10.12.1990

KinoBinärer Blödsinn

„Werner - beinhart“. Spiel- und Zeichentrickfilm von Niki List. Deutschland 1990. 93 Minuten; Farbe.
Ganz weit droben im Norden Deutschlands, wo sich Stoltenberg und Engholm gute Nacht sagen, wo die Sprache am plattesten, die Menschen aber bekanntlich so helle sind, da ist auch Werner zu Hause. Zwei Dinge hat er immerhin im Kopf, seine "Schüssel", das Motorrad, und den "Bölkstoff", sein Bier, am liebsten das mit dem Bügelverschluß, weil es beim Öffnen so schön ploppt.
Ganz unten in Deutschland, wo Schwabing in den Balkan übergeht, residiert eine Werner gleichgesinnte Seele, der Filmproduzent Bernd Eichinger. Nachweislich beherrscht er sogar mehr als zwei Wörter, doch ist auch er binär kodiert, am liebsten sind ihm "Weiber" und "Hollywood".
Mit dem Kopf ist Bernd schon eine ganze Zeit in Kalifornien, aber leibhaftig steckt er noch immer in einer den 41jährigen Bauch zwickenden 501-Levi's, hockt, eingerahmt von Lisa und Barbara oder Hannelore und Jane, in München herum und starrt eisig-eisig ins große leere Nichts.
Bernd kommt nicht los von seiner Jugend. Wenn er an die zurückdenkt, macht er Fehler. Aus lauter Nostalgie hat er sich letztes Jahr einen Traum erfüllt und Hubert Selbys Roman "Letzte Ausfahrt Brooklyn" noch einmal gelesen.
Die Begeisterung über Bernds Jugendlektüre-Erlebnisse hielt sich in voraussehbaren Grenzen; in den USA, wohin er seine Selby-Verfilmung wie ein EG-Butterhändler reimportiert hatte, wollte man nichts davon wissen.
Aber Bernd ist ja noch nicht so alt, er weiß schon, wie man berufsmäßig jung ist und damit einen erfolgreichen Film hinkriegt, der die "Otto"-Blödeleien und den Loriot-Flachsinn mühelos unterbietet.
Bernd engagierte den ostmärkischen Regisseur Niki List ("Müllers Büro"), ein gutes Hundert Trickfilmzeichner und Rötger ("Brösel") Feldmann, den Erfinder von Werner. In ihrer Film-Werkstatt schraubten sie die acht bisher erschienenen Werner-Bücher auseinander und schmissen die Teile wieder irgendwie zusammen. Damit sich das Ganze nicht gar zu altbekannt ansieht, ließen sie sich von Ernst Kahl (früher beim "Bestiarium perversum") ein krachdummes Drehbuch drumherumstricken, und fertig war der Film: "Werner - beinhart".
Verglichen mit dem "Namen der Rose" und der "Unendlichen Geschichte", die Bernd Eichinger zuvor produziert hat, war der 93 Minuten lange Werner-Strip spottbillig: Was sind schon acht Millionen, wenn man eigentlich Cecil B. de Mille und David O. Selznick in einer Person sein möchte?
Aus lauter Kummer über den Mißerfolg seiner "Letzten Ausfahrt" gab Bernd über sein halbamtliches Verlautbarungsorgan, die Münchner Abendzeitung, kund und zu wissen, daß es ihm in Deutschland zu provinziell zugehe, Hollywood sei sein Ziel: "Warum sollte ich mich mit weniger begnügen als diesem Weltspitzen-Niveau?" Auswandern wollte der Bernd, ganz groß rauskommen in Amerika. Nur langt es halt hinten und vorne nicht zum Film-Mogul, allenfalls zum reservierten Tisch bei "Schumann's". Mit Hollywood hat's nicht geklappt, aber was immer funktioniert, ist ein Prolo-Humor, der es in Deutschland nie besser hatte. 800 000 Zuschauer haben den Film-Werner in der ersten Woche ertragen und damit zum erfolgreichsten Filmstart 1990 befördert.
Zur Bekräftigung und um eine Handvoll filmfremder Produkte (darunter sein eigenes Bier) zu plazieren, tritt Rötger-Brösel selber auf, spielt sich selber und macht sich selber fertig: Wenn die Zeichen-Figur mit dem phallischen Zinken und dem lispelnden Vorbiß noch einen kleinen, wenn auch bescheidenen Witz hatte, ist der im Film längst dahin.
Werner hat, als wäre er nie über die südholsteinische Urhorde hinausgekommen, nur den bekannten Sinn für Saufen, Kotzen usw., damit für jeden Kalauer, der sich daraus abzapfen läßt. Frauen dürfen in diese Männerwelt nur als keifende Treppenreinigerinnen, fette Oberschwestern und lüsterne Likör-Süchtige hinein.
Und so brettert Werner mit seiner hochfrisierten "Horex" durch die Welt und Eichingers Film, ärgert TÜV-Beamte und Polizisten, Handwerker und langweilige Autofahrer und landet regelmäßig zum Abfüllen in einer Imbißbude.
Dieser Humor ist von derart gnadenloser Schlichtheit, daß "Werner - beinhart" einfach gewinnen mußte. Der Auswanderer Eichinger hat damit endlich heimgefunden, dorthin, wo er hingehört, in die tiefste Provinz - nach Deutschland.
Willi Winkler
Von Willi Winkler

DER SPIEGEL 50/1990
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