10.12.1990

„Schicksalsstunde des Sports“

SPIEGEL: Herr Professor Steinbach, der frühere Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, Eberhard Munzert, hat die Mitglieder des DLV-Präsidiums allesamt Heuchler genannt. Sind Sie einer?
STEINBACH: Ich habe im Hinblick auf meine Einstellung zum Doping und auch im Hinblick auf das Bemühen, mit dem Problem fertig zu werden, ein reines Gewissen.
SPIEGEL: Aber Sie selbst haben Anabolika an Jugendlichen ausprobiert.
STEINBACH: Das war 1966, es war ein wissenschaftlicher Versuch zu einer Zeit, als Anabolika im Sport noch keine Rolle spielten und noch lange nicht als Dopingsubstanzen deklariert waren. Ich habe mehrfach erklärt, daß ich heute solche Versuche ablehne, weil sie ethisch nicht zu vertreten sind, und habe auch anderen Kollegen von ähnlichen Tests abgeraten.
SPIEGEL: Seit März liegen dem DLV Kopien einer ärztlichen Analyse vor, die Doping bei einem Kugelstoßer nachweist. Unternommen hat der Verband nichts.
STEINBACH: Wenn einem hinreichend sicher nachgewiesen ist, daß er am Doping-Geschäft beteiligt ist, in welcher Rolle auch immer, dann ist er für den DLV untragbar. Der Rechtswart des DLV, der ja für die Ahndung dieser Dinge zuständig ist, hat die Zeitungen, die die Trainer und Athleten beschuldigt haben, gebeten, Material vorzulegen.
SPIEGEL: Das Material über den Deutschen Meister im Kugelstoßen, Kalman Konya, hat der DLV seit acht Monaten. Sie als Mediziner brauchen nur einen Blick in diese klinischen Dokumente zu werfen, dann wissen Sie, daß er bei den Süddeutschen Meisterschaften gedopt war.
STEINBACH: Das weiß ich nicht. Der Indizienbeweis, der irgendwo in einer Liste, in einem Protokoll steht, zieht bisher rechtlich nicht. Nur eine positive Dopingprobe oder ein Geständnis gelten nach der Sportrechtslage als Beweis.
SPIEGEL: Warum haben Zeugenaussagen und Indizien bei Ihnen keine Beweiskraft?
STEINBACH: Da laufen Sie bei mir eine offene Tür ein.
SPIEGEL: Aber erst neuerdings, bisher war diese Regelung willkommene Hilfe beim Aussitzen der Doping-Probleme.
STEINBACH: Der Bedarf an dieser Indizienbeweisführung ist eigentlich erst mit den massiven Veröffentlichungen in SPIEGEL und Stern allen offenbar geworden. Jetzt muß mit Druck daran gearbeitet werden, diese Art der Beweisführung weltweit zuzulassen. Da kommt eine ganz andere Dimension auf die Sportjustiz zu, die wahrscheinlich gar nicht mit den Verbandsgremien zu lösen ist. Da müssen unabhängige Kommissionen, wie sie jetzt der Sportbund und das Nationale Olympische Komitee beschlossen haben, ähnlich wie Kriminalkommissariate arbeiten.
SPIEGEL: Würden Sie jetzt Ihre Hand dafür ins Feuer legen, daß eine solche Untersuchungskommission Ihre Kollegen im Präsidium nicht mit Doping in Verbindung bringen kann?
STEINBACH: Wer kann für irgendwas je die Hand ins Feuer legen?
SPIEGEL: Die Zehnkämpfer wollten sich freiwillig testen lassen. Das ist auf Widerstand beim DLV gestoßen. Warum?
STEINBACH: Der DLV ist mit seinen Athleten eingebunden in ein Untersuchungskonzept, das für den ganzen deutschen Sport ein Losverfahren vorsieht.
SPIEGEL: Sie haben den Zehnkämpfern aber erklärt, einzelne Disziplinen könnten nicht zusätzlich getestet werden, weil andere dann in der Öffentlichkeit als gedopt gelten würden.
