17.09.1990

SegelnVor Neptun alle gleich

Erstmals segeln zwei Frauen bei der längsten und schwersten Regatta der Welt mit.
Um Punkt zwölf böllerte in Fort Adams, einer alten Trutzfeste der U. S. Army in Newport (Rhode Island), die Startkanone zum Showdown für 25 Segler. Mit ihren Booten "so groß wie Lokomotiven" (The New York Times) passierten sie am letzten Sonnabend das Startschiff "Record" zu einem der schwersten Segeltörns überhaupt: einmal allein um die Welt.
Mit seinem "bisherigen Leben abgeschlossen" hatte etwa Jack Boye, 46, ein ehemaliger Army Captain mit Vietnamerfahrung und Ex-Börsenmakler aus New York. Er hatte seine Wall-Street-Firma verkauft, den "Inhalt meines Kleiderschranks verschenkt" und die Eigentumswohnung in Manhattan losgeschlagen, um mit seinem 15-Meter-Boot "Project City Kids" mitsegeln zu können.
Ähnlich fatalistisch gingen erstmals auch zwei Frauen auf die 27 000 Seemeilen lange Tour. Die Kanadierin Jane Weber hat "hin und wieder" darüber nachgedacht, "wie es wohl ist, wenn man ertrinkt". Und die Französin Isabelle Autissier weiß, daß "du alles geben mußt, was du hast", und will im nächsten Frühjahr wieder in Newport anlegen.
Der britische Sauerstoff- und Stickstoffproduzent BOC (Jahresumsatz vier Milliarden Dollar) hatte die erste von nunmehr drei "BOC-Challenge"-Regatten 1982 ausgerichtet. 17 Boote hatten damals daran teilgenommen, 10 Skipper das Ziel erreicht. An der zweiten Weltumsegelung vor vier Jahren nahmen bereits 25 Einhandsegler teil, von denen 16 die vier Etappen nach Kapstadt, Sydney, Punta del Este (Uruguay) und Newport durchstanden.
Häufig mußten Segler, nach einem Mastbruch hilflos auf dem Meer treibend, aus Seenot gerettet werden. Im Dezember 1986 half auch die Überwachung der Boote via Satellit nicht: Der Franzose Jacques de Roux, der 1983 schon einmal über Bord gegangen war, ertrank. Retter fanden auf der "Skoiern IV" später nur noch eine Kanne Tee und Berge nicht abgewaschenen Geschirrs.
Der Industriegas-Konzern hat in diesem Jahr eine viertel Million Dollar an Prämien ausgesetzt. Der Sieger erhält neben dem zwölf Pfund schweren Silberteller aus der Werkstatt des Londoner Kronjuweliers Garrard allein 100 000 Dollar.
Doch Jane Weber, 45, geht es weniger um das Geld, sie flieht vor der Vergangenheit auf hohe See. Die Hausfrau aus Toronto hatte sich vor acht Jahren scheiden lassen, dann auf Kreuzfahrtjachten und als Grundstücksmaklerin gearbeitet. Anfang des Jahres verkaufte die zierliche, 153 Zentimeter große dreifache Großmutter Haus und Habe und meldete ihr 13-Meter-Boot "Tilley Endurable" für den Einhandtörn an.
Die Kanadierin wird von einer Sportbekleidungsfirma unterstützt, Isabelle Autissier, 33, mit 600 000 Dollar von drei Sponsoren, darunter das französische Staatssekretariat für die Rechte der Frau. Die bloße Teilnahme ist ihr dabei nicht alles, sie will sich einen "Kindheitstraum erfüllen" und im April "als Erste in Newport einlaufen".
Der Sieger der beiden ersten Regatten, Profi-Taucher Philippe Jeantot, 38, benötigte für seine erste Weltumrundung 159, für die zweite nur 134 Tage. "Philippe ist der Mann, den alle schlagen müssen", sagt Isabelle Autissier, die an der Atlantikküste, in La Rochelle, in einer Berufsschule Seeleute unterrichtete.
Aber die "aggressive Seglerin" (Selbsteinschätzung) mag sich nicht entscheiden, ob sie die seglerischen Fähigkeiten ihres Landsmannes höher einschätzen soll - oder sein Boot. Zwar segelte ihre Jacht bei einer früheren Non-Stop-Regatta um die Welt schon einmal auf den dritten Rang. Doch die "Credit Agricole IV" Jeantots, mit allen High-Tech-Raffinessen ausgestattet, wirkt dagegen, so die Los Angeles Times, "wie ein Rolls-Royce neben einem Käfer".
Doch der Hinweis auf die supermodernen Jachten der männlichen Konkurrenten beeindruckt die energische Französin wenig: Ihr Boot sei "schnell und einfach". Ganz sicher ist sie sich auch, daß "wir vor Neptun alle gleich sind, in der Flaute ebenso wie in den haushohen Wellen bei Kap Hoorn". Und noch eine Gemeinsamkeit mit den Männern hilft ihr weiter: "Angst haben wir alle."

DER SPIEGEL 38/1990
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