17.09.1990

AtomenergieVöllig durchstrahlt

Bonn muß die DDR-Kernkraftwerke abreißen lassen - ein überaus teures Unterfangen.
Selbst einem Einheitskanzler macht die Einheit nicht nur Freude. "Wenn ich die in der DDR betriebenen Kernkraftwerke betrachte", meinte Helmut Kohl vergangene Woche, "dann gibt es eine Summe von Fragen, die mir Unbehagen bringen."
Das fatale Atom-Erbe der DDR trübt nicht nur Kanzler Kohl die Stimmung. Mit wachsendem Widerwillen erkannten die Ressortchefs Klaus Töpfer (Umwelt), Theo Waigel (Finanzen) und Helmut Haussmann (Wirtschaft) in den vergangenen Wochen, welche unangenehme Rolle ihnen so nebenbei zugeschoben wurde.
"Entweder", spitzt Töpfers Abteilungsleiter Walter Hohlefelder die notwendige Entscheidung zu, "die Bundesregierung baut in der DDR Staatsreaktoren, oder der Staat wird zum atomaren Abrißunternehmer."
Beides gefällt den Politikern nicht, denn beides kostet viele, viele Milliarden.
Das ist die Lage: In Lubmin bei Greifswald arbeiten seit Jahren vier Atomreaktoren sowjetischer Herkunft. Drei davon sind auf Betreiben Töpfers wegen schwerwiegender Sicherheitsmängel stillgelegt, der vierte wird im Dezember abgeschaltet.
Ein fünfter, etwas modernisierter Block hat eine atomrechtliche Genehmigung für die Erprobung und einen befristeten Betrieb.
An drei weiteren Nuklearmeilern arbeiteten DDR-Bautrupps in den Sommermonaten unverdrossen weiter, obwohl die Reaktoren nach West-Recht nicht in Betrieb gehen dürfen.
Auf einer Riesenbaustelle bei Stendal entstehen zwei weitere Kraftwerksblöcke von je 1000 Megawatt Leistung, die nach jetziger Auslegung nie ans Netz gehen können.
Die vernichtenden Urteile, die westliche Experten einmütig über die ostdeutschen Kernkraftwerke abgegeben hatten, störten die Atom-Freunde im Ost-Berliner Umweltministerium wenig. Zusammen mit den Kraftwerkern vor Ort arbeiteten sie in den vergangenen Monaten entschlossen an der "Reanimierung" (DDR-Jargon) der maroden, abgeschalteten Reaktoren.
Die Greifswald-Blöcke III und IV sollten nach kosmetischen Reparaturen schon im September wieder Strom produzieren, der Block V sollte schnell in Dauerbetrieb gehen, die restlichen Kraftwerke in Greifswald und in Stendal sollten vollendet werden.
Es wird, das steht fest, so nicht kommen. Das Schicksal der ersten vier Greifswalder Blöcke ist in Bonn schon entschieden. Sie werden abgewrackt. Jede Nachrüstung würde zuviel Geld verschlingen.
Die unvollendeten Blöcke V bis VIII in Greifswald werden nie Strom produzieren, zu gravierend sind die Konstruktionsmängel. Der nachträgliche Einbau belastbarer Elektro- und Leittechnik wäre zu teuer, würde zu lange dauern. Solange keiner der Reaktoren in Betrieb geht, ist er nicht atomar verseucht, der Abriß ist relativ preiswert.
Das sieht bei den völlig durchstrahlten vier Altblöcken ganz anders aus. Die Kosten der Entsorgung betragen nach DDR-Schätzungen insgesamt vier Milliarden Mark. Wahrscheinlich reicht selbst diese riesige Summe nicht.
Die Bonner haben unterdes einen Plan ersonnen, wie die Begleichung dieser Atomrechnung in die nächsten Jahrzehnte verschoben werden kann. Vorerst werden die Meiler "sicher eingeschlossen", das kostet nur 10 bis 15 Millionen Mark pro Block. Nach 20, 30 oder gar 40 Jahren, wenn die Radioaktivität zum Teil abgeklungen ist, muß die nächste Steuerzahlergeneration den Atom-Wechsel der Vergangenheit einlösen.
In der Zwischenzeit bleiben einige Dauerarbeitsplätze bestehen. Lüftungstechniker halten den strahlenden Schrott stets kühl, Wachleute wehren Eindringlinge ab.
Etwas schwieriger ist die Entscheidung über die Bauwerke bei Stendal. Die Elektrizitätsversorgungsunternehmen-West, alle sonst auf Kernkraft versessen, wollen die Baustelle keinesfalls übernehmen.
Das bedeutet: Waigel und Haussmann müßten zu Bauherren von Atomreaktoren werden, öffentliche Mittel in Milliardenhöhe verpulvern. Diese Rolle hat der Siemens-Kraftwerksbauer KWU den Bonner Marktwirtschaftspolitikern zugedacht: KWU möchte den lukrativen Auftrag zum Umbau ergattern, das Unternehmen hat auch schon ein Angebot in Bonn eingereicht.
Allein Planung und Konzeption eines Umbaus nach bundesdeutschem Sicherheitsstandard würden 1,5 Milliarden Mark kosten. Das soll Bonn bezahlen. Die Fertigstellung der beiden 1000-Megawatt-Blöcke verschlänge dann noch einmal sieben Milliarden. Dieses Geld soll, so die KWU-Idee, ein Bankenkonsortium vorstrecken. Sind die Reaktoren genehmigt, könnten die westlichen Stromfirmen eintreten.
Doch Veba, RWE, Bayernwerk und Co. mögen nicht anbeißen, selbst wenn mit Staatsgeld westlicher Sicherheitsstandard eingebaut würde. Die bundesdeutschen Strom-Manager fürchten, durch Übernahme der umgemodelten Russen-Reaktoren mit dem Sicherheitsmakel von Tschernobyl infiziert zu werden.
Die Zurückhaltung der Strom-Manager bestärkt die Bonner Minister in ihrer Neigung, die Bauherren-Rolle zu verweigern und lieber Preßlufthämmer anzufordern.
Mit dem Bezahlen des Abrisses ist es bei dieser Alternative nicht getan. Die Sowjets können auf Lieferverträge pochen, die nun nicht erfüllt werden. Schadensersatz in D-Mark ist fällig, der Kanzler hat es versprochen.
Wieviel das sein wird, weiß noch niemand. Vier Milliarden Mark, schätzen Ministeriale und Industrie-Experten, sind locker drin. Doch so genau zählt in diesen Zeiten sowieso keiner mehr die Milliarden.

DER SPIEGEL 38/1990
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit
  • Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine
  • Ungewöhnlicher Trip: Weltreise für 50 Euro
  • "Horrorhaus" in Kalifornien: "Meine Eltern haben mir das Leben genommen"