19.11.1990

„Kampfhund mit Kindergesicht“

Unterwürfig nähert sich der alte Mann mit den löcherigen Schuhen dem Eingang der Buchhandlung. Dort versperren ihm bullige Bodyguards den Weg - nicht jeder, der ein Autogramm will, wird zum Megastar des englischen Fußballs vorgelassen.
Paul Gascoigne, verschanzt hinter einem Stapel seiner neuesten Biographie "Gazza - My Life in Pictures", bekommt die Zurückweisung eher zufällig mit. Er winkt den Mann herein, läßt 500 andere Fans warten und plaudert statt dessen angeregt und interessiert mit dem struppigen Alten, signiert nebenbei dessen einzige Devotionalie, ein zerfleddertes Fußballheft. Bewegt murmelt der Verehrer beim Abschied: "Er holt den Europapokal für uns."
Paul Gascoigne, 23, ist Englands derzeit populärste Kultfigur. "Gazza", wie er sich einfachheitshalber nennt, gab dem Mutterland des Fußballs das Wirsind-wieder-wer-Gefühl zurück: In dem kraftvollen Mittelfeldspieler von Tottenham Hotspur haben die Briten endlich wieder einen Kicker, um den sie der Rest der Welt beneidet. Die Bewunderung hat auf der Insel sogar einen Namen - Gazzamania. Und sie ist überall zu besichtigen: Britanniens Jugendliche verlangen beim Friseur nur noch "den Gazza", einen geltriefenden Bürstenhaarschnitt mit rasiertem Nacken und Ohrenschneisen, der im Windkanal entstanden sein muß.
Denn Gascoigne ist längst mehr als nur ein Fußballer. Wie einst der aufmüpfige Supertechniker George Best, der Ende der sechziger Jahre als kickendes Symbol für landesweite Aufbruchstimmung stand, vereint heute Gascoigne die Wesenszüge bedeutender Briten zur Lichtgestalt Gazza. Am Ball ist er genial wie Best, auf der Bühne charismatisch-anarchisch wie die Beatles und im Alltag patriotisch wie Prinz Charles. Vor allem aber ist Gazza, fleischgewordene Legende vom Aufstieg des armen Straßenkickers, das Idol von Großbritanniens Unterprivilegierten.
Sogar die in Not geratene Margaret Thatcher bediente sich der Popularität ihres kantigen Landsmannes, dessen unbeschwerter Nationalismus selbst der Upper Class ein Staunen abringt. Gazza nahm, nach einem Gläschen Sherry in 10 Downing Street, die spröde Premierministerin auch gleich so herzlich in den Arm, daß Reporter spöttisch fragten: "Wer ist denn die ulkige Blondine neben Gazza?"
Seit Englands Halbfinalniederlage bei der Weltmeisterschaft in Italien gegen die Deutschen konkurriert Gazzas Bekanntheitsgrad sogar mit dem der Königsfamilie. Schiedsrichter Jose Ramiz Wright zeigte, die Partie stand noch 0:0, dem aufopferungsvoll Grätschenden die gelbe Karte, Gascoignes zweite im Turnier. Das bedeutete, daß Gazza für das Endspiel gesperrt sein würde. Dicke Tränen kullerten da über die Wangen des harten Kerls.
Und eine ganze Nation schluchzte mit. BBC sendete die Trauerszene, unterlegt mit der Pavarotti-Arie "Nessun dorma" aus der Oper "Turandot", wieder und wieder. "Gazzas Tränen", resümierte der Londoner Sender Thames TV voller Pathos, "schwollen zu einer Flut nationaler Bewunderung."
In nur 19 Länderspielen gab Gascoigne den Briten ihr fußballerisches Selbstwertgefühl zurück, weil er die Tugenden des tumben, international verlachten Kick and Rush mit moderner Technik vereint: Gazza stürmt zwar geradeaus, aber elegant. Damit steht er, so der Guardian, "für das gereifte englische Spiel". Selbst der sonst zurückhaltende Independent bejubelte ihn als "Stolz des englischen Fußballs".
Weil Gascoigne derzeit bereits wieder mit an der Spitze der Torjägerliste steht und auf der Insel einen Zuschauerboom (15 Prozent Zuwachs) auslöste, hätte Fiat-Chef Giovanni Agnelli den Superstar gern für Juventus Turin unter Vertrag genommen. 33 Millionen Mark bot der fußballverrückte Präsident für den "Kampfhund mit Kindergesicht".
