26.11.1990

Die Zukunft für 17 Pfennig

Die Zeiger am Kirchturm in Dreiskau-Muckern sind seit Jahren auf kurz nach zwölf festgerostet. Das Gotteshaus in dem 300-Seelen-Dorf bei Leipzig ist verfallen.
Drinnen predigt unverzagt der Pastor Dieter Mittelhaus. "Liebe Gemeinde", hebt er an - und spricht dann zu vier alten Damen über Weltgericht und kategorischen Imperativ.
Auf den Stuhl im Mittelgang hat der Pfarrer noch sieben Gesangbücher als Reserve gestapelt - für Gläubige, die zu spät kommen. Aber es kommt niemand.
Das Dorf stirbt. "Die hier leben, müssen wegziehen", erklärt der Pastor, und nicht einmal die Toten bleiben ihm. Schon seit Jahren darf er auf dem Friedhof niemanden mehr beerdigen. Die letzte Ruhe würde nur noch Monate dauern. Im Juni 1992 sollen die Bagger kommen.
Dreiskau-Muckern muß der Braunkohle weichen, mitsamt Kirche, Friedhof, Schule und den fünf Telefonen, die es gibt. 300 Meter trennen den Ort noch von einem der gewaltigen Tagebau-Löcher, die sich rund um Leipzig auftun.
Niemand gibt der schmutzigen schwefeligen Braunkohle aus diesem Revier noch große Chancen. Doch noch immer fressen die gewaltigen Abraumbagger die Dörfer und verwüsten die Landschaft.
Allein im Süden von Leipzig hat der Braunkohletagebau 250 Quadratkilometer Land zerstört. Das ist die Fläche von Frankfurt am Main. Gegen die Abraumhalden und Restlöcher wirkt die Mondoberfläche heimelig. Und auch die Stadt Leipzig blieb nicht verschont - die über 200 Meter langen Bagger-Monster haben sich tief in den südlichen Stadtwald hineingefressen.
Das Dorf Schladitz im Kreis Delitzsch besteht nur noch aus Ruinen. Als Anfang der achtziger Jahre die ersten Menschen auszogen, kamen die Plünderer. Die rissen nachts alles aus den Häusern, was brauchbar war. Dafür luden sie auf dem Dorfplatz ihren Müll ab.
Doch der Bagger, der den Dorfrest beseitigen sollte, wird wohl ausbleiben. Das Flöz ist zu mager.
Die Kohle-Industrie vergiftet die Natur und die Menschen. Die dürren Wälder sind zersplittert, die Bäume krank, erstickt unter Schwefel und Asche.
Die beiden anderen sächsischen Bezirke Chemnitz und Dresden werden demnächst eigene Forstdirektionen erhalten. Leipzig geht leer aus. Hauptgrund: Für die paar Bäume lohnt sich keine eigene Behörde.
Und den meisten Flüssen ging es ähnlich wie der Gösel, die sich malerisch durch Dreiskau-Muckern schlängelt. Erst leiteten die Kohle-Verflüssiger des Werkes Espenhain ihre Abwässer hinein. Damit war der Bach tot. Dann räumten die Bagger die Quelle weg, wenig später den Abfluß in die Pleiße. Übrig blieb eine kilometerlange Kloake, die von weitem noch aussieht, wie ein Dorfbach im Kinderbuch auszusehen hat. Nur stinkt die Gösel gnadenlos.
Für Günther Ullbricht, den Schlachter aus Oelzschau, gibt es in dieser Gegend nun viel Arbeit. Die Landwirte in Dreiskau-Muckern bereiten ihren Aufbruch in neue Wohnsiedlungen vor. Das Vieh können sie nicht mitnehmen.
Doch hinter der Kirche, unterm Kruzifix im Gemeindehaus, formiert sich der Widerstand gegen die Eimer-Bagger, die schon so nahe herangerückt sind, daß man ihr Quietschen und Rumpeln im Dorf hören kann.
Für ein paar Mark Ostgeld haben die Dörfler dem Braunkohlewerk Borna vor der Wende ihre Existenz verkauft. Aber nach der Vereinigung sieht plötzlich alles ganz anders aus. Das Braunkohlewerk heißt nun "Vereinigte Mitteldeutsche Braunkohlenwerke AG". Und die Bauern aus Dreiskau-Muckern sind im neuen Staat fast ohne Chancen.
Für ihren Hof haben Kerstin Plätzner und ihr Mann Donald, beide 28, vom alten Regime 10 000 Mark bekommen. Hätten sie ihr Haus mit seinen fünf Zimmern, die Scheune und 2500 Quadratmeter Land nicht zum diktierten Preis verkauft, wären sie enteignet worden.