STEINBACH: Wenn der DLV eine einzelne Gruppe herausheben würde, dann wird uns jeder fragen: Warum gerade die, die von sich aus auf Sauberkeit drängen? Will der Verband die anderen Disziplinen etwa schonen? Ich bin dafür, daß das verpflichtende Netz von Kontrollen ein einheitliches ist.
SPIEGEL: Aber diese Kontrollen sind doch ein Witz. Gegenwärtig erfährt ein Athlet ja fünf Tage vorher, daß er getestet wird. Das reicht oft, um clean zu sein.
STEINBACH: Zwei Tage vorher, 48 Stunden heißt es.
SPIEGEL: Nach unseren Informationen sind es fünf Tage.
STEINBACH: Das ist dann nicht die reine Lehre. Die reine Lehre sagt, man soll 48 Stunden vorher informiert sein.
SPIEGEL: Ist es überhaupt glaubwürdig, daß Kontrollen von verbandseigenen Gremien durchgeführt werden? Muß nicht anstelle der Vetternwirtschaft eine unabhängige Doping-Polizei eingesetzt werden?
STEINBACH: Ich will nicht Vetternwirtschaft unterstellen. Aber ich habe auch nie einen Hehl daraus gemacht, daß der für den Leistungssport zuständige Bundesausschuß Leistungssport nicht die richtige Kontrollinstanz ist. Es sollte ein neutrales Gremium sein, das auch auf Verdachtsmomente hin tätig werden kann. Ich weiß, daß Doping für uns ein sehr ernstes, schwerwiegendes Problem ist, auch für die Glaubwürdigkeit des Verbandes gegenüber der Öffentlichkeit, gegenüber den Sponsoren und auch gegenüber dem Staat, der uns ja fördert.
SPIEGEL: Soll die peinliche Diskussion durch eine Amnestie beendet werden?
STEINBACH: Die Satzung läßt keinen Raum für eine Amnestie. Die derzeitige internationale und nationale Vorschrift verlangt Ahndung. Und ich glaube nicht, daß Öffentlichkeit und Sponsoren sich mit einer pauschalen Amnestie abfinden würden.
SPIEGEL: Sollen wieder einmal nur die Kleinen, die Athleten, bestraft werden? Die Funktionäre als Mitverursacher sind doch fein raus.
STEINBACH: Die internationale Regel sieht vor, daß der beteiligte Funktionär, damit meine ich nicht nur Trainer, gleichermaßen zu bestrafen ist. Im Augenblick sieht es so aus, als ob im Ostblock nicht nur einzelne Trainer, Athleten oder Ärzte gewissermaßen aus eigener Initiative gedopt haben, sondern daß das Sportsystem Doping verlangt hat.
SPIEGEL: Das gilt nicht nur für den Osten, sondern auch für den Westen.
STEINBACH: Nein. Spätestens nach wenigen Wochen würde ein Doping-Kumpanei betreibender Funktionär durch ein Bekenntnis des nächstbesten Athleten auffliegen.
SPIEGEL: Die aufgedeckten Fälle belegen das Gegenteil.
STEINBACH: Es gibt keine systematische Doperei, zumindest nicht im Leichtathletik-Verband. Wenn ein Funktionsträger, sprich Trainer, so was gemacht hat, dann hat er dies natürlich weder im Auftrag noch unter Billigung des Regimes getan.
SPIEGEL: Er hat es getan, um im System Erfolg zu haben.
STEINBACH: Der Athlet wird zum Doping verführt, weil die Leistung, die er da erzielen soll, weltweite Geltung und unerhörte finanzielle Auswirkungen hat und viel Prestigegewinn einbringt. Hier steckt gewissermaßen die Sogwirkung einer bestimmten gesellschaftlichen Situation, die Hochschätzung der Leistung, dahinter. Das Funktionärswesen ist vielleicht nicht viel besser als die leistungsfordernde Gesellschaft selber.