Doch Gazza, ganz Musterengländer, beteuert, daß er seinen Vertrag mit Tottenham bis 1992 erfüllen wolle. Die Aktionäre des hochverschuldeten Klubs sind erleichtert. Schließlich lockt ihr Star über 30 000 Zahlende pro Spiel - eine einzigartige Stadionauslastung von 90 Prozent.
Ein Abend mit Gazza, wissen die Zuschauer, garantiert stets Spaß. Beim Aufwärmen kickt er den Ball einem Bobby ins Kreuz, er winkt, er blödelt oder ärgert den Block der gegnerischen Fans mit obszönen Fingerzeigen. Im Spiel beantwortet er die Abwehrversuche des Gegners oft mit meckerndem Lachen.
Die große Gazza-Show, verrückt, manchmal peinlich, aber nie langweilig, trifft die britische Vorliebe fürs Exzentrische. Zum Training erscheint er zuweilen nur in sündhaft teure Designerunterwäsche gekleidet, dem Teamkollegen Steve Sedgley zerschnitt er ein Paar altmodischer Unterhosen, der farbige Mitspieler Tony Cunningham erhielt von ihm zum Geburtstag eine Zehnerkarte fürs Solarium. Und an die Tafel, an der Trainer Terry Venables die Taktik erklärt, malt Gazza, als sei er im Internat, gern ein paar Ferkeleien.
Bei der WM in Italien ließ er sich eine Torte ins Gesicht schmieren und stieß zwei zum Fototermin herausgeputzte Mitspieler in den Swimming-pool, was ihm 10 000 Mark Strafe einbrachte. Angestrengt stellte Teamchef Bobby Robson fest, daß man Gazza "keine Sekunde aus den Augen lassen" könne. Zur Bestätigung schnallte sich Gazza nach der WM zum Triumphzug durch Londons Straßen riesige Plastikbrüste um.
"Ich bin vielleicht doof wie ein Besen", sagt Gascoigne dazu, "aber ich will nicht nur Englands bester Fußballer, sondern auch der größte Entertainer werden." So könne Gazza, hofft das Zeitgeistmagazin The Face, in Zeiten, in denen meist monetäre Fakten wie Gebühren für TV-Rechte oder Ablösesummen die Sportseiten füllen, "die nostalgische Rolle des Fußballers als Popstar wiederbeleben".
Während andere WM-Stars wie der Deutsche Lothar Matthäus, der Jugoslawe Dragan Stojkovic oder das niederländische Trio Ruud Gullit, Frank Rijkaard und Marco van Basten bald wieder im Ligaalltag untertauchten, wächst Gascoignes Ruhm noch immer. Denn Gazza verkörpert mehr als die biedere Angestelltenmentalität seiner Kollegen. Er steht für das Lebensgefühl einer Nation wie hierzulande seit Uwe Seeler kein Fußballer mehr.
Gascoigne gilt als Identifikationsfigur für jene, die in elf Jahren Thatcher-Ära zu den Zukurzgekommenen zählen. Während Englands Wirtschaft soeben in die nächste Rezession steuert, wirkt Gascoignes Biographie trostspendend für 1,6 Millionen Arbeitslose, für desillusionierte Jugendliche und Sozialhilfeempfänger: Der arme Junge aus dem grauen Nordosten, der beim Straßenkick nur "little fatty" hieß, der mit 16 und miesen Noten die Schule verließ, dessen Eltern sich in der Industriestadt Newcastle nur ein Zimmer zur Untermiete leisten konnten, ist im Elend nicht untergegangen.
Vater John, ein Bauarbeiter, wurde nach einem Gehirnschlag arbeitslos, als Paul sieben war. Mutter Carol schob in einer Glasfabrik Überstunden, damit der Kleine wenigstens Stollenschuhe an den Füßen tragen konnte. Sie alle lebten besessen für den Fußball, Pauls einzige Chance zum sozialen Aufstieg. "Ich habe dem Fußball alles gegeben", sagt Gascoigne mit Pathos in der Stimme, "und er hat mir alles zurückgegeben." Dabei sieht er aus, als würde er gleich wieder weinen.
Den Yuppisierungsprozeß, den hierzulande schon mäßig talentierte B-Jugendliche durchmachen, hat das rauhe englische Sportsystem verhindert. Paul fiel mit 14 beim Probetraining in Ipswich durch. Den ersten Profivertrag bei Newcastle bekam er, weil er, bei 30 Pfund Wochenlohn, nicht nur als bissiger Kicker, sondern auch als eifriger Schuhputzer und Teekocher für die erste Mannschaft auffiel.
