30.07.1990

FußballAlles ein bißchen grau

Den Ausverkauf ihrer Stars wollen DDR-Klubs mit abgehalfterten Bundesliga-Spielern wettmachen.
Die Umkleidekabine des Fußballklubs Dynamo Dresden riecht ein wenig angefault. Hinter grauer Fassade und trüben Fenstern sitzen die Spieler bei der Besprechung.
Nur der Parkplatz vis-a-vis kündet von einer besseren Zeit. 22 fast fabrikneue Audi 80, mit ostdeutschem Kennzeichen und breiten Sportfelgen, stehen in einer Reihe, als seien sie gerade frisch vom Fließband gelaufen.
Einer der Dresdner Fußballer verzichtet auf den von einem Pinneberger Autohaus geborgten Wohlstand: Peter Lux, 27, schlendert lässig - die Trainingshose bis über die Knie hochgestreift, so daß die dicken Waden sichtbar werden - zu seinem BMW-Cabriolet, gibt kräftig Gas und rauscht dann unter einer mächtigen Staubwolke zum Hotel Dresdener Hof, wo ihn sein neuer Klub vorerst untergebracht hat.
Lux, vormals als Profi bei Waldhof Mannheim, dem Hamburger SV und Eintracht Braunschweig tätig, ist als einer der ersten Bundesliga-Kicker zu einem Verein in die DDR gewechselt. Nachdem in den letzten Monaten insgesamt 25 ostdeutsche Fußballer im Westen einen neuen Arbeitsplatz fanden, versucht die DDR-Oberliga, die nächste Woche in ihre letzte Saison geht, zumindest einige der Lücken mit bundesdeutschen Profis zu stopfen.
So unterschrieb vergangene Woche auch Sergio Allievi vom 1. FC Kaiserslautern einen Zweijahresvertrag bei Dynamo Dresden. Und für den FC Berlin soll künftig der Stürmer Dirk Rehbein, ehedem bei Bayer Leverkusen beschäftigt, Tore schießen.
In dem an Attraktionen armen DDR-Fußball genießen westdeutsche Akteure eine der D-Mark vergleichbare Reputation. Der Dresdner Trainer Reinhard Häfner erklärte seinen Neuzugang Lux schon nach wenigen Tagen zu "meinem Regisseur", dem er Fähigkeiten zutraut "wie Matthäus in der Nationalelf". Geschäftsführer Alfons Saupe würdigt die Kämpferqualitäten des Mittelfeldspielers: "Der is' keen heurischer Hase." Saupes Berliner Kollege Joachim Hall sieht in dem Leverkusener Rehbein "eine Größe, mit der wir wuchern können".
Soviel vermeintliche Qualität hat ihren Preis. Der Klub aus Dresden, dem der Verkauf von neun Spielern ein Guthaben von über acht Millionen Mark einbrachte, überwies für Lux 450 000 Mark Ablöse; Stürmer Allievi, 26, war den Sachsen gar 600 000 Mark wert.
Und weil Geschäftsführer Saupe weiß, daß ein verhandlungserprobter Bundesligaprofi "nicht plötzlich für weniger spielt", haben sich auch die Gehaltszahlungen westlichem Niveau angeglichen. Peter Lux beispielsweise wechselte auch deshalb zum achtmaligen DDR-Meister, "weil es hier finanziell noch mal interessant war". Mit nahezu 250 000 Mark im Jahr verdient er nun mehr als das Doppelte seiner ostdeutschen Kollegen.
Sachkenner wie etwa der DDR-Auswahltrainer Eduard Geyer haben jedoch ernsthafte Zweifel, ob die bundesdeutschen Kicker tatsächlich "das Geld wert sind". Auch die Junge Welt fand: "Erste Wahl geht, zweite Wahl kommt."
Während sich die potenten West-Klubs mit DDR-Nationalspielern wie Ulf Kirsten (nach Leverkusen), Matthias Sammer (VfB Stuttgart) oder Thomas Doll (Hamburger SV) eindeckten, traten den Weg nach Osten ausschließlich ausgemusterte Bundesligaspieler an, für die der Wechsel in die DDR die letzte Möglichkeit bietet, im Geschäft zu bleiben.
So taugten zuletzt Lux in Mannheim - ebenso wie sein neuer Kollege Allievi in Kaiserslautern - nur noch für die Reservebank. Den 1,65 Meter kleinen Profi Lux, einen Zigarettenraucher, plagten vor allem Probleme mit der Kondition. Seine Versuche, bei einem anderen Verein unterzukommen, blieben erfolglos.