Allerdings war den Umsiedlern wider Willen zum Kaufpreis noch ein Bergbauzuschuß versprochen. 90 000 Mark wollte der Bezirk Leipzig auf ein Sperrkonto einzahlen. Bedingung dafür: Ein Großteil der Entschädigung mußte ebenfalls auf diesem Konto festgelegt werden - zum Zinssatz von einem Prozent.
Das haben Plätzners wie die meisten Dörfler brav getan. Dann kam die Währungsunion. Alle Konten wurden halbiert - schon betrug der Erlös aus dem Verkauf des Hofes nur noch 5000 Mark. Und: Von dem Bergbauzuschuß war noch nichts zu sehen. Die Bürgerinitiative protestierte beim Landratsamt, beim Bezirk, beim Braunkohlewerk.
Inzwischen sind immerhin 54 000 Mark auf den Konten der Bürger eingetrudelt, die ihr Haus verkaufen mußten und ein neues bauen wollen. Mehr Geld will der Bezirk zur Zeit nicht erübrigen, Versprechen hin, Versprechen her.
Damit könnten sich Plätzners jetzt ein Haus bauen; im Südwesten der Kreisstadt Borna gibt es auch ein Grundstück, wo Umsiedler aus Dreiskau-Muckern sich einkaufen können. Doch die Währungsunion hat nicht nur die Konten entwertet und die Entschädigung zum Taschengeld degradiert, auch die Baupreise sind gestiegen.
Vor der Wende sollten die geplanten Häuser rund 130 000 Mark kosten. Jetzt liegen die Preise auf West-Niveau - etwa 250 000 Mark müßten die Umsiedler hinlegen. Da ist der Bergbauzuschuß bestenfalls Starthilfe, zumal das Geld nur ein zinsloser Kredit ist.
Nun hält Kerstin Plätzner Volksreden im Gemeindehaus. Die Bürgerinitiativler haben ihre Kaufverträge angefochten - "diese Zettel", wettert die Wortführerin, "die nichts mit Recht und Gesetz zu tun haben". Für 17 Pfennig pro Quadratmeter könne man ihnen nicht ihre Zukunft abkaufen.
Auch der Chef des Borna-Werkes, Rudolf Lehmann, räumt ein, daß Grundstückspreise von 17 Pfennig heutzutage schwer zu rechtfertigen sind.
Die Braunkohlemanager haben, um die aufmuckenden Dörfler zu befrieden, neue Angebote gemacht. Die stützen sich auf die alten Grundstücksschätzungen und multiplizieren sie mal mit 3, mal mit 5, mal mit 7. Ein sehr willkürliches Verfahren.
"Gerecht ist dieses Rumrechnen sicher nicht", meint der Bornaer Wirtschaftsdezernent Erich Roth. "Aber", so Borna-Chef Lehmann, "der Zustand der Häuser ist ja nicht mehr rekonstruierbar." Denn nachdem die Dörfler vor etwa fünf Jahren erfahren hatten, daß Dreiskau-Muckern weichen muß, haben sie nur noch wenig renoviert.
Holziges Papier ist alles, was der Rentner Heinz Gerhardt von seinem Häuschen im Dorf übrigbehalten wird: Kaufvertrag, begütigende Briefe vom Braunkohlewerk. "Auf dem Papier", sagt der 70jährige, "sieht das alles ganz ordentlich aus." Kaufpreis: 26 000 Mark - also nach der Währungsunion 13 000.
Der Rentner müßte einen Kredit aufnehmen, um neu zu bauen. Doch welche Bank gibt einem 70jährigen noch einen Kredit? Außerdem: "Für uns ist ein Kredit etwas ganz Unanständiges."
Gerhardt hat immerhin noch eine kleine Rente. Dem Bauern Werner Möbius, 57, zieht der Tagebau mit dem Boden auch die Arbeit unter den Füßen weg.
Seine Felder hatte er der "Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft", der LPG des Nachbardorfes, überlassen. Dafür konnte er dort arbeiten. Doch zum ersten Januar hat ihm die LPG gekündigt. "Wenn ich Land hätte, könnte ich mich ja selbständig machen", klagt Werner Möbius.
Wie ihm geht es etwa 50 weiteren Bauern in Dreiskau-Muckern. Sie alle werden im nächsten Jahr arbeitslos sein - wie die meisten Dörfler in der Gegend.
Denn auch mit der Kohle, der sie weichen müssen, ist kein Geld mehr zu verdienen.
