15.10.1990

StasiTalk im Turm I

Außergewöhnliche Privilegien genoß DDR-Agentenchef Markus Wolf im Ruhestand - er durfte sogar weiterspionieren.
Stasi-Minister Erich Mielke, 82, zeigte auffallende Fürsorge für einen Rivalen. Als sein Spionagechef Markus ("Mischa") Wolf, 67, im Herbst 1986 freiwillig aus dem Dienst schied, ließ Mielke dem Genossen Generaloberst Stadtresidenzen in feinster Wohnlage anbieten.
Doch Großbürger Wolf zierte sich. Mal paßte ihm der Kronleuchter nicht, mal schien ihm alles zu exklusiv. Vielleicht wollte er nur verhindern, daß ihm die Stasi-Genossen gleich wieder Wanzen ins Wohnzimmer pflanzten - wie in seiner alten Dienstwohnung in der Oberseestraße, wo er vom penetrant mißtrauischen Mielke schon zuvor belauscht worden war.
Der Pensionär ergatterte schließlich über den Magistrat der Stadt eine Wohnung im frisch sanierten Nikolaiviertel, Spreeufer 2. Sofort war der fürsorgliche Mielke wieder zur Stelle. Auf sein Geheiß mußte der oberste Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski bei "Einrichtung und Ausstattung" helfen; Kosten für den Ausbau zweier Wolf-Etagen, inklusive Sauna, Solarium, Küchentechnik und Unterhaltungselektronik: 545 752,97 Mark, davon 200 000 Mark in Devisen. Für die ganze Pracht zahlte Wolf, nach eigenen Aussagen, 298,20 Mark Monatsmiete "einschließlich Energie für Heizung und Wasser".
Der Spionagechef, der fast 30 Jahre lang die Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) leitete und sich nun dem Zugriff des Generalbundesanwalts durch einen längeren "Urlaub" (Wolf) entzogen hat, wurde nach seinem Abschied mit Privilegien überhäuft. Sie waren in einer "Festlegung" zur "Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten für den Genossen Generaloberst Wolf zur Verallgemeinerung seiner Erfahrungen und Aufarbeitung seiner Erinnerungen" aufgezählt; das Papier hatte Mielke am 15. November 1986 unterzeichnet.
So standen Wolf, der sich bald als Schriftsteller ("Die Troika"), Glasnost-Fan und sanfter SED-Kritiker profilierte, nicht nur sein Adlatus Eberhard Meyer und HVA-Oberstleutnant Erika Tlustek "zur unmittelbaren Verfügung", auch ein Kraftfahrer und eine Sekretärin waren ihm zu Diensten - allesamt auf Staatskosten.
Für eine Haushaltshilfe, die ihm bis Frühjahr dieses Jahres zur Hand ging, zahlte er monatlich nur 400 Mark - auch dieser dienstbare Geist wurde von der Stasi mit 1127 Mark monatlich entlohnt: Die Frau gehörte zur Mielke-Geheimtruppe der Offiziere im besonderen Einsatz (OibE).
Für Erholung und Freizeit hatte die Stasi dem Ex-General ein "Wohnobjekt in Prenden", Kreis Bernau, im Nordosten Berlins, aufgemöbelt und gewartet - Kosten: rund 10 000 Mark. Und im Ost-Berliner Stadtteil Hohenschönhausen ließ Mielke dem Ruheständler noch dazu Arbeitsräume in einem "gesicherten Einzelhaus" einrichten - "mit entsprechender Bürotechnik, Videotechnik, Stahl- und Büroschränken sowie Büromaterialien", so der Mielke-Erlaß.
Offenbar war der Stasi-Minister von den Fähigkeiten des Wolf-Nachfolgers Werner Großmann, 61, nicht so recht überzeugt. Dem alten Spionagechef jedenfalls offerierte Mielke, er könne auch weiterhin beim internationalen Krieg der Maulwürfe mitmachen: Pensionär Wolf dürfe, so der ungewöhnliche Mielke-Befehl, nach Abstimmung mit Großmann "in ausgewählte operative Vorgänge der HVA" einbezogen werden.