Auch Dirk Rehbein, 22, ein Athlet von schmächtiger Statur, schaffte den Sprung zur Bundesliga-Größe nie: Nach zwei Kurzeinsätzen für Bayer Leverkusen lieh der Werksverein den Angriffsspieler an den Zweitligaklub Fortuna Köln aus, wo er ebenfalls meist die Reservebank drückte.
Der Anspruch, "durch bundesdeutsche Verstärkungen die Qualifikation für eine gesamtdeutsche Liga zu erreichen", der nicht allein vom Dresdner Vorstand mit allzuviel Pathos vorgetragen wird, läßt die neuen Mitarbeiter denn auch erkennbar ungerührt. Den Wahl-Berliner Rehbein etwa interessieren die gesamtdeutschen Hochgefühle wenig: "Von der Optik her" sei "alles ein bißchen grau", findet der Professoren-Sohn aus Langenfeld, der nun eine Drei-Raum-Wohnung für 300 Mark Miete im Ostteil der Stadt bewohnt.
Kollege Lux wartet nur darauf, daß ihm sein Klub endlich "ein Häuschen" besorgt, und findet es überdies ganz prima, daß er auf seine alten Tage doch noch mal im Europapokal der Landesmeister spielen darf - "immer nur Bundesliga-Abstiegskampf", meint Lux, "geht einem nämlich auf den Sack". Auch Allievi klagte zuletzt über mangelnde Motivation und sieht sich nun vor einer "neuen Herausforderung": "Ich reise nicht zum Tourismus nach Sachsen."
Die unverhoffte Karriere-Wende vom Mitläufer zum Hoffnungsträger verdanken die ehemaligen Bundesliga-Fußballer der sorglosen Personalpolitik ostdeutscher Klubfunktionäre, die sich bei ihren Einkäufen zuweilen auf merkwürdige Berater verlassen. So wurden etwa die Transfers von Lux und Allievi von dem Pinneberger Geschäftsmann Andre Ritter inszeniert, der sich seit kurzem voller Stolz als Dresdner "Vorstandsmitglied" bezeichnen darf und nach eigener Einschätzung "über den Fußballmarkt recht gut informiert" ist.
Ritter, der auf dem Dynamo-Klubgelände im Daimler der S-Klasse vorfährt, gilt hier als Experte - schließlich habe, meint Geschäftsführer Saupe, "der Andre selbst einmal gespielt, immerhin Bezirksklasse". Ansonsten kennt Saupe seinen sachkundigen Mitarbeiter nur flüchtig. Lange wühlt er in einem Stapel von Visitenkarten, ehe er Ritter als Inhaber der Firma Rivers ("Versicherungen aller Art") vorstellen kann .
Seit Bayer Leverkusen im vergangenen Dezember den Ost-Berliner Stürmerstar Andreas Thom für 2,5 Millionen Mark als ersten DDR-Akteur einkaufte, kümmert sich Bayer-Manager Rainer Calmund auch um die sportlichen Geschicke des ehemaligen Stasi-Klubs: Die Hilfe ist sogar in einem "Kooperationsvertrag" zwischen beiden Vereinen festgeschrieben.
Die schriftliche Vereinbarung schien den Bayer-Geschäftsleuten geboten. Denn nach Thom und Kirsten lockten sie auch Rene Rydlewicz, 17, eines der größten Fußballtalente der DDR, ins Rheinland. Der Berliner Trainer Peter Rohde, vom Ausverkauf beunruhigt, bat in Leverkusen um Entschädigung: "Mensch, habt ihr nicht auch mal einen für uns?" Prompt geriet Calmund über den schon ausgemusterten Stürmer Rehbein ins Schwärmen und schickte ihn "im Austausch" ohne Ablösesumme nach Berlin.
Beinahe wäre es auch Paul Jäger, Geschäftsführer von Fortuna Düsseldorf, gelungen, seinen Ersatzspieler Bernd Klotz, 31, zum Chemnitzer FC zu verhökern. Der Stürmer sei immerhin "ein routinierter Mann, der führen kann", schwelgte Jäger, und mithin "genau der Typ, der in Chemnitz gefragt ist". Der Zweijahresvertrag - 350 000 Mark Ablöse, 250 000 Mark Jahresgehalt - war schon unterschriftsreif aufgesetzt, als sich Klotz doch anders entschied. Das Leben im ehemaligen Karl-Marx-Stadt wollte er seiner Familie "nicht zumuten".

DER SPIEGEL 31/1990
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