19.11.1990

ManagerGeglückter Einstand

Die Übernahme der co op AG ist das Werk des künftigen Asko-Chefs Klaus Wiegandt.
Offizieller Dienstbeginn für Klaus Wiegandt in Saarbrücken ist erst in rund sechs Wochen. Vom 1. Januar an wird der Manager laut Vertrag Vorstandsvorsitzender der Handelsgruppe Asko sein.
Doch so lange wollte sich der umtriebige Wiegandt, 51, nicht zurückhalten. Er wurde schon vorher für seinen neuen Arbeitgeber tätig - und wie.
Der künftige Asko-Chef war es, der mit den Eignern der Handelskette co op über den Verkauf der einstigen Skandalfirma verhandelte. Seit vergangenem Montag ist es nun amtlich: Die letzten Reste der co op werden von den Eigentümerbanken, der DG Bank und der BfG, für rund 800 Millionen Mark an die Handelsfirma aus dem Saarland verkauft.
Die Transaktion setzt Zeichen im deutschen Handel: Die Konzentration auf wenige Großunternehmen schreitet scheinbar unaufhaltsam voran.
Der Deal ist aber auch der ganz persönliche Triumph des Kaufmanns Klaus Wiegandt. Der hatte seine Handelskarriere einst beim gewerkschaftsnahen co-op-Vorläufer Konsum gestartet, war dann aber, "frustriert vom stümperhaften Handelsmanagement der Gewerkschaftsbosse", zu dem aufstrebenden Bad Homburger Filialunternehmer Willi Leibbrand übergewechselt.
Seither herrschte eine intime Feindschaft zwischen dem ehemaligen co-op-Chef Bernd Otto und dem abtrünnigen Gewerkschaftsmanager Wiegandt. Nun wird Wiegandt neben vielem anderen auch noch die Rest-co-op befehligen, während der Rivale von gestern in Untersuchungshaft seinem Strafprozeß entgegensieht.
Als Asko-Chef und co-op-Oberaufseher kann Wiegandt nun den Gewerkschaftern beweisen, was für ein "ungeheures Potential in der co op steckt, wenn man sie nur richtig managt". Dabei hilft ihm ein Verlustvortrag von mindestens 1,8 Milliarden Mark, der die co op auf Jahre hinaus von allen Ertragsteuern befreit.
Bei der Asko passen die knapp 800 verbliebenen Supermärkte der co op gut hinein. Mit Lebensmitteln und Getränken setzt die Asko-Gruppe nur rund vier Milliarden Mark um - zuwenig, um bei den Herstellern erstklassige Einkaufspreise herauszuschlagen. Deshalb griff Wiegandt zu, als sich die Chance bot, das Manko wettzumachen.
Der co-op-Coup ist ein starker Einstand eines Mannes, dem im Berufsleben bisher so ziemlich alles glückte. Der gebürtige Stettiner begann als einfacher Postbeamter und schlug dann die Funktionärslaufbahn in der Postgewerkschaft ein. Dort brachte er es bis zum Assistenten des damaligen Vizechefs Kurt Gscheidle.
Anfang der Siebziger wechselte Wiegandt als Unternehmensplaner zum Bund deutscher Konsumgenossenschaften. Mit 33 Jahren wurde er Chef der Konsumgenossenschaft Rhein-Main, die später in der nun von Asko geschluckten co op AG aufging. Der Umstieg vom Gewerkschaftsunternehmen zu einer rein privatwirtschaftlichen Firma wie Leibbrand, in den voneinander abgeschotteten Unternehmenssphären auf Vorstandsebene ein seltener Fall, verhalf Wiegandt dann zu Macht und Geld.
Der hemdsärmelige und öffentlichkeitsscheue Filialunternehmer Willi Leibbrand akzeptierte den ehemaligen Gewerkschafter sofort als strategischen Kopf des Unternehmens. Obwohl Wiegandt lange Zeit der einzige nicht zur Familie gehörende Chefmanager in der Führungsmannschaft war, konnte er frei schalten. Mit der finanzstarken Rewe im Rücken, die Leibbrand Ende 1974 als Partner gewonnen hatte, verunsicherte er die Handelsbranche schon bald mit hochfliegenden Plänen.
So verkündete Wiegandt 1979, als die Leibbrand-Bilanz gerade mal vier Milliarden Mark Umsatz auswies, bis Mitte der Achtziger werde der Umsatz auf zehn Milliarden steigen. Bereits 1984 war das Ziel erreicht. Inzwischen hat Rewe-Leibbrand den Umsatz sogar noch einmal mehr als verdoppelt.
Bei der Mehrung seines eigenen Vermögens bewies der kunstsinnige Wiegandt, der vor allem für die Bilder der sogenannten jungen Wilden schwärmt, nicht weniger Geschick. Zunächst sicherte er sich einen kleineren Anteil an der Willi Leibbrand KG, der neben dem 25-Prozent-Anteil an der Rewe noch manch anderes gehört, so die Lederwarenfabrik Goldpfeil und die texanische Handelskette Furr's.
Mit einem Kredit der DG Bank kaufte Wiegandt 1986 dann auch noch für 92 Millionen Mark die Schmuckhandelskette Christ. Einen Großteil der neu erworbenen Firmengruppe reichte er unter anderem an die beiden minderjährigen Kinder von Willi Leibbrand weiter, 20 Prozent behielt er "als Privatmann für mich und meine Familie". Mit 500 Millionen Mark Umsatz zählt Wiegandts Christ-Holding, zu der auch die Uhrengroßhandlung Dugena gehört, heute zu den ganz Großen der Schmuckbranche.
Daß Wiegandt sich dann doch von seinem Gönner Leibbrand ab- und der Asko zuwandte, hat vornehmlich mit der Neuordnung der Rewe zu tun. Seit Ende 1989 ist die Leibbrand-Kette voll ins Eigentum der Rewe übergegangen und wird von Köln aus gesteuert. Für Wiegandt blieb da nur der zweite Platz neben Rewe-Chef Hans Reischl frei. "Da wären", meint ein Handelsmanager, "zwei Diven aufeinandergestoßen."
Doch Wiegandts Abgang bei Rewe-Leibbrand hat wohl auch banalere Gründe. Als Asko-Chef, so schätzen Insider, kassiert Wiegandt ein Jahresgehalt von etwa drei Millionen Mark - und damit etwa dreimal soviel, wie er im Rewe-Vorstand hätte verdienen können.
Für seine neuen Aufgaben in Saarbrücken fühlt sich Wiegandt "bestens gerüstet". Anders als Vorgänger Wagner will er im Vorstand "keine Oneman-Show" machen, sondern "nur Konzertmeister in einem Team" sein.
Für das richtige Team hat er bereits gesorgt: Klaus Hoffmann, der bisherige EDV-Chef im Asko-Vorstand, verläßt das Unternehmen. Dafür bringt Wiegandt aus Bad Homburg zwei seiner Leute mit. o

DER SPIEGEL 47/1990
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