uns in einem Lebensabschnitt, in dem der Mensch geneigt ist, eine Pause einzulegen, innezuhalten, zurückzuschauen, Bilanz zu ziehen und sich allmählich auf die zweite Hälfte seines Lebens einzustellen. Allmählich sage ich, in aller Ruhe, gemächlich fast. In einer solchen Phase ist einem nichts lästiger als Lärm und Getöse und eine solch schwindelerregende Beschleunigung der Ereignisse, wie wir sie zur Zeit erleben oder vielmehr: wie sie zur Zeit über unsere Köpfe hinwegbrausen. Glaubten wir doch, die Stürme hinter uns zu haben. Hatten wir uns doch soeben erst arrangiert mit den Dingen des Lebens, politisch wie privatim.
War es uns doch gerade erst gelungen, nach vielen Irrwegen und Verrenkungen, uns ein einigermaßen stabiles Weltbild zurechtzuzimmern, wie eine kleine Kommode mit vielen Schubladen, in die wir die tausend Stolpersteine unserer Existenz wie die Bauklötzchen eingeräumt und weggeschlossen hatten: dorthin die moralisch-ethischen, dorthin die politischen, dort die metaphysischen, da hinein die Ängste und Neurosen, hierhin den Sex, Familie, Beruf, Finanzen und so fort - alles ordentlich verpackt, Kinderzimmer endlich aufgeräumt. (Ja, ich gebe zu, wir haben uns ein wenig Zeit gelassen mit dem Erwachsenwerden, Zeit lassen können, länger als die vorangehende und als die uns folgende Generation; aber auch wir hatten es endlich geschafft.)
Und nun, da wir glaubten, unsere Existenz im Griff und die Welt verstanden zu haben und wenigstens in groben Zügen zu wissen, wie der Hase läuft und wie er weiterlaufen wird . . . - jetzt kommt plötzlich die Midlife-crisis in Gestalt der deutschen Einheit über uns! Auf Potenzstörungen wären wir vorbereitet gewesen, auf Prostata, Zahnersatz, Menopause, auf ein zweites Tschernobyl, auf Krebs und Tod und Teufel - bloß nicht auf "Deutsch-land-ei-nig-Va-ter-land"! Diesen politischen Ladenhüter! Diese älteste der alten Kamellen, die wir längst in die hinterste Ecke der untersten Schublade gesteckt hatten! Rumms! - da liegt sie, unsere kleine Kommode, und ringsum verstreut liegen die Stolpersteine.
"Moment!" sagen wir, "Augenblick mal!" und reiben uns verblüfft die Augen, "was ist hier eigentlich passiert? Wie geht es weiter? Deutsche Einheit? Wieso das? Wozu? Wollen wir das überhaupt?" Aber ehe wir diese Fragen noch recht gestellt haben, tönt uns schon allenthalben - von links und rechts, von alt und jung - die Antwort entgegen: "Der Zug ist abgefahren!" "Aha", sagen wir, auf Zugfahren gar nicht eingestellt, "aber kann man diesen Zug denn nicht mehr anhalten . . . oder wenigstens in irgendeine Richtung lenken . . . oder zumindest ein wenig bremsen, damit er nicht so rast?"
"Unmöglich", sagen uns die Macher, sagen uns die, die auf der Höhe der Zeit sind, "die Sache rollt jetzt von alleine. Die Ereignisse werden jetzt nicht mehr von den Politikern bestimmt, die Ereignisse bestimmen sich selbst. Eins, zwei, drei im Sauseschritt marschiert die darwinistisch gestimmte Geschichte: Währungsunion zum 1. Juli - Beitritt der DDR-Länder nach Artikel 23 Grundgesetz im Herbst - gesamtdeutsche Wahlen im Dezember - Hauptstadt Berlin - fertig, basta!"
Hauptstadt Berlin, auch das noch! Nichts bleibt uns erspart. Ob das denn unbedingt sein müsse, wenden wir zaghaft ein: Hauptstadt Berlin? Bonn sei doch auch ganz nett gewesen . . . "Unrealistisch, Opa. Auch dieser Zug ist abgefahren."
Angst? Nein, Angst ist nicht das rechte Wort. Wer unter Schock steht, hat nicht Angst. Verdattert bin ich, immer noch. Ein wenig mulmig ist mir, wie einem eben mulmig ist, wenn man in einem rasenden Zug sitzt, der auf unsicherem Gleis in eine Gegend fährt, die man nicht kennt. Vage Befürchtungen habe ich. Nicht die alten, daß etwa Deutschland zurückfallen könnte in Barbarei und Größenwahn der dreißiger und vierziger Jahre. Aber doch die Befürchtung, es könne schwere soziale Spannungen, viel Neid und Hickhack im Innern geben und, nicht bei uns, aber weiter im Osten, wo das sowjetische Imperium zerfällt, neue Kriege und Bürgerkriege.
Ja, und ein wenig traurig bin ich, wenn ich daran denke, daß es den faden, kleinen, ungeliebten, praktischen Staat Bundesrepublik Deutschland, in dem ich groß geworden bin, künftig nicht mehr geben wird. o
*VITA-KASTEN-1 *
Der Schriftsteller Patrick Süskind, 1949 im bayerischen Ambach geboren, erlangte mit dem Buch "Das Parfum" (1985) literarischen Weltruhm. Sein Ein-Personen-Stück "Der Kontrabaß" ist seit Jahren ein Hit im deutschsprachigen Theater. Der Erfolgsautor, der auch Drehbücher für Fernseh-Serien ("Kir Royal") schreibt, lebt, notorisch publikumsscheu, in München und Paris. Durch die neuesten Entwicklungen in Deutschland sieht Süskind sich und seine Generation aufs höchste irritiert.
y Patrick Süskind 1990. Der Beitrag ist dem Buch "Angst vor Deutschland" (Herausgeber: Ulrich Wickert) entnommen, das Ende September bei Hoffmann und Campe erscheint.
Von Patrick Süskind

DER SPIEGEL 38/1990
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