Noch heute, wo ihm im Wachsfiguren-Kabinett der Madame Tussaud bereits ein Platz zwischen Albert Einstein und Michael Jackson eingeräumt ist, zeigt Gazza, daß er, so sein Manager Mel Stein, "eben einer aus der Arbeiterklasse ist". Anbiedernde Reporter oder Fans sind ihm ebenso zuwider wie die "arroganten und ignoranten Londoner, die nicht mal richtig zuhören können". Eine Lady, die am Stadionausgang mit ihrer Enkelin auf ihn wartet, brüskierte er mit einem Bombardement anzüglicher Four-letter-words.
Seinen Gegenspieler Roy Keane, 19, von Nottingham Forest, belegte er 90 Minuten lang mit derben Verwünschungen. "Es war unglaublich", meinte Keane nachher entnervt, "ich kann nicht wiederholen, was er gesagt hat." Und Reporter, die ihn auf sein ständiges Übergewicht ansprechen, verjagt der Schokoladenfreund mit einem lautstarken: "Verpiß dich!"
Wenn Englands Boulevardblätter derlei Ausbrüche mit großen Schlagzeilen würdigen, reiben sich Gascoignes Manager Stein und Lennard Lazarus die Hände. Denn so mehrt sich Gazzas Ruhm als jemand, der sich so verhält, wie es die unterkühlten Briten insgeheim gern täten.
Mit den Sehnsüchten seiner Landsleute scheffelt das Trio Millionen. "Gazza", stellte die ehrwürdige Times lapidar fest, sei "big business" - und das wird streng kontrolliert. Einem Fotoreporter, der unerlaubt einen Schnappschuß versuchte, wurde das Blitzkabel aus der Kamera gerissen. "Pressefreiheit", schrie der Fotograf, dann wurde er von zwei Bobbys abgeführt. Gazzas Freiheit ist wichtiger.
So überschwemmt allein die "Paul Gascoigne Promotions Ltd." den Markt der Fanartikel mit immer neuem Gazza-Tand: zwei zusammengeschusterten Biographien, einem Video ("Mein wahres Ich"), einer Langspielplatte mit Mitklatschrhythmen ("Oi, oi, oi, let's have a party"), zudem Bettwäsche, Geldbörsen, Computerspielen, Rasierwasser und Sportmode - alles unter dem eingetragenen Warenzeichen Gazza.
Unter der Telefonnummer 0898/101901 können Fans in England für 44 Pence pro Minute sogar das ultimative Erfolgsrezept ihres stoppelhaarigen Idols erfahren: "Ganz einfach", verrät Gazza vom Tonband, "ich wollte im Leben immer nur zwei Dinge: Spaß und Fußball."
Mit rund 150 000 Pfund Jahressalär bei Hotspur, 300 000 Pfund für den Vertrag mit einer Schuhfirma, 100 000 Pfund für einen Werbespot, 40 000 Pfund für den Exklusivkontrakt mit der Sun und 5000 Pfund pro Autogrammstunde oder Kaufhauseröffnung summiert sich Gascoignes Verdienst allein in diesem Jahr auf knapp 1,5 Millionen Pfund.
Den eigenwilligen Simpel, der vor fünf Jahren überlegte, ob er zur Kostendämpfung zu Fuß gehen sollte, statt mit dem Bus zum Trainingsplatz zu fahren, plagt ob des plötzlichen Reichtums kein schlechtes Gewissen. Die branchenüblichen Insignien wie Mercedes und Goldschmuck zeigt Gascoigne gern vor: "Ich habe doch hart gearbeitet."
Auch vom großen Vorgänger George Best, 44, der schließlich an Rauschgift, Sex und Alkohol scheiterte, mag sich Gazza seinen Ruhm nicht kaputtmachen lassen. Best ("Du kannst nur mitreden, wenn du die letzten drei Miss Worlds im Bett gehabt hast") hatte sich verbeten, mit Gascoigne verglichen zu werden, und beleidigt prophezeit: "Dieser pausbäckige Fettkloß ist in zwei Jahren weg vom Fenster."
Da lief Gazza zu gewohnter Form auf und konterte: "Für ein bißchen Kleingeld macht dieser versoffene Fettsack doch jeden nieder."

DER SPIEGEL 47/1990
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