SPIEGEL: Aber es kann doch nicht nur diese Sogwirkung ursächlich dafür sein, daß in den letzten Jahren mindestens 120 Leichtathleten der Bundesrepublik in den Ruch des Dopens gekommen sind?
STEINBACH: Für den Zeitraum, den ich einigermaßen überblicke, habe ich große Mühe, die Zahl 120 hier an den Fingern abzuzählen. Ich würde sehr viel früher ins Stocken kommen.
SPIEGEL: Wir können Ihnen mit Namen und Karteikarten aus dem SPIEGEL-Archiv helfen: Birgit Dressel, Ralf Reichenbach, Uwe Beyer, Annegret Richter, Annegret Kroninger - diese Auflistung läßt sich fortführen.
STEINBACH: Ich kenne auch viele Namen, aber die Zahl 120 scheint mir sehr hochgegriffen zu sein.
SPIEGEL: Erwarten Sie, daß neue Fälle bekannt werden?
STEINBACH: Ich gehe davon aus, daß durchaus neue Fälle auch bei uns entlarvt werden. Ich erwarte auch nichts Gutes von der Recherche im Doping-System der ehemaligen DDR.
SPIEGEL: Durch die Wiedervereinigung bekommt der Sport mindestens 400 Dopingärzte. Wir vermissen Ihre Forderung, solche DDR-Doping-Institutionen wie das Labor in Kreischa oder das geheime FKS-Institut in Leipzig zu schließen. Im Gegenteil, der bundesdeutsche Sport hat sogar großen Wert darauf gelegt, daß diese beiden Institutionen erhalten bleiben.
STEINBACH: Ich mache da einen ganz deutlichen Unterschied, ob ein Labor mit seiner Kapazität für die dringend notwendigen zusätzlichen Doping-Kontrollen erhalten bleibt oder ob Leute übernommen und behalten werden, die an der alten Arbeitsweise dieses Instituts duldend beteiligt waren.
SPIEGEL: Akademiker, die jahrelang geheim für das Doping geforscht haben, sind inzwischen sogar Professoren in Paderborn oder Bayreuth.
STEINBACH: Ich kann mich nicht äußern über die Berufungsverfahren an einzelnen Hochschulen, welche Gesichtspunkte vorgelegen haben und welche Fakten und Qualifikationen eine Rolle gespielt haben. Ich gehe aber davon aus, daß sehr wohl unterschieden werden kann, wer ein Wissenschaftler im ordentlichen und fairen Sinn des Wortes war und welcher Wissenschaftler sich an Manipulationen beteiligt hat.
SPIEGEL: Dann müßte doch der DLV schon längst den Arzt Hartmut Riedel, der bei Ihnen Läuferinnen betreut, beurlaubt haben. Im August hat der SPIEGEL seine Rolle in der DDR aufgezeigt, der Stern hat jetzt diese Schilderungen bestätigt.
STEINBACH: Es gilt ja in unserem Rechtssystem der Grundsatz, daß jemand so lange als unbescholten gelten muß, solange nicht bewiesen ist, daß die Vorwürfe zutreffen. Wir haben Belege, etwa die Habilitationsschrift, noch nicht gesehen.
SPIEGEL: Haben Sie Herrn Riedel gefragt, ob die Vorwürfe stimmen?
STEINBACH: Nein, ich glaube, nein.
SPIEGEL: Haben Sie noch Hoffnung, daß der Hochleistungssport jemals wieder aus diesem Sumpf herausfindet?
STEINBACH: Solange Leistungssport eine materielle und idelle Verlockung darstellt, wird es den geben, der trotz bester Strafjustiz und einem außerordentlich tüchtigen Justizminister gleichermaßen stehlen geht.
SPIEGEL: Kann der Sport überhaupt gesellschaftsfähig bleiben?
STEINBACH: Die Bedrohung ist da. Beim Doping - früher hatte man gemeint, Geld wäre der Sündenfall - zeichnet sich die Schicksalsstunde des Sports für seine Akzeptanz in dieser Gesellschaft ab. o

DER SPIEGEL 50/1990
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