17.12.1990

ObdachloseLeipzig iss Chicago

Die Zahl der Obdachlosen im Osten Deutschlands steigt sprunghaft. Die Kommunen sind überfordert.
Der D-Zug 739 aus Rostock ist ideal: Um 0.55 Uhr wird er im Hauptbahnhof Leipzig ankommen. Stadtstreicher Rollie, 60, und die anderen Obdachlosen auf dem Bahnsteig freuen sich auf eine ruhige und warme Nacht: Der Zug fährt erst um 15.45 Uhr weiter, so lange dient er ihnen als Schlafquartier.
Denn die Züge auf den Abstellgleisen werden zwar abgekoppelt, die Lichter ausgeschaltet. Doch die Heizung arbeitet, die Türen sind nicht verriegelt. Und die Bahnpolizei drückt in der Regel beide Augen zu. Seit das Thermometer nachts unter Null fällt, kann es für die oft kranken und meist betrunkenen Obdachlosen tödlich sein, im Freien "Platte zu machen", zu übernachten. Ralf, 29, klagt: "Drieben im Westen gannste ja bei die Kirche gehen. Aber hier iss nichts. Leipzig iss Chicago."
Schlägereien, Einbrüche und Diebstahl sind für ihn so alltäglich wie eine Mahlzeit aus den kalten, fettigen Pommes-Resten der Imbiß-Buden am Bahnhof: "Wir wollen ja auch leben. Wenn nicht bald was passiert, gommen die Bullen gar nicht mehr mit."
Obdachlose gab es in der ehemaligen DDR offiziell nicht. Deshalb fehlen organisierte Wohlfahrt, Heime oder Asyle, die im Westen das Schlimmste verhüten. Das Problem hat die Kommunen in den neuen Bundesländern nahezu unvorbereitet getroffen. Die Behörden sind hilflos und kennen nicht einmal Zahlen.
Täglich werden in der Ex-DDR mehr und mehr Menschen erst gefeuert und wenig später vom Vermieter auf die Straße gesetzt. Die Kurve des Elends zeigt noch steiler nach oben als zum Beispiel im Westteil Berlins. Dort lebten Ende 1988 rund 5500 Menschen auf der Straße. Inzwischen zählen die Statistiker über 6600, mehr als 1200 davon sind minderjährig.
"Bei uns spielt sich noch viel im verborgenen ab", meint Heinrich Sonsalla, Leiter des Sozialamtes in Magdeburg. Viele Obdachlose wüßten auch gar nicht, wo sie sich melden sollten. Sonsalla fürchtet, daß eine Welle der Not über den Städten im Osten zusammenschlägt, wenn die Mieten auf West-Niveau steigen und gleichzeitig noch mehr unrentable Betriebe ihre Arbeiter entlassen.
Seit Schaffung der Sozialunion steht eine weitere Klientel auf der Straße, die im Westen schon immer einen großen Teil der Obdachlosen gestellt hat: Um die entlassenen Häftlinge hatte sich der SED-Staat als fürsorgliches Erziehungsregime gekümmert, jedem Ex-Knacki wurden Arbeit und Wohnung zugewiesen.
Nun hilft den Entlassenen niemand mehr. "Die kommen aus dem geregelten Sozialismus", meint Sonsallas Mitarbeiterin Eva Schiener, "und sollen sich auf einmal im wildesten Frühkapitalismus durchschlagen."
Viele Häftlinge sehnen sich nach einigen Tagen in der Freiheit schon wieder nach ihrer Zelle. Ein Magdeburger, erzählt Eva Schiener, habe sechsmal Handtaschen und ähnliches geklaut, nur um sich wieder einbuchten zu lassen. Schließlich zündete er verzweifelt ein Haus an und alarmierte sofort die Feuerwehr, damit niemand verletzt werde. Jetzt hat er für anderthalb Jahre ein Dach über dem _(* Mit dem Obdachlosen-Beauftragten Hinze ) _((r.). ) Kopf - und ein Gitter vor dem Fenster.
Auf der Straße endet auch die Karriere vieler ehemaliger DDR-Bürger, die mit bunten Träumen in den Westen geflüchtet waren. Dort gescheitert, erinnern sie sich an die soziale Sicherheit in der DDR und kommen zurück, ohne zu wissen, was sie erwartet. "Ich bin wieder da, nun helft mir mal, sagen die. Und dann wundern die sich, daß ihnen niemand mehr helfen kann", klagt Klaus Hinze, bisher Sozialdiakon in Leipzig und neuerdings Obdachlosen-Beauftragter der Stadt.
Selbst Familien mit kleinen Kindern landen so in Abrißhäusern ohne Strom, ohne Heizung, vorweihnachtlich eingestimmt nur mit einer Kerze auf der Obstkiste.
"Natürlich gibt es ordentliche Sozialgesetze", schimpft Hinze, "aber wir haben weder Mittel noch Leute, um die umzusetzen, das soziale Netz auch zu spannen." In Crash-Kursen will die Leipziger Universität jetzt Pädagogen zu Sozialarbeitern umschulen. Wenn Hinze jedoch an diese zukünftigen Kollegen denkt, geht ihm "das Messer in der Tasche auf". Denn: "Wenn die losgelassen werden, gibt es ein Fiasko. Die können doch bestenfalls Armut verwalten."
Er zieht seine ehrenamtlichen Helfer aus der St.-Michaelis-Gemeinde vor. Die haben wenigstens Erfahrung mit Obdachlosen: Seit 1987 konnten sich Ex-Häftlinge und andere sozial Schwache in einem Keller der Kirche beraten lassen - mit Duldung der SED.
Inzwischen ist die Teestube "Die Quelle" einmal pro Woche erste Anlaufadresse für viele der rund 200 Stadtstreicher in Leipzig. Hinzes Mitarbeiter drücken ihnen Schmalzstullen und Teetassen in die Hand und helfen ihnen dann beim Kampf mit den Behörden. Denn viele haben alles verloren, auch ihren Ausweis. Und ohne den gibt es weder die knapp 400 Mark Sozialhilfe pro Monat noch die oft dringend benötigten Medikamente.
Doch vor allem, meint Hinze, müßten schnellstens Obdachlosen-Asyle geschaffen werden. Mehr als zaghafte Ansätze sind noch nirgendwo zu sehen. Denn zahlen müßten die Städte, und denen fehlt das Geld an allen Ecken.
Das erste Heim im Osten Berlins besteht aus einer Handvoll Wohnungen, die das Sozialamt gemietet hat. In Magdeburg stehen rund 40 Betten im Verwaltungstrakt des ehemaligen Stasi-Knastes. In Leipzig versuchen Handwerker, ein Haus herzurichten, bevor der Frost richtig zuschlägt. 48 Plätze wird dieses erste Asyl der Stadt haben.
Lächerlich wenig, das weiß auch Sozialdiakon Hinze. Aber: "Die Not wird weitere Lösungen erzwingen."
* Mit dem Obdachlosen-Beauftragten Hinze (r.).

DER SPIEGEL 51/1990
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