Von den ehemals über 12 000 Arbeitern des Braunkohlewerkes Borna wurden rund 2000 bereits entlassen, weitere 2000 schieben Kurzarbeit. Das Öko-Gutachten des Landkreises rechnet damit, daß demnächst ein Drittel aller Jobs im Kreis verschwinden wird.
Borna-Chef Lehmann hält sich seine Kurzarbeiter in Reserve, denn noch hofft er auf einen kalten Winter. Allein, die üblichen Vorratskäufe sind bisher ausgeblieben: "Die Leute haben Autos gekauft und haben kein Geld mehr für Briketts." Auf Dauer wird er noch mehr Bergleute entlassen müssen.
"Die Kohle muß auf ein erträgliches Maß reduziert werden", sieht auch Lehmann. Kein Land der Welt hat so viel Braunkohle verbraucht wie die DDR. Ein Drittel davon stammte aus den Löchern um Leipzig.
Über die Zukunft des Werkes laufen Verhandlungen mit dem westlichen Kohle-Giganten Rheinbraun. Allerdings: "Zu meinem Bedauern", sagt Lehmann, "hält sich die Rheinbraun noch sehr zurück." Die Westdeutschen sind vorsichtig. Bis Ende 1991 wollen sie prüfen, ob es überhaupt lohnt, in das Revier zu investieren.
Gut sieht es nicht aus. Denn die Bornaer Braunkohle ist mies. Sie besteht zu über 30 Prozent aus Wasser, enthält viel Asche und vor allem knapp vier Prozent Schwefel. Der Rat der Stadt Leipzig hat jetzt alle Betriebe in der Stadt dazu verdonnert, nur noch Kohle aus Senftenberg, dem zweiten DDR-Revier, zu verfeuern. Die ist zwar teurer, enthält aber nur ein Prozent Schwefel.
Deshalb hatte sich vor der Wende Berlin die Senftenberger Kohle unter den Nagel gerissen - damit es in der Hauptstadt nicht gar so stinkt. Von 1995 an darf Bornaer Kohle in ganz Deutschland nicht mehr verbrannt werden. Dann gilt ein Prozent Schwefel als Maximum.
Für einige Dörfer wird so der Niedergang der schmutzigen Kohle zur Rettung. Doch sie werden zu Arbeitslosengettos.
Denn auch der zweite Arbeitgeber der Region geht mit der Kohle unter: Im Braunkohleveredelungswerk Espenhain stehen fast alle Maschinen still. Espenhain war eine der größten Dreckschleudern der DDR.
Hier produzierten noch vor wenigen Monaten museumsreife Maschinen die Grundstoffe der Karbo-Chemie. Die waren das Ausgangsmaterial für all die Chemie-Firmen, die rund um Leipzig die Luft verpesten.
Plaste und Elaste, sie bestanden zum größten Teil nicht aus Öl, sondern aus Kohle. Mit dem Stoff aus Espenhain wurden auch Trabi-Teile hergestellt.
Dünger, Benzin, Medikamente - überall steckte Braunkohle drin. Die Technik stammt noch von den Nazis. Die Kriegsindustrie wollte unabhängig sein von Importen. Espenhain lieferte zunächst Diesel aus Kohle für die großdeutsche Marine. Dann diente die Anlage dem SED-Staat. Devisen wurden zu Lasten der Umwelt gespart.
Bauer Möbius: "Im Winter konnten wir immer sehen, wie der Wind von Espenhain stand; in einer breiten Schneise war der Schnee auf den Feldern schwarz." Das Öko-Gutachten des Kreises Borna stellt so trocken wie präzise fest, "daß im Kreis 100 Prozent der Fläche und 100 Prozent der Einwohner durch Schwefeldioxid unzulässig hoch belastet sind".
Gegen die Petrochemie hat die Veredelung der Braunkohle nun keine Chance mehr. Die meisten Arbeiter des Werkes wurden entlassen.
Seit die Maschinen im Veredelungswerk Espenhain stehen, kann man im nahen Mölbis wieder atmen. Hierhin zieht es viele der Vertriebenen aus Dreiskau-Muckern.
In Mölbis ist Platz. Viele Bewohner sind aus dem Ort geflüchtet, der von der Lokalpresse noch immer als der dreckigste Europas geschmäht wird.
Ausgerechnet hier suchen die Menschen, deren Zuhause in der Kohlegrube versinkt, eine neue Zukunft. Zumindest dioxinfrei, heißt es, sei ja immerhin der Boden von Mölbis.
Da hofft der Bauer Möbius schon: "In einigen Jahren könnten wir vielleicht die Tomaten dort essen." o
Von Clemens Höges

DER SPIEGEL 48/1990
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