Er könne zudem für "Maßnahmen, die aus operativen oder Sicherheitsgründen weder in den Diensträumen noch in seiner Wohnung durchgeführt werden können", zum geheimen Talk die konspirative Wohnung "Turm I" der HVA mitbenutzen.
Hat Wolf, der von der Bundesanwaltschaft wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit in einem besonders schweren Fall zur Festnahme ausgeschrieben ist, noch bis in die jüngste Zeit für die HVA weiterspioniert?
Nachfolger Großmann dementierte vorige Woche: "Wolf hat von diesem Angebot niemals Gebrauch gemacht." Und Wolf versicherte bereits bei einem SPIEGEL-Gespräch im Juni, er habe sich seit seinem Ausscheiden in den alten Dienststellen "überhaupt nicht sehen lassen außer bei zwei Buchlesungen".
So ganz kann das nicht stimmen. Nach anderen Wolf-Aussagen vor einem Militäroberstaatsanwalt hatte der Ex-Spionagechef jedenfalls auch im Ruhestand noch Gespräche mit Minister Mielke. _(* In seiner Berliner Wohnung. )
Zudem hieß es in dem Mielke-Erlaß, bis zum "Abschluß der Rekonstruktionsarbeiten" an dem Hohenschönhauser Refugium erhalte Wolf "Arbeitsräume im Dienstkomplex der HVA". Und Stasi-Auflöser Ralf Merkel, Vizechef des Ost-Berliner Aufklärungskomitees, behauptet, Wolf habe das Stasi-Objekt in Hohenschönhausen noch bis Dezember vorigen Jahres genutzt.
Jedenfalls durfte er laut Mielke-Weisung auch nach seiner Pensionierung "Archivvorgänge" anfordern und besaß einen "Objektausweis" zum "Betreten der Dienstobjekte" sowie den "Berechtigungsschein ,Freie Fahrt''". Er blieb "vorerst in der Parteiorganisation der HVA parteimäßig organisiert", seine persönlichen Waffen waren "in der Betreuung" der Stasi-Abteilung Bewaffnung und Chemische Dienste.
Auch Wolfs körperliches Wohlergehen lag den alten Stasi-Gefährten am Herzen. Der Stasi-Rentner konnte nicht nur weiter mit "Sonderberechtigung" im Kaufhaus "Zentrum" einkaufen, er durfte sich auch im Regierungskrankenhaus Buch sowie bei den Physiotherapeuten und Orthopäden des Zentralen Medizinischen Dienstes (ZMD) der Stasi behandeln lassen. Wolfs geschiedene Frau Christel konnte das Regierungskrankenhaus in der Scharnhorststraße in Anspruch nehmen, seine damalige Lebensgefährtin die ZMD-Abteilung 10.
Unterlagen über die großzügigen Sonderleistungen fanden Stasi-Auflöser Anfang des Jahres bei der Durchsuchung von Mielkes Amtsräumen. Die Akten wurden an die Ost-Berliner Militäroberstaatsanwaltschaft übergeben - mit dem Antrag, Ermittlungen wegen des "Verdachts der Untreue" einzuleiten.
Doch die Behörde winkte nach eingehender Prüfung ab, "da sich der Verdacht einer Straftat nicht bestätigt hat". Sämtliche vermögensrechtlichen Entscheidungen seien von Mielke selbst getroffen worden, Wolf habe früher sogar freiwillig ein "Nutzungsentgelt" für seine teure Privatwohnung angeboten.
Zur Klärung des Sachverhaltes wurde auch Ex-Minister Mielke gehört. Doch der ließ seinen einstigen Chefspion Wolf im Stich. Mielke habe sich, so der Militäroberstaatsanwalt, "zu den Umständen der Entscheidungen nicht geäußert und behauptet, den Verdächtigen nicht zu kennen". o
* In seiner Berliner Wohnung.

DER SPIEGEL 42/